Spielanalyse: Nach dem ersten Saisonsieg – Noch ein bisschen Nerdkram zum Nachtisch

Schon etwas Schönes, so ein erster Saisonsieg nach acht reichlich frustrierenden Spieltagen – aber muss man deswegen noch zu einer bereits ausführlichen Nachbetrachtung noch einen Nachschlag liefern? Müssen vielleicht nicht. Wir tun’s trotzdem. Weil der geniale niederländische Statistik-Blog 11tegen11.net , aus dem wir uns so gerne bedienen, seine Statistiken von diesem Freitagssperst am Montag zur Verfügung gestellt hat. Und weil wir denken, dass sich ein Blick darauf lohnt. Schon allein deswegen, weil er demonstriert, um wie vieles aufschlussreicher dessen „expected Goals“-Betrachtung ist als die statistischen Zahlen, die andere zur Bewertung eines Fußballspiels heranziehen.

3:0 hat Lautern gewonnen, nach einem Spiel, das ein „Torschussverhältnis“ von 13:7 aufweist. Okay, das deutet durchaus darauf hin, dass das Ergebnis gerecht sein könnte. Oft genug aber steht dieser statistische Vergleichswert in keinem Verhältnis zum Endergebnis. Zieht man andere statistische Zahlen aus der Partie Lautern gegen Fürth heran, entsteht ein eher schiefes Bild.

Die Fürther verzeichnen etwa eine höhere Anzahl an angekommenen Pässen (354:233) und ein insgesamt bessere Passquote (78:74), haben nach Eckbällen sogar 5:1 gewonnen. Die „Zweikampfquote“ dagegen spricht wieder für Lautern (58:42). Aber mal im Ernst: Wie definieren Analysten eigentlich einen gewonnenen Zweikampf?

Geschenkt.

WAS BITTESCHÖN SIND „EXPECTED GOALS“?

11tegen11.net“ betrachtet unter anderem die sogenannten „expected Goals“, die zu erwartenden Tore. Bewertet wird die Wahrscheinlichkeit, mit der aus einer bestimmten Position zum Tor, der Art und Weise, die der Schütze anwendet (Kopf oder Fuß) und der speziellen Spiellonstellation heraus (Konter, Standard, offenes Spiel) ein Treffer erzielt werden kann. Um diese zu errechnen, greif 11tegen11 auf sechsstellige Datenmengen zurück, die darüber Aufschluss geben, wie oft unter diesen Voraussetzungen schon einmal ein Tor erzielt worden ist.

Auf dieser Basis wird die Torchance mit einem Wert zwischen 0 (null Prozent Trefferwahrscheinlichkeit) und 1 (100 Prozent Trefferwahrscheinlichkeit) bedacht. Ein expected Goal-Wert von 0,25 – abgekürzt „xG“ – bedeutet demnach, dass in einem von vier Fällen in einer solchen Situation ein Tor fällt.

Über 90 Minuten hinweg erstellt 11tegen11.net Fieberkurven, die die einzelnen xG-Werte aufsummieren. Und dabei hat sich herausgestellt, dass expected Goals das tatsächliche Ergebnis sehr gut abbilden, besser als alle anderen Fußballstatistiken.

Das klingt nach überflüssigem Nerdkram, ist aber äußerst schlüssig, wenn man sich in Ruhe damit befasst und die xG’s für ein konkretes Spiel betrachtet. Dies hier ist die „Fieberkurve“ von FCK gegen Fürth:

2017-09-29 974221 xG plot Kaiserslautern 3 - 0 Greuther Furth

 Nach xG-Werten endet die Partie 2,55 : 0,58 für Lautern – einen so guten Wert hat der FCK übrigens noch nie erzielt, seit wir diese Statistiken verfolgen, also ab der Rückrunde der vergangenen Saison. Deutlich zu sehen ist, wie flach sich die Linie nach ersten Halbchancen um die 15. Minute bis zum ersten Treffer in der 71. Minute entwickelte. Lautern kontrollierte das Spiel zwar einigermaßen, brachte vor dem Tor aber nichts zustande. Fürths xG-Wert von 0,58 resultiert im Wesentlichen aus der Chance von Magyar in der 49. Minute.

Anhand der xG-Werte hat „11tegen11“ eine 86-prozentige Wahrscheinlichkeit errechnet, dass das Spiel tatsächlich 3:0 endet. Da lässt sich mit Fug und Recht sagen: ein verdienter Sieg.

Interessant auch, dass das 3:0 Anderssons einen höheren xG-Wert aufweist als das 1:0, obwohl der Schwede da aus nicht einmal einem halben Meter Entfernung ins Tor köpft. Das liegt an der Situation, in der die Chance entstanden ist. Andersson war bedrängt, und der Flankenball Mwenes, der dem ersten Treffer vorausging, wäre leicht abzuwehren gewesen, beim dritten Treffer indes war Andersson von Fechner wesentlich eindeutiger freigespielt worden.

Spannend zu betrachten sind auch die Passgrafiken, die 11tegen11 erstellt. Hier die der Lauterer vom aktuellen Spiel:

2017-09-29 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - Greuther Furth

Betrachtet werden hier in der Regel nur die ersten 60 bis 70 Minuten, weil es danach nach Ansicht der Analysten zu zu vielen Verwerfungen durch Auswechslungen  kommt. Das ist speziell bei diesem Spiel ein wenig schade, weil die Tore erst nach der 70. Minute fielen – und nach der Umstellung auf ein 4-4-2-System.

EIN STERNCHEN IN GOLD FÜR ANDERSSON

Je dicker der Kreis ist, der einen Spieler markiert, desto öfter war er ein Ball. Die Position des Kreises auf dem Spielfeld spiegelt die Position wider, auf der er den Ball am häufigsten angenommen hat – der Punkt ist natürlich ein wenig mit Vorsicht zu genießen. Auffallend ist aber: Mwene wurde in der Regel wesentlich höher angespielt als Hanna auf der anderen Seite, war überhaupt gemeinsam mit Manfred Osei Kwadwo der große Dampfmacher.

Die Sternchen in Gold, Silber und Bronze visualisieren, wie oft ein Spieler an xG-Situationen beteiligt war. Dass Andersson mit seinen drei Treffern dabei den Goldbuben markiert, dürfte in der Natur der Sache liegen.

Die Pfeile zwischen den Punkten zeigen die Pässe an, die zwischen den einzelnen Teammitgliedern Spielern gespielt werden. Wobei ein Pfeil erst erstellt wird, wenn mehr als drei Pässe gespielt werden. Das heißt: Moritz’ grandioser Lupfer in die Box vor dem 2:0 findet keinen Einzug in diese Grafik, ebenso wenig wie seine in diesem Spiel stark verbesserten Freistoßflanken.

MORITZ SPIELT ZU VIEL QUER, LÄUFT ABER MEHR ALS JEDER ANDERE

Erkennbar ist freilich das typische Moritz-Problem. Er passt viel nach links oder rechts, selten in die Spitze. Erwähnt werden soll an dieser Stelle aber auch ein statistischer Wert, der nicht über „11tegen11“, sondern über die „kicker“-Datenbank einzusehen ist: Moritz ist fast immer der laufstärkste Spieler seines Teams. Gegen Fürth spulte er 12,30 Kilometer ab.

Dass das Spiel an Gervane Kastaneer weitgehend vorbeilief, visualisiert nicht nur der verhältnismäßig kleine Punkt, den er darstellt. Von ihm gehen überhaupt keine  Passpfeile weg, obwohl Hanna ihn ein paar Mal angespielt hat. Nicht in der Statistik auf taucht Brandon Borrello, der nach seiner Einwechslung mächtig Betrieb machte. Da lässt sich spekulieren: Wenn sich die Eindrücke im Trainingsbetrieb während der Länderspielpause bestätigen, hat der Australier alle Chancen, den Niederländer aus der Startelf zu drängen.

11tegen11.net“ hat noch ein paar interessante Statistik-Tools mehr in petto, etwa die Visualisierung der „Zone 14 Passes“. Denen widmen wir uns aber ein andermal.

2 Gedanken zu “Spielanalyse: Nach dem ersten Saisonsieg – Noch ein bisschen Nerdkram zum Nachtisch

  1. In den Statistiken taucht Moritz fast immer als der Spieler auf, der am meisten läuft. Als „laufstark“ würde ich ihn jedoch nicht bezeichnen, da er selten sprintet und noch viel seltener Laufduelle gewinnt. Sein Spiel ist fast komplett körperlos. Wann immer ich ihn spielen sehe frage ich mich, wie bitteschön er mit diesen Attributen damals unter Magath Champions League gespielt hat. Auch wenn er gegen Fürth recht ordentlich gespielt hat bleibt er für mich eine Riesenenttäuschung und in allen vorgenannten Kategorien das Gegenteil von Halfar. Sobald Albaek und Halfar wieder fit sind sollte er auf seiner Position hinter Fechner und den beiden Erstgenannten nur noch die Nummer 4 sein.

    Das Grundproblem der Mannschaft bleibt leider bestehen: Es gibt (noch) keinen Leadertypen. Die wenigen, die dafür in Frage kämen laufen Ihrer Form hinterher (Correia, Kessel), sind verletzt (Albaek) oder kommen von Erfahrung und Einsatz dafür in Frage, vom Typ her aber eher nicht (Halfar).

    Die einfachste Form beim Fußball ein Tor zu erzielen sind Standards. Sollte Strasser die Länderspielpause nutzen um das mit der Mannschaft effektiv einzustudieren, wäre er der erste Trainer nach Kurz (?) dem dies gelänge. Das letzte direkte Freistoßtor kam gefühlt von Miro Kadlec…

    Mit der Lauf-und Kampfeinstellung wie am Freitag geht gegen Pauli definitiv was.

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  2. Gute Punkte, Wutti.

    In der Tat wäre es interessanter, anstelle der reinen „Laufleistung“ die so genannten „intensive Läufe“ zu betrachten. Auch die werden statistisch erhoben, sind in den freien Datenbanken aber leider nicht aufgeführt, jedenfalls habe ich noch keine Quelle gefunden. In 90 Minuten 12,30 Kilometer zu joggen, sollte für einen Leistungssportler eigentlich keine große Leistung sein… Ansonsten hast du meine volle Zustimmung, was das Leader-Problem angeht. Ich denke, von den Typen her wären Correia und Albaek am besten geeignet, es zu lösen, wenn sie nur konstanter Form fänden.

    Ob Moritz dagegen nochmal in die Spur gebracht werden kann? Er ist immerhin schon 27. Seine Anlagen sind überragend, insofern ist es kein Wunder, dass der schon CL gespielt hat. Auch beim FCK macht er in jedem Spiel ein, zwei Sachen, die außer ihm in diesem Team eigentlich niemand kann, gegen Fürth beispielsweise der Lupfer vor dem 2:0. Wenn der über 90 Minuten konzentriert aufspielen könnte, wäre er der zentrale Mittelfeldspieler Nummer eins, mit weitem Abstand vor den anderen. Vielleicht sollte er es mal mit autogenem Training versuchen.

    Das letzte direkt erzielte Freistoßtor? Ich glaube, Jean Zimmer vergangenes Jahr in Düsseldorf, davor trafen auch mal Bjelica, Dick und Lakic… Unterm Strich sind das aber verdammt wenig in den rund 20 Jahren seit Kadlec…

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