Bücherblog: Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei – Ronny Blaschke und seine „Gesellschaftsspielchen“

„Was hat der sonst noch so gemacht außer Fußball?“ – „Fußball. Und saufen.“ Ein Dialog aus dem „Polizeiruf 110“ vom vergangenen Sonntag, der viele Fußballfans, die in den Ultra-Szenen ihrer Klubs behaftet sind, zum Würgen gebracht hat. Dass die Autoren dem ermordeten Rostocker Ultra, um den es hier ging, den Beruf des Zahnarztes zugeordnet hatten, mutete eher wie eine ironische Brechung an, denn ansonsten sahen die Kritiker jede Menge Klischees bestätigt: Alkohol, Aggressionen und hohle Männlichkeitsrituale, mehr fällt öffentlichen-rechtlichen Schreibspießern zu Ultras anscheinend nicht ein. Mal ganz abgesehen davon, dass sie Ultras nicht von Hooligans unterscheiden können…

Andererseits spielte der Film im Rostocker Milieu, von daher war die Darstellung nicht ganz so abwegig…

Will sagen: Die Fußballfankultur insgesamt ist sehr komplex geworden. Sich Über- und Durchblick zu verschaffen, kostet einige Mühe. Der Journalist Ronny Blaschke hat sie sich gemacht. In einem Kapitel seines Buchs „Gesellschaftsspielchen – Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei“ schafft er es, die komplexe Materie auf knapp 20 Seiten darzustellen. Ebenso prägnant durchleuchtet er andere gesellschaftliche Faktoren, die den Fußball des 21. Jahrhunderts prägen – und umgekehrt. Im Rahmen der „Pride Week KL“ hat der 35-jährige sein Buch nun im Medienzentrum des 1. FC Kaiserslautern vorgestellt.

Zu den zahlreichen Gesprächspartnern, die Ronny Blaschke während den drei Jahren  währenden Recherchen für „Gesellschaftsspielchen“ interviewte, zählt auch Jonas Gabler. Der Politikwissenschaftler hat die Ultrabewegung von ihren Anfängen in den 1990er Jahren intensiv begleitet, mehrere Aufsätze und Bücher zum Thema verfasst und gehört „Kofas“ an, der Kompetenzgruppe „Fankulturen und Sport bezogene soziale Arbeit“. Für die Tageszeitung „Der Westen“ hat er sich diese Woche auch zu besagtem „Polizeiruf“ geäußert – und bestätigt: In Rostock sind die Grenzen zwischen Ultras und Hools mittlerweile verschwommen, treffen sich Ultras auch zu Schlägereien mit Anhängern anderer Klubs, beziehungsweise, wie es im Polizeijargon heißt: „vereinbarten Drittortauseinandersetzungen.“

„ES GIBT MEHR ANTIRASSISTISCHE ALS RECHTSOFFENE ULTRA-GRUPPEN“

Es lässt sich nicht leugnen: Die Ultra-Bewegung hat hässliche Gesichter. Das breite Publikum nimmt sie ohnehin nur als Chaotenhaufen wahr, der mit seinen Pyro-Zündeleien permanent dem eigenen Verein schadet. Die Fanszene aber nur darauf zu reduzieren, ist unsinnig, ebenso, sie pauschal zu den „Totengräbern der Fankultur“ zu erklären, wie es DFL-Geschäftsführer Christian Seifert unlängst getan hat.

Wer im gedankenlos konsumierenden Publikum versucht denn sonst noch, mal auf die Dinge aufmerksam zu machen, die zusehends schiefer laufen im Fußballzirkus? Auch das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (BAFF), das immer wieder Front macht gegen permanent bescheuerter werdende Anstoßzeiten et cetera, rekrutiert sich zu großen Teilen aus der Ultraszene. Genauso falsch ist es zu pauschalisieren, Ultras würden sich zunehmend rechtsextreme Positionen zu eigen zu machen. „Es gibt in Deutschland mehr antirassistische als rechtsoffene Gruppen“, erklärt Jonas Gabler im Gespräch mit Ronny Blaschke.

 Weiter heißt es im Buch:
„In einigen Städten übernehmen Ultras eine wichtige Brückenfunktion zwischen Jugendlichen und Politaktivisten. Ob Aachen Ultras, Schickeria in München oder Kohorte in Duisburg, ob Coloniacs in Köln, Dissidenti in Düsseldorf oder Stradevia und Horidos in Fürth, ob die Ultras in St. Pauli, Babelsberg oder Jena: Durch das Medium Fußball erhalten ihre Aktionen eine Aufmerksamkeit, die sich manche NGO (Nichtregierungsorganisation – die Red.) seit Langem wünscht.“

Mit dem gleichen differenzierten Blick nähert sich „Gesellschaftsspielchen“ allerdings auch dem erklärten Feind der Fankultur, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ronny Blaschke geht auf das enorme Engagement der ehrenamtlichen Helfer an der Basis der Dachorganisation ein, erwähnt die gemeinnützige Arbeit, die der DFB etwa über seine Stiftungen leistet, streicht Präsidenten wie Egidius Braun und Theo Zwanziger heraus, die versuchten, die Funktionärsspitze wieder zur Basis zu öffnen – aber verschweigt eben auch nicht, wie andere Führungsfiguren diese Bemühungen wieder zunichte machten und die Organisation gegen Einflüsse von außen, erst recht gegen Kritik, abschotteten.

Gerhard Mayer-Vorfelder etwa, der schon als Liga-Ausschussvorsitzender 1989 Sätze ausstieß wie: „Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und stattdessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?“ Dafür wurde der ehemalige  CDU-Kultusminister Baden-Württembergs, außer vom BAFF, kaum kritisiert, geschweige für Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts gescholten. Oder Wolfgang Niersbach, der schon antrat mit der Bemerkung, der DFB müsse sich nun wieder auf sein „Kerngeschäft“ konzentrieren und dessen Amtszeit mit dem sattsam bekannten Korruptionsskandal zum „Sommermärchen“ ein ebenso schnelles wie unrühmliches Ende fand.

„DER FUSSBALL BRAUCHT EINE NEUE ERZÄHLUNG“

Wieso sich beide Kontrahenten, Ultra-Bewegung und DFB, eigentlich kaum noch annähern können, macht „Gesellschaftsspielchen“ ebenso deutlich: Beide Seiten sind mittlerweile derart überzeugt, dass sie eh keiner versteht, dass sie sich zunehmend weniger Mühe machen, verstanden zu werden.

Diese verhärteten Fronten differenziert darzustellen, ist gar nicht mal Ronny Blaschkes Hauptanliegen. Es geht ihm darum, die Chancen aufzuzeigen, die der sich immer gewaltiger aufblähende Moloch Fußball bietet, abseits von der ständigen Jagd nach neuen Märkten, Einnahmequellen und noch mehr TV-Geldern, und vom „Tunnelblick, der sich auf Helden und Versager richtet“:

„Der Fußball braucht eine neue Erzählung – und das Potenzial ist seit Jahren vorhanden. Seit der WM 2006 hat sich in Deutschland ein zivilgesellschaftliches Netz um den Fußball gespannt, das im weltweiten Sport einmalig ist, aber noch immer unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle liegt. Etwa 90 Stiftungen nutzen den Fußball als Vermittlungsmedium für soziale Themen. Der DFB und die DFL investieren Millionen in ihre Projekte. Die Bundesligaklubs gründen Sozialabteilungen. In den Fankurven sind Dutzende Ultra-Gruppen aktiv, in den Amateurverbänden schauen Ehrenamtliche über den Rasen hinaus. Und auch das Netzwerk an Nichtregierungsorganisationen ist breiter geworden. Der Fußball bildet in der Gesellschaftspolitik einen soliden Zweig. Aber reicht das aus?Überschwänglich binden Verbände und Vereine die Projekte in ihr Marketing ein, mit Hochglanzbroschüren und gönnerhaften Scheck-Überreichungen.“

Das wirft die Frage auf: Welches Engagement ist authentisch – und welches hohle PR-Inszenierung? Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei eben. Ronny Blaschke widmet sich vornehmlich den positiven Ansätzen. Etwa bei Werder Bremen, das in seiner Stadt 20 soziale Projekte verantwortet, die bewusst jede Altersgruppe ansprechen. Er interviewt den Fußballprofi Per Mertesacker, der seine Popularität für die Lernförderung von Jugendlichen nutzt. Oder Ex-Profi Thomas Hitzlsperger, der nach seinem Coming-Out weiter gegen Diskriminierung von Homosexuellen streitet. Er stellt Organisationen vor, die seit Jahren unterschiedlichste gesellschaftliche Themenfelder beackern und die dennoch kaum jemand kennt: „Champions ohne Grenzen“ etwa, ein Berliner Projekt, das sich um Integration von Flüchtlingen über den Fußball bemüht, oder „Discover Football“, das den Sport nutzt, um die Selbstbestimmung von Frauen zu stärken, auch in autoritär regierten Ländern.

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN – UND AN HELMUT MARKWORT DENKEN

Warum diese Engagements oder Organisationen kaum jemand kennt? Weil nicht oft über sie berichtet wird. Womit wir bei den Medien sind. Auch denen widmet Blaschke ein Kapitel. Das ebenfalls nicht in oberflächliche Schelte ausartet, sondern das Dilemma aufzeigt. Ist das noch Sportjournalismus, was ein Pay TV-Sender bietet, der ja aus  wirtschaftlichen Gründen gezwungen ist, seine „Show“, für deren Übertragungsrechte er Milliarden gezahlt hat, permanent zu „pushen“ und zu „hypen“? Wie soll man da ein Scheißspiel noch ein Scheißspiel nennen können, am Ende könnten die Zuschauer ja wegzappen… Dass die Vereine sich gegen objektive, geschweige denn kritische Berichterstattung zunehmend abschotten, in dem sie ihre eigenen Medienkanäle bespielen, ist eine andere Sache. Und dann sind da noch die Journalisten, die eigentlich nur Fans sind, die es in die Mixed Zone geschafft haben…

Für die hat Blaschke ein besonders unrühmliches Beispiel parat: den ehemaligen Chefredakteur und Gründer des Nachrichtenmagazins „Focus“, Helmut Markwort. Der sitzt seit über 20 Jahren im Aufsichts- und Verwaltungsrat des FC Bayern, schrieb jahrelang aber auch unter falschem Namen – „Moritz Rodach“ – in „Focus online“ über seinen Verein, erwähnte dabei gerne mal den Sponsor und Anteilseigner Audi. Ob Markwort die Marke zufällig auch selber fährt, hat Blaschke jetzt nicht recherchiert. Dafür erwähnt er, dass Markwort neben dem Springer-Grandseigneur Alfred Draxler der prominenteste Journalist war, der den „Spiegel“ für seine Korruptions-Enthüllungen rund ums „Sommermärchen“ tadelte, welche Überraschung… Zur Erinnerung: Es handelt sich um den gleichen Helmut Markwort, der sich als Werbefigur für sein Heft einst mit dem Mantra „Fakten, Fakten, Fakten“ ins öffentliche Bewusstsein tackerte.

Es ist also ganz schön viel zu erfahren auf den rund 285 Seiten von „Gesellschaftsspielchen“. Ist vielleicht keine leichte Urlaubslektüre, doch jedem zu empfehlen, der sich im Moloch Fußball zunehmend unwohler fühlt, trotzdem aber weiter nach Belegen sucht, dass Fußball auch noch schöne Seiten haben und positive Ausformungen zeitigen kann.

Ob diese Besprechung ihm zu mehr Öffentlichkeit verhilft? Nach den bisherigen Erfahrungen mit diesem Internet-Auftritt wird dieser Beitrag ungefähr ein Zwanzigstel der Klickzahlen erreichen, die der vorangegangene Blog über die voraussichtlichen TV-Einnahmen des FCK erreicht hat – auch das ist eben die Realität der schönen, neuen Online-Medienwelt. Dennoch war es dem Autor ein Anliegen, ihn zu schreiben und zu veröffentlichen.

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