Gästeblog: Der frühe Stürmer schießt das Tor – Die überzeugten Minimalisten vom Kiez kommen nur langsam in die Puschen

Dass er jetzt bei einem für ihn idealen Verein gelandet ist, daran lässt der gebürtige Wuppertaler Uwe Stöver keinen Zweifel. Schon als Aktiver hätte er gerne für den FC St. Pauli gekickt, verriet er gerade der „Hamburger Morgenpost“ (Mopo). Offiziell fungiert der 50-jährige nun seit dem 1. Oktober als „Geschäftsleiter Sport“ bei seinem Wunschverein, und auch wenn er nicht selbst auf dem Platz steht, entsprechen die aktuellen Ergebnisse des Kiez-Klubs ganz seinem Fußballverständnis: „Ich war Abwehrspieler. Deshalb ist mein Lieblingsergebnis eher ein 1:0. Ein 4:3 ist zwar unterhaltsam für die Zuschauer. Für mich aber sind bei so einem Ergebnis zu viele Fehler gemacht worden“, erklärte Stöver der „Bild“.

Exakt diese Einstellung zeichnet den FC St. Pauli bislang aus: Mit nur neun erzielten Treffern haben die Hamburger bereits 16 Punkte erstritten, stehen gegenwärtig auf Rang 6. Damit haben sie nur drei Mal mehr getroffen Tore als der Tabellenvorletzte 1. FC Kaiserslautern, den St. Pauli am Freitag um 18.30 Uhr am Millerntor empfängt.

 UWE STÖVER HEGT KEINEN GROLL: ES „HAT NICHT MEHR GEPASST“

Interessant: Auch Stövers vorheriger Klub, dem er an diesem Abend wiederbegegnet,  profilierte sich mit einem ähnlichen Minimalismus, zumindest in der Hinrunde der vergangenen Saison, als die Welt des damaligen Sportdirektors noch einigermaßen in Ordnung war. Der FCK hatte nach 17 Spielen gerade mal elf Treffer erzielt, stand mit 19 Punkten aber immerhin auf Platz 13. Heuer gilt es, bis Weihnachten da erst einmal hinzukommen.

Wie es mit Stöver in Lautern weiterging, ist bekannt. Nach nur einer Saison in der Pfalz bat er um Vertragsauflösung, offenbar – dies freilich ist nie offiziell bestätigt worden – entnervt von Kritik an seiner Person aus dem Aufsichtsrat und des öfteren geäußerten, aber wieder revidierten Bestrebungen, seine Kompetenzen durch die Installation eines Sportvorstands zu beschneiden.

In einem Interview mit der „Rheinpfalz“ vom Mittwoch betont Stöver, gegen niemanden aus dem Lautrer Lager einen Groll zu hegen. Er habe die Entscheidung aufzuhören, schließlich „allein für sich“ getroffen. „Andere haben für sich andere Entscheidungen getroffen. Das hat dann nicht mehr gepasst.“

GERADE DIE ZURÜCK-HALTUNG HAT ST. PAULI IMPONIERT

Ebenfalls dementiert Stöver, mit St. Pauli bereits einig gewesen zu sein, ehe er in Lautern hinwarf. Er sei lediglich im Februar 2017 von Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig auf einer Managertagung einmal kurz angesprochen worden, habe aber erklärt, dass ein Wechsel für ihn momentan kein Thema Wechsel sein. Erst nach seiner Vertragsauslösung und nach seinem offiziellen Ausscheiden am 30. Juni habe er sich dem Aufsichtsrat St. Paulis vorgestellt.

Nun, wie die Pauli-Verantwortlichen bei Stövers offizieller Vorstellung am 21.9. erklärten, hatten sie zwischenzeitlich schon ein weiteres Mal bei Stöver nachgehakt, doch gerade seine Haltung, nicht in konkrete Verhandlungen einzusteigen, ehe nicht alles geklärt sei, habe ihnen imponiert – das ist in der „Mopo“ nachzulesen. Zumindest also wusste Stöver, dass er einen heißen Interessenten in der Hinterhand hatte, als er seinen Vertrag auflöste – das aber ist nichts Ehrenrühriges und einem 50-jährigen, der aus eigenem Antrieb seinen Job kündigen will, sogar unbedingt zu wünschen.

STÜHLERÜCKEN HEBT LIENEN AUF EIN NEUES LEVEL

Mit Stövers Installation hat der Kiezklub ein Stühlerücken abgeschlossen, wie es in diesen Zeiten ungewöhnlich geworden ist. Cheftrainer Ewald Lienen ist im Sommer zum Technischen Direktor aufgestiegen. An ihm hatte der Verein auch festgehalten, nachdem er im Winter 2016 mit nur elf Punkten auf dem letzten Tabellenplatz der Zweiten Liga rangierte. Lienen und seine Mannschaft bedankten sich für das Vertrauen in der Rückrunde mit überragenden 34 Punkten und einem Saisonabschluss auf Platz sieben – solche Erfolge zeitigt eben die „Kontinuität“, über die so viele reden und die die wenigsten leben.

Auf dem Stuhl des Cheftrainers sitzt nun Lienens früherer Assistent Olaf Janßen, der ebenfalls mit reicher Profifußball-Erfahrung ausgestattete Andreas Rettig verantwortet nun ausschließlich den kaufmännischen Bereich der Geschäftsleitung, Stöver den sportlichen. Und der schon immer sozial engagierte Lienen darf sich nun endlich auch beruflich den Themen widmen, die ihn über den Fußball hinaus beschäftigen. Zum Lautern-Spiel am kommenden Freitag will er beispielsweise gemeinsam mit der örtlichen Krankenkasse  Zahn­bürsten für bedürftige Familien sammeln. Daneben gibt der 63-jährige herzerfrischende Interviews, in denen er Klartext redet, welche verheerende Entwicklung das Fußballgeschäft in diesen Tagen nimmt.

DIE CHANCE FÜR LAUTERN: FRÜH STARTEN – UND DANN SIEGEN

Hat Lautern in so viel heiler Welt denn gegenwärtig überhaupt eine Chance auf St. Pauli? Aber klar doch! Bislang sichert sich der FC St. Pauli seinen sechsten Tabellenplatz in erster Linie mit starken Auftritten in der Fremde: Vier Mal hat das Janßen-Team bereits auswärts gewonnen, zuletzt in Braunschweig (2:0). An der Kultspielstätte Millerntor haben die Paulianer dagegen zuletzt zwei Mal verloren – gegen Ingolstadt wurden sie sogar besonders hart abgeklatscht (0:4).

Interessant ebenfalls: Die Hamburger kommen nur langsam in die Puschen. Von den elf Gegentreffern, die sie bislang kassierten, fielen drei in der ersten Viertelstunde – und alle drei Spiele gingen daraufhin verloren. Die gute alte Auswärtstaktik „erst mal abwarten“ ist gegen St. Pauli also nicht angesagt.

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