Spielanalyse: Halfars Treffer lässt die Lilien fast verwelken – oder: Wie sich mit wenig Ballbesitz beinahe gewinnen lässt

Wie kann ich mit einem noch nicht eingespielten Team gegen eine Spitzenmannschaft der Zweiten Liga gewinnen? Keine einfache Frage, die sich Cheftrainer Norbert Meier vor dem Heimdebüt seines 1. FC Kaiserslautern gegen den SV Darmstadt 98 zu stellen hatte. Seine Elf hat sie am Freitagabend besser als erwartet beantwortet. Mit etwas mehr Glück und der ein oder anderen besseren Entscheidung in aussichtsreichen Positionen hätte der FCK aus seinem 1:1 (1:0) gegen die Hessen durchaus einen Sieg machen können. Und das mit einem Ballbesitzanteil von nur 31 Prozent, was möglicher Weise einen  historischen Tiefstwert bei einem Heimspiel des FCK darstellt.

Wie das geht? Ganz einfach: Bei Ballgewinn stante pede in die Spitze spielen – und eigene Ballbesitzphasen weitgehend streichen. Die pragmatische und somit typisch Meiersche Reaktion auf den Ist-Zustand seiner Truppe: Nach einer Vorbereitung mit zu wenigen echten Testes, etlichen vorübergehenden Ausfällen und einigen erst allmählich zurückkehrenden Langzeitverletzenden stellt der FCK 2017/18 bekanntlich noch keine Einheit dar. Dafür scheint nun wenigstens der „Spirit“  zu stimmen.

WENN DER SPIRIT STIMMT, DARF ES AUCH MAL EIN GLÜCKSSCHUSS SEIN

Dass es unter diesen Voraussetzungen auch mal einen „Glücksschuss“ braucht, um in Führung zu gehen, gehört dann eben mal dazu – da konnte sich  Lilien-Trainer Torsten Frings hinterher noch so sehr grämen. Allerdings hatten auch die Hessen bis zum Zeitpunkt von Daniel Halfars 1:0 (39.) nicht viel zu Wege gebracht, obwohl sie sich längere Ballstafetten leisteten. Was wiederum daran an der stabilen Defensivanordnung der Lautrer lag, die Meier wirkungsvoll variiert hatte.

Unter anderem hatte er Benjamin Kessel in seine Abwehrreihe eingebaut. Diese war wie im letzten Viertel der Vorsaison wieder als Dreierkette formiert. Der 1,91 Meter große Lautern-Heimkehrer stellte gemeinsam mit dem mittleren Innenverteidiger Stipe Vucur vor allem Lufthoheit her. Die lässt sich auch statistisch belegen: Am Ende hatten die Lautrer 63 Prozent ihrer Kopfballduelle gewonnen, ein stolzes Ergebnis angesichts der Tatsache, dass Darmstadt vor allem nach Standards in der oberen Etage schon seit Dirk-Schuster-Zeiten außerordentlich stark agiert, dank Dampframmen wie Aytac Sulu und gefühlvollen Flankengebern wie Tobias Kempe. Mit dem Schädel wirklich gefährlich wurde nur Artur Sobiech in der 16. Minute.

EIN FLEISSIGES PRESSING-TRIO ZWINGT DARMSTADT ZU FEHLERN

Dass die Lilien mit ihrem vielen Ballbesitz nicht viel anfangen konnten, weil ihnen nahezu alles zu ungenau geriet, lag am konzentrierten hohen Pressing der Lautrer, für das in vordersten Linie diesmal ein Trio verantwortlich zeichnete: Daniel Halfar, Baris Atik und Osayamen Osawe, die bei Ballbesitz ein Dreieck bildeten, in dem Osawe die Spitze bildete. Gegen den Ball rückte Halfar ins Zentrum und Osawe nach rechts, wohl, weil der Kapitän das Anlaufen smarter zu organisieren versteht als der Engländer.

Insgesamt wirkten diese Manöver wesentlich aggressiver als das Attackieren mit zwei Stürmern im zuletzt üblichen 4-4-2 gegen den Ball. Im Gegensatz zum 3-1-4-2, das in vergangenen Spielzeit praktiziert wurde, klappte in dieser 3-4-2-1-Variation auch die Flügelsicherung besser – nur in einer Situation nicht, und die führte prompt zum 1:1. Markus Steinhöfer, mittlerweile als rechter Verteidiger unterwegs, durfte über seinen Flügel allzu ungestört in den Lautrer Strafraum marschieren und nach innen passen.

Der eingewechselte Jamie MacLaren stand in der Mitte übrigens nicht im Abseits, wie das Pfälzer Publikum monierte. Die Fernsehbilder belegen, dass der Australier sich im Moment des Abspiels hinter dem Ball befindet. Marius Müller kann seinen Schuss aus kurzer Distanz zwar parieren, allerdings bekommen seine Vorderleute den Abpraller nicht geklärt, so dass Wilson Kamavuaka ungestört aus dem Rückraum einnetzen kann.

MÜLLER ÜBERWINDET NÜRNBERG-TRAUMA

Apropos Müller: Nach den traumatischen Erlebnissen vom vergangenen Wochenende in Nürnberg hatte sich der 24-jährige wieder gut gefangen, wirkte vor allem bei hohen Flugbällen sicher. Als Fußballer hat sich Gerry Ehrmanns Lieblingsschüler in Leipzig allerdings nicht unbedingt weiterentwickelt. Das wurde am Freitagabend vor allem im Vergleich zu seinem Gegenüber Daniel Heuer Fernandes deutlich, der den mitspielenden Torhüter moderner Prägung par excellence interpretierte. Erstaunlich, dass der Deutsch-Portugiese – so souverän, wie er auftritt – erst 15 Zweitligaspiele auf dem Buckel hat.

In der Aufrechnung der qualitativ höherwertigen Torchancen, die in der beliebten Diskussion, ob Resultate „verdient“ sind, ja immer eine große Rolle spielen, hatte Lautern trotz wenig Ballbesitz am Ende sogar die Nase vorn. Unmittelbar nach dem 1:1 kam der eingewechselte Manni Osei Kwadwo im Darmstädter Strafraum frei zum Schuss – da hätte man sich Baris Atik noch auf dem Feld gewünscht, der Sekunden vorher für ihn vom Platz gegangen war.

Und in der Nachspielzeit scheiterte Christoph Moritz an Daniel Heuer Fernandes. Osei Kwadwo hatte den für Halfar eingewechselten Mittelfeldspieler  überraschend freigespielt. „Da waren wir offen, weil wir ein Stück weit zu gierig waren, noch den Siegtreffer zu machen“, analysierte Torsten Frings hinterher.

WIE ATIK EINE „HUNDERTPROZENTIGE“ HÄTTE AUFLEGEN KÖNNEN

Nicht zu vergessen: Die Szene unmittelbar nach der 1:0-Führung, die mit einer passablen Schusschance für Gino Fechner endet. Wer die Entwicklung von Halfars öffnendem Pass an verfolgt, erkennt jedoch, dass die Möglichkeit noch größer gewesen wäre, hätte Atik dem durchstartenden Leon Guwara durchgsteckt statt in die Spielfeldmitte zu dribbeln:

 

Dass Lautern aus vergleichsweise wenig Ballbesitz viel machte, belegt auch die Passgrafik von „11tegen11“.

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 Viele kleine Punkte bedeuten: wenig Ballbesitz. Am meisten bewegte sich der Ball in der Dreierkette, die vor allem in der zweiten Hälfte phasenweise auch zur Fünferkette mutierte.

Wenig mit Pässen zu glänzen vermochte diesmal, obwohl viel in Bewegung, Mads Albaek. Wenn die Räume richtig eng werden, verliert der Däne aus Göteborg den Zugriff auf Spiel. Gut visualisiert ist auch die umtriebige Arbeit des offensiven Pressingtrios mit Halfar in der Mitte.

Welche Erkenntnisse aus diesem Auftritt fürs nächste Spiel zu ziehen sind?

Wünschenswert wäre, dass sich diese Formation nun einspielen kann. Gegen den schleswig-holsteinschen Oberligisten SV Eichede, gegen der FCK am kommenden Samstag (15.30 Uhr) im DFB-Pokal in Lübeck antritt, bietet sich dazu eine prima Gelegenheit.

Zu überlegen wäre allenfalls, Osawe durch Lukas Spalvis oder Gervane Kastaneer zu ersetzen. Die noch nach Form suchenden Neuzugänge könnten so weiter in die Mannschaft wachsen, und gegen den mit Sicherheit tiefstehenden Gegner wird Osawe seine Schnelligkeit ohnehin nicht ausspielen können. Und Lautern nicht umhin kommen, den Ball mal wieder länger durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Denn nur vertikal spielen, ist auf Dauer auch keine Lösung.

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