Spielanalyse: Abstimmungsprobleme, Anfängerfehler und ein neues Alphatier – Erkenntnisse aus der Derby-Pleite

Der 1. FC Kaiserslautern hat den letzten Härtetest vor dem Start in die neue Saison gegen den englischen Zweitligist Derby County mit 0:2 verloren – und hatte, nüchtern betrachtet, über 90 Minuten nicht viel zu bieten, um die abgebrühten Engländer in Verlegenheit zu bringen. Frisches Wasser auf die Mühlen notorischer Schwarzmaler also. In der Tat präsentiert sich der FCK 2017/18 noch als recht gestaltloses Wesen. Doch ob tatsächlich schon mehr hätte gehen können? Nach dem erneuten personellen Umbruch mit etlichen Neuzugängen, die „aus kleineren und größeren Verletzungen kommen“, wie es der Noch-Immer-Interims-Sportchef Boris Notzon formuliert, eher nicht. Immerhin drängen – und das ist durchaus eine positive Erkenntnis aus der Derby-Pleite – einige junge Wilde auf die Startplätze vermeintlich etablierter Spieler. Die erfreulichste Einsicht lautet aber: Mit Mads Albaek hat Lautern endlich mal wieder einen echten Leader an den Betzenberg geholt – und vor allem einen, der das Spiel nach vorne von der Sechser-Position aus inszenieren kann.

Dass die Hoffenheim-Leihgabe Baris Atik neben Daniel Halfar und Christoph Moritz in der Startelf stehen würde, war dagegen keine Überraschung. Wie Trainer Norbert Meier das Trio in seine Startformation einbaute, dagegen schon. Er stellte in seinem 4-2-3-1-System Youngster Atik auf „Zehn“, Moritz, der die offensive Mittelfeldposition zuletzt ausgefüllt hatte, wanderte zurück auf den Platz neben Albaek und Kapitän Halfar, in der Vorsaison mal Zehner, mal Achter, agierte wie einst im Mai auf dem linken Flügel.

Ein Fingerzeig für die Zukunft? Meier dazu zu befragen, dürfte kaum zu einer konkreten Antwort führen. Der würde darauf verweisen, dass er sich möglichst viele Optionen offenhalten will und sein Spielerkader dies auch erlaubt. Dennoch interessant, dass der 22-jährige auf dieser Schlüsselposition erst einmal der Vorzug gegenüber den beiden Routiniers erhält – gegen Ende der ersten Hälfte tauscht er allerdings auch mal mit Halfar. Und in einigen kurzen Szenen deutet Atik durchaus an, dass er ganz schön was in der Trickkiste hat.

RV-NOTLÖSUNG FECHNER WIRD IN NÜRNBERG KESSEL ODER MWENE WEICHEN

Die zweite Überraschung: Gino Fechner taucht auf der rechten Verteidigerposition auf. Die Entscheidung wiederum ist aus der Not geboren, wie Meier später aufklärt. Philipp Mwene, der Dauerbrenner auf der rechten Seite in der vergangenen Saison, ist nach einer Verletzungspause erst Mitte der Woche wieder ins Training eingestiegen, Benjamin Kessel ist kurzfristig wegen einer Blessur ausgefallen, kann laut Notzon aber ab Montag wieder mitmachen. Somit stehen beide Stamm-Rechtsverteidiger in Nürnberg wieder zur Verfügung. Wer von den beiden dann beginnt, darüber will Boris Notzon nicht spekulieren. Wir tippen auf Kessel, da er mit seinen 1,91 Körpergröße dem Team auch ein wenig Lufthoheit beschert. Kopfballtechnisch machte die Startelf vom Derby-Spiel nämlich keine Schnitte, vorne ebenso wenig wie hinten.

Fechner allerdings präsentiert sich als der technisch wie taktisch gut geschulte Kicker, als der er angekündigt worden ist. Bereits in der dritten Minute bereitet er mit einem Flankenlauf die erste Torgelegenheit vor, Atik erwischt seine Hereingabe ans kurze Eck allerdings nicht richtig. Dennoch ist Verteidiger nicht Fechners Kernkompetenz: Als er Mitte der zweiten Halbzeit auf die Moritz-Position wechselt, kommt er noch besser ins Spiel, das bestätigt auch Trainer Meier hinterher. Und er kann durchaus eine Alternative sein für den abermals ziemlich pomadig wirkenden Moritz.

Gegen Derby starten neben Fechner Giuliano Modica, Marcel Correia und Leon Guwara in der Abwehrkette. Vor allem die Besetzung der Innenverteidigung wird dem Coach bis zum Anpfiff in Nürnberg wohl noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Modica und Correia haben auch schon am Dienstag beim 7:1-Testspielsieg in Pirmasens begonnen – woraus sich schließen lässt, dass die beiden gegenwärtig die Nasen vor Stipe Vucur und Robin Koch haben. Gut sehen sie allerdings nicht aus.

DIE INNENVERTEIDIGUNG BEREITET EINIGES KOPFZERBRECHEN

Schon in der neunten Minute hebelt ein endlos langer Flankenball von der Höhe der Mittellinie die Lautrer Hintermannschaft komplett aus und beschert den Engländern eine erste Riesenchance. In der 24. Minute unterläuft Modica einen Chipball des gleichen Spielers – des in 242 Premier League-Spielen erfahrenen Tom Huddlestone –, so dass Derbys Ösi Andreas Weimann ganz simpel auf Stürmerkollege Chris Martin ablegen und dieser vollstrecken kann.

Fehler wie der vorm zweiten Treffer in der 45. Minute sollten sich bis nächsten Sonntag dagegen leichter abstellen lassen. Bradley Johnson darf unbedrängt den Ball ins Tor schlenzen, weil gleich mehrere FCK-Spieler mit dem Schiedsrichter eine Freistoßentscheidung diskutieren. „Da haben wir uns benommen wie eine Jugendmannschaft“, analysiert Leon Guwara hinterher, als Linksverteidiger übrigens das stabilste Glied der Abwehrkette. Diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen.

In der zweiten Hälfte sorgen die jungen Wilden, die Meier peu à peu einwechselt, für mehr Schwung, beziehungsweise, wie Boris Notzon es ausdrückt, „für mehr Struktur in der Tiefe“. Robin Koch agiert als Innenverteidiger gegen allerdings nachlassende Engländer fehlerfrei und dürfte den Trainer ins Grübeln bringen, ob er in Nürnberg nicht vielleicht doch die bessere Wahl sein könnte als Modica.

DIE LEICHTGEWICHTE SORGEN FÜR SCHWUNG

Die eingewechselten Mwene und Manfred Osei-Kwadwo bilden auf der rechte Seite ein außerordentlich leichtfüßiges Duo, das dem Lautrer Spiel guttut – und das wohl das leichtgewichtigste seiner Art im deutschen Profifußball wäre, so es sich denn etablieren könnte. Lukas Spalvis und Gervane Kastaneer deuten zumindest an, dass sie die weiterhin eklatanten Offensivprobleme der Pfälzer auf Sicht beheben können, gehören allerdings zu denen, die „aus großen Verletzungen kommen“ und noch den meisten Trainingsrückstand aufweisen.

Da auch Kacper Przybylko weiterhin ausfällt und Jaques Zoua zum Verkauf steht, wird Osayamen Osawe als Sturmspitze bis auf Weiteres wohl alternativlos bleiben. Viel gelingt dem 23-jährigen auch am Samstag nicht, allerdings wird  seine – viele sagen: einzige – Stärke nicht eingesetzt: seine Antrittsschnelligkeit. Die zwei, drei flachen, vertikalen Anspiele in Schnittstellen, die seine Mitspieler versuchen, sind so schlecht getimt, dass nicht einmal Osawe sie ersprinten konnte.

Direkt einen guten Eindruck nach einem Jahr Betzenberg-Pause macht Rückkehrer Marius Müller. Der Keeper präsentierte sich vor allem in Hälfte eins äußerst reaktionsschnell nach Schüssen aus kurzer Distanz. Ob er seine fußballerischen Qualitäten verbessert hat, die vor seinem Transfer nach Leipzig immer mal zu wünschen übrig ließen, lässt sich noch nicht sagen – über den einen Stockfehler in Hälfte zwei ist hinwegzusehen, da er ihm in völlig unbedrängter Situation unterläuft. Müller selbst sieht sein Jahr auf der Bank in Sachsen keinesfalls als verlorenes: „Ich hab da auf hohem Niveau trainiert und bin dadurch besser geworden.“

DÄNEN LÜGEN NICHT: DER NEUE BOSS HEISST MADS

Der größte Gewinner im roten Trikot trägt allerdings die Nummer 14: Der Däne Mads Albaek organisiert und dirigiert auf der Sechserposition, als gehöre  er schon ewig zum Team, und scheut sich auch nicht, vor seinen Mitspielern, der ihn erst seit drei Tagen kennen, lautstark den Chef zu markieren. Ein echtes Alphatier also. „Es ist meine Naturell, Verantwortung zu übernehmen“, so der 27-jährige. Dass er – erstaunlich eigentlich – gegenwärtig nicht zum dänischen Nationalmannschaftskader zählt, ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil für den FCK: So wird er sich in den Länderspielpausen weiter am Betzenberg integrieren können. „Außer dass vielleicht mal ein langer Ball nicht ankam, habe ich nicht einen Fehler von ihm gesehen“, äußert sich auch Meier hinterher sehr angetan von seinem Neuzugang.

Unterm Strich hielt diese Generalprobe aus Lautrer Sicht kein sehr erquickliches Spiel und erst recht kein erfreuliches Ergebnis bereit, bot aber dennoch einige Erkenntnisse. Gegenwärtig sind viele „Prognosen“ zu lesen, was dem FCK in dieser Saison zuzutrauen ist. Dem wollen wir uns enthalten. Sondern lediglich feststellen: Er wird kommenden Sonntag nicht mit einem eingespielten Team in die Spielzeit starten können, wird erst zu Homogenität finden können, wenn auch Hoffnungsträger wie Spalvis und Kastaneer bei 100 Prozent sind. Direkt zum Start weiter sein als andere Mannschaften, die sich erst noch formieren müssen, ist in den vergangenen Jahren allerdings stets das  Erfolgsgeheimnis der Teams gewesen, die wider Erwarten um den Bundesligaaufstieg mitspielten.

Und als etwas anderes als eine Überraschungsmannschaft kann der FCK in dieser Klasse den Gipfel nicht mehr stürmen.

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