Spielanalyse: Wer nicht spielen kann, sollte wenigstens rennen – Erst recht im Abstiegskampf

Wieder nicht gut gespielt, wieder verloren, und das diesmal vor einer Kulisse von 8103 Zuschauern, in einem Spiel, das allen Ernstes als „Derby“ apostrophiert worden ist – ja, genau so fühlt sich Dritte Liga an. Der 1. FC Kaiserslautern torkelt nach seinem 0:1 beim  SV Sandhausen weiter auf eben diese zu, steht nach sechs Spieltagen mit erbärmlichen zwei Punkten in der Tabelle und darf die anstehende Heimpartie am Dienstag (18.30 Uhr) gegen Erzgebirge Aue bereits jetzt zum „Schicksalsspiel“ deklarieren. Sportdirektor Boris Notzon will derweil „die Situation mit der Vereinsführung analysieren“. Ein aus vergleichbaren Situationen allzu bekannter Satz, der den handelsüblichen Fußballphrasen-Übersetzungsmaschinen zufolge bedeutet: Kein Sieg gegen Aue = Trainer weg.

Der so genannte „Aufreger“ des Spiels kann in einem Blog, der sich um differenzierte Betrachtung bemüht, recht schnell abgehandelt werden. In Minute 62 tatscht Sandhausens Tim Kister im eigenen Strafraum mit der Pfote auf den Ball, weil er denkt, einen Freistoß ausführen zu müssen. Schiri René Rohde hat jedoch gar nicht gepfiffen, muss nun folgerichtig Elfer pfeifen. Im anschließenden Palaver bestätigen jedoch der Schiedsrichter-Assistent und wohl auch einige Lautrer Spieler, dass Kister durch einen Pfiff von außen irritiert wurde. In diesem Fall sieht das Regelwerk absolut zweifelsfrei vor, das Spiel mit einem Schiedsrichterball fortzusetzen – und nichts anderes tut der Herr Rohde denn auch.

Da von „unglücklich“ oder „Pech“ für Lautern zu sprechen, ist schlicht und ergreifend unsportlich. Oder, anders ausgedrückt: Wie beschämend ist es für den Klub Fritz Walters eigentlich, damit zu hadern, dass er sich nicht durch eine beinahe erfolgte Fehlentscheidung in Führung schießen konnte?

ENTSCHEIDEND WAR NICHT DAS PALAVER VORWEG, SONDERN DER ABWEHRBOCK

„Typisch“ für die gegenwärtige Situation des FCK ist die Nummer insofern, als dass zwei Minuten nach dieser Szene das spielentscheidende 1:0 durch Lucas Höler fällt. Aber auch da sollte weniger auf das skurrile Vorspiel abgehoben werden, sondern auf die Art, wie es fällt: nach einem im Grunde leicht zu verteidigenden Flankenball aus dem rechten Halbfeld. Höler läuft aus der Linksaußenposition unbedrängt ein und köpft ein. Rechtsverteidiger Benjamin Kessel läuft nur hinterher. Ein Junge mit über 100 Zweitligaspielen auf dem Buckel und von 1,91 Meter Gardemaß, die ihn einen solchen Ball locker abräumen lassen, wenn er sich richtig bewegt – echt jetzt, da braucht niemand mit der Unerfahrenheit der jungen FCK-Truppe, dem permanenten Verletzungspech oder der fehlenden Zeit zum Einspielen zu kommen.

Dass der Gegentreffer aus einer solchen Situation fällt, hat sich sogar angekündigt. Bereits in der 56. Minute legt Höler nach einer ähnlichen weiten Flanke aus dem rechten Halbfeld in halblinker Position auf Manuel Stiefler auf, der den Ball aber übers Tribünendach jagt. Ein weiteres Mal knackt Markus Karl die Lauterer Abwehrreihe mit einem weiten Diagonalball auf Rechtsverteidiger Philipp Klingmann, dessen flache Hereingabe wird im Zentrum gerade so noch geklärt.

DER RÜCKSTAND VOR DER PAUSE BLEIBT DIESMAL AUS – LEIDER KEIN GUTES OMEN

Schon in der ersten Halbzeit haben die Gastgeber ihre wenigen Torszenen mit schönen Flankenwechseln herausgespielt – bei Lautern sieht man dergleichen gar nicht. Eine andere Sandhausener Stärke hat der FCK mit zunehmender Spieldauer einigermaßen im Griff: das schnelle, aggressive Attackieren des Gegenspielers in der Mittelfeldzone, nach dem schnell und direkt in die Spitze gespielt wird. Nejmeddin Daghfous hat in der 23. Minute nach einer solchen Aktion die Querlatte getroffen.

Die größte Sandhausener Chance vor dem finalen Knockout haben die Lauterer allerdings wieder mal selbst eingeleitet. Kessel und Stipe Vucur behindern sich gegenseitig beim Versuch, per Kopf zu klären, nach einem weiten Befreiungsschlag, mit dem Sandhausen eigentlich eine Offensivaktion des FCK geklärt hat. Haji Wright darf nun allein aufs Tor zugehen und auf Höler auflegen, gegen den aber klärt Marius Müller großartig.

Auch dieser Gegentreffer wäre wieder mal „typisch FCK“ gewesen, allein schon wegen des Zeitpunkts: Kurz vor der Pause nämlich ist Lautern bereits in Düsseldorf und in Kiel ins Hintertreffen geraten. Dass der Rückstand diesmal mit viel Glück verhindert werden kann, hätte in einer besseren Welt vielleicht als „gutes Omen“ ausgelegt werden dürfen, das sich eventuell sogar bestätigt.

DER NAME „GASTEIER“ IST EBENFALLS KEIN WINK DES HIMMELS

Aber „gute Omen“ existieren für Lautern in dieser Spielzeit nicht. Der vierte Offizielle der Partie hört beispielsweise auf den äußerst genialen Namen „Gasteier“. Doch der stellt ebenfalls keinen Wink des Himmels dar, jedenfalls keinen, den die Mannschaft zu interpretieren weiß. Denn dem Gast aus Kaiserslautern fehlt auch in diesem Spiel die Aggressivität, wie sie gemeinhin mit Menschen mit „Cojones“ nachgesagt wird.

Die Darstellung der Lauterer Offensivbemühungen bildet erneut das traurigste Kapitel dieses Blogs. Trainer Nobert Meier hat es zunächst mit einer 4-2-3-1-Formation versucht, das er vor der Pause noch zu einem 4-4-2 umgestaltet. Gervane Kastaneer rückt zu Sebastian Andersson in die Spitze, Daniel Halfar zieht sich weiter zurück. Wieder mal müht sich der Kapitän, wieder mal hat er oft eine gute Idee, doch der entscheidende Pass landet stets beim Gegner. Zur Pause ist Schluss für Halfar, Baris Atik kommt.

Viel raus kommt dabei nicht. Die besten Torchancen vergibt der in der 66. Minute eingewechselte Lukas Spalvis. Beide per Kopf, eine noch in der regulären Spielzeit nach Flanke von Unglücksrabe Kessel, eine in der Nachspielzeit, da pariert SVS-Keeper Marcel Schuhen glänzend. In der Pressekonferenz verweist Meier anschließend darauf, dass es nicht nur an den Stürmern, sondern auch an den Vorbereitern liege: „Eine Mannschaft ist ein Gesamtkonstrukt.“ Wahre Worte.

„HUNDERTPROZENTIGE“ WERDEN VERSIEBT, NOCH BEVOR SIE HUNDERTPROZENTIG SIND

Deutlich ist das beispielsweise in der 10. Minute geworden. Da bedient der quicklebendige Manfred Osei Kwadwo den rechts im Strafraum freistehenden Patrick Ziegler, nachdem eine zu kurz abgewehrte Ecke bei ihm gelandet ist. Ziegler jedoch passt, ohne zu gucken, direkt und aus der Drehung in die Mitte, dabei hätte er genug Zeit gehabt, anzunehmen und überlegt zu handeln.

Kurz nach der Pause landet eine abgefälschte Flanke mitten im Strafraum bei Atik, doch der sucht lieber ein Einschussloch, das nicht zu finden ist, statt dem freistehenden Andersson aufzulegen. So versiebt man „Hundertprozentige“, noch bevor sie zu welchen geworden sind.

Was sonst noch auffiel?

Christoph Moritz hat sich nach vier Spielen Pause wieder in der Startelf zurückgemeldet. Er war Lauterns laufstärkster Spieler, überwiegend passsicher, verschuldete keine unnötigen Ballverluste – insgesamt ein ordentliches Comeback. „Ordentlich“ kann für einen mit seinen Anlagen aber nicht genug sein, die Mannschaft braucht jetzt Führungsspieler, und Moritz ist als solcher geholt geworden und stellt auch an sich den Anspruch, einer zu sein. Also endlich mal noch eine Schippe drauflegen, bitte. Oder besser zwei.

Spalvis, obwohl zum Toreschießen eingewechselt, war sich nicht zu schade, in der Schlussphase auch zu Läufen in die Tiefe durchzustarten, als Sandhausen vielversprechende Konter ansetzte. Und seine Störaktionen waren sogar erfolgreich. Okay, ein Tor von ihm hätte man lieber gesehen, aber dennoch: Damit hat er einen Spirit offenbart, auf dem sich vielleicht was aufbauen lässt.

Und ergänzend zum Thema fehlende Aggressivität: Mit 111,41 Kilometern hat das FCK-Team wieder mal eine Laufleistung abgeliefert, mit der es am Ende dieses Spieltages erneut am unteren Ende des Liga-Rankings stehen dürfte. Zum Vergleich: Die Ingolstädter sind bei ihrem 4:0-Sieg auf St. Pauli 124,39 Kilometer marschiert. Wer nicht spielen kann, sollte wenigstens rennen. Erst recht im Abstiegskampf.

TRAINERDISKUSSION? GESCHENKT. HAUPTSACHE, IHR LASST DEN SPORTCHEF MACHEN

Unterm Strich bleibt wieder ein 0:1, zu dem es einmal mehr müßig ist zu diskutieren, ob es verdient oder unverdient, glücklich oder unglücklich ist. Ebenso, wie es müßig ist, an dieser Stelle die Trainerfrage durchzukauen – das wird in genug anderen Medien derzeit zur genüge getan.

Wir wollen uns hier lediglich wünschen, dass, wenn es soweit kommt, wie es im Grunde bereits abzusehen ist, der Sportdirektor entscheidet – und dass er auch die entsprechenden Nachfolgefragen als Hauptverantwortlicher regelt. Und nicht etwa als eine Art Assistent des Aufsichtsrats. Der nämlich soll laut Satzung lediglich ein „kontrollierendes“ Gremium sein, kein geschäftsführendes, und, seien wir ehrlich, bei seinen jüngsten Aktion in Bezug auf die sportliche Führung des FCK hat er nicht gerade eine gute Figur gemacht. Überhaupt hat es dem Verein noch nie gutgetan, wenn Kontrolle und operatives Geschäft vermischt worden sind. Wer nach klaren Strukturen auf dem grünen Rasen verlangt, sollte diese auch bei der Kluborganisation beherzigen.

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