Gästeblog: „Eichede ist nicht nur Eichede, sondern die Nummer 1. Im Kreis Stormarn“ – Von einem Gegner, den man mögen muss

„Der DFB-Pokal ist der letzte Marktplatz, auf dem sich die Extreme des Fußballs begegnen können“, schreibt FCK-Teufelsratsmitglied Marcel Reif in seinem Buch „Nachspielzeit. Ein Leben mit dem Fußball“. „Die Großen und die ganz Kleinen. Das Hochprofitum und das Ehrenamt. Die Ernährungswissenschaftler der Spitzenklubs und die Brötchenschmierer an der Essensausgabe auf dem Dorfplatz.“ Am kommenden Samstag ist es wieder soweit. Der 1. FC Kaiserslautern darf sich rund 650 Kilometer in den Norden Deutschlands bewegen, nach Lübeck, wo um 15.30 Uhr sein Spiel gegen den schleswig-holsteinschen Oberligisten SV Eichede angepfiffen wird. Erste Hauptrunde im DFB-Pokal.

Voll wird die Arena wohl nicht werden, fasst sie doch 15.000 Zuschauer. Mehr als 4000 Anhänger wird der Verein, der aus einem Stadtteil der 23.000-Seelengemeine Steinburg kommt, jedoch nicht mitbringen können, und allzu viele FCK-Fans werden die strapaziöse Anreise nicht in Kauf nehmen. Plus ein paar neutrale Fußballinteressierte, da wird man unterm Strich zufrieden sein, wenn die Bude zur Hälfte gefüllt ist. Der Anteil aus den Einnahmen, die sich die Vereine anschließend mit dem DFB, wird für Lautern nicht der Rede wert sein, die Vereinskasse des SV Eichede dagegen durchaus füllen.

KEIN MASSENTRANSPORT, ABER JUNIOREN UND SENIOREN KOMMEN IM EXTRA-BUS

„Lübeck ist ja nur 30 Kilometer weg, da finden die Leute schon von allein hin. Warum hätten wir da einen Massentransport organisieren sollen?“ fragt Ralf Maltzahn, stellvertretender Vorsitzender des SV Eichede. Einen Extra-Bus stellt der Verein allerdings zur Verfügung: „Da sitzen unsere Junioren drin, die Zweite Herrenmannschaft und ein paar Rentner, die uns um eine Mitfahrgelegenheit gebeten haben.“ Eichede mag klein sein, aber Fußball ist da eben noch eine Drei-Generationen-Angelegenheit. Da schimmert eben noch exakt der Hauch Romantik hindurch, der den DFB-Pokal auszeichnet.

Und den auch Marcel Reif sehr anschaulich beschreibt:

„Die Kleinen leben von der Aussicht, einmal den Mantel der Geschichte an sich vorbeiflattern lassen zu können, wenigstens für einen Tag, wenigstens den Zipfel dieses Mantels. Für diese Momente ist der DFB-Pokal erfunden worden, und wer ihn für einen Nebenwettbewerb hält, hat nichts begriffen. Für die Hygiene in diesem Sport ist er unendlich wichtig. Je mehr die da oben guardiolaartig abheben und den Fußball zur Wissenschaft hochbeamen, mit Gesetzmäßigkeiten, die nur sie verstehen, desto mehr müssen sie in Kontakt gebracht werden mit dem, was man Basis nennt. Im DFB-Pokal kriegt diese Basis eine Gestalt und ein Gesicht und einen Geruch, den Geruch von gemähtem Rasen und gebratener Wurst (…)“

DER SOHN DES POKALSIEGERS WIRD WOHL ZUSCHAUEN MÜSSEN

Ralf Maltzahn ist nicht nur Vize, sondern auch Sicherheitsbeauftragter und  Stadionsprecher des Klubs, außerdem schreibt er die Mundart-Kolumnen fürs Vereinsmagazin, das übrigens frisch, modern und mit zahlreichen Annoncen daherkommt. Von wegen Provinz, von wegen Oberliga.

„Eierlegende Wollmilchsau“ nennt Ralf Maltzahn sich selbst, er, der „auf die 60 zugeht und gleichzeitig auf sein 50-jähriges im Verein.“ Selbst ambitionierter gekickt hat Maltzahn nur in der Jugend, denn „in den Moped-Jahren bekam ich andere Flausen in den Kopf“, also hat es später nur noch zum Funktionär gereicht, dazwischen hat er  die Dritte und Vierte Herrenmannschaft mitgegründet.

Für sportliche Qualität hat der Vize jedoch auch in der aktuellen Ersten Mannschaft des Oberligisten gesorgt: Sein Sohn Torge, nunmehr 30, gibt beim SVE jetzt den Routinier im Mittelfeld. In jungen Jahren hat der Filius sogar mal beim Hamburger SV in der Jugend gekickt. Am Samstag wird Torge möglicher Weise als Kapitän des SVE auflaufen, falls der etatmäßige Spielführer Nico Fischer nicht dabei sein kann, und danach sieht’s derzeit leider aus.

Schade, denn Nico Fischer hat von allen SVE-Kickern die größte Nähe zum DFB-Pokal. Sein Vater Andreas hat den Pott mal gewonnen, 1993, als Profi von Bayer Leverkusen. Anschließend spielte er noch vier Jahre beim HSV, bestritt seine letzte Saison 1997/98. Am 34. Spieltag stand er jedoch nicht mehr im Kader, sonst wäre er dabei gewesen, als die Meistermannschaft des 1. FC Kaiserslautern im Volksparkstadion die Schale in Empfang nahm und anschließend ihrer Ehrenrunde drehte – bejubelt übrigens auch von den HSV-Fans. Wer, wie der FCK-Blogwart, damals dabei war, bekommt bei der Erinnerung daran noch heute Gänsehaut…

ALS ERNST HAPPEL MIT GLIMMENDER KIPPE ZUR TRAINERBANK SCHLURFTE

In Eichede dagegen hat der große Fußballzirkus nur einmal Station gemacht – und davon reden die Älteren noch heute. 1982 war das. Der HSV suchte kurzfristig einen Testspielpartner, der SVE meldete sich, organisierte die Partie innerhalb von nur fünf Tagen – und 5000 Zuschauer kamen ins Eicheder Stadion. Die Szene, in der Trainerlegende Ernst Happel mit der glimmenden Zigarette im Mundwinkel durch die Zuschauerreihen hindurch zu seiner Trainerbank schlurfte, hat sich für alle Zeiten in Ralf Maltzahns Gedächtnis eingebrannt.

Was nicht heißt, dass der Klub und seine Funktionäre in der Vergangenheit leben. Eichede mag Provinz sein, ist aber solide aufgestellt, und versteht es, sich in der Gegenwart mit Sinn und Verstand einzuordnen. Dass man im Sommer aus der Regionalliga abstieg, sieht niemand als Beinbruch an. „Für einen Dorfverein, wie wir es nunmal sind, kann es nicht das Ziel sein, sich dauerhaft in der Regionalliga zu etablieren“, erklärt Ralf Maltzahn. „Wenn wir alle paar Jahre mal dorthin aufsteigen, nehmen wir das gerne mit, aber es ist für uns nicht mehr als ein Abenteuer.“

GESUNDE STRUKTUR UND GUTER RUF ZÄHLEN MEHR ALS REGIONALLIGA

Wichtiger ist dem Verein, sich seine gesunde Struktur zu bewahren. Gegenwärtig sind alle Juniorenklassen mit eigenen Mannschaften besetzt, das ist längst nicht mehr selbstverständlich in der Provinz. „Wir haben einen guten Ruf“, erklärt Ralf Maltzahn. „Die Jungen wissen, dass wir gerade im höheren Juniorenbereich sehr leistungsorientiert arbeiten, mit gut ausgebildeten Trainern. Da brauchen wir nicht übers Land zu tingeln, um Spieler anzuwerben. Die kommen von alleine.“ Eine Handicap-Mannschaft hat der SVE ebenfalls formiert.

 „Eichede ist nicht nur Eichede, sondern die Nummer 1. Im Landkreis Stormarn“, schließt der Vize seine Ausführungen. Das klingt keinesfalls hochtönend, sondern norddeutsch trocken. Wie es halt jemand sagt, der weiß, was er sagt. Wenn alle Eicheder so auftreten, sollte sich der FCK am Samstag vorsehen. Und sich dennoch auf die Begegnung freuen, auch wenn der Weg weit ist. Denn hier oben, im hohen Norden, weht noch ein bisschen von dem Geist, den sie am Betzenberg so gern heraufbeschwören.

Wie lautet doch die durchgekauteste aller Reporterfloskeln zu diesem Wettbewerb? Richtig: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. In seiner „Nachspielzeit“ ergänzt Marcel Reif dazu, der DFB-Pokal sollte tatsächlich seine eigenen Gesetze haben – „und wenn er diese Gesetze hätte, müsste im ersten Artikel stehen, dass er unantastbar ist.“

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