Bücherblog: Der König, sein Vermächtnis und die Nacht in Kaiserslautern

Kaiser Franz hat während den langen Jahren seiner Regenschaft die Wege des 1. FC Kaiserslautern viele Male gekreuzt. Mit König Johan ist nur eine wirklich schicksalhafte Begegnung überliefert: Am 6. November 1991 schlug der FCK den von Johan Cruyff gecoachten FC Barcelona auf dem Betzenberg 3:1 – und schied dennoch aus dem Europapokal der Landesmeister aus, weil dem Sieg zwei Wochen zuvor ein 0:2 in Spanien vorausgegangen war und Barcas Mittelfeldspieler José Maria Bakero in der 90. Minute dieses vermaldeite Auswärtstor erzielte, das den Spaniern das Weiterkommen sicherte.

In der Erinnerung der Fangeneration „Kalli“ ist das Barcelona-Spiel stets bedeutender geblieben als das ebenfalls schlagzeilenträchtige 5:0 im UEFA-Cup gegen Real Madrid im März 1982. Denn die Königlichen waren in diesen Tagen nur Schatten und Schande ihrer selbst, während sich in Barcelona gerade das legendäre „Dream Team“ um Koeman, Laudrup, Guardiola und Co. formierte. Der Gewinn des Landesmeister-Pokals, der am Ende dieser Saison stand und der in Kaiserslautern ums Haar verhindert worden wäre, markierte den Aufbruch in eine neue fußballerische Ära, die bis heute nachwirkt.

In seinem Buch „Der König und sein Spiel: Johan Cruyff und der Weltfußball“ bezeichnet der Sportjournalist Dietrich Schulze-Marmeling das Barca von 1992 als das „Dream Team 1.0“, ohne das Pep Guardiolas Champions League-Sieger von 2011 nicht denkbar gewesen wären. Und dieses „Dream Team 2.0“ hat nach Ansicht vieler fachkundiger Beobachter immerhin „den besten Fußball aller Zeiten“ gespielt.

PROFI UND POPKULTURELLES PHÄNOMEN

Nach dem Tod Johan Cruyffs im Jahr 2016 ist Vieles neu und -wiederveröffentlicht worden über den Niederländer, der ebenso streitbar wie genial war, nicht zuletzt findet seine posthum veröffentlichte Autobiografie nach wie vor einen guten Absatz. Wer sich jedoch mehr für die Entwicklung interessiert, die das Fußballspiel unter seinem Einfluss nahm – und für dessen Einbettung in politische und gesellschaftliche Hintergründe – der ist mit Schulze-Marmelings Buch am besten bedient.

Der 1956 geborene Autor setzt bereits in den Niederlanden vor Cruyff an, beschreibt deren Fußballgeschichte, seine herausragenden Figuren und die Anfänge des Profigeschäfts. Und porträtiert Cruyffs Stammverein Ajax Amsterdam, insbesondere dessen jüdische Prägung. Das mag sich für den ein oder anderen ein wenig ziehen, ist aber notwendig, um nicht nur den Fußballprofi, sondern auch das popkulturelle Phänomen Cruyff zu verstehen.

„DER ROLLING STONE DES FUSSBALLS“

Das in Deutschland wohl stets die wenigsten Freunde hatte. Dort nahm der Mainstream den niederländischen Superstar in erster Linie als arrogantes A-Loch und schlechten Verlierer des legendären WM-Finales von 1974 wahr, in dem die Bundesrepublik die Niederländer bekanntlich 2:1 schlug.

Beliebt war Cruyff in Deutschland allenfalls bei ein paar Alt-68ern, und für die lässt Schulze-Marmeling stellvertretend den FAZ-Feuilletonisten und ehemaligen WM-Kulturbotschafter Jochen Hieber zu Wort kommen:

„Franz Beckenbauer stand für etwas, gegen das wir ganz entschieden waren: das Establishment. So fiel die Sympathie-Wahl logischerweise auf Netzer und Cruyff. Netzer repräsentierte eher die weiche Variante der Unangepasstheit, er war ein Popphänomen, ein Easy Rider auf dem Highway des Zeitgeistes. Johan Cruyff hingegen: Das war Rock ’n’ Roll auf dem Rasen. Für mich war er der Rolling Stone des Fußballs. Er passte perfekt in mein damaliges Weltbild. Zwar hatte ich keinen direkten Bezug zu Amsterdam, aber die Stadt war die Metropole meiner Epoche, meiner Jugend. Man las und hörte viel über das freie Leben dort. Auf dem Fußballfeld wurde dieses Rebellische von Ajax repräsentiert. Die Galionsfigur dieser Stadt und dieser Mannschaft war Johan Cruyff. Er schien die Lebenswelt Amsterdams zu verkörpern. Cruyff  stand für mich im Kontext mit Amsterdam an der Spitze des Fortschritts und damit auch der politischen Rebellion.“ 

Das Fußballtalent Johan Cruyff – körperlich eigentlich unterentwickelt, weswegen er früh lernt, sich mit Technik und Cleverness durchzusetzen – wird in den 1960er Jahren von Rinus Michels geformt, den er später als Trainer sowohl in Amsterdam als auch in Barcelona beerben wird. Und in der Beschreibung der Michelsschen Fußballphilosophie entdeckt der Leser bereits das meiste von dem, was 50 Jahre später, im Zusammenhang mit dem „Dream Team 2.0“, als fußballerischer „State of the Art“ gepriesen werden wird: Hoch stehen, früh attackieren, nach einem Ballverlust die Ordnung bewahren und direkt wieder attackieren, den Ball zirkulieren lassen, schnell, direkt und kurz passen, um die Gegenspieler  zu bewegen, bis sich eine Lücke zum Pass in die Spitze auftut – das alles hat Michels damals schon gepredigt.

CRUYFF STÜRZT FRANCO – SO UNGEFÄHR JEDENFALLS

Und der Mittelstürmer, der sich permanent aus der Spitze fallen lässt, um die Innenverteidiger herauszuziehen und seine Mitspieler einzusetzen – den hat Ende der 1960er bereits Johan Cruyff gegeben und auch er war nicht der erste, der die Rolle des Mittelstürmers so spielerisch interpretierte. Dennoch werden sich 50 Jahre später Sportjournalisten die Finger wundschreiben über die „Falsche Neun“, die ein gewisser Lionel Messi für einen Herrn namens Guardiola interpretiert – und dabei so tun, als sei sie neu erfunden worden.

Interessanter Weise – und auch das veranschaulicht Schulze-Marmeling sehr schön – ist Cruyff nach seinem Wechsel nach Barcelona gar nicht so erfolgreich, was die Zahl der Titel angeht, die er in Spanien sammelt. Er wird in fünf Jahren nur einmal Meister und einmal Pokalsieger. Allerdings gibt er den Katalanen, die sich seit jeher als Underdogs fühlen, das Gefühl, den übermächtigen Königlichen aus Madrid, dem Vorzeigeverein des Diktators Franco, auf Augenhöhe begegnen zu können.

 Vor allem das 5:0, das Barca in der Meisterschaftssaison 1973/74 gegen Real feiert, hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern der Region für alle Ewigkeit sicher. Der Dichter auf Manuel Vázquez Montalbán schreibt:

„1:0 für Barcelona – 2:0 für Katalonien – 3:0 für Sant Jordi – 4:0 für die Demokratie – 5:0 gegen Madrid. An jenem Tag, so empfanden es Millionen im Land, setzte der Niedergang der faschistischen Diktatur ein. An jenem Tag, sagen viele, fing die Freiheit an.“

Aha. Cruyff hat also Franco gestürzt. Okay, das muss man nicht so richtig ernst nehmen. Dichter erzählen nun mal lieber Legenden als Wahrheit. Aber schön zu lesen ist es allemal. Und erinnert ein wenig an die Bedeutung der „Helden von Bern“ fürs Selbstwertgefühl des noch darniederliegenden Deutschland im Jahr 1954. „Mental“ sei Fritz Walter der Gründervater dieser Republik gewesen, hat der Historiker Joachim Fest einmal gesagt, und der war noch nicht einmal FCK-Fan.

SEIN EIGENTLICHES LEBENSWERK: LA MASIA

Als Cruyff Michels 1988 als Trainer nach Barcelona folgt, tut er sich sportlich zwei Jahre lang schwer, auch wenn er 1989 den Europapokal der Pokalsieger gewinnt. Erst 1991 wird Coach Cruyff zum ersten Mal Spanischer Meister, ein Jahr später gewinnt sein „Dream Team“ den Europapokal der Landesmeister – nach der Nacht auf dem Betzenberg. Anschließend holt Barca drei Mal hintereinander den nationalen Meistertitel. Später wird Cruyff ein weiteres Mal als Berater nach Katalonien zurückkehren und die Personalpolitik unter den Trainern Frank Rijkaard und Pep Guardiola mitbestimmen.

Vor allem aber hat Cruyff in seinen Trainerjahren „La Masia“ reformiert, die Fußballschule der Katalanen. Dauerläufe und Krafttraining werden abgeschafft, allein die Schulung von Technik und Handlungsschnelligkeit steht fortan im Fokus. „Rennen ist etwas für Feiglinge. Die besten Fußballer lassen den Ball die Arbeit tun“, lautet des Credo des Coaches, den sie in Spanien übrigens nicht „König“, sondern „El Salvador“ nennen – den „Erlöser“. Und der niederländische „totaal Voetbol“ wird in diesem Land „Amor por el Balon“ („Liebe für den Ball“) genannt. Ja, die Spanier wissen eben, was Poesie ist.

Bei der Wahl zum Weltfußballer 2010 stehen Lionel Messi, Andrés Iniesta und Xavi auf dem Siegertreppchen. Also nicht nur gleichzeitig drei Akteure des FC Barcelona, sondern auch drei, die allesamt durch „La Masia“ gegangen sind – vielleicht der größte Triumph des Johan Cruyff. Ohne seine Vision vom schönen Spiel wäre allerdings auch der fußballkulturelle Quantensprung, den die deutsche Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren unter Jogi Löw vollzog und der im Gewinn des WM-Titels von 2014 gipfelte, nicht denkbar gewesen.

CRUYFF-IDEEN: SPIELENDER TORHÜTER UND MODERNER SECHSER

So hat der Niederländer die Ansprüche an mitspielende Torhüter, wie sie die heutige Trainergeneration formuliert, schon in den 1980er Jahren gestellt. Und er hat die Anforderungen an den „modernen Sechser“ definiert, der nicht nur den Defensivverband zu stabilisieren hat, sondern auch Umschaltstation und Stratege sein muss.

Cruyffs Interpret dieser Rolle war im „Dream Team 1.0“ übrigens besagter Pep Guardiola. Auch der hat die Nacht von Kaiserslautern nie vergessen. „Wenn Deutsche gedemütigt wurden, hält sie nichts mehr auf. Ich weiß das. Ich war in Kaiserslautern“, erinnert sich der Katalane noch 2014, als er als Trainer des FC Bayern München den FCK im DFB-Pokalhalbfinale empfängt. Das Ergebnis braucht hier nicht zu interessieren.

„KAISERSLAUTERN. KAISERSLAUTERN. KAISERSLAUTERN.“

Schulze-Marmeling hat der Novembernacht in der Pfalz leider nur einen Absatz seines Buches gewidmet. Was im Grunde dessen einziger Makel ist. Es hätte nämlich durchaus noch erwähnt werden dürfen, dass in und um Barcelona seither ein Mythos existiert: Barca kann nur erfolgreich sein, wenn es vorher schwer gelitten hat.

Wie, das klingt nicht sehr glaubwürdig? Von wegen.

Mai 2009, 18 Jahre nach der Nacht vom Betzenberg. Barca – auf der Trainerbank: Pep Guardiola – tritt im Halbfinale der Champions League bei Chelsea London an. Liegt 0:1 hinten, das Hinspiel endete torlos, Barca ist draußen – bis zur dritten Minute der Nachspielzeit. Da trifft, wie aus heiterem Himmel, Iniesta. Die Engländer toben, die Spanier jubeln, sind dank des Auswärtstores im Finale. Der katalanische Reporter des Radiosenders RAC1 murmelt zu den turbulenten Bildern nur drei Worte in sein Mikrofon: „Kaiserslautern. Kaiserslautern. Kaiserslautern.“

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