Spielanalyse: Nein, es ist nicht nur Pech –  Ein Fehler zu viel killt die Moral

Wenn es mal scheiße läuft, dann läuft’s richtig scheiße. Zumindest das ist ein Stück Tradition, das sich der 1. FC Kaiserslautern auch in der Saison 2017/18 bewahrt hat. 15 Sekunden vor Schluss besiegelt Manuel Janzer die 1:2-Niederlage der Roten Teufel bei Holstein Kiel, und, ja, es war ein saudummes Ding, krumm, abgefälscht, aus spitzem Winkel – wirklich sehr unglücklich für Lautern. Andererseits: So vollkommen irrational kam diese neuerliche Pleite auch nicht zustande. Mit zwei Punkten aus fünf Spielen rangiert der FCK weiter auf Tabellenplatz 17. Und darf sich nun darauf einstellen, dass vor dem anstehenden „Double Feature“ in Sandhausen und gegen Erzgebirge Aue – zwei Spiele in nur vier Tagen – die Medien ihre gängigen Krisenszenarien kreieren, Stichworte „Ultimatum“, respektive „Endspiel“ für Trainer Norbert Meier. Und wie immer wird es müßig zu sein, darüber zu spekulieren, ob solche Überlegungen in der Führungsetage tatsächlich existieren, geschweige Sinn ergeben. Reden wir lieber über Fußball.

„Zeit“ proklamieren Mannschaft und Trainer seit Wochen immer wieder für sich, Zeit zum Zusammenwachsen. Was absolut nachvollziehbar ist angesichts des personellen Totalumbruchs im Sommer. Wie allerdings soll zusammenwachsen, was zusammenwachsen muss, wenn die Startformation zu jedem Spieltag geändert wird?   Diesmal hat Meier gegenüber der letzten Partie gegen Braunschweig auf drei Positionen umgestellt.

UND WIEDER WAS NEUES: 4-4-2, ANDERSSON UND ZIEGLER IN DER STARTELF

Zwei der Wechsel sind verletzungsbedingt: Mads Albaek und Gervane Kastaneer sind angeschlagen. Der Niederländer ist im Abschlusstraining mit Torhüter Jan-Ole Sievers zusammengekracht – ob er eine Gehirnerschütterung erlitten hat und gegebenenfalls länger ausfällt, ist noch nicht raus.

 Für Albaek rückt Daniel Halfar auf eine der hinteren Mittelfeldpositionen, für Kastaneer startet der Schwede Sebastian Andersson. Eigentlich nicht Meiers Stil, direkt einen Neuzugang aus einer fremden Liga einzubauen. Ob er Lukas Spalvis von Anfang an gebracht hätte, hätte er ihn nicht vor dem Spiel noch suspendiert, weil der Litauer  zu spät zur Mannschaftssitzung kam? Wir werden es wohl nie erfahren, und Spalvis  wahrscheinlich auch nicht.

Aus der Formation, die das Heimspiel gegen Braunschweig wenigstens noch zu einem 1:1 umgebogen hat, ist Manfred Osei Kwadwo im Team geblieben. Gino Fechner dagegen musste Patrick Ziegler weichen. Fraglos eine Überraschung. Ziegler hat diese Saison noch nicht eine Minute gespielt. Mögliche Gründe? Die berühmten „jüngsten Trainingseindrücke“, das nicht minder berühmte „Bauchgefühl“, vielleicht aber auch die Überlegung, der defensivstarke Ziegler könnte die Kreise des torgefährlichen Kieler Mittelfeldspielers Dominick Drexler besser einengen als Fechner. In der Tat wird Drexler unmittelbar vor dem Lauterer Tor nicht weiter in Erscheinung treten, dafür aber beide Holsteiner Treffer auflegen.

NACH 20 MINUTEN LÄUFT ES GANZ GUT – DAS FLAUE GEFÜHL BLEIBT JEDOCH

Die Viererkette aus der zweiten Hälfte gegen Braunschweig hat Meier ebenfalls beibehalten, was bedeutet, dass Philipp Mwene auf der Bank sitzt. Vorne aber setzt der Trainer nicht auf eine offensive Dreierreihe mit einem Stürmer, sondern auf ein Angriffsduo: Kante Andersson neben Flitzer Osayamen Osawe. Nicht originell, kommt dem Kader aber vielleicht entgegen, auf dass er endlich zu einer Grundordnung findet, die sich über einen längeren Zeitraum stabilisieren lässt. Mit Neuzugang Andersson, dem Rückkehrer Kacper Przybylko, dem hoffentlich bald wieder genesenen Kastaneer und dem ebenso hoffentlich bald wieder begnadigten Spalvis hat FCK nun auch genug Personal, aus dem sich Sturmduos bilden lassen.

In Kiel brauchen die Pfälzer rund 20 Minuten, um sich zurechtzufinden – nach sechs Minuten haben sie allerdings bereits eine Riesenchance durch Flügelspieler Steven Lewerenz zugelassen, Marius Müller hat stark pariert. Überhaupt hat Benjamin Kessel einige Probleme mit dem linken Außenbahnspieler der Kieler, Leon Guwara kommt auf der anderen Seite mit Kingsley Schindler besser zurecht.

Guwara ist es auch, der nach Zuspiel des nach innen ziehenden Baris Atik den ersten Torschuss riskiert. Halfar versucht mit seinem schwächeren rechten Fuß einen  technisch sauber angesetzten Schlenzer auch 18 Metern, der knapp am langen Eck vorbeizirkelt – gut anzuschauen, ebenso wie Atiks Freistoß-Dreher vom linken Flügel. Stipe Vucur bekommt einen Kopfball nach einer unsauber abgewehrten Halfar-Ecke nicht über die Linie bugsiert. Überhaupt wirkt Kiel-Keeper Kenneth Kronholm nicht unbedingt sicher bei hohen Bällen, und der FCK verfügt vor Standards mit Vucur, Kessel und Andersson über eine imposante Aufmarsch-Präsenz im gegnerischen Strafraum. Wenn das keine Hoffnungskrümel sind…

Leider bleiben es nur Krümel. Denn so richtig gebacken kriegen es die Lautrer halt doch nicht. Und noch während der starken Phase meldet sich dieses widerwärtig flaue Gefühl im Magen des erfahrenen FCK-Beobachters: Über 90 Minuten gut spielen kann diese Mannschaft (noch) nicht. Und wenn sie sich in in ihren starken Phasen nicht selbst belohnt, dann wird der Gegner eben Lohn für nichts ernten. Oder zumindest für nicht viel.

MIT ANDERSSONS FEHLPASS NIMMT DAS VERHÄNGNIS SEINEN LAUF

43. Minute: Ausgerechnet Neuling Andersson leistet sich einen außerordentlich fahrigen Fehlpass in Gegners Hälfte, Kiel schaltet gut um, Drexler passt auf Lewerenz und der macht es besser als beim ersten Versuch. Es hilft allerdings nicht, jetzt hirnlos auf den Schweden einzuprügeln. Andere Lautrer verhalten sich in der Situation auch nicht gut.

Vucur steht bei Drexlers Pass viel zu tief, außerdem bewegt sich er anschließend nicht sofort auf Lewerenz zu, sondern macht noch ein, zwei Schritte nach vorn, als wolle er auf abseits spielen, was angesichts seiner eigenen tiefen Position freilich  vollkommen unsinnig ist. Das Kessel Lewerenz nur hinterher rennen kann, ist dagegen vergleichsweise verzeihlich, schließlich befand er sich im Moment des Abspielfehlers noch in der Vorwärtsbewegung. Hier das Standfoto vom Abspielmoment:

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Marvin Ducksch hätte unmittelbar danach sogar noch einen drauf setzen können, jagt das Leder jedoch freistehend über die Torlatte. Allein dadurch relativiert sich das Lauterer Hadern mit Glück und Pech ein wenig, mal ganz abgesehen davon, dass Ziegler kurz vor Schluss gut und gerne hätte Gelb-Rot sehen können.

Und eine auffällige Parallele zur vergangenen 0:2-Auswärtspleite in Düsseldorf. Auch da schnackelte es in der 43. Minute mitten in einer recht ansprechenden FCK-Phase. Danach vergaßen die Pfälzer das Zurückfighten, und, ehrlich gesagt, so richtig energisch kommen sie auch diesmal nicht aus der Pause.

Allerdings gelingt ihnen der Ausgleich: Der nun unermüdlich marschierende Rechtsverteidiger Kessel tankt sich auf seiner Seite durch, flankt flach, Andersson bewegt sich wie ein echter Torjäger aufs kurze Eck und hält den Schlappen so gegen den Ball, dass er die richtige Richtung nehmen kann – 1:1. „Über die Flanken die Wege in die Box suchen“ – die Masche empfiehlt auch Manfred Osei Kwadwo für die nächsten Wochen.

DAS SPIEL IST DURCH? NICHT SO GANZ – LEIDER

In Kiel aber bleibt sie Unikat. Es folgt noch eine halbe Stunde Abnutzungskampf, der fraglos ganz schön in die Beine geht bei diesem Fritz-Walter-Wetter, das da oben „Kieler Wetter“ genannt wird. Und nicht nur Trainer Meier hat das Gefühl, „das Spiel ist durch.“ Dann aber hat Janzer seinen großen, glücklichen und so wohl auch nicht ganz gewollten Auftritt. In der dritten Minute der Nachspielzeit.

Das ist schon Pech. Aber nicht nur. Auch hier das Standfoto vom Abspielmoment:

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Drexler, auf dem Foto fast verdeckt, schafft es, zwischen drei (!) FCK-Spielern, die ihn und nur ihn bedrängen, auf den sich unbehelligt freilaufenden Janzer zu passen. Eigentlich hat Lautern noch Glück, dass sich der Kieler Einwechselspieler anschließend viel zu weit nach rechts abdrängen lässt. Mit einer perfekten Ballabnahme hätte er mittig zum Tor abschließen können. Dafür hat Janzer anschließend Dusel. Und wie.

Jammern hilft jedoch bekanntlich ist, und die Trainerdiskussion beim Tabellen-17. sollen nunmehr andere vom Stapel brechen. Versuchen wir, die Punkte aufzuzählen, auf die sich in den nächsten Tagen und Wochen aufbauen lassen könnte.

TROTZ ALLEM: AUF WAS SICH NUN AUFBAUEN LÄSST

Als da sind: Das 4-4-2, das simpel ist, aber gerade deswegen schneller zu Stabilität führen könnte als raffiniertere Formationen. Anderssons Tor, das dem Neuen vielleicht das Selbstvertrauen gibt, das sich andere seit Wochen anzuschießen versuchen. Marcel  Correias nicht ganz fehlerfreie, unterm Strich aber erneut starke Leistung – hoffentlich bleibt der Innenverteidiger jetzt über einen längeren Zeitraum unverletzt, denn so kann er der Leader werden, den das Team dringend braucht. Kessels nimmermüdes Geackere über den rechten Flügel in Hälfte zwei, mit dem er ebenfalls seine Antreiberqualitäten unter Beweis stellte. Die Hoffnung, dass Kastaneer schnell wieder zurückkommt, der gegen Braunschweig immerhin 90 Minuten durchspielte und starke Akzente setzte. Die ordentliche Moral, die Trainer Meier in seinem Team trotz allem ausgemacht hat.

Sowie die Einstellung eines Manfred Osei Kwadwo: „Klar knackst das irgendwo an unserem Selbstvertrauen, aber wir sind erfahrene Spieler,“ meinte der Bub hinterher. Ein 22-jähriger, der sich zu den erfahrenen Spielern rechnet, obwohl er gerade mal zehn Zweitligaeinsätze auf dem Buckel hat, die meisten davon als Einwechselspieler. Das ist der Spirit, den der FCK jetzt braucht. Und das ist –  ganz, ganz ehrlich – vollkommen unironisch gemeint.

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