Analyse: Wo bitte geht’s hier raus aus dem Keller? „Druff unn ewerre“ wäre kein schlechter Ansatz

Länderspielpause = Zeit für eine Zwischenbilanz. So ist es vergangene Saison in diesem Blog gehalten worden, so soll es auch in dieser Spielzeit sein. Auch wenn der Statusbericht nicht sehr erfreulich ausfällt. Zuvor aber wollen wir uns mit den Personalien beschäftigen, die der 1. FC Kaiserslautern unmittelbar vor Schließung des Sommertransferfensters noch klarmachte.

Zum Stichtag 31. August löste der Verein die Verträge mit Naser Aliji und Jaques Zoua auf – offenbar, nachdem sich niemand gefunden hatte, der sie aus ihren laufenden Verträgen herauskaufen wollte. Das hat zwar zusätzliche Kosten verursacht statt Einnahmen beschert, ist aber die vernünftigere Entscheidung, als aussortierte Kicker weiterhin als totes Kapital auf der Payroll zu führen. Mit Aliji ist wieder einmal ein eigentlich guter Fußball an den Kriterien „Tempo und Zweikampfhärte“ gescheitert, die Spieler im deutschen Unterhaus anscheinend unabdingbar erfüllen müssen. Für Zoua hat der FCK wohl nicht mehr die Ansprüche eines amtierenden Afrika-Cupsiegers erfüllt – die Gründe, weswegen er sich im Sommer einfach verkrümelte, sind nie offengelegt worden.

KADERERGÄNZUNGEN MIT PERSPEKTIVE: ABU HANNA UND ANDERSSON

Geholt wurde kurz vor Ultimo Joel Abu Hanna (19), ein Innenverteidiger mit linkem Fuß, der auch auf der Außenbahn und auf der Sechs eingesetzt werden kann. Er füllt somit zumindest nominell die Lücke aus, die Robin Koch nach seinem Wechsel zum SC Freiburg hinterlassen hat. Und er kann als Backup für Linksverteidiger Leon Guwara dienen, für den der Kader bislang noch keine Alternative bereithielt. Allerdings: Der Junge aus Talentschmiede von Bayer Leverkusen hat zwar zwei U19-Länderspiele absolviert, aber noch kein Pflichtspiel höher als Junioren-Bundesliga bestritten. Von den Testspielen, die er mit der Ersten Mannschaft der Pillendreher absolvierte, ist allerdings Gutes überliefert.

Aus dem schwedischen Norrköping holte Lautern Sebastian Andersson. Ein 26-jähriger Mittelstürmer von 1,90 Meter Körpergröße, der seine Tore vorzugsweise mit Kopf macht, wie das über ihn kursierende youtube-Video zeigt – so einer hat dem Kader ebenfalls noch gefehlt.

Allerdings hat auch Andersson noch nie in der Zweiten Liga oder einer vergleichbaren Spielklasse gekickt. Und dass sich die Umstellung vom schwedischen auf deutschen Fußball nicht von jetzt auf gleich bewerkstelligen lässt, ist aktuell gerade am Dänen Mads Albaek zu erkennen, der vor einigen Wochen aus Göteborg in die Pfalz kam.

Will sagen: Als Ad hoc-Verstärkungen sind Abu Hanna und Andersson nicht unbedingt anzusehen. Angesichts von nur zwei Punkten aus vier Spielen und Tabellenplatz 17 gegenwärtig wird dies einige Übernervöse im Umfeld des FCK wohl noch panischer machen.

Festzuhalten bleibt auch: Damit hat der FCK von rund acht Millionen Euro an Transfereinnahmen, die er seit Januar erzielte, gerade mal ein Bruchteil in sportliche Qualität reinvestiert. Anscheinend wurde und wird das Geld anderswo gebraucht. Das macht erst recht Sorge.

DER NÄCHSTE UMBRUCH STEHT SCHON FEST

Andererseits: Dass Sportchef Boris Notzon mehr die Perspektiven für Saison 2018/2019 als das Tagesgeschäft in den Fokus rückt, hat durchaus seine Berechtigung – auch wenn es so nicht angekündigt worden sein mag. Doch die Leihspieler Baris Atik, Marius Müller, Leon Guwara und Lukas Spalvis werden den FCK im nächsten Sommer wieder verlassen, zudem laufen die Verträge von Daniel Halfar, Christoph Moritz, Stipe Vucur und Kacper Przybylko aus. Dazu wird wohl wieder mindestens ein frisch geschliffenes Talent gewinnbringend verscherbelt werden müssen, um die Haushaltsbilanz auszugleichen. Aktuell wäre da auf  Philipp Mwene zu tippen.

Vor diesem Hintergrund mutet es schon wie Realsatire an, wenn die „Rheinpfalz“ ihren Artikel über den neuen Sportdirektor mit den Worten überschreibt:  „Netzwerker Notzon setzt auf Kontinuität.“

Der nächste personelle Umbruch steht nämlich schon fest. Abgemildert werden könnte er allenfalls dadurch, dass möglichst viele Spieler mit längerfristigen Perspektiven in dieser Saison ihre Feuertaufe überstehen, um in der nächsten Saison auf freiwerdende Positionen nachrücken zu können – so müssten vielleicht nicht wieder neue Kräfte in zweistelliger Zahl angeheuert werden.

Neben Abu Hanna und Anderson könnten das beispielsweise Nicklas Shipnoski, Nils Seufert, Manfred Osei Kwadwo und David Tomic sein, von denen hört und sieht man gegenwärtig durchaus Vielversprechendes.

Heißt aber auch: Für den Rest der Saison müssen es in erster Linie die richten, die auch in den ersten vier Spielen den Kader bildeten. Und die haben sich bislang noch nicht mit Ruhm bekleckert.

HINTEN KEIMT HOFFNUNG – ABER VORNE?

Sieben Gegentreffer haben die Lautrer bereits kassiert, nur zwei Konkurrenten, Kiel und Dresden, haben mehr auf dem Konto. Vergangene Saison stellte der FCK nach Aufsteiger Hannover noch den besten Defensivverband der Liga. Von diesem steht aber nur noch Mwene auf dem Platz, der Rest ist abgewandert.

Hoffnungsschimmer: Marcel Correia hat sich zuletzt gegen Braunschweig ordentlich eingefügt, er verfügt am ehesten über die Persönlichkeit und die spielerische Qualität, ein Abwehrchef zu werden, wie Ewerton es vergangene Saison war. Stark präsentiert sich Keeper Müller, der vor allem mental gewachsen scheint – bewundernswert, wie er nach dem ersten Spieltag die Anfeindungen aus dem eigenen Fanlager wegsteckte.

Auch Benjamin Kessel und Leon Guwara hinterließen bislang einen guten Eindruck, Stipe Vucur hat sich bislang noch keinen richtig schweren Bolzen am Boden geleistet, in der Luft sind seine Qualitäten ohnehin unbestritten. Die Chancen, dass da in der nächster Zeit etwas zusammenwächst, was den FCK in der Tabelle höher steigen lassen kann, stehen zumindest nicht schlecht.

DAS NEUE ALTE LEIDEN: DIE MAGERE TORAUSBEUTE

Vorne dagegen ist nicht ganz so viel Optimismus angesagt. Schon in der vergangenen Saison war die Torausbeute blamabel, nur Absteiger Karlsruhe traf schlechter. Die Bilanz bislang: Zwei erfolgreiche Torschüsse, und auch die glückten nur, weil der Gegner die Bälle auf dem Weg zum Tor noch abfälschte…

Das Datenportal „whoscored.com“ fragt in seinen Analysen stets auch die Stärken („Strength“) einer Mannschaft in den jeweiligen 90 Minuten ab. Bei Kaiserslautern steht da öfter mal „no significant strength“. Deutlicher lässt es sich nicht auf den Punkt bringen.

„11Freunde“ hat vor der Saison an seinem „Zweitliga-Stammtisch“ Vereinsverantwortliche um bewusst launige Antworten auf bewusst launige Fragen gebeten.  „Auch in der neuen Saison werden die Roten Teufel nicht mal aus elf Metern das Tor treffen, Norbert Meier“, neckten die Kollegen den FCK-Coach – und spielten damit eigentlich nur auf die chronische Schwäche der Pfälzer bei Strafstößen an.

Meier antwortete:  „Um gar nicht erst in Gefahr zu kommen, aus elf Metern schießen zu müssen, habe ich ein absolutes Strafraumverbot für meine Mannschaft verhängt. Wir werden daher unser Heil künftig ausschließlich mit Fernschüssen außerhalb des Sechzehners versuchen.“ War witzig gemeint, hat aber nach den ersten vier Spielen der Saison einen bitteren Beigeschmack bekommen. In der Tat gelingen den Pfälzern kaum exakte Zuspiele im Angriffsdrittel, geschweige denn Torschüsse im Strafraum. Am nächsten dran waren Moritz und Osei Kwadwo im Spiel gegen Darmstadt.

Genügt es da, weiter auf die Hoffnungsträger Gervane Kastaneer und Lukas Spalvis zu warten, auf dass sie möglichst bald 100-prozentig fit sind? Und nun auch auf die schnelle Akklimatisation von Neuling Andersson? Oder fehlt es nicht vielleicht doch eher an einem Offensivkonzept, das die Mannschaft dauerhaft durchhalten kann?

ES GEHT NICHT UM EIN SYSTEM, ES GEHT UM EINE EINDEUTIGE HANDSCHRIFT

Müßig zu erörtern ist die Frage, in welchem System die Lauterer die weitere Saison bestreiten sollten. Im jüngsten Heimspiel lief es nach der Umstellung auf 4-2-3-1 wieder mal besser. Im zuvor praktizierten 3-4-2-1/5-3-2 gab es immer mal starke Phasen, in den schwächeren präsentierten sich die Flügel öfter unterbesetzt.

Abstellen lässt sich dieses Manko auf Sicht sicher auch beim Spiel mit Dreierkette, nicht umsonst wird diese mittlerweile auch von den besten Mannschaften der Welt regelmäßig praktiziert. Die Frage ist, was das Lauterer Spielerangebot dauerhaft besser umsetzen kann. Tendenziell wird Meier die Mannschaft zwar so einspielen wollen, dass sie beides beherrscht, doch bräuchte sie zunächst einmal eine Grundordnung, die stabil steht. Da bietet sich unserer Meinung nach ein 4-2-3-1 eher an.

Wichtiger wäre jedoch, dass der FCK endlich zu einem Stil findet, den er über einen längeren Zeitraum pflegt und weiterentwickelt, denn nur so kann er irgendwann dauerhaft erfolgreich sein. Eine klare Handschrift also. Beim 1:1 gegen Darmstadt waren Ansätze zu erkennen, wie diese  aussehen könnte: Drei früh attackierende Offensivspieler, der Rest dahinter dicht gestaffelt, so dass er die unpräzisen Pässe des Gegners, die die Druck ausübenden Offensiven provozieren, direkt erobern kann. Um bei eigenem Ballgewinn schnell und vertikal ins Angriffsdrittel zu spielen. Und Bälle, die in der entstehenden Hektik erst mal wieder beim Gegner landen, ebenfalls direkt wieder zurückholen. Pressing und Gegenpressing also.

Kein Kontrollieren des Spiels, wie es Trainer wie Kosta Runjaic oder Tayfun Korkut pflegen wollen, sondern bewusstes Erzeugen von Chaos – und dann schneller sein als der Gegner. Früher Kloppo-Style. Oder „druff unn ewerre“, wie der Pfälzer sagt.

Würde gut auf den Betze passen, und sah gegen Darmstadt auch nicht schlecht aus, als mit nur 31 Prozent Ballbesitz über 90 Minuten ein deutliches Chancenplus erarbeitet wurde. Beim insgesamt enttäuschenden 0:2 in Düsseldorf hielten Meiers Männer diese Gangart über lange Phasen der ersten Halbzeit ebenfalls gut durch, vermochten nach dem Führungstreffer der Gastgeber aber nicht mehr zurück zu fighten. Gegen Braunschweig war der neue Stil wohl ebenfalls angedacht, allerdings übte sich das vordere Trio in den ersten 45 Minuten zu sehr in Zurückhaltung.

„Wir waren unsicher,“ meinte Benjamin Kessel hinterher, und auch Marcel Correia betonte in diesem Blog bereits, dass die Mannschaft „noch nicht gefestigt“ sei. Ist nach dem gewaltigen personellen Umbruch im Sommer auch kein Wunder. Einerseits.

Andererseits ist es jedoch nicht nur eine Frage des Zusammenwachsens. Vor allem in punkto Laufintensität muss sich der FCK steigern, wenn er gerade diesen Stil kultivieren will. Als Jürgen Klopp Borussia Dortmund mit seinem kompromisslosen Pressing/Gegenpressing-Ansatz 2011 zur ersten Deutschen Meisterschaft unter seiner Regie führte, rannten die Schwarzgelben die Konkurrenz in Grund und Boden.

SORGENFREIE SAISON? DIE WÄRE GAR NICHT GUT FÜR DEN ZUSCHAUERSCHNITT

Lauterns Spieler dagegen haben in den ersten vier Saisonspielen erst 450,04 Kilometer abgespult, das sind 112,5 Kilometer pro Spiel, wie die im „kicker“ veröffentlichten Statistiken dokumentieren. Das ist gegenwärtig der drittschlechteste Wert in der Liga. Angeführt wird dieses Ranking von den überraschend stark gestarteten Bielefeldern, die aktuell Tabellendritter sind: Insgesamt 482,72 Kilometer haben deren Spieler zurückgelegt, im Schnitt 120,68 Kilometer. Laufen pro Spiel also acht Kilometer mehr als Lautern – das ist eine Ansage. Und eine Vorgabe, wenn der neue Stilansatz weiterentwickelt werden soll.

„Druff unn ewerre“, das würde zwar nicht die Fußballweisen und -ästheten begeistern, aber die sind auf dem Betzenberg noch nie zuhause gewesen. „Druff unn ewerre“ stünde für einen emotionalen, mitreißenden Fußball, der gerade in dieser Saison das Lautrer Publikum bei der Stange halten könnte. Denn mal im Ernst: Wenn es dem FCK tatsächlich demnächst gelingt, ein paar Plätze in der Tabelle zu klettern und die von Marketing-Vorstand Thomas Gries geforderte „sorgenfreie Saison“ spielen, wäre das problematisch für den angestrebten Zuschauerschnitt. Da zieht Abstiegskampf wesentlich besser.

„Sorgenfrei“ allein ist nämlich extrem langweilig. Damit einhergehen müsste ein leidenschaftlicher Fußball, der in dieser Saison wahrscheinlich noch nicht erfolgreich genug sein kann, um oben anzugreifen, aber wenigstens Laune macht. „Druff unn ewerre“ wäre da kein schlechter Ansatz.

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