Spielanalyse: Ein Abend für den Arsch – Das hat sich nicht nur Marcel Hartel gedacht

Darf ein Blogger von Menschen, die dieses Spiel gesehen haben, allen Ernstes verlangen, sich auch noch diese Zeilen anzutun? Eigentlich nicht. Andererseits: Zählen Anhänger des 1. FC Kaiserslautern nicht längst schon zu den leidensfähigsten Kreaturen auf dieser Hälfte der Erdkugel? Eigentlich schon. Also fangen wir einfach mal an. Das Grässlichste wenigstens zuerst, damit nichts Schlimmeres mehr nachfolgen kann: Der FCK hat sein Auswärtsspiel bei Union Berlin mit 0:5 verloren. Null zu fünf. Ist damit weiterhin Tabellenletzter mit erbärmlichen zwei Punkten nach neun Spielen. Und am kommenden Freitag gegen die SpVgg. Fürth (18.30 Uhr) steht bereits das erste „Abstiegsendspiel“ an, nachdem die 0:2-Heimpleite gegen Erzgebirge Aue lediglich das „Endspiel für Meier“ war. Die Fürther kommen als Tabellen-17. – und können immerhin mit einem Sieg überholt werden. Na, das lässt doch selbst in dieser Schockstarre wieder was kribbeln, so ein bisschen wenigstens.

Es war ja nicht so, dass die beiden Interimstrainer sich nichts getraut hätten. Patrick Ziegler, Osayamen Osawe, Lukas Spalvis flogen vor dem Trip nach Berlin komplett aus dem Kader. Gervane Kastaneer wurde von Manfred Paula und Alexander Bugera ebenfalls nicht nominiert, nachdem der nunmehr entlassene Trainer Norbert Meier ihn schon gegen Aue aus dem 18-er Aufgebot gestrichen hatte. War also keine Bauchentscheidung des Ex-Coaches, drum wär’s schön, wenn man dazu mal was Konkretes erführe. Für die Gestrichenen rückten Nils Seufert, Torben Müsel und David Tomic in den Kader. Ein mutiges Bekenntnis zur Jugend also.

NACH FÜNF MINUTEN IST SCHON SCHLUSS MIT DEM NEUEN SPIRIT

Ebenso mutig ist, wie forsch die Pfälzer vom Anpfiff weg attackieren. Die Vierer-Abwehrkette rückt, wie von den Aushilfstrainern angekündigt, hoch auf, die Mannschaft verschiebt sich mit spürbar erhöhtem Laufwand in Richtung Ballnähe, die Berliner Abwehrreihe wird schon im vorderen Mitteldrittel angegangen…

Der gute erste Eindruck währt allerdings nur fünf Minuten.

Denn da beginnt die lange Serie von ungeheuerlichen Böcken, die Lautern innerhalb von einer runden halben Stunden 0:4 in Rückstand bringt. Den ersten fabriziert ausgerechnet Keeper Marius Müller, der danach Lauterns Bester werden soll: Er versucht mit einem weiten Einwurf auf Baris Atik,  einen Konter einzuleiten, Union-Linksverteidiger Kristian Pedersen jedoch riecht den Braten, schnellt dazwischen und spielt direkt auf den in der Mitte lauernden Sebastian Polter. Der fackelt ebenfalls nicht lange und trifft den Ball mit links, wie er ihn besser nicht treffen könnte. 0:2.

Machen wir es mit Rücksicht aufs eigene Gemüt jetzt ein wenig kürzer: Das 0:2 fabriziert Giuliano Modica gleich als lupenreines Eigentor nach einer Ecke von Christopher Trimmel, das 0:3 leitet Marcel Correia mit einem haarsträubenden Fehlpass auf die linke Seite ein, nach dem Steven Skrzybski ebenso geistesgegenwärtig wie Pedersen direkt Polter einsetzt. Das 0:4 erledigt der Mann mit den vielen Konsonanten im Namen selbst, nachdem Correia ihm eine Ecke zuerst vor die Füße geköpft hat und seinen Schuss anschließend noch unhaltbar abfälscht.

EIN SCHLUSSPUNKT MIT SYMBOLKRAFT

Correia wird noch in der Pause von seinem eigenen Elend erlöst, seine Mitspieler müssen sich weiter mühen, geschlagen und entsprechend saft- und kraftlos in den Zweikämpfen. Nach dem 0:4 wechselt Paula Benjamin Kessel ein, stellt auf Fünferkette um und lässt auf Schadensbegrenzung spielen. Ob das nun die Torflut bremst oder das Mitleid, das die Berliner nun möglicher Weise übermannt, soll dahingestellt bleiben.

In der zweiten Halbzeit darf Lautern sich sogar mal eine Weile im und um den Strafraum der Eisernen bewegen. Bis die Gastgeber einen geradezu symbolischen Schlusspunkt setzen: Marcel Hartel legt Polter einen banal von der Mittellinie nach vorne gebolzten Ball mit dem Allerwertesten auf und der zieht nochmal mit links ab – 0:4. Genau so hat sich der Abend für den FCK und seine quer durchs Land mitgereisten Fans angefühlt: für den Arsch.

Marius Müller hat in der ersten Halbzeit sogar noch einen Elfer von Polter gehalten. Überhaut hätte es ohne den starken Keeper durchaus zweistellig werden können. Außer Müller ist eigentlich nur noch Leon Guwara positiv zu erwähnen. Dass er zwischen diesen geprügelten Hunden auf seiner linken Seite bis zum Schluss den Weg nach vorne suchte, verdient Anerkennung.

NOTZON BLEIBT RUHIG: PAULA UND BUGERA SOLLEN AUCH GEGEN FÜRTH RAN

Was sich aus diesem Debakel an Erkenntnissen für das anstehende Drama am kommenden Freitag gewinnen lässt? Zu fordern, dass der neue Trainer jetzt unbedingt noch vor Freitag sein Amt antreten müsse, um zu retten, was noch zu retten ist, wäre falsch. Im übrigen hat Sportdirektor Boris Notzon auch nach dem Spiel noch erklärt, „die Wahrscheinlichkeit ist groß“, dass Paula und Bugera gegen Fürth noch einmal auf der Bank sitzen. Und er attestiert den beiden unvermindert, in den wenigen Tagen, in denen sie am Ruder sind, „einen guten Job“ gemacht zu haben: „Sie haben versucht, die Mannschaft aufzubauen.“

Ihnen ihren mutigen Ansatz vorzuwerfen, mit dem sie das Team ins Spiel schickten, wäre ebenfalls ein Fehler – auch wenn sogar Union-Trainer Jens Keller in diese Kerbe schlug, als er nach dem Spiel erklärte, der FCK habe sehr risikofreudig begonnen und seine Mannschaft habe dies ausgenutzt. Die katastrophalen Abwehrfehler, die zu den ersten vier Gegentreffern führten, waren rein individueller Natur und hatten nichts mit defensiver oder offensiver Grundausrichtung zu tun.

Wundern muss man sich allerdings über die Nominierung Modicas für Vucur. Sicher hat auch Vucur diese Saison schon Gegentore verursacht, aber er ist wichtig, um Lufthoheit herzustellen. Ein Wunder eigentlich, dass der FCK nicht auch noch ein paar Kopfballtore gefangen hat, denn auch bei hohen Bällen war die Innenverteidigung permanent unsicher.

JETZT SIND DIE PSYCHOLOGEN GEFRAGT – UND DIE ALTEN

Der schockierende Leistungseinbruch von Correia indes war kaum vorauszusehen. Der Lautrer Portugiese hatte sich bei seinen ersten Einsätzen nach langer Verletzungsgeschichte so schön wieder ins Team geschafft, sich angeschickt, zum großen Rückhalt des Teams zu werden. Am Montagabend bestätigte er, was auch Norbert Meier im Rahmen seines Abschiedsspiels bereits angedeutet hatte. Das größte Problem des FCK sind die erfahrenen Spieler, die derzeit nicht vorangehen – ob sie nicht wollen oder nicht können, muss im Einzelfall beurteilt werden. Und da sich in dem jungen Kader nur wenige Erfahrene finden, ist dies doppelt fatal.

Hier liegt nun auch die größte Herausforderung bis Freitag. Jetzt ist psychologisches Fingerspitzengefühl gefragt, und das kann am ehesten von denen erwartet werden, die die Spieler schon länger kennen. Vor allem die Frage, mit welcher Innenverteidigung der FCK gegen Fürth starten soll, muss jetzt mit Sinn und Verstand, aber auch mit Herz beantwortet werden. Sämtliche Kandidaten – Kessel, Modica, Vucur, Ziegler und nun auch Correia – haben in dieser Spielzeit nun schon einige Fehler gemacht, die traumatisieren können. Gefragt sind nun die zwei – oder auch drei –, die ihre Nerven am schnellsten wieder in den Griff bekommen.

Für ungute Gefühle sorgen auch die jüngsten Kaderstreichungen von Kastaneer und Spalvis. Die beiden galten bis vor kurzem noch als die großen Hoffnungsträger auf Qualitätsverbesserung, die mit Kurzeinsätzen zu „einhundert Prozent“ geführt werden sollten. Kastaneer war zuletzt auch schon über 90 Minuten eingesetzt worden. Aber nun… Was ist da los?

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