Extrablog: Aus dem Schatten zurück ins Licht – Nach seinem EM-Triumph ist Herr K. wieder obenauf

Es heißt, manche Menschen lerne man nie richtig kennen, auch im Laufe eines ganzen Lebens nicht. Andere Menschen wiederum scheinen sich auch selbst niemals richtig kennenzulernen. „Ich habe den Trainerjob unterschätzt, weil ich einige Eigenschaften, die man als Trainer braucht, gar nicht ausgebildet habe. Ich habe keine richtige Erfüllung darin gefunden, und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keinen durchschlagenden Erfolg.“ Das hat Stefan Kuntz mal über sich gesagt und das ist gerade mal 15 Monate her – in einem Interview mit „11Freunde“ anlässlich seines Abschieds aus seinem Amt als Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern. Jetzt hat der gelernte Polizeibeamte sich selbst, aber auch alle anderen eines Besseren belehrt: Am Wochenende wurde er mit U21-Auswahl des DFB Europameister. Als deren Trainer.

Eines vorweg: Dies soll kein Heldenlied werden. Nur eine kleine Moritat darüber, wie kurz der Weg vom Licht in den Schatten ist und dass dieser genauso schnell wieder zurückführen kann.

Wir erinnern uns: Im April 2016 hatte sich Herr K. als Klubchef des FCK verabschiedet, nach acht Jahren, in denen er zunächst als Lichtgestalt gefeiert wurde, dann aber zunehmend zu flackern begann. Im November 2016 verweigerten ihm die Vereinsmitglieder sogar die Entlastung, machten ihn nicht nur für den sportlichen Niedergang, sondern auch für sein undurchsichtiges Finanzmanagement verantwortlich, insbesondere im Zusammenhang mit der sogenannten „Fananleihe“ in Höhe von sechs Millionen Euro, die eigentlich fürs Lautrer Nachwuchsleistungszentrum am Fröhnerhof bestimmt war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Herr K. bereits einen neuen Job. Im August 2016 gab der DFB bekannt, dass er die Nachfolge von Horst Hrubesch als Trainer der U21-Nationalauswahl antreten würde. Das überraschte, da Herr K. letztes Engagement als Coach bereits 13 Jahre zurücklag. Damals war er in Ahlen entlassen worden, nachdem auch sein Wirken in Karlsruhe und Mannheim nicht gerade von Erfolg gekrönt war. Vor allem in der Pfalz wurde sardonisch gegrient: Kuntz wieder Trainer? Da hat er sich doch bestimmt die Seilschaft der Altinternationalen beim DFB zunutze gemacht…

In der Tat: Wie die „Süddeutsche“ enthüllte, war es ein paar Wochen zuvor in Paris zu einem Veteranentreffen gekommen, bei dem der 20. Jahrestag des deutschen EM-Triumphs 1996 begangen wurde. Und bei einer River Boat-Shuffle auf der Seine ließ Herr K. seinen alten Kumpel und aktuellen DFB-Funktionär Hansi Flick wissen, dass er an der Hrubesch-Nachfolge interessiert  sei…

Der Rest ist Geschichte. Aber, und das ist das Überraschende: Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Denn, Hand aufs Herz: Wer hätte Herr K. einen solchen Coup zugetraut? Eigentlich nicht einmal der DFB. Der nämlich sprach zunächst mal nur von einer „Probezeit“ bis zur U21-EM 2017. Dass diese nun mit Trommelwirbel und Fanfaren verlängert wird, gilt nur noch als Formsache.

Doch wie hat sich Herr K. wieder ins Rampenlicht gecoacht? Und hat Lautern am Ende ein verkanntes Trainergenie acht Jahre lang in der falschen Position beschäftigt?

 „Sport-Bild“-Redakteur Robert Schreier findet sogar, dass „Leitwolf“ Kuntz nun endlich „seine Berufung“ gefunden hat. „Er wusste: Für den kurzen Zeitraum einer EM zählen vor allem gute Laune und ein gemeinsames Ziel. Er sang mit den Spielern, er flachste, er erzählte Geschichten von früher und er kabbelte sich auch mal mit ihnen. Was er den Meyers, Gnabrys und Selkes nahm, ist der Egoismus, die EM nur als persönliche Bühne zu begreifen.“

Schön gesagt, allerdings bedienen die Worte lediglich das Bild von Herr K., das  in der Pfalz noch gut bekannt ist. Kuntz kann mitreißen, das wissen auch die, die ihm im November 2016 die Entlastung verweigert haben – sofern sie sich noch erinnern wollen: Denn sie haben ihm jahrelang stehend applaudiert.

Ein bissi mehr braucht es allerdings schon, um eine deutsche U21 zur besten Europas zu machen, erst recht gegen einen Finalgegner wie Spanien, erst recht, wenn über ein halbes Dutzend eigentlich noch spielberechtigter Kicker zeitgleich beim Confed-Cup weilt.

Zum einen verblüffen die konsequenten Personalentscheidungen, die Herr K. vor und während des Turniers traf – und mit denen er immer richtig lag. Als er etwa  Julian Pollersbeck zum Torhüter Nummer eins bestimmte, sahen viele Kuntz-Skeptiker darin eine letzte generöse Geste gegenüber seinem Herzensverein, der seine Leistungen als VV so schmählich verkannt hat. Schließlich trieb diese Nominierung den Hamburger SV dazu, den Transfer Pollersbecks vom FCK zügig abzuschließen, damit er nicht noch teurer wird.

Doch siehe da: Pollersbeck wurde am Ende zum besten Torhüter des Turniers gewählt, noch vor dem mit 25 Millionen Euro taxierten Mailänder Gianluigi Donnarumma. Unter anderem parierte Pollersbeck im Halbfinale gegen England zwei Elfmeter, weswegen dem gebürtigen Altöttinger, der auch als Stimmungskanone reüssierte, sogar sein äußerst fragwürdiger Musikgeschmack verziehen werden kann (Stichwort „Auswärts sind wir asozial“).

Herr K. scheute sich auch nicht, seinen vielleicht prominentesten Kicker, den ehemaligen Gladbacher und Neu-Dortmunder Mahmoud, nach den Gruppenspielen aus der Mannschaft zu nehmen und ab dem Halbfinale gegen England den Freiburger Janik Haberer auf die Sechs zu setzen. Vor allem taktisch eine mutige Entscheidung, da Haberer in seinem Verein meist offensiver agiert.

Mit seinem Nebenmann Maxi Arnold – der übrigens zum besten Passspieler der EM avancierte – bildete Haberer das forsch nach vorn schiebende Herzstück eines Teams, das im Finale sogar die favorisierten Spanier bezwang. Und das eben nicht nur mit den berühmten, endlos ausgelutschten „deutschen Tugenden“, sondern auch mit fußballerischen Mitteln. Die Taktik-Plattform  „spielverlagerung.de“ lobt „besonders Deutschlands Zugriffsverhalten im Pressing (…) in diesem Duell der Ballbesitzmannschaften.“

„Er hat uns ganz gut eingestellt, sonst wären wir nicht Europameister geworden“, lobt Kapitän Arnold seinen Coach. Der Sieg sei vor allem ein Erfolg gründlicher Analyse. Gegen den Ball schien die Mannschaft die  Bewegungen des Gegners oft regelrecht vorauszuahnen.

Und das alles soll der Verdienst eines Trainers sein, der in Mannheim, Karlsruhe und Ahlen scheiterte und 13 Jahre gar nicht gecoacht hat? Skeptiker werden sagen: Er hat ja genug Ratgeber, denen er nur zu folgen braucht, arbeitet in imposanten Strukturen, die noch vor seiner Zeit installiert wurden: Unter anderem stehen Kuntz zwei Co-Trainer, zwei Fitnesstrainer, ein Torwarttrainer, vier Ärzte, drei Physiotherapeuten, ein Spielanalyst und ein Ernährungsspezialist zur Seite.

Andererseits: Ein Trainer, der verliert, muss auch immer allein den Kopf hinhalten, egal, wie gut das Organisationsteam hinter ihm war. Also ist es nur gerecht, wenn er sich im Erfolg ebenfalls alleine sonnt.

Wie es nun weitergeht für Herrn K.? Am Betzenberg durfte er von seinen acht Jahren exakt drei als Lichtgestalt verleben. Beim DFB nun hat er gute Chancen, dass es ein paar werden könnten. Seine Vertragsverlängerung bis 2020 ist, wie gesagt, nur noch Formsache.

Und wenn 2019 die nächste U 21-EM Italien angepfiffen wird, sind sieben Spieler aus seinem aktuellen Kader immer noch spielberechtigt, sowie mit Tobias Werner, Julius Brandt und Benjamin Henrichs drei weitere, die 2017 im Confed-Cup-Team standen. Dementsprechend gut wird die Chance auf eine Titelverteidigung sein.

Und danach?

2020 endet Jogi Löws Vertrag als Bundestrainer…

Wir wollen hier keine großkotzigen Prophezeiungen ausstoßen, sondern ganz nüchtern festhalten: Es wäre kein Wunder, wenn Herr K. als Nachfolger ins Gespräch gebracht würde. Mit der Begründung, dass er die aktuellen Nationalspielergeneration gut kennt, bereits erfolgreich mit ihr gearbeitet hat und bei ihr gut angesehen. Die U21-Europameister von 2009 bildeten schließlich die Basis des Fußballweltmeisters von 2014.

Einziges Manko: Herr K. ist lediglich drei Jahre jünger als Löw, wäre 2020 also keine wirklich perspektivische Lösung.

Auf jeden Fall muss er sich vor einem unvermittelten Sturz in den Schatten gegenwärtig nicht fürchten. Herr K. ist in diesem verrückten Geschäft wieder obenauf – und hat alle Chancen, es noch lange zu bleiben.

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