Spielanalyse: Was ist so ein 4:0 wert? „Tore tun immer gut“ – und noch ein paar Einsichten mehr

4:0 gegen einen Oberligisten im DFB-Pokal. Was ist das wert, außer, dass der 1. FC Kaiserslautern eine Runde weiter ist? Das Schöne am Fußball ist doch, dass aus 90 Minuten, die vor allen Augen gleich abgelaufen sind, jeder seine eigene Wahrheit herauslesen kann. Das gilt erst recht für die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was ein Sieg gegen einen drei Klassen tiefer spielenden Gegner an Erkenntnisgewinn für den anstehenden Liga-Alltag bringt.

Der „sky“-Reporter hat den Lautrern am Ende eine „weiter aufsteigende Form“ attestiert. Die „Rheinpfalz“ hat einen engagierten und spielfreudigen FCK gesehen, bei dem es wieder mal an der Chancenverwertung haperte. Der „kicker“ fand die Roten Teufel  „souverän“, allerdings erst nach „verhaltenem Beginn“. Die Stimmungslage in den Fan-Foren ist so mittel, „weder berauschend noch enttäuschend“ sei hier als repräsentatives Urteil zitiert. Geht’s auch ein wenig konturierter?

Versuchen wir mal, genauer hinzugucken.

Zunächst: Norbert Meier hat die gleiche Startelf wie zuvor im Ligaspiel gegen Darmstadt aufgeboten. Offenbar will er seinem Team Gelegenheit geben, sich weiter einzuspielen und seine neue Grundordnung zu stabilisieren. Diese nämlich wurde – aus Gründen, die wir in den vergangenen Wochen erschöpfend erörtert haben – in der Vorbereitung nicht gefunden, die 0:3-Pleite in Nürnberg zum Liga-Auftakt hat dies überdeutlich belegt.

KANINCHEN GEGEN SCHLANGE? NICHT GEGEN DEN SV EICHEDE

Gleiche Elf also, aber eine andere Aufgabenstellung. Vor Wochenfrist hat der FCK dem Erstliga-Absteiger Darmstadt den Ball weitgehend überlassen, selbst stets den direkten Weg nach vorne gesucht, sich so aber mit nur 31 Prozent Ballbesitz ein Chancenplus herausgespielt, das gut und gerne hätte zum Sieg reichen können.

Diesen Gegner aber dürfte Meier tief stehend erwartet haben. Das heißt, die gleiche Truppe wäre nun aufgerufen gewesen, selbst das Spiel zu machen zu, den Gegner vor dessen Strafraum mit schnellen Ballstafetten in Bewegung zu bringen, Lücken zum Pass zu finden… Hätte interessant werden können. Hätte.

Denn tatsächlich hatte der SV Eichede gar nicht im Sinn, mit dem FCK Schlange und Kaninchen zu spielen. Die Nordmänner starten mit einem äußerst selbstbewussten, forschen, konzentrierten Pressing, wie es auch durchschnittliche Zweitligateams nicht besser hinbekommen. Sie verdichten das Spiel in der Mitte, zwingen die Lautrer so, den Ball über die Seiten nach gleich lang nach vorne zu spielen, wodurch zunächst mal nichts Zwingendes entsteht.

Und wie würde in einem durchschnittlichen Zweitligakick nun doch vielleicht ein Tor fallen? Richtig: Nach einer Standardsituation.

Es fällt zwar nicht direkt nach einer Daniel Halfar-Ecke, sondern  nach deren zu kurzer  Abwehr. Baris Atik nimmt den Ball auf und steckt sauber auf den halblinks in den Raum startenden Gino Fechner auf, dessen Flanke Benjamin Kessel nicht unbedingt bilderbuchmäßig annimmt. SVE-Schlussmann Julian Bartmann kann abwehren, doch im anschließenden Gestochere schiebt Osayamen Osawe das Leder über die Linie.

MUT WIRD NICHT IMMER BELOHNT – DIE PRESSINGLINIE WIRD ÜBERSPIELT

Beim Lautrer 2:0, das ebenfalls noch in der ersten Hälfte fällt, offenbart sich einmal mehr, dass Mut im Fußball eben doch nicht immer belohnt wird: Der SVE wird Opfer seines eigenen, forschen Pressings. Lautern überspielt die viel zitierte „erste Pressinglinie“ und nutzt dann die Räume – und zwar so schön, wie es der Mannschaft in den vergangenen Jahren nur selten gelungen ist. Marius Müller schlägt kurz auf Robin Koch ab, der lupft auf Atik, und dann geht es endlich mal schnell und direkt und über  mehrere Stationen. Atik lässt auf Fechner prallen, der leitet weiter auf Osawe, Osawe auf Halfar, Halfar setzt Philipp Mwene auf der rechten Seite ein,  der flankt und trifft am langen Eck die Stirn des 1,69 Meter großen Atik.

Der Schönheit und des Seltenheitswerts wegen hier das Ganze nochmal als Videoclip:

 

In der Halbzeit bringt Meier Gervane Kastaneer für Halfar, nach eigenem Bekunden, weil Halfar nach einem Foul leicht angeschlagen ist, wohl aber nicht länger ausfällt. Dem Niederländer in diesem Kick, bei diesem Spielstand, weitere 45 Minuten Spielpraxis zu gönnen, wär allerdings auch so kein schlechter Zock gewesen. Kastaneer deutet einmal mehr an, dass er zu einer Top-Offensivkraft werden kann, wenn er mal hundertprozentig fit ist.

Nach dem 3:0  durch Osawe – er nickt eine Kopfballverlängerung Kochs nach einer Atik-Ecke unter die Latte – gehört der Ball endgültig den Lautrern. Ob sie mit den langen Ballstafetten, die sie bis zum Spielende nun tatsächlich spielen können, auch was fürs Spielverständnis im kommenden Ligaalltag getan haben, muss sich allerdings erst noch weisen.

73 PROZENT BALLBESITZ? HAT NICHTS ZU BEDEUTEN

Denn Wettkampfbedingungen herrschen in der Schlussphase nicht mehr wirklich. Die Eicheder versuchen zwar immer noch anzulaufen, sind nun allerdings erheblich langsamer geworden, da macht sich der Amateurstatus nun doch bemerkbar. So dass es für Lautern nicht sehr schwer ist, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. So richtige Drucksituationen aus dem Passspiel heraus aufzubauen, gelingt den Pfälzern aber auch nicht richtig. Das 4:0 durch den eingewechselten Christoph Moritz folgt ebenfalls nach einer zu kurz abgewehrten Ecke.

Die 73 Prozent Ballbesitz, die am Ende für den FCK zu Buche stehen, ergeben sich somit in erster Linie aus der letzten halben Stunde und zeigen einmal mehr, mit wie viel Vorsicht dieser statistische Wert zu genießen ist.

WAS BLEIBT? EIN PAAR ERKENNTNISSE – UND HOFFNUNGEN

Wir notieren statt dessen:

Die Dreier-/Fünferkette im Defensivverbund, die sich gegen Darmstadt bereits bewährte, scheint sich auch als Grundordnung für diese Spielzeit herauszukristallisieren: Die Spielweise kommt nicht nur den Außenbahnspielern Mwene und Guwara entgegen, die erneut zu den Besten gehörten – auch Benjamin Kessel blüht als rechter Innenverteidiger zusehends auf. Mit sechs Torschüssen war der Heimkehrer das mit Abstand torhungrigste Glied der Dreierkette.

Das Sechserpärchen Mads Albaek/Gino Fechner macht ebenfalls Spaß. Beide können attackieren, organisieren und kluge, präzise Bälle spielen. Da reift vielleicht eine Schaltzentrale heran, die schon bald höheren Ansprüchen genügen kann. Und für Moritz wird es schwer, in die Startelf zurückzufinden.

Das offensive Trio lässt Meier noch viel Raum für Variationen, erst recht, wenn Gervane Kastaneer, Lukas Spalvis und Kacper Przybylko in vollem Umfang zur Verfügung stehen. Es kann als Dreieck mit einem Stürmer als Spitze formiert werden, so wie in der ersten Hälfte mit Osawe und Atik/Halfar dahinter, oder umgekehrt mit dem Zehner vor zwei Stürmern, so wie in Halbzeit zwei mit Atik sowie Kastaneer/Osawe und später Borrello.

Und der quirlige Atik scheint der FCK-Spieler mit dem höchsten Unterhaltungswert werden.

„Tore tun immer gut“, meinte Gino Fechner hinterher, und Osayamen Osawe will die „Winner Mentality“ von Lübeck mit nach Düsseldorf nehmen, wo der FCK am Samstag auf Fortuna Düsseldorf  trifft. Wir hätten nichts dagegen.

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