Spielanalyse: Ein 1:1 mit „Power“, aber nicht unbedingt mit „Glory“ – dafür keimt „Hope“

Also, die üblichen Reporterphrasen mal gleich vorweg: Ja, das Spiel hatte zwei Halbzeiten. Und ja, es könnte ein Punkt für die Moral gewesen sein. Und, ja, es ist ein schöner Funfact, dass Gervane Kastaneer erst getroffen hat, nachdem er seinen Augenschutz los war, frei nach dem Motto: Mit Brille wär das nicht passiert… Aber was bleibt an etwas differenzierteren Erkenntnissen aus der Partie des 1. FC Kaiserslautern gegen Eintracht Braunschweig?

Auch hier schon mal die Kurzfassung vorweg: Seine Grundordnung für diese Spielzeit hat der 1. FC Kaiserslautern immer noch nicht gefunden. So langsam könnte sich aber eine etablieren, nachdem gleich mehrere Kicker am Montagabend andeuteten, dass sie die in sie gesetzten Erwartungen allmählich zu erfüllen beginnen. Ob es da Sinn macht, kurzfristig mit wenig Geld nochmal auf dem Transfermarkt zuzuschlagen und das langsam zusammenwachsende Mannschaftsgefüge nochmal zu verändern? Nerven behalten und konzentriert weiterarbeiten erscheint uns jedenfalls als die bessere Alternative.

GLEICHES SYSTEM, ABER WENIGER AGGRESSIV: DA DARF DER GEGNER SPIELEN

Zum Spiel: Erwartet hatte man die Anordnung und den Spirit vom Heimspiel gegen Darmstadt. Drei Offensive, die weit vorne attackieren, dahinter der dicht gestaffelte  Rest, der bei Ballgewinn auf Ballbesitzspiel pfeift und den direkten Weg nach vorne sucht.

Das 3-4-2-1, das FCK-Coach Norbert Meier gegen die Lilien formierte, ist auch gegen Braunschweig zu erkennen. Nur fehlt das aggressive Pressing. Die Drei vorne visieren gegen den Ball die Hintermannschaft der Eintracht zwar an, machen ihr aber nicht richtig Feuer.

Taktische Vorgabe des Trainers? Oder fehlt in vorderster Linie „Pressing-Leader“ Daniel Halfar? Meier lässt ihn weiter zurückgezogen agieren, neben Mads Albaek, für Gino Fechner. Dafür hat er vorne Kastaneer eingebaut. Der agiert meistens zentral, Osayamen Osawe dahinter versetzt rechts, Baris Atik links. Gelegentlich wird geswitcht.

Effekte fürs Lauterer Offensivspiel: Zunächst mal null. Benjamin Kessel hinterher: „Uns hat einfach die Sicherheit gefehlt.“ Der „kicker“-Ticker meldet nach 15 Minuten: „Lautern hat 57 Prozent Ballbesitz, gewinnt aber nur 43 Prozent seiner direkten Duelle. Die Löwen sind bissiger unterwegs“. Gut gesagt. Im Darmstadt-Spiel war’s tendenziell umgekehrt.

LEIDER WAHR: NACH HALFARS AUSWECHSLUNG WERDEN DIE STANDARDS BESSER

Erste Riesenchance für Braunschweig: Suleiman Abdullahi und Salim Khelifi kombinieren sich leichtfüßig in den Lautrer Strafraum, FCK-Keeper Marius Müller macht sich groß, rettet. Seine Vorderleute lernen daraus allerdings nicht viel. Zehn Minuten später: Wieder Abdullahi und Khelifi, der Schweizer vernascht Stipe Vucur, passt auf Onel Hernandez, der sich in den Rücken von Benjamin Kessel stiehlt – drin.

Kurz vor der Pause muss Halfar raus. Hat nach einem Schuss gegen den Schädel eine Gehirnerschütterung erlitten. Und ohne ins menschlich und sportlich fragwürdige Gebashe in diversen Fanforen gegen den stets engagierten, aber immer auch wenig unglücklichen agieren Kapitän einstimmen zu wollen: Die Standards werden ohne ihn tatsächlich besser. Ein Flugball von Atik stiftet kurz vor der Pause mal richtig Verwirrung im Braunschweiger Strafraum, ansonsten bleibt die einzige Lauterer Torschance der ersten Halbzeit eine Art Kopfbällchen von Kastaneer.

NACH DER PAUSE: MEHR BREITE IM 4-2-3-1

In der Pause formiert Meier um. Philipp Mwene geht raus, Manni Osei Kwadwo kommt, das Team ordnet sich mit Ball im 4-2-3-1 an, wobei Kastaneer in der Mitte bleibt, Osawe rechts. Gegen den Ball im 4-4-2, Kastaneer und Atik pressen in der Mitte, doch auch die Flügelspieler rücken weit nach vorne.

Und so „in“ die variablen Dreier-/Fünferketten in den ersten beiden deutschen Ligen derzeit auch sein mögen: Das Lautrer Spiel bekommt mit der guten, alten Viererkette mehr Struktur. Ist nun breiter angelegt, über die Außenbahnen geht mehr, weil sie doppelt besetzt sind. Rechtsverteidiger Benjamin Kessel wird zum torgefährlichsten Lautrer, zwei gute Torschüsse, eine abgefälschte Flanke, die beinahe ins lange Eck fällt. Osawe trifft nach einem Atik-Freistoß die Unterkante der Latte.

Überhaupt Atik. Dem Jungen ist anzumerken, dass er die Zehner-Rolle an sich reißen will. Und es auch könnte. Immer wieder gute, schnelle Drehungen, leider aber auch Fehlpässe in Situationen, der er eigentlich besser lösen könnte. Talent halt. Sollte daher auch einen Fehlerbonus beanspruchen dürfen, aber das Publikum am Betzenberg ist ungeduldig, erst recht, wenn das eigene Team in Rückstand liegt.

Auf der Gegenseite kommt Joseph Batto nochmal frei vor Müller zum Schuss, doch der reagiert genauso glänzend wie in der ersten Halbzeit.

HOFFNUNGSTRÄGER: KASTANEER, CORREIA, OSEI KWADWO

Dann der Auftritt von Kastaneer: Dribbelt über links in den Strafraum, flankt flach, Osawe und Ken Reichel gehen zum Ball, Reichel fälscht ins lange Eck ab – 1:1. In der Schlussphase Lautern dann nochmal richtig engagiert, kommt mit Wucht über die Mittellinie, wenn in der eigenen Hälfte der Ball gewonnen wird. „We have Power“, findet denn auch Torschütze Kastaneer hinterher. Fehlt halt nur noch „Glory“. „Hope“ darf man auf jeden Fall haben.

Der Niederländer hat das erste Mal über 90 Minuten durchgespielt. Und weiter die guten Ansätze vertieft, die er bei seinen Kurzeinsätzen bereits angedeutet hatte. Ebenfalls ein Hoffnungsträger: Marcel Correia, der in seinem ersten Pflichtspiel seit beinahe einem halben Jahr ebenfalls 90 Minuten durchhielt, nicht auf Anhieb alles richtig machte, aber zunehmend stärker wurde, vor dem 1:1 auch den langen Ball auf Kastaneer schlug.

Zudem gefiel Osei Kwadwo als wirklich belebendes Element. Die Drei sind für die nächste Zukunft schon mal auf der Habenseite zu buchen, vielleicht ist auch Lukas Spalvis bald soweit, gegen Braunschweig war er wieder nur zwölf Minuten dabei, wirklich urteilen lässt sich darüber nicht.

BRAUCHT ES TATSÄCHLICH NOCH NEUVERPFLICHTUNG?

Weniger gut: Philipp Mwene hat nach seiner Riesenrunde vergangene Saison anscheinend einen Durchhänger. Und Mads Albaek hat den Eindruck, ein neues Alphatier zu sein, seit seinem imposanten Auftritt bei der Generalprobe gegen Derby County bislang nicht mehr bestätigt. Immer mal ein genialer langer Ball, hier und da ein tolles Kabinettstückchen, dann aber Ballverluste, wenn er unter Druck gerät und insgesamt keine durchgehende Präsenz – Christoph Moritz 2.0, nur tiefer agierend. Moritz nahm diesmal übrigens wegen einer kurzfristig erlittenen Fußverletzung nicht auf der Bank Platz.

Insgesamt aber könnte sich durchaus noch was entwickeln aus diesem FCK 2017/2018. Was die Frage aufwirft, ob Neuverpflichtungen kurz vor knapp, die eher Kaderergänzungen als Verstärkungen wären, tatsächlich noch Sinn machen. Beispielsweise soll der Bochumer Peniel Mlapa bei Lautern im Gespräch sein: Trotz seiner 1,93 Meter Körpergröße kein Kopfballmonster, das tatsächlich gut zu gebrauchen wäre, sondern einer, der über Speed kommt, wenn er den Raum dafür hat – ein zweiter Osawe also, nur einen Kopf größer.

Und noch eine Erkenntnis: 20.100 Zuschauer an einem Montagabend. Das war dann am Ende doch nicht ganz so schlimm wie zunächst befürchtet, zeigt aber: Dass Montagsspiele nicht mehr live im Free-TV übertragen werden, scheint sich auf den Stadionbesuch nicht auszuwirken. Zumindest nicht am Betzenberg. Das braucht andere Anreize.

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