Gästeblog: Die Störche rupfen – oder selbst Federn lassen? In Kiel hängt das Punktenest für den FCK jedenfalls sehr hoch

Im fünften Anlauf den ersten Sieg in der laufenden Runde einfahren. Das soll dem 1. FC Kaiserslautern am kommenden Samstag (13 Uhr) ausgerechnet im hohen Norden gelingen, beim stark gestarteten Aufsteiger Holstein Kiel, der nach zuletzt zwei Siegen in Serie mit sieben Punkten auf dem sechsten Tabellenplatz rangiert. Eine Premiere markiert die Partie schon jetzt: Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich diese Klubs in einem Punktspiel gegenüberstehen. Berührungspunkte zwischen den beiden Vereinen gibt es allerdings einige. Die interessanteste Personalie in diesem Zusammenhang stellt der „Geschäftsführer Sport“ der Störche dar: Ralf Becker.

Im Frühjahr 2016 hatte sich der heute 46-jährige auf dem Betzenberg für den Posten des Sportdirektors beworben. Zuvor war der ehemalige Profi zehn Jahre lang im Junioren- und Scouting-Bereich des VfB Stuttgart aktiv. Dass der Trennung atmosphärische Störungen mit dem damaligen Stuttgarter Sportchef Robin Dutt vorausgegangen sein sollen, darüber wurde gemunkelt, Becker selbst erklärt seinen Berufswechselwunsch bei transfermarkt.de so: „Ich habe meine Trainerscheine gemacht, als Co- und Cheftrainer gearbeitet, die Jugend-Abteilung und die Scouting-Abteilung des VfB geleitet. Da konnte ich unheimlich viele Erfahrungen sammeln, ohne dass ich die ganze Verantwortung hatte. Als ich meine Situation im Sommer 2015 beurteilt habe, war für mich klar, dass ich den nächsten Schritt in eine verantwortliche Position machen möchte.“

Der glückte ihm dann auch, allerdings nicht in Kaiserslautern. Die Verantwortlichen erklärten  sich zwar von dem ihm vorgestellten Konzept sehr angetan, entschieden sich bei der Besetzung der Stelle jedoch für Uwe Stöver. Den sie wiederum von Holstein Kiel abwarben, wo er gerade erst zehn Wochen zuvor angetreten war. Und Becker rückte auf Stövers Position bei Kiel nach.

RALF BECKER: UMSICHTIGER KADERPLANER MIT GESUNDEM KOSTENBEWUSSTSEIN

Dort profilierte sich der gebürtige Leonberger schnell als umsichtiger Kaderplaner mit gesundem Kostenbewusstsein. Er spezialisierte sich bei Neuverpflichtungen auf ablösefreie Profis, denen der Sprung in höhere Klassen auf dem ersten Bildungsweg verwehrt geblieben war. Mittelfeldspieler Alexander Mühling etwa ist in Gladbach und Leverkusen groß geworden, war anschließend in Sandhausen allerdings nicht weiter aufgefallen. Offensivkraft Dominick Drexler hat das Fußball-ABC ebenfalls in Leverkusen gelernt, sich dann in Erfurt und Aalen als starker Scorer ausgezeichnet, vermochte in Fürth aber nicht zu zünden.

Flügelspieler Kingsley Schindler hatte in der Zweiten Mannschaft von Hoffenheim vergeblich um eine Aufstiegschance in die Erste Mannschaft gekämpft. Und wäre im Sommer 2016 um ein Haar beim 1. FC Kaiserslautern gelandet. Aber: „Als die Gespräche liefen, war Konrad Fünfstück noch Trainer in Kaiserslautern. Dann wurde er entlassen. Es war völlig unklar, wer der Nachfolger sein würde. Unter diesen Voraussetzungen machte es keinen Sinn, einen Vertrag zu unterschreiben“, verriet er den Medien später.

BECKERS BISLANG SCHWERSTE ENTSCHEIDUNG: TRENNUNG VON KARSTEN NEITZEL

Alle drei wurden in Kiel zu Aufstiegshelden – und sind auch im aktuellen Zweitligateam Leistungsträger. Im Winter 2016/2017 lieh Becker zudem noch Sturmtank Marvin Ducksch von St. Pauli aus, wo der Junge aus der Dortmunder Talentschmiede ebenfalls noch nicht viel getroffen hatte. In Kiel markierte Ducksch in der anschließenden Rückrunde sechs Treffer zum Aufstieg, in den Pflichtspielen der laufenden Saison hat der 23-jährige bereits vier Mal getroffen – auch beim 2:1 im DFB-Pokal gegen Klassenkamerad Eintracht Braunschweig.

Die Neuzugänge der aktuellen Saison dagegen werden eher sukzessive in die Stammelf eingebaut. Bislang ist lediglich der Ex-Karlsruher David Kinsombi regelmäßig mit von der Partie, der ehemalige Fürther Ilür Azemi – natürlich ebenfalls ablösefrei geholt – muss sich noch hinter Ducksch anstellen. Gleiches gilt für Leihspieler wie Aaron Seydel (Mainz 05) und Tom Weilandt (VfL Bochum).

Seine bislang schwerste Entscheidung hat Sportchef Becker schon wenige Wochen nach Amtsantritt treffen müssen: Er entließ Karsten Neitzel, der seit 2013 als Trainer und Sportdirektor bei den Störchen gearbeitet hatte. Dazu Ralf Becker bei liga-zwei.de: „Man kommt neu zu einem Verein, lernt neue Leute kennen, hat einen guten Austausch und muss dann so eine Entscheidung treffen. Letztendlich bin ich aber genau dafür geholt worden. Ich hatte dann den Eindruck gewonnen, dass wir auf der Trainerposition einen neuen Impuls benötigten.“

SCHNELLER NEUBEGINN MIT ANFANG

Als Nachfolger verpflichtete Becker Markus Anfang. Auch der hat eine mit FCK-Vergangenheit, sogar als Spieler, allerdings eine, an die er selbst wohl nicht gerne erinnert wird. Er trug das Trikot der Roten Teufel von Sommer 2002 bis Januar 2004 – da sortierte Trainer Erik Gerets ihn einfach aus und er wechselte nach Cottbus.

Als Trainer hatte Anfang bis dato nur im Juniorenbereich von Bayer 04 Leverkusen gearbeitet, doch auch bei dieser Entscheidung bewies Becker Mut zum Risiko: „Es hätte auch schief gehen können“, gestand er hinterher. „Aber ich war davon überzeugt, dass er der richtige Trainer für uns ist. Ich schätze Markus fachlich als Trainer, schätze aber auch seine Art. Ich war von seinem Potential überzeugt. Dass wir mit ihm direkt aufsteigen würden, war natürlich nicht zu erwarten.“

Bislang also haben so ziemlich alle Entscheidungen Beckers gegriffen. Ebenso wie die des Trainers. Anfang lässt meist im 4-1-4-1 spielen, eine Grundordnung, die gut zu Kiel passt: Denn mit ihr lässt sich mit verhältnismäßig wenig Aufwand, aber hohem Nutzen fast jeder gegnerischen Formation begegnen, da das Spielfeld in seiner gesamten Breite stets doppelt besetzt ist, und sie lässt sich mit nur leichten Verschiebungen effektvoll variieren: Fällt der Sechser in der Abwehrreihe, entsteht eine Dreier-/Fünferkette, schieben die offensiven Außen nach vorne, formiert sich ein 4-3-3.

STARKER SAISONSTART – DIE EINZIGE NIEDERLAGE WAR EIN SPEKTAKEL

Zuletzt haben die Störche zuhause gegen Fürth und in Regensburg gewonnen. Die bislang einzige Niederlage resultiert aus einem 3:4 bei Topteam Union Berlin, welches das bislang wohl spektakulärste Zweitligaspiel der noch jungen Saison war. Die Kieler gingen an der Alten Försterei zwei Mal in Führung und glichen sogar noch zum 3:3 aus, ehe sie den finalen Treffer hinnehmen mussten. Ein wenig ärgerlich verlief lediglich die Saisonpremiere gegen Sandhausen. Da glückte den Störchen erst in der Schlussminute der 2:2-Ausgleich nach einem 0:2-Rückstand im eigenen Stadion, das im Sommer auf ein Fassungsvermögen von 15.000 Zuschauern erweitert wurde.

Mittlerweile hat Beckers Wirken anscheinend auch andere Vereine hellhörig gemacht. Im Frühjahr soll der FC St. Pauli an ihm gebaggert haben, um seine Sportdirektoren-Position neu zu besetzen. „Ich beteilige mich nicht an Spekulationen“, meint Becker dazu, was in diesem Geschäft gemeinhin mit „kein klares Dementi, muss also was dran gewesen sein“ übersetzt wird.

Statt dessen bekam die Stelle auf Pauli wer? Erneut Uwe Stöver, der in Lautern mittlerweile schon wieder hingeworfen hat.

Am Betzenberg fungiert nun Boris Notzon als Sportdirektor. Ebenfalls ein ehemaliger Scout. Was keine schlechte Voraussetzung zu sein scheint, wenn man Ralf Beckers bisherigen Weg betrachtet.

Darüber hinaus existiert noch ein wesentlich weiter zurückliegender Berührungspunkt zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Holstein Kiel. Während des Zweiten Weltkriegs kickten die Lautrer Legenden Ottmar Walter und Werner Baßler bei den Störchen. Dazu hat der Fußball-Historiker Hagen Leopold einen sehr lesenswerten Beitrag fürs Online-Portal „Der Betze brennt“ verfasst.

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