Analyseblog: Der FCK startet so grauslig wie 16/17 – und muss jetzt nach Hoffnungskrümeln suchen

Zwei Mannschaften bereiten sich auf eine Spielzeit vor. Bei der einen greifen schon in den ersten Testspielen erfreulich viele Rädchen ineinander, bei der anderen will einfach kein Fluss ins Getriebe kommen – zu viele Verletzte und zu viele, die nach Verletzungen noch nach ihrer Form suchen. Entsprechend unterschiedlich sind die Stimmungslagen vor dem Start. Dann treffen die beiden am ersten Spieltag aufeinander und… Alles kommt anders. Weil die Wahrheit auf dem Platz liegt, und weil es einfach anders kommen muss, wenn alles für die besser Vorbereiteten spricht, oder? Weil  Fußball doch irgendwie irrational funktioniert…

Auf solche oder ähnliche Hoffnungen mag der ein oder andere Fan des 1. FC Kaiserslautern vertraut haben, als sein Team am Sonntag nachmittag beim 1. FC Nürnberg auflief.

Doch leider kommt es manchmal eben doch nicht anders. Sondern genau so, wie zu befürchten war. 0:3 in Nürnberg, das ist die bittere Realität in der Pfalz zum Auftakt der Saison 2017/18. Ein Déjà-vu sozusagen. Vergangene Spielzeit startete der FCK ebenso grauslig, mit einem 0:4 zuhause gegen Hannover 96. Damals wie heute steht nach diesen ersten 90 Minuten der Saison die Erkenntnis: Eine stabile Formation, mit der sich einigermaßen gelassen in die nähere Zukunft blicken lässt, ist längst hat noch nicht gefunden. Und auf Norbert Meier kommt noch genauso viel Arbeit zu wie seinerzeit auf Tayfun Korkut. Tendenziell sind die Hoffnungskrümel, die sich nach der aktuellen Pleite zusammenklauben lassen, sogar eher spärlicher gesät.

NACH DEM SAISONSTART NOCH STABILISATOREN ZU FINDEN, WIRD DIESMAL SCHWIERIGER

Damals mussten die späten Verpflichtungen Zoltan Stieber, Jacques Zoua, Sebastian Kerk und Ewerton erst ins Team integriert, die Talente Robin Koch und Julian Pollersbeck noch entdeckt werden. Als sich Wochen später dann wenigstens das Triangel Pollersbeck, Koch und Ewerton gefunden hatte, verfügte Lautern über einen der besten Defensivverbände der Liga. Vorne aber vermochte das Team die gesamte Runde hindurch eine Frage niemals zu lösen:

Wie schaffen wir es, den Ball im Angriffsdrittel mal über zwei, drei Stationen laufen zu lassen, um eventuell einen  Torschuss hinzubekommen?

Das Auftaktspiel 2017/18 hat gezeigt: Offensiv hat die im Sommer abermals neuformierte Mannschaft in dieser Richtung ebenfalls noch nichts anzubieten, und defensiv steht sie erneut so unfertig da wie damals nach der Hannover-Klatsche. Doch wo sollen die Stabilisatoren diesmal herkommen? Kann ein Marcel Correia in den nächsten Wochen zu einem ähnlich souveränen Abwehrchef reifen wie es Ewerton war?

Dass sich in Gerry Ehrmanns Flugschule abermals ein Überflieger wie Pollersbeck findet, der nach Saisonstart noch zur neuen Nummer 1 aufsteigt und direkt zum Leistungsträger avanciert, ist noch weniger wahrscheinlich. Die Talente Lennart Grill und Jan-Ole Sievers sind noch nicht soweit, drum hat man ja Marius Müller von Leipzig geliehen. Und der wenigstens zweitligaerfahrene André Weis soll laut SWR-Informationen zu Jahn Regensburg wechseln wollen, nachdem sich Trainer Norbert Meier für Müller als Stammkeeper entschieden hat.

ZU MÜLLER GIBT ES KEINE ALTERNATIVE – DA IST „DR. PSYCHO“ GEFRAGT

Somit muss der Coach jetzt auf seine psychologischen Fähigkeiten vertrauen, um den angeknacksten Müller wieder hinzubekommen. Über seine beiden Patzer, die Nürnberg noch in Hälfte eins 2:0 in Front brachten, müssen wir hier kein Wort mehr verlieren, die sind in den Medien bereits sattsam durchgenudelt worden. Dass Müller als RB-Leihgabe direkt vorm Anpfiff noch vom eigenen Anhang geschmäht wurde, ist zudem erneut ein anschauliches Beispiel dafür, wie dieser Verein sich seine Probleme zu einem guten Teil immer wieder auch selbst schafft.

Vorne bleibt nur die Hoffnung, dass die Neuzugänge Gervane Kastaneer und Lukas Spalvis schnell soweit sind, dass sie in die Startelf rücken können. Bei Spalvis reichte es zum Saisonauftakt immerhin schon für 45 Minuten. Zu erkennen ist allerdings: Der Litauer ist ein reiner Finalisierer, kann vermutlich auch auflegen – sich dagegen Chancen selbst zu erdribbeln oder zu ersprinten, ist nicht sein Ding. Er braucht präzise Vorlagengeber um sich herum.

Da sich dieser Blog aber einer positiven Grundhaltung gegenüber dem FCK verpflichtet sieht, sei die – in diesem Fall schon sehr gewagte – Frage dennoch erlaubt: Sind in diesem Horrordebüt auch positive Ansätze beim FCK 2017/18 auszumachen?

LICHTBLICKE: GUWARA, ATIK, ALBAEK

Betrachten wir uns mal die Passgraphik, die uns wie immer der grandiose niederländische Blog „11tegen11“ zur Verfügung gestellt hat. Sie illustriert das Zusammenspiel der Lautrer bis zur 61. Minute.

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Wir sehen: Die linke Seite ist auch nach dem Abgang von Marcel Gaus die stärkere des FCK. Die Neuzugänge Leon Guwara und Baris Atik lieferten ordentliche Vorstellungen ab, überzeugten auch im Zusammenspiel.

Und siehe da: Der FCK hat endlich in Mads Albaek einen Sechser, der auch mal präzise Pässe nach vorne spielt. Robin Koch hat in der Vorsaison von der defensiven Mittelfeldposition in erster Linie mit den Innenverteidigern interagiert.

Zu sehen ist aber auch: Zu Christoph Moritz und Manni Osei Kwadwo führen weder Pass-Pfeile noch gehen welche von ihnen weg. Sie waren schlecht bis gar nicht im Spiel, ihre Auswechslungen waren dementsprechend konsequent.

Da wir gerade beim Thema Statistik sind, sei hier auch mal aufgezeigt, weswegen die statistischen Auswertungen von „11tegen11“ aussagekräftiger sind als das   Heranziehen der handelsüblichen Werte. Den nackten „kicker“-Daten zufolge hat Lautern nämlich mehr Torschüsse abgegeben als Nürnberg (14:12), mehr Pässe gespielt, die ankamen (334:322), hatte mehr Ballbesitz (51 Prozent) und verfügte über eine bessere „Zweikampfquote“ (56 Prozent gewonnen).

DIE TÜCKEN DER STATISTIK: DIE SCHLUSSVIERTELSTUNDE BLENDET

So mancher Dussel könnte da glatt schlussfolgern, die Lautrer Niederlage sei unglücklich gewesen, der FCK  hätte doch nachweislich „mehr fürs Spiel getan“. Dazu darf er aber das Spiel nicht mit eigenen Augen gesehen haben.

„11tegen11“ dagegen erstellt eine Art „Fieberkurve“ für die abgelaufenen 90 Minuten anhand einer statistischen Eigenkreation, der sogenannten „expected Goals (xG“) -Werte. Diese summieren Anzahl und Qualität torgefährlicher Situationen auf, die sich die Kontrahenten geschaffen haben. Für diesen Kick sind das so aus:

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Beim Treffer von Hanno Behrens macht die Linie deswegen einen großen Sprung nach oben, weil die statistische Wahrscheinlichkeit, einen Treffer zu erzielen, aus der Position, aus der Behrens abschließt, sehr hoch ist. Dass sich Torhüter Eckbälle mehr oder weniger unbedrängt selber in den Kasten boxen, kommt dagegen eher selten vor, drum macht die Linie bei Kerks Treffer nur einen kleinen Sprung. Gleiches gilt für Kevin Möhwalds Torschuss, der in bedrängter Situation vor dem Sechzehner abziehen und sich zuvor allzu leicht an Albaek vorbeischieben darf.

Der xG-Wert berücksichtigt nämlich nicht nur die Position zum Tor – 19 Meter mittig zum Tor zum Schuss zu kommen, bietet an sich schon eine gute Chance zu treffen –, sondern auch, ob der Schütze von vielen Gegenspielern bedrängt ist oder einen günstigen Anlaufwinkel hat. Drum war Möhwalds Einschussgelegenheit im Grunde keine erfolgversprechende.

Ebenso ist zu sehen: Dass die xG-Endergebnisse mit 1,16 : 0,81 gar nicht so weit auseinander liegen, ist einzig und allein auf die Schlussviertelstunde zurückzuführen, in der es bereits 3:0 stand, Nürnberg zwei Gänge zurückschaltete und der FCK in Person von Koch und Osawe auch mal aufs Tor schießen durfte. Atik gelang sogar ein Pfostenschuss. Die Bemühungen der Lautrer, Situationen zu kreieren, die die xG-Linie  zum Ausschlag bringen könnten, waren bis zur 75. Minute nicht der Rede wert.

WEGEN SULU UND SO: GEGEN DARMSTADT BITTE MIT VUCUR

Was bleibt nun an Erkenntnissen fürs nächste Spiel, das bereits am kommenden Freitag, um 20.30 Uhr, angepfiffen wird – gegen einen weiteren „Mitfavoriten“, den SV Darmstadt 98?

Der FCK muss dringend zu einer klareren Struktur finden, vor allem die Mitte dichtbekommen, denn auch Nürnbergs 1:0 ging ein Distanzschuss aus einer zentralen Position vor dem Sechzehner heraus, aus der eigentlich kein Gegner abziehen darf. Von daher wäre eine echte „Doppelsechs“ angezeigt, mit Gino Fechner neben Mads Albaek. Dagegen, Moritz mal auf die Bank zu setzen, spricht nach dessen Auftritt im Auftaktspiel wahrlich nichts.

Und hinten sollte dringend Lufthoheit hergestellt werden. Die Lilien erzielten ihren Siegtreffer am Samstag gegen Fürth wieder einmal wie in guten alten Dirk Schuster-Zeiten: Via Flugball nach Standardsituation, auch wenn Dampframme Aytac Sulu den Treffer ausnahmsweise mal nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Fuß über die Linie bugsierte. Da müsste schon mit Stipe Vucur neben Koch gegengehalten werden. Giuliano Modica hat sich in Nürnberg ohnehin verletzt, war zuvor aber auch keine Offenbarung. Und ob Correia bis Freitag wieder fit ist, muss auch erst einmal abgewartet werden.

Und vorne? Reicht’s ja bei Lukas Spalvis vielleicht mal für einen Startelfeinsatz.

Fazit: Die Baustellensituation beim FCK ist aktuell ähnlich dramatisch wie die auf Deutschlands Straßen. Bezüglich Verbesserung muss Deutschland auf Alexander Dobrindt hoffen, der FCK auf Norbert Meier. Wenigstens das klingt doch nach einem Vorteil für Lautern.

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