Kohlis Arschkarte: Ein Länderspiel bietet Anlass für launige Abgesänge – Da channeln wir doch lieber unseren inneren Kalli

Oh, wie ist das schön… Kaiserslautern ist wieder einmal Austragungsort eines Länderspiels gewesen. 5:1 haben Jogis Löwen Aserbaidschan geschlagen, und ein gewisser Sandro Wagner, der ansonsten keine guten Erinnerungen an dieses Stadion hat,  hat in seinem fünften Länderspiel sein fünftes Tor geschossen. 37.613 Zuschauer haben einen Platz im Fritz-Walter-Stadion der Couch vor der Glotze vorgezogen, so viele sind bei Auftritten der deutschen Nationalmannschaft längst nicht mehr selbstverständlich. Und sie haben ihren Teil zur Leistungssteigerung der deutschen Nationalspieler in der zweiten Hälfte beigetragen, wie selbst „Spiegel online“ in seiner unnachahmlichen Art lobt: „Im zweiten Durchgang channelten dann die Betzenberg-Besucher ihren inneren Kalli Feldkamp und sorgten auch außerhalb des Platzes für den würdigen Abschluss einer WM-Qualifikation, die mit dem Auftreten der DFB-Fans in Prag ein negatives Highlight beinhaltete.“

Das soll an dieser Stelle herausgestrichen werden, denn die Pfälzer Seele musste im Vorfeld dieses Länderspiels einiges ertragen. Erst wird ein – im übrigen abgelehnter – Antrag im Lauterer Stadtrat, sich angesichts der problematischen Situation beim FCK öffentlich mit Grundstücksfragen am Betzenberg zu befassen, von gewissen Medien hochgejazzt, als kreisten bereits Abrissbirnen über dem Fritz-Walter-Stadion. Anschließend nutzen Kollegen, die es eigentlich besser wissen und können, die schlaglichtartige Rückkehr dieses Spielorts auf die „große Fußballbühne“ zu kaum erträglichen Abgesängen auf ein Stück Provinz, von dem sich die Welt mittlerweile abgewandt hat.

IMMER GERNE: DIE DICKEN VOM ELF-FREUNDE-KREISEL UND „PFÄLZISCH SIBIRIEN

Peter Ahrens von „Spiegel online“ bemüht sich dabei erst gar nicht um einen bluesigen Unterton, wie er in solchen Fällen meist angeschlagen wird, und nennt sein Pamphlet auch nicht Abgesang, sondern direkt und unmissverständlich „Abrechnung“. Mit wem oder was er eigentlich abrechnen will, wird in seinen Zeilen allerdings nicht so ganz klar. Ist er am Ende vielleicht nur verärgert, weil er sich genötigt fühlt, zur Ausübung seines Sportjournalistenberufs ausgerechnet nach Kaiserslautern zu fahren, das nun einmal keine schöne Stadt ist?

Die schon von der „Bild“ bemühte Abrissbirne würde der „Spiegel online“-Autor gerne auch bei den Zweckbauten der Lautrer City zum Einsatz kommen sehen… Verziehen sei ihm, dass er in den moppeligen Figuren auf dem Elf-Freunde-Kreisel die „Elf von Bern“ erkennt und nicht etwa irgendeine Thekenmannschaft, deren Leistungsträger mit akuten Gewichtsproblemen kämpfen. Die Darstellung, dass der DFB bei der Vergabe der Spielorte für die EM 2024 Kaiserslautern nicht einmal in die engere Auswahl nahm, ist dagegen nicht widerspruchslos hinzunehmen – die Stadt hat ihre Bewerbung freiwillig zurückgezogen.

Am skurrilsten kommt allerdings die Autorenidee daher, den 1991er Tatort „Tod im Häcksler“ zu bemühen, um die unzumutbare Lebensqualität der Pfalz zu geißeln. Wir erinnern uns dunkel: Für das Lena Odenthal-Machwerk schämte sich hinterher selbst der produzierende SWR. Dabei waren die Außenaufnahmen, in denen ein Polizeitrupp in einer kargen, frostigen Steppe, die im Film als „pfälzisch Sibirien“ bezeichnet wird, nach herumliegenden Leichenteilen fahndet, in der Nähe von Baden-Baden entstanden. Und niemand geringerer als der damalige „Schoppeminister“ himself, Rainer Brüderle, lud Odenthal-Darstellerin Ulrike Folkerts ein, mit ihr die Pfalz zu bewandern und anschließend mit ihm einzukehren… Wir wissen nicht, wie das damals endete, wir empfehlen dem nunmehrigen Politrentner nur, den „Spiegel“-Autoren diesmal NICHT einzuladen. Schon gar nicht auf Kosten des Bundes der Steuerzahler, dem er jetzt vorsteht.

IMMER WIEDER FALSCH KONNEKTIERT: DJORKAEFF UND DER ANFANG VOM ENDE

Auch der geschätzte und in FCK-Fragen eigentlich stets bewanderte Tobias Schächter ließ sich von der Sportredaktion der „Süddeutschen“ hinreißen, zur Einstimmung aufs anstehende Länderspiel über den „verblassten Mythos vom Betzenberg“ einen Aufsatz in depressiver Tonalität zu verfassen. Der ist, das sei betont, wesentlich faktenorientierter geraten als das „Spiegel“-Pamphlet, nutzt aber einmal mehr die Verpflichtung des französischen Weltmeisters Youri Djorkaeff im Jahr 1999, um „Großmannssucht und Größenwahn“ zu belegen, die den Niedergang des FCK einleitete: „Der Großverdiener wurde in drei Spielzeiten nie heimisch in der Pfalz. Die damalige Führung um Jürgen Atze Friedrich musste sich in einem Steuerprozess um die Abtretung von Persönlichkeitsrechten von FCK-Profis, unter anderem Djorkaeff, verantworten und wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.“

 Da diese Mär weit verbreitet ist, sei hier mal klargestellt: In dem besagten Prozess kam das Gericht zu der Auffassung, dass bei den Transfers der Spieler Taribo West, Lincoln und Jeff Strasser seinerzeit Zahlungen ins Ausland geleistet worden waren, die als Steuerhinterziehungen zu verurteilen waren. Die Geldströme, die der Verein mit den Finanzberatern Djorkaeffs ausbaldowert hatte, waren zwar schwer durchsichtig, wurden am Ende aber als legal angesehen.

Und aus sportlicher Sicht ist zu Djorkaeff zu sagen, dass er in seiner ersten Saison im FCK-Dress dem Verein und seinen Fans viel Freude bereitete, da Meistertrainer Otto Rehhagel es verstand, Ausnahmespielern wie ihm die Freiräume zu gewähren, die sie brauchen, um bei Laune zu bleiben. Dem Trainernovizen Andreas Brehme, der Rehhagel nachfolgte, ging dieses Gespür ab, folgerichtig kam es zum Bruch, und in der letzten Halbserie der im übrigen nur zweieinhalb Jahre währenden Ära Djorkaeff wurde der Franzose aussortiert.

Dennoch taugt er nicht als Beleg für die sportlichen und wirtschaftlichen Verfehlungen des FCK in den vergangenen 18 Jahren. Das Geld, ihn zu bezahlen, war damals noch vorhanden, und unter einem Trainer, der mit ihm umzugehen verstand, war er weit mehr als nur eine Bereicherung. Das fußballerische Mittelmaß – bisweilen war es nicht einmal das –, das nach ihm in Scharen kam und wieder ging, ohne etwas bewirkt zu haben, schadete dem Verein in der Summe um ein Vielfaches mehr.

IMMER WIEDER ÜBERSEHEN: DIE WAHREN MÜHLSTEINE – UND WER SIE VERURSACHTE

Apropos Brehme: Auch er kam in den Abgesängen der vergangenen Tage zu Wort. „Es tut weh, den Abstieg des FCK zu sehen“, wird er bei fußball.news zitiert. Dass er seine eigenen Schmerzen auch ein wenig selbst mitverursacht hat, erwähnt er leider nicht. In seinen knapp zwei Jahren als FCK-Trainer blähte der Weltmeister von 1990 den Kader mit qualitativ mäßigem Personal derart auf, dass dies hinterher nur mit erheblichen finanziellen Verlusten wieder zu korrigieren war.

Beziehungsweise, zu korrigieren gewesen wäre, denn auch unter Brehmes diversen Nachfolgern und in den Vorstandsjahren von René C. Jäggi und Erwin Göbel fand der FCK nie wieder zu der Personalpolitik zurück, die ihn einst stark gemacht hatte: Aus dem Weniger an Geld, das dem FCK schon strukturell bedingt zur Verfügung steht, einfach mehr zu machen als andere.

Tobias Schächter lässt auch die dicksten Mühlsteine nicht unerwähnt, die dem Verein im Grunde bis heute am Hals hängen. Eine Steuer-Nachzahlung in Höhe von 8,95 Millionen Euro, zu der  Vorstandschef Jäggi den Verein nach einer Selbstanzeige verpflichtete, weil er noch höhere Forderungen fürchtete. Und die rund zehn Millionen Euro im Jahr, die der FCK für Miete, Instandhaltung und Betrieb des Stadions an die Betreibergesellschaft zahlen muss, an die er sein Zuhause 2003 veräußerte. Was bekanntlich ihm Zuge des Ausbaus zum WM-Stadion 2006 geschehen war.

Die Bewerbung hatten Friedrich und Wieschemann angestoßen, Stadt und Land hatten sie begeistert – und einhellig – aufgenommen. Der Autor der „Süddeutschen“ kommt daher zu dem Schluss, zu dem schon Hunderte vor ihm gekommen sind und zu dem wohl künftig noch viele kommen werden (wollen): Dieses WM-Stadion hätte nie gebaut werden dürfen, „der Preis dafür war einfach zu hoch“. Schlussendlich dümpele der einst so stolze FCK deswegen ja gerade auf dem vorletzten Platz der Zweitligatabelle herum.

Amen.

Amen?

EINE GUTE ZUKUNFT WÄRE MÖGLICH GEWESEN – AUCH MIT WM-STADION

Die Kollegen können die immer gleichen Abgesänge noch so oft anstimmen, wir werden immer wieder dafür plädieren, mal einen anderen Gedankengang zuzulassen: Hätte es nicht auch eine Möglichkeit gegeben, das WM-Stadion zu bauen, den enormen Belastungen, die dadurch entstanden sind, jedoch besser Herr zu werden, als Jäggi es gelungen ist, nämlich gar nicht?

 Dass Jäggis 8,95 Millionen-Vergleich mit dem Finanzamt schlicht und ergreifend unnötig war, sagen mittlerweile auch viele, die damals ein wenig Einblick hatten. Und dass der Pachtvertrag mit der Betreibergesellschaft nicht einmal Staffelmieten vorsah, die an die Ligazugehörigkeit des Vereins geknüpft sind, war und ist  einfach nur ein ungeheuerliches Versäumnis.

Ganz zu schweigen davon, was möglich gewesen wäre, wenn die sportliche Leitung in diesen Jahren in besseren Händen gelegen hätte. Wäre etwa weniger fußballerische Meterware verpflichtet, sondern der Kader in der Breite mit Nachwuchsspielern aufgestellt worden, die statt dessen lieber nach Braunschweig und Sandhausen abwanderten, man hätte auf dem Transfermarkt weniger, dafür aber bessere Spieler verpflichten können… Dann könnte der FCK vielleicht heute noch Erste Liga spielen und sich an seinem schönen großen Stadion für 50.000 Zuschauer erfreuen, das auch öfter mal ausverkauft wäre.

Immer nur die Entscheidung fürs WM-Stadion anzuführen und somit Wieschemann und Friedrich zu den „Totengräbern“ des Vereins zu erklären, ist auf Dauer nicht nur langweilig, sondern auch undifferenziert. Wer dieses, zugegeben, bisweilen eigenartig agierende Duo als „großmannssüchtig“ bezeichnet, sollte ihm immer auch zugute halten, dass es den FCK ebenso zu Meisterehren geführt hat – und Fußballfans in aller Welt glücklich machte, indem es seine eigene Sucht stillte.

Der Misserfolg hat eben fast immer ebenso viele Väter wie der Erfolg. Auch wenn er nicht sprichwörtlich ist.

Immerhin wissen wir aufgrund der Berichterstattung rund um diesen Länderspiel nun, wie der FCK wieder herausfinden kann aus seinem tiefen Tal: Er muss seinen „inneren Kalli Feldkamp“ wieder „channeln“. Danke, „Spiegel online“!

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