ANALYSE: NACH EINEM DEPRIMIERENDEN 0:2 GEHT MEIER IRRITIERT, ABER MIT HALTUNG – DER NÄCHSTE, BITTE!

Die offizielle Pressemeldung des 1. FC Kaiserslautern schlug um 9.49 Uhr ein. Noch früh am Tag also. Dennoch dürfte jeder Berichterstatter, der für sein Medium das Ressort „FCK“ betreut, bereits an seinem persönlichen Trainerentlassungsartikel gefeilt haben, sofern er über einigermaßen geregelte Arbeitszeiten verfügt. Nach knapp acht Monaten ist Coach Norbert Meier in der Pfalz Geschichte, darf sich ausgerechnet an seinem 59. Geburtstag die Papiere abholen. Vorausgegangen ist ein in jeder Beziehung deprimierendes 0:2 gegen Erzgebirge Aue, zuhause vor noch deprimierenderen 16.613 Zuschauern, nach denen sich der Trainer endgültig im Stich gelassen gefühlt haben dürfte. Vor allem von den wenigen sogenannten erfahrenen Spielern, die sein Kader aufweist.

Bleiben wir in der üblichen Routine, reden wir zuerst übers Spiel. Meier hat es zunächst in einem 4-1-4-1 probiert, mit Patrick Ziegler hinter den Achtern Christoph Moritz und Baris Atik, sicher keine schlechte Idee, um vor allem Moritz entgegenzukommen, aber wirklich Inspiration aus dieser Formation schöpft weder er noch irgendein ein anderer im FCK-Dress.

Nach einer halben Stunde schaltet Aue über die rechte Seite um, Pascal Köpke, einer von drei ständig rochierenden Offensiven bei Erzgebirglern, leitet den Seitenwechsel auf Sören Bertram ein, der es regelrecht genießt, mit seinem starken linken Fuß Maß nehmen zu dürfen. 0:1.

FLAGGE ZEIGEN? SCHWER FÜR EINEN, DER GAR NICHT MEHR AUF DEM FELD STEHT

Schon in der Halbzeit schaltet Meier mit der Einwechslung von Lukas Spalvis auf 4-4-2 um, aber das ist nicht die eigentliche Überraschung. Mit Ziegler und Moritz nimmt er seiner jungen Truppe zwei ihrer erfahrensten Spieler. Gerade sie müssten „vorangehen“, erklärt der Trainer später in der Pressekonferenz, „Flagge zeigen, dass auch der letzte hier im Stadion das Gefühl hat: Da steht eine Truppe, die bei aller Verunsicherung in der Lage ist, das zu drehen.“

Nun, eben dazu haben sie jetzt keine Gelegenheit mehr. Über Zieglers Auswechslung muss nach seiner Leistung bis dato nicht diskutiert werden, aber wenn dem Trainer schon daran gelegen ist, die abzustrafen, die vorangehen müssten, es aber nicht tun, hätte es dann nicht eher Benjamin Kessel treffen müssen statt Moritz? Zumal er sich durch Philipp Mwene bestens ersetzen ließe. Kessel hat bereits in Sandhausen Siegtorschütze Höler laufen lassen, jetzt ist er gegen Bertram zu spät gekommen. Und was geschieht als nächstes? Bertram macht zwei Minuten nach dem Wiederanpfiff das 0:2, Kessel ist abermals zu weit weg.

DIE KRABBELGRUPPE IM MITTELFELD VERDIENT WELPENSCHUTZ

Im Vierermittelfeld müht sich nun mit Nicklas Shipnoski, Gino Fechner, Baris Atik und Manfred Osei Kwadwo eine kleine U21-Auswahl, und irgendwie scheint es, als habe Meier sie nominiert, um für sein Team Welpenschutz geltend zu machen. In der Tat will man diesen gerade mal erwachsenen Jungs, die kommenden Sonntag das erste Mal wählen gehen dürfen, nicht wirklich böse zu sein. Gemeinsam mit dem ebenfalls erst 21-jährigen Linksverteidiger Leon Guwara bereiten sie sogar noch die oder andere Torchance für Osei Kwadwo und für die Stürmer Sebastian Andersson und Lukas Spalvis vor.

Spalvis treibt nach 65 Minuten die letzten hoffenden Fans in die Resignation: Er köpft eine Guwara-Flanke dem Aue Torhüter Martin Männel aus fünf Metern direkt in die Arme. Wenn es noch einen Moment gab, der der Partie eine Wendung geben konnte – dieser wäre es gewesen. Auch Sportdirektor Notzon ist fassungslos. Im Oberliga-Spiel gegen Morlautern, in dem Spalvis für die U23 auflief, habe Spalvis zwei Kopfballtore gemacht, „die waren viel schwieriger als das Ding hier“.

Spalvis. Sicher keiner von den „Erfahrenen“, von denen der Trainer verlangen darf, dass sie vorangehen. Sicher ist die Leihgabe aus Lissabon in Lautern, um nach einjähriger Verletzungspause nur allmählich wieder in die Spur zu finden. Dennoch haben die Verantwortlichen auf ihn gesetzt, in der Hoffnung, auch mal mit einem etwas unorthodoxen Transfer Glück zu haben, da der Klub sich gute Spieler, deren Marktwert klar definiert ist, weil sie voll im Saft stehen, nicht leisten kann. Hat bislang hinten und vorne nicht funktioniert, wie so vieles. Ähnlich gelagert ist der Fall Gervane Kastaneer, aber der steht nicht einmal im Kader. Warum, weiß niemand so genau.

MEIERS ABGANG: KEINE RUNDSCHLÄGE, KEIN NACHKARTEN

Einer allein kann gar nicht schuld sein an all dem, was auf dem Betzenberg derzeit hakt und knirscht, denn so viel kann ein Kreuz allein gar nicht tragen. Dennoch ist nach dem Abpfiff klar, wen es nun trifft, und überhaupt haben es ja alle sowieso schon vorher gewusst. Immerhin: Norbert Meier bewahrt Haltung. Bis zum Schluss. Keine  Rundschläge, keine Beschuldigungen, kein Nachkarten. Bereits am Tag zuvor hat er sich mal „irritiert“  geäußert, zu Äußerungen von Leuten, „die noch nicht so lange dabei sind“, und die der Mannschaft lediglich „ein Alibi“ gäben.

Gemeint war wohl Sportdirektor Boris Notzon, der laut „Bild“ erklärt haben soll, dass „der Norbert“ selbst wüsste, dass die Mannschaft „einen neuen Impuls“ bräuchte, wenn das Spiel gegen Aue in die Binsen ginge. Dass Notzon Stunden vor Anpfiff via Presseerklärung versicherte, diese Äußerung niemals getätigt zu haben, hat an dem wohl bereits angespannten Verhältnis der beiden wohl nichts mehr geändert.

 „Ich denke nicht, dass wir heute Abend nochmal miteinander sprechen werden“, erklärt Meier nach dem Spiel, als er sich bereits bewusst ist, was nun geschehen wird. Auf die Frage in der PK, wie er dem Anhang denn nun noch Hoffnung machen wolle, erklärt der Noch-58-jährige: „Ich weiß gar nicht, ob ich noch derjenige bin, der den Fans Hoffnung machen muss.“

Insgesamt 24 Spiele hat er den FCK gecoacht, nur sechs davon gewonnen, in dieser Spielzeit noch kein einziges. Der FCK ist mit nur zwei Punkten nach sieben Spielen Tabellenletzter. Im Sommer musste Meier einer kompletten Neustrukturierung des Kaders begegnen, für knapp acht Millionen Euro an Ablösesummen wurden Spieler verkauft, nicht einmal davon wurde reinvestiert, viele begannen ihre Vorbereitung als Rekonvaleszenten, hatten in der Vorsaison nur wenig Spielpraxis gesammelt, andere kamen aus Ligen, in denen mit einem wesentlich geringeren Härtegrad trainiert wurde, wieder andere verletzten sich zwischenzeitlich, mit Robin Koch verlor er noch nach dem 3. Spieltag einen weiteren Stamm-Innenverteidiger.

JETZT MUSS ES ERST MAL EINER BESSER MACHEN

Hätte es dennoch mehr sein dürfen, ja, müssen? Bevor sich das zweifelsfrei beantworten lässt, sollte erst einmal einer zeigen, dass mit dieser Mannschaft wirklich mehr drin ist. Meier hat sich am Betzenberg als Pragmatiker präsentiert, die meisten seiner  Entscheidungen waren vernünftig, zumindest nachvollziehbar – mal abgesehen vom  Vorziehen Zieglers vor Gino Fechner und dem beharrlichen Verzicht auf Philipp Mwene in den letzten Spielen, ebenso mutet der plötzliche Verzicht auf Kastaneer ein wenig eigenartig an.

Meier hat aber auch nie überrascht, ob mit einer Personalie oder einem taktischen Kniff. Er hat viel probiert, oft auch während des Spiels die Systeme gewechselt, um auf neue Situationen oder besondere personelle Gegebenheiten zu reagieren. Das ist clever und gut, wenn ein Trainer auf eine in sich gewachsene Mannschaft vertrauen kann, in diesem Torso aber ließ sich so kein prägender Stil entwickeln, keine Handschrift.

Am nächsten dran war der Meier-FCK beim 1:1 gegen Darmstadt, doch auch das da praktizierte schnelle Vertikalspiel mit scharfem Angriffspressing wurde nicht kultiviert, war zwei Spiele später schon wieder passé. Gegen Sandhausen und Aue wirkte die Elf nur noch uninspiriert, solange es 0:0 stand, und bei Rückstand wurde lediglich der Adrenalinspiegel in die Höhe gefahren. Jetzt ist ein Motivationskünstler gefragt, ein Psychologe, um es nüchtern auszudrücken.

ES GIBT VIEL ZU TUN: WAS DER NEUE LEISTEN MUSS

Das Anspruchsprofil für den neuen FCK-Trainer sieht jedoch nicht nur vor, so schnell wie möglich Punkte für den Klassenverbleib zu sammeln. Mittelfristig muss wieder ein Spielstil am Betzenberg etabliert werden, der verhindert, dass die Zuschauer weiter in Scharen davonlaufen, und langfristig soll eine Mannschaft aufgebaut werden, die das Zeug zum Aufstiegskandidaten hat… Es gibt viel zu tun. Hoffentlich packt es schnell einer an.

Norbert Meier ist jetzt 59 Jahre alt. Seine Trainerkarriere hat bereits 2005, mit der sattsam bekannten Kopfnuss-Affäre, einen dramatischen Knick erlitten. In Düsseldorf und Bielefeld hatte er anschließend Gelegenheit, sich zu rehabilitieren. Nach seinem nur fünfmonatigen Engagement in Darmstadt ist Lautern nun die zweite Station, auf der er schon früh gescheitert ist. Das macht sich nicht gut in der Vita. Kann gut sein, dass das Trainerleben im bezahlten Fußball für ihn nun vorbei ist. Ob das gerecht ist? Solche Fragen stellt in dieser Branche schon lange keiner mehr.

In den Fokus rückt nun viel mehr, wie es in Kaiserslautern weitergehen soll. Laut SWR soll die Nachfolge bereit bis Samstag geregelt sein, woraus der Schluss gezogen wird, dass die Lösung schon bereit stehe. Tatsächlich?

DENKBAR IST VIELES, MACHBAR NUR WENIG

Derzeit leiten Manfred Paula, Leiter des Nachwuchszentrums, und A-Juniorencoach Alexander Bugera das Mannschaftstraining der Ersten Mannschaft. Bugera wird großes Talent als Coach nachgesagt, allerdings fehlt ihm noch die Fußballlehrerlizenz. Über die wird er frühestens im März 2019 verfügen. Denkbar wäre da allenfalls eine „Strohmann“-Lösung mit einem Lizenzinhaber, wie sie Mainz 05 einst mit Zeljko Buvac und Jürgen Klopp praktizierte. Aber ob es Sinn macht, Bugera auf diese Art zu verheizen?

Ansonsten sind aktuell einige Kandidaten auf dem Markt, die in der Zweiten Liga bereits Underdogs in ungeahnte Höhen geführt haben, dann aber auch schmerzliche Rückschläge erfahren mussten: Dirk Schuster, Markus Kauczinski, Bernd Hollerbach. Auch Kosta Runjaic, der in Lautern schon einmal gearbeitet hat und schnell eingearbeitet wäre, ist momentan ohne Anstellung.

JETZT IST BORIS NOTZON GEFRAGT

Mit Boris Notzon hat der FCK jetzt allerdings einen Mann in der Verantwortung, der das Geschäft zuvor als Scout und Analytiker über Jahre hinweg in allen Facetten und Richtungen durchdrungen hat. Mit Sicherheit sind ihm auch fähige Kandidaten bekannt, die im bezahlten Fußball derzeit in der zweiten oder dritten Reihe oder im Ausland arbeiten, die darauf brennen, sich einmal als Cheftrainer in der Zweiten Liga zu beweisen, und die das Zeug dazu haben.

Boris Notzon ist jetzt in der Situation, in der eigentlich jeder Sportdirektor zu seinem Amtsantritt sein möchte: Er darf sich einen Trainer suchen, der seinen Vorstellungen von Fußball und Personalentwicklung entspricht. Der Aufsichtsrat, der sich dem Vernehmen nach bislang oft und gerne in sportliche Entscheidungen eingemischt hat und dabei nachweislich nicht gut gefahren ist, sollte ihn nun auch schalten und walten lassen, denn sonst hätte er Notzon nicht zu befördern brauchen. Auch wenn er vielleicht eine exotische Lösung parat hat, auf die sonst keiner gekommen wäre.

Wer’s wird? Keine Ahnung. Wir tippen auf einen aus der jüngeren Generation,  keinen Pragmatiker, sondern einen mit einer bestimmten Vorstellung von Spielkultur  und einem längerfristigen Plan. Und einen, der Notzons Hang zu datenbasierten Analysen teilt. Das trifft wohl eher auf einen Runjaic zu als auf einen Schuster, der Darmstadt in erster Linie mit „Hoch-Weit“ und zugegeben exzellenten Standards in die Erste Liga gepusht hat.

Es bleibt also spannend am Betzenberg. Am kommenden Montag bei Union Berlin darf dann wieder bei null gestartet werden.

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