Gästeblog: Derby County kommt – und weckt Erinnerungen an das Leben des Brian

2010 kam noch der ruhmreiche FC Liverpool auf den Betzenberg, um mit dem 1. FC Kaiserslautern für den Saisonstart zu proben – 2017 ist’s „nur“ Derby County, das sich am Samstag, 22. Juli, um 16 Uhr im Fritz-Walter-Stadion vorstellt. Auch der schwindende Wohlklang dieser Namen veranschaulicht den Niedergang des pfälzischen Traditionsvereins, werden notorische Miesmacher jetzt sagen. Aber wer in aller Welt braucht notorische Miesmacher? Im Mutterland des Fußballs gibt es keine langweiligen Klubs, zu jedem kursieren faszinierende Geschichten – und bei Derby County entspringt und endet eine der größten britischen Ballsportlegenden: die von Brian Howard Clough, einem der ersten Medienstars der Trainerzunft. Seine Spezialität: Provinzvereine in der Zweiten Liga zu übernehmen und zu Titeln zu führen. Mit anderen Worten: Clough war der Typ Trainer, den die Pfalz seit Jahren wieder herbeizubeten versucht.

„Er war der englische Muhammad Ali“, urteilt sein ehemaliger Spieler Martin O’Neill über die Trainerlegende. Damit bezieht er sich allerdings nicht auf die sportliche Größe des Ausnahmeboxers, sondern auf dessen legendär große Schnauze. Wo Ali einst „I’m the greatest“ tönte, setzte Clough bei seiner Selbstdarstellung allerdings auf feinen englischen Schliff: „Ich würde niemals behaupten, dass ich der beste Manager in diesem Geschäft bin, aber ich bin definitiv unter den Top One.“

WUNDER GESCHEHEN: VOM ZWEITLIGISTEN ZUM ENGLISCHEN MEISTER

Clough ist erst 32 Jahre alt, als er 1967 Trainer in Derby wird. Der Zweitligist in den East Midlands kennt bis dato nur den Abstiegskampf der Zweiten Liga. Zwei Jahre später steht er auf Platz eins, steigt in die Erste Liga auf, die damals noch First Division heißt, wird im ersten Jahr Vierter – und im Jahr darauf Englischer Meister. Historische Vergleiche zu bemühen, um dieses Wunder zu beschreiben, hält Clough für unpassend: „Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden, aber da war ja auch ich nicht dabei.“

Und mit dem 1. FC Kaiserslautern kann er Derby ja auch nicht vergleichen, den dem gelingt erst 26 Jahre später ein noch größeres Wunder, als er direkt nach dem Aufstieg zum Meistertitel durchmarschiert – ebenfalls mit einer sehr markanten Trainerpersönlichkeit, die es in punkto Selbstherrlichkeit hin und wieder mal übertreibt. Manche Weisheiten von Clough und König Otto sind durchaus sinnverwandt. „Jeder darf sagen, was er will, solange alle machen, was ich sage“, wird Otto Rehhagel etwa zitiert. Brian Clough formulierte zum Thema Spielermitsprache: „Wir reden 20 Minuten und entscheiden dann, dass ich Recht habe.“

Wunder währen bekanntlich jedoch nicht ewiglich – und so endete auch Derbys Wunder bereits ein Jahr später. Dabei hatte Clough den Provinzklub sogar ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister geführt, dort aber war Juventus Turin Endstation. Der englische Muhammad Ali war darob so frustriert, dass er anschließend nicht nur verschiedene Juve-Spieler, darunter Dino Zoff und Fabio Capello, übel runterputzte, sondern sogar das gesamte italienische Volk gleich mitbeleidigte, indem er es „betrügende Bastarde“ schalt und ihm angebliche Verfehlungen vorhielt, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammten.  Nach der diplomatischen Krise, die er dadurch ausgelöst hatte, geriet er vollends außer Kontrolle. Bis Saisonende hatte er sich mit Derby-Präsidium derart überworfen, dass es zur Trennung kam.

Ironischer Weise reichte er ein Rücktrittsgesuch ein, weil er damit eigentlich den Vorsitzenden zum Rücktritt zwingen wollte: Denn er war überzeugt, dass man ihn angesichts seiner Verdienste niemals gehen lassen würde. Zu seiner eigenen Überraschung wurde sein Gesuch jedoch angenommen.

IN NOTTINGHAM KONNTE CLOUGH SOGAR ÜBERS WASSER LAUFEN

Im Januar 1975 übernimmt Clough den Zweitligisten in Nottingham, das nur 22 Kilometer von Derby entfernt liegt. Der steigt anderthalb Jahre später als Tabellendritter in die First Division auf – und marschiert, den Lauterern gleich, direkt zum Titel durch. Und nicht nur das: Im Jahr darauf holt Nottingham Forest den Europapokal der Landesmeister und eine Saison später gleich wieder – diesmal übrigens gegen den Hamburger SV. Den Titel in der europäischen Königsklasse zu verteidigen, ist erst Real Madrid wieder gelungen – im Mai diesen Jahres.

Wer Clough heute stärker für sich vereinnahmen darf? Darüber streiten sich die Vereinshistoriker von Nottingham und Derby bis heute. Überliefert ist, dass der Meistertrainer den durch Nottingham strömenden Fluß Trent sehr liebte: „Er ist wunderschön. Ich muss es wissen, denn ich bin dort 18 Jahre lang übers Wasser gelaufen.“

In Derby allerdings feierte der Coach nicht nur seinen ersten Erfolg, dort endete auch sein Leben. 2004 starb Brian Howard Clough im örtlichen Krankenhaus an Magenkrebs. Ein Jahr zuvor war ihm bereits eine neue Leber transplantiert worden. Seine Jahrzehnte währende Alkoholaffinität hatte ihren Tribut gefordert. Denkmäler wurden ihm nach seinem Tod sowohl in Derby als auch in Nottingham gesetzt, und seit 2007 spielen beide Klubs einmal im Jahr die „Brian Clough Trophy“ aus. Und – auch das gibt es leider wohl nur im Mutterland des Fußballs – die Straße, die die beiden Provinzstädte miteinander verbindet, heißt heute „Brian Clough Way“.

DER MEISTERTRAINER ALS ROMANFIGUR: „THE DAMNED UNITED“

Nicht nur schmeichelhaft, aber vielleicht gerade deswegen umso eindrucksvoller ist das Denkmal, das der britische Schriftsteller David Peace der Trainerlegende schuf. Sein Roman „The Damned United“ behandelt das dunkle Kapitel in der Trainerkarriere des Brian Clough: sein nur 44 Tage währendes Engagement bei Leeds United.

Im Sommer 1974, unmittelbar nach seinem Rausschmiss bei Derby, hatte Clough nämlich beim amtierenden Englischen Champion angeheuert. Der hatte seinen Coach Don Revie gerade an den englischen Fußballverband verloren. Somit sollte Clough einen frischgebackenen Meistertrainer beerben, der von seiner Mannschaft immer noch kultisch verehrt wurde. Zudem hatte sich Clough in den Jahren zuvor immer wieder negativ über die raue Spielweise von Leeds und die Person Revies geäußert. Das hatten Spieler und Umfeld nicht vergessen. Es konnte also nur schiefgehen.

Peace, ansonsten eher für ganz harte Krimi-Kost bekannt, beschreibt dieses Scheitern jedoch so brillant, dass selbst die ehrwürdige Londoner „Times“ über „The Damned United“ urteilte: „Wahrscheinlich der beste Roman, der je über Sport geschrieben wurde.“ Vor allem wird deutlich, dass Clough mit seiner großen Klappe stets nur seine eigenen, tiefen Selbstzweifel überspielen wollte, die ihn schon in seinen erfolgreichen Derby-Zeiten gequält hatten und die er schon früh immer wieder in Alkohol ertränkte. Ebenso thematisiert Peace ausführlich die geradezu krankhafte Rivalität, die Clough gegenüber Don Revie empfand. Unter anderem lässt er seinen Protagonisten zu seinem Amtsantritt in Leeds erst einmal das Büromobiliar seines Vorgängers mit einer Axt zertrümmern.

2009 verfilmte der britische Regisseur Tom Hooper („The King’s Speech“) den Roman unter dem Originaltitel. Michael Sheen („Masters of Sex“) brilliert darin als Brian Clough. Auch der Film fand in England sein Publikum und viel Kritikerlob, in Deutschland dagegen ist er, ebenso wie der Roman, leider kaum bekannt. Immerhin existieren deutsche Übersetzungen und Synchronfassungen.

Gar nicht einverstanden mit Buch und Film waren allerdings die Familie Cloughs sowie einige ehemalige Leeds-Spieler, die sich beklagten, dass Peace Personen und Internas nicht authentisch dargestellt hätte. Vor allem der damalige Mannschaftskapitän von Leeds, „Feuerkopf“ Billy Bremner, wird als intriganter Drecksack gezeichnet. Gegen die Szene, in der sich Bremner vor dem Saisoneröffnungsspiel beim Abspielen der englischen Nationalhymne gelangweilt im Schritt kratzt, soll der Schotte allerdings nicht aufbegehrt haben.

Und Derby County? Fand nach Clough niemals mehr zu dieser Größe.

… UND SEITHER WARTET DERBY AUF EINEN NEUEN CLOUGH

1975 gewann der Verein noch einmal den Titel – auf der Trainerbank saß Dave Mackay, ein ehemaliger Spieler Cloughs. Doch 1979/80 stieg der Klub in die Zweite Liga ab. Seither ist er noch insgesamt drei Mal ins Oberhaus zurückgekehrt, das letzte Mal ging’s 2008 wieder nach unten. Zu den zahlreichen Trainern, die Derby zu neuem, dauerhaften Glanz führen sollten, zählte auch Nigel Clough, der Sohn der Legende. Doch dieses Fußballmärchen wäre einfach zu schön gewesen, als dass es wahr werden konnte. Nigel Clough wurde nach vier mittelprächtigen Spielzeiten entlassen, bezeichnender Weise nach einer Niederlage in Nottingham.

Zuletzt war Steve McClaren gleich zwei Mal als Trainer in Derby engagiert. FCK-Fans werden sich vielleicht erinnern: 2010/11 war McClaren auch mal in Wolfsburg Trainer und geriet beim Gastspiel auf dem Betzenberg mit Marco Kurz aneinander, der ihn „Bloody Bastard“ genannt haben soll – gehört hat das allerdings nur die „Bild“-Zeitung. McClarens letztes Engagement in Derby endete im Frühjahr 2017, seither schwingt Gary Rowett das Zepter, der mit Brian Clough bislang nur gemein hat, dass er den Job als Trainer-Nobody übernahm.

Noch stehen ihm also alle Möglichkeiten offen, sich zu beweisen. „Gute Manager formen gute Mannschaften. Dass eine bereits gute Mannschaft einen erfolgreichen Manager formt, ist dagegen nicht der Rede wert“, hat die Legende mal gesagt. Dann mal los.

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