Spielanalyse: Mit Kompaktheit zur Sicherheit – und mit einer Rochade zum Sieg

Einstand nach Maß, Traumstart, endlich wieder eine Mannschaft, endlich wieder eine Spielidee, endlich wieder Siegermentalität, endlich wieder… und auf der anderen Seite ein Trainer, der sagt: „Das war nur ein kleiner Schritt.“ So darf es weitergehen auf dem Betzenberg. Ein Umfeld, das ausflippt, und ein Chef namens Jeff, der nach seinem gelungenen Debüt auf dem Teppich bleibt. Versuchen wir, irgendwo dazwischen die Balance zu halten. Der FCK hat mit einem 3:0 (0:0) gegen die SpVgg. Fürth seinen ersten Saisonsieg eingefahren und sich vom letzten Tabellenplatz auf den vorletzten geschoben. Auf die Siegerstraße gebracht hat ihn erst ein krasser Torwartfehler der Gäste, so berühmt war das also nicht. Dennoch ist es kein Duselsieg gewesen. Nach nur zwei Trainingseinheiten unter Jeff Strasser gibt es auch über die drei Punkte hinaus einiges aufzuzählen, was positiv ausfällt.

Der Chef trägt die Emotionen auf die Ränge, bleibt beim Coaching aber besonnen – das könnte durchaus auch eine Losung für die nächste Monate sein. Jeff Strasser gibt sich sogar äußerst besonnen. Wer gedacht hat, dass der einstige große Kämpfer im FCK-Trikot seine Jungs mit Beißen-Kratzen-Spucken-Treten-Parolen in die Partie geschickt, die von einigen schon zum Kampf ums nackte Überleben abgestempelt worden ist, muss erst einmal die Luft anhalten.

In den ersten Minuten ist nichts zu erkennen von wegen „dem Gegner vom Anpfiff an den Schneid abkaufen“, zeigen, „wer Chef im Ring ist“, aggressivem Pressing und kompromisslosem Zweikampfverhalten und was sonst noch alles so in vergleichbarer Situation gefordert wird. Der Trainer will erst einmal „Sicherheit durch Kompaktheit  herstellen“, wie er später in der Pressekonferenz erläutert.

Die Voraussetzungen dafür haben sich kurzfristig sogar noch erschwert. Gegenüber dem Montagsspiel bei Union Berlin fallen Leon Guwara, Marcel Correia und Daniel Halfar verletzt aus, Baris Atik  setzt Strasser erst einmal auf die. Dafür kommt der 19-jährige Joel Abu Hanna zu seinem Zweitligadebüt.

5-2-2-1: SCHÖNEN GRUSS AN MAIK WALPURGIS

Sicherheit durch Kompaktheit stellt der Trainer her, indem er der Mannschaft nichts grundlegend Neues abverlangt, bereits Bekanntes aber sehr interessant variiert. Eine Dreierkette, die bei Ballbesitz des Gegners zur Fünferkette wird – die hat auch Norbert Meier bereits exerziert. Strasser aber ordnet die übrigen fünf Spieler in einem 2-2-1 an.

Das heißt: Hinter der Spitze Sebastian Andersson rücken die Offensiven Gervane Kastaneer und Manni Osei Kwadwo auf die Halbpositionen ein, dahinter stehen zwei Sechser. So entsteht ein fünfeckiger Keil, der dem Gegner das Spiel durch die Mitte verschließt und ihn zwingt, außen über die Mittellinie zu kommen. Sobald dies geschehen ist, verschiebt sich der Keil in Richtung des Balles, zudem attackiert der zuständige Außenverteidiger.

Mit dieser Grundordnung hat übrigens Maik Walpurgis vergangene Saison versucht, Ingolstadt vorm Abstieg zu retten. Walpurgis? Das war doch auch ein Name, der in den vergangenen Wochen auf dem Betzenberg gehandelt wurde und der vom Anhang wenig freundlich kommentiert wurde.…

Daher sei an dieser Stelle ein kurzer Exkurs gestattet. Walpurgis hatte Ingolstadt nach zehn Spieltagen mit nur zwei Punkten von Markus Kauczinski übernommen, der heuer ebenfalls für einige Zeit als Meier-Nachfolger gehandelt worden war. Walpurgis holte in den verbleibenden 24 Spielen mit Ingolstadt 30 Punkte, macht 1,25 Punkte im Schnitt, was auf die Saison hochgerechnet 42 gewesen wären, die locker für einen Mittelfeldplatz in der Ersten Liga gereicht hätten. Und das mit 5-2-2-1/3-4-2-1-Grundordnung. Wer sich mal darin vertiefen möchte: Tobias Escher, Mastermind von spielverlagerung.de, hat ihr mal einen längeren Aufsatz gewidmet.

IN MINUTE 15 WIRD DIE SCHLÜSSELSZENE SCHON MAL GEPROBT

Zurück zum Spiel. Lautern braucht eine Weile, um sich in dieser Formation zu festigen, kontrolliert die Partie dann aber recht gut, bringt sich allenfalls durch – vermutlich nervlich bedingte – Fehler selbst in Gefahr. Beispielsweise nach Marius Müllers missglücktem Zupackversuch in der 24. Minute. Ein Feuerwerk brennt allerdings auch Lautern nicht ab, so dass es müßig wäre, sich jetzt mit diversen Halbchancen auseinanderzusetzen.

Auffallend: Fast alles geht über die rechte Seite, wo sich mit Philipp Mwene und Manni Osei Kwadwo ein Pärchen zu finden scheint, das noch viel Freude machen könnte.

Und: In der 15. Minute wird die Schlüsselszene des Spiels schon mal kurz geprobt. Fürth-Keeper Balazs Megyeri taucht unter eine Mwene-Flanke hindurch, Andersson ist mit dem Kopf dran, bekommt das Leder aber nicht ins Netz.

In Halbzeit zwei verliert der FCK dann zunächst mal den Faden, und in der 50. Minute verpasst Fürth die Riesengelegenheit, den ersten Treffer zu machen, der Spiele dieser Art meist entscheidet, wie auch Jeff Strasser in der PK anschließend bemerken wird. Nach einer Ecke kommt der aufgerückte Innenverteidiger Richard Magyar am Fünf-Meter-Raum zum Kopfball, doch Müller klärt auf der Linie.

ROCHADE NACH 60 MINUTEN STELLT DIE WEICHEN ZUM SIEG

Nach einer Stunde muss dann Joel Abu Hanna raus: ein Krampf, der glücklicher Weise keinen längeren Ausfall nach sich zieht. Das ist nicht nur schade, weil der 19-jährige ein starkes Debüt hingelegt hat, es macht Strassers Grundordnung kaputt: Der Trainer hat keinen Außenverteidiger mehr auf der Bank.

Innerhalb von Sekunden tüfteln er und Interims-Co Alex Bugera die passende Rochade aus: Sie stellen auf  Viererkette um, Mwene rückt auf die linke Seite, Kessel übernimmt den Part des rechten Außenverteidigers, dazu kommt Osayamen Osawe für Kastaneer und gibt fortan einen zweiten Stürmer. 4-4-2 also.

Besonders schön: Strasser lässt das neue Flügel-Pärchen mit Kultpotenzial zusammen. Auch Manni Osei-Kwadwo darf die Seite wechseln, rechts offensiv übernimmt Brandon Borrello. Eine Rechnung, die in den verbleibenden 30 Minuten voll aufgeht. Und wie.

Denn in Minute 71 klappt, was nach einer Viertelstunde noch knapp daneben ging. Mwene flankt – diesmal halt von links – Megyeri taucht, Andersson köpft. Drin. Und 19.179 Zuschauer können auch ohne neuen Wein Rauscher-Fest feiern.

„Sie haben gezeigt, dass sie geduldiger sind, haben auf ihre Chance gewartet und sie dann genutzt“, erkennt Fürth-Trainer Damir Buric nach dem Spiel an. „Und danach haben wir All-In gespielt und sind ohne Rückraumabsicherung in Konter gelaufen.“ Genau.

Nur drei Minuten später lupft Christoph Moritz den Ball in den Strafraum, Borrello flankt direkt nach innen, im anschließenden Gewühl passt Osei Kwadwo auf Andersson zurück und der sieht die Lücke – 2:0.

„In der Szene waren wir plötzlich mit fünf, sechs Mann in der Box, das zeigt den Willen, das Spiel zu gewinnen“, lobt Strasser. Sechs Minuten später ist es wieder Borrello, der Gino Fechner im rechten Halbraum des Strafraums anspielt – ja, auch Lauterns Sechser scheuen sich nicht mehr, mal ins Heiligste des Gegners einzudringen, sogar Moritz ist da schon gesehen worden. Fechner passt direkt in die Mitte zu Andersson und der schiebt zum 3:0 ein.

Ein Hattrick also. Drei Treffer in neun Minuten. Man glaubt’s nicht, aber es ist leider nur der zwölftschnellste Hattrick in der Geschichte der Zweiten Liga, wie der „kicker“ flugs errechnet hat.

WIEDER DA: POSITIVE ANSÄTZE, AUF DENEN SICH WEITER AUFBAUEN LÄSST

Die West mag Freudentänze aufführen, Jeff Strasser verspricht, dass seine Mannschaft das nicht tun wird. Sondern weiter hart arbeitet.

Und wir dürfen am Ende endlich wieder positive Ansätze zusammenfassen, auf denen sich in den nächsten Wochen aufbauen lässt. Diese Passage musste in der Spielanalyse des 0:5 bei Union Berlin leider wegfallen, aus naheliegenden Gründen.

Ins Auge springen natürlich die drei Treffer des schwedischen Neuzugangs Sebastian Andersson, der nunmehr schon vier Saisontore auf dem Konto hat. Hat der FCK nun endlich wieder einen echten Goalgetter? Bleiben wir auch hier mal besonnen: Richtig schwer reinzumachen war keiner der Bälle, die Andersson aufgelegt bekam. Andererseits: Tore geben einem Stürmer immer Selbstvertrauen, egal, wie und von wo er sie erzielt. Und Selbstvertrauen ist immer gut.

Ebenso wichtig, vielleicht sogar wichtiger ist die Null, die hinten steht. Sie sollte den Dreien, die hinten standen, helfen, sich endlich zu stabilisieren, denn alle drei haben in dieser Spielzeit schon schwer gepatzt. Diesmal trat Stipe Vucur endlich wie ein echter Abwehrchef auf, an seiner Seite wirkten Giuliano Modica und Benjamin Kessel zunehmend sicherer. Auf diesem Weg bitte weitergehen.

MACHT WEITER SO TÜCHTIG REKLAME, DANN BEBT GEGEN STUTTGART DER BETZE

Im zentralen Mittelfeld verdienen sich Fechner und Moritz das Prädikat ordentlich, schafften endlich auch mal ein paar Pässe in die Spitze, die ankamen. Speziell bei Moritz gilt es allerdings einmal mehr zu sagen, dass „ordentlich“ für einen Spieler mit seinen Anlagen kein Lob ist.

Ebenfalls positiv: Über einen so langen Zeitraum wie diesmal hat die Elf in dieser Saison noch nicht geschafft, sich so konzentriert in einer Ordnung zu bewegen. Aber auch da geht noch mehr. Vor allem die schwache Viertelstunde nach der Pause hätte böse enden können.

Am meisten Spaß gemacht haben allerdings, wie schön erwähnt, Mwene und Manni. Da wächst was zusammen, was zusammenzugehören scheint. Hoffentlich wächst der Rest der Mannschaft mit. Jeff, der Chef, hat jedenfalls angekündigt, in der nun anstehenden Länderspielpause die nächsten Weichen dafür zu stellen.

Danach stehen in diesem Monat Auswärtsspiele auf St. Pauli und in Regensburg an, zuhause gegen den MSV Duisburg. Und am 25. Oktober geht’s im Pokal gegen den VfB Stuttgart. Wenn die Strasser-Truppe in den Punktspielen weiter so tüchtig Reklame für sich macht, könnte das mal wieder ein richtig großer Fußballabend vor vollem Haus werden.

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