Spielanalyse: Der erste Auswärtspunkt – Das 1:1 auf St. Pauli war spannender, als die nackten Zahlen es aussagen

Der erste Auswärtspunkt der Saison ist geschafft. 1:1 (0:0) trennt sich der 1. FC Kaiserslautern nach 90 Minuten vom FC St. Pauli und ist mit einem insgesamt zufriedenen Gefühl nach Hause gefahren. Auch im Spiel zwei unter Trainernovize Jeff Strasser ist der FCK über wesentlich längere Strecken konzentrierter und  geordneter aufgetreten als in den ersten acht Partien der Saison, bleibt aber weiterhin Tabellenvorletzter. Echte Torgelegenheiten kreiert das Team nach wie vor kaum, auch wenn ein deutlicher Wille zu forciertem Flügelspiel erkennbar ist.

 Es war ein Spiel zweier Mannschaften, die das Warten zum Prinzip erhoben haben: Solange selbst keine Fehler machen, bis der Gegner einen macht – typisch Zweite Liga halt. Die Prognosen, wie das enden könnte, fielen vor dem Spiel jedoch recht unterschiedlich aus. St. Pauli war mit dieser Einstellung bislang recht erfolgreich gefahren: Sechs seiner neun Saisontreffer bislang hatte das Team von Trainer Olaf Janßen erst ab der 61. Minute erzielt, fünf Spiele waren nach einem solchen Führungstreffer gewonnen worden, lediglich gegen Dresden sprang nur ein 2:2 heraus. Lautern dagegen hatte in dieser Saison überhaupt erst einmal gewonnen, vergangenen Spieltag 3:0 gegen Fürth. Und erst in der 71. Minute durch Sebastian Andersson dem Warten auf den Gegnerfehler ein Ende gesetzt.

IM 5-2-2-1 GEGEN DEN BALL: WAS ANDERES IST EH NICHT ANGESAGT

Bei der Auswahl seiner Startelf gelingt Jeff Strasser auf Anhieb, was seinem Vorgänger Norbert Meier in acht Spielen nur einmal geglückt war. Er lässt die Besetzung ebenso unverändert wie die Grundordnung. Lautern formiert sich wie bei Strassers Debüt  gegen den Ball im 5-2-2-1, macht die Mitte dicht und presst den Gegner gegen die Außenlinien, sobald er es über die Seiten versucht. Und: Lautern spielt zunächst mal nur gegen den Ball. Von Teil zwei des Strasserschen Matchplans ist nämlich nur in unkonturierten Ansätzen was zu sehen: nach Balleroberung direkt umschalten.

Dementsprechend gibt’s aus Hälfte eins nur eine Szene zu berichten. Nach einem Zucker-Lupfer Cenk Sahins startet St. Paulis Spitze Sami Allagui punktgenau in den Strafraum, verarbeitet aber das Leder aber nicht gut genug – drüber.

Um sich am Lauterer Spiel bis dato zu erfreuen, braucht es schon ein wenig Empathie. Andererseits: Wer außer glühenden Anhängern – oder zumindest wahren Freunden – schaut diesem Tabellenvorletzten eigentlich überhaupt noch zu? Oder liest diesen Blog? Drum sagen wir mal: Irgendwie ist da schon ein neuer Spirit zu erkennen. Gefallen Konzentration und Engagement der Lauterer, sowie die Disziplin, mit der sie ihre Ordnung halten.

DER AUSBLEIBENDE ELFMETERPFIFF IRRITIERT – UND ALLAGUI TRIFFT

Auch in der ersten Viertelstunde nach der Pause kommt der Gastgeber nicht vors Lautrer Tor, drückt die Verteidigungslinien der Pfälzer aber immer tiefer in die eigene Hälfte. In der 64. Minute zeigen die Hamburger Bemühungen dann Wirkung. Nach einer Hereingabe von links grätscht Benjamin Kessel im Strafraum Johannes Flum derb um, Schiri Sascha Stegemann will eigentlich Elfmeter pfeifen, wartet aber noch einen Moment, weil Allagui der Ball vor die Füße rollt – und der zieht ab. 1:0 für St. Pauli.

Wieder einmal ein Gegentor aus der Spielfeldmitte vor dem Strafraum. Das gab’s bei Lautern in dieser Saison schon öfter zu sehen. Hüten wir uns aber mal davor, hier ein typisches Fehlerbild erkennen zu wollen. Dazu war die Situation nach der Kessel-Grätsche zu irritierend: „Da haben einige wohl schon auf den Elfmeterpfiff gewartet“, vermutet Jeff Strasser hinterher.

Und nun? Okay: Zu sagen, Lautern „fighte“ mit aller Macht zurück, wäre übertrieben. Die Mannschaft schiebt nur zaghaft nach vorne, bleibt in ihrer Grundordnung, aber wach und konzentriert bei der Sache, und hat in der 77. Minute halt auch mal Glück. Sebastian Andersson köpft eine Ecke von Joel Abu Hanna ins lange Eck, sein fünftes Saisontor bereits. Das heißt: Eigentlich köpft er nicht, eigentlich macht er’s mit der Schulter. Deswegen Glück – auch, weil es im Grunde die erste wirkliche Torchance des FCK war. Und weil St. Pauli zuvor durch Mats Möller Daehli eine exzellente Konterchance hatte, die Lautern-Keeper Marius Müller bravourös meisterte.

IMMERHIN: DER FCK IST NACH EINEM SPÄTEN RÜCKSTAND  ZURÜCKGEKOMMEN

Es folgt noch eine runde Viertelstunde, in der sich der FCK wieder in seine tiefere Position begibt, dabei auch ein paar Umschaltsituationen kreiert, die im Ansatz ein wenig besser aussehen als die, die zuvor eingeleitet wurden – von wirklichen Torchancen zum Sieg wollen wir aber nicht sprechen. Immerhin: Die Mannschaft ist nach einem rechten späten Rückstand endlich mal zurückgekommen, und das gegen einen Gegner, der recht spät erzielte Führungen eigentlich nicht mehr aus der Hand gibt. Gutes Zeichen.

Schön vor allem auch für Abu Hanna: Der 19-jährige darf nun bereits in seinem zweiten Pflichtspieleinsatz seine erste Torvorlage verzeichnen, macht auch sonst ein ordentliches Spiel. Wenn der noch angeschlagene Stammlinksverteidiger Leon Guwara zurückkehrt, hat Strasser die Qual die Wahl. Zumal Guwara lediglich aus Bremen geliehen ist, der Ex-Leverkusener aber Vereinskapital darstellt, das es weiterzuentwickeln gilt.

Ebenso gab Abu Hanna sein Debüt im Treten von Eckbällen, eine Disziplin, die Strasser während der Länderspielpause intensiv trainieren ließ. Anscheinend also setzt der neue Coach an den richtigen Hebeln an. Was ebenfalls auffällt: 118,32 Kilometer sind die Lautrer in den 90 Minuten am Millerntor gelaufen. Die liegen stolze 5,57 Kilometer über dem Durchschnitt der ersten neun Spieltage. Intensiveres Fitnesstraining hatte Strasser dem Team übrigens ebenfalls verordnet.

STATISTIKEN UND GRAFIKEN: LAUTERN LIESS WENIG ZU – BALLBESITZ WIRD ÜBERSCHÄTZT

Womit wir bei der statistischen Auswertung wären. „11tegen11“ hat errechnet, dass anhand der von den niederländischen Analysten erhobenen „expected Goals“-Werte ein Sieg St. Paulis zu 46 Prozent wahrscheinlich gewesen wäre, dass tatsächlich erzielte Remis jedoch nur zu 37 Prozent. Also ein unverdienter Punktgewinn der Lauterer?

Dabei sind freilich die recht niedrigen Eingangsgrößen zu berücksichtigen. Nach 90 Minuten stehen sich xG-Werte von gerade mal 0,89 : 0,46 gegenüber. St. Paulis Linie wird im wesentlichen von Bernd Nehrig Kopfball nach einer Ecke in der 29. Minute nach oben sowie durch Möller Daehlis Torchance nach oben geknickt. In beiden Situationen war die statistische Wahrscheinlichkeit, einen Treffer zu erzielen, höher als bei erfolgreichen Torschuss Allaguis.

Hier die Grafik:

2017-10-13 974227 xG plot St. Pauli 1 - 1 Kaiserslautern.jpg

Lautern hat also tatsächlich über 90 Minuten „nicht viel zugelassen“, wie Trainer und Spieler so gerne formulieren. Sicher auch ein Erfolg des langsam zusammenwachsenden Innenverteidiger-Trios Kessel-Vucur-Modica. Wobei nicht übersehen werden wollte, dass sich gerade Vucur und Modica schon noch Fehlpässe leisten, die gerade in der letzten Linie nicht unterlaufen sollten. Nur blieben diese diesmal folgenlos.

Ein Blick auf die Positions- und Passgrafik St. Paulis bestätigt einmal mehr, dass die Ballbesitzquote gerne überschätzt wird. Auch Olaf Janßen betonte nach Spiel, dass das Verhältnis von 66:34 für die spielerisch Überlegenheit der Gastgeber spräche. Viel haben sie daraus aber nicht gemacht, was auch nicht wundert, den Ball lief meistens zwischen der Hintermannschaft und dem tiefen Sechser Bernd Nehrig hin und her, wie die dicken Punkte im Schaubild zeigen:2017-10-13 St. Pauli Passing plot St. Pauli - Kaiserslautern.jpg

Schön zu sehen auch, wie Allagui in der Luft hing. Lediglich Rechtsverteidiger Luca-Milan Zander hat ihn so oft angespielt, dass eine Linie zwischen beiden kreiert wurde.

Lauterns Positions- und Passgrafik dokumentiert unter anderem die Beweglichkeit Anderssons – und, dass er die Bälle in der Regel recht tief annimmt. Ist aber in Ordnung, solange er trifft. Nach der Fußballlehre Pep Guardiolas übrigens sollten Offensivspieler den Strafraum ohnehin erst unmittelbar vor dem Abschluss betreten. Hier die Grafik:

 2017-10-13 Kaiserslautern Passing plot St. Pauli - Kaiserslautern.jpg

Ansonsten verteilt sich der wenige Ballbesitz schön gleichmäßig über die komplette Elf. Und die Pfeile neben den Punkten von Moritz und Fechner zeigen, wie aktiv das zentrale Mittelfeldduo war. So darf es weitergehen.

Als nächstes warten auf den Immer-noch-Tabellen-17. mit dem MSV Duisburg und Jahn Regensburg zwei Gegner, für die mit Sicherheit wieder die Formulierung „auf Augenhöhe“ strapaziert wird. Da darf man gespannt sein, was Strasser und sein nun offizieller Assistent Alexander Bugera sich einfallen lassen, um die Offensivleistungen zu forcieren. Nur „stabil stehen auf Fehler des Gegners warten“ wär da ein bisserl langweilig anzuschauen.

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