Gästeblog: Die Schwaben kommen mit einem der heißesten Fohlenställe der Ersten Liga – geformt von einem netten Nerd

Wenn Deutschlands Fußballbeschreiber sich in diesen Tagen der prosperierenden Generation junger Trainernerds widmen, fallen in der Regel drei Namen unmittelbar hintereinander, und diese fallen meist auch in der gleichen Reihenfolge: Julian Nagelsmann, Domenico Tedesco, Hannes Wolf. Der Dritte im Bunde hat sich allerdings erst vor kurzem dazugesellt. Dass er in der vergangenen Runde den Zweitligisten VfB Stuttgart zum direkten Wiederaufstieg ins Oberhaus führte, hat der Mainstream noch als selbstverständlich angesehen, die Schwaben waren schließlich als haushoher Favorit in diese Spielzeit gestartet. In der Bundesliga nun mag Wolfs Rudel gegenwärtig noch keine „Überraschungsmannschaft“ darstellen, sie hält sich bislang lediglich von Abstiegsrängen fern. Doch auch hier lohnt der tiefere Blick. In seinem zweiten Trainerjahr beim VfB formt Hannes Wolf den vielleicht heißesten Fohlenstall der Liga. Am Mittwochabend (18.30 Uhr) gastiert der 36-jährige mit dem runderneuerten VfB Stuttgart im DFB-Pokal auf dem Betzenberg.

Nein, es kamen nicht Markus Gisdol und auch nicht André Breitenreiter, nachdem sich Stuttgarts damaliger Sportchef Jan Schindelmeiser im September 2016 von Trainer Jos Luhukay trennte, nach erst vier Spieltagen. Die bekannten Übungsleiter waren zwar beide auf dem Markt, Schindelmeiser aber entschied sich für einen Kandidaten aus der zweiten Reihe. Fürs gemeine Fußballvolk mag Hannes Wolf zu dieser Zeit noch ein Nobody gewesen sein, intern aber wurde er als heißer Typ mit Potenzial gehandelt.„Als Trainer hat er eine hohe Fachkompetenz, ist sehr akribisch, kann Inhalte sehr gut vermitteln und hat eine sehr gute Ansprache“, urteilt etwa DFB-Chefausbilder Frank Wormuth über Wolf.

NOBODY? WOLF HATTE BEREITS DREI MEISTERTITEL GEWONNEN

Das U17-Team von Borussia Dortmund hatte Wolf schon zwei Mal zur Deutschen Meisterschaft geführt, die U19 einmal. Als Nachwuchscoach entdeckt und gefördert worden war er von niemandem geringeren als Jürgen Klopp. Zuvor als Aktiver hatte der gebürtige Bochumer niemals hochklassig gespielt. In der Phase, in der der Sprung ins Profilager noch für ihn möglich gewesen wäre, warf ihn das Pfeiffersche Drüsenfieber aufs Krankenlager.

„Er passt“, war Schindelmeiser von dem Nachwuchscoach überzeugt. Wolf übernahm den VfB am 7. Spieltag mit zwölf Punkten, nach 34 Runden hatte er 69 auf dem Konto und stand auf Platz 1. Wie gesagt: keine Überraschung eigentlich, interessanter war vielmehr, wie Wolf begonnen hatte, internationale Talente in sein Team einzubauen. Für die Schindelmeiser stattliche Summen hinblätterte, etwa fünf Millionen Euro Ablöse für einen erst 20-jährigen Franzosen namens Benjamin Pavard. Ganz schön happig für einen Zweitligisten.

VIEL GELD FÜR VIELE TALENTE – UND EIN PAAR ALTE BEKANNTE

Diese Personalpolitik intensivierte der zurückgekehrte Erstligist, als er im Sommer seine Profi-Abteilung ausgliederte und sich unter anderem an einer 41-Millionen-Euro-Finanzspritze seines langjährigen Sponsors und nunmehrigen Anteilseigners Daimler erfreuen durfte. Für sechs Millionen Euro holten die Schwaben den 22-jährigen Kongolesen Chadrac Akolo aus Sion, für fast die gleiche Summe den 20-jährigen Argentinier Santiago Ascicibar von Estudiantes, für vier Millionen Euro den 21-jährigen Griechen Anastasios  Donis von Juventus Turin, für 1,8 Millionen den 19-jährigen Belgier Orel Mangala aus Anderlecht. Dazu bundesligaerfahrene Profis wie Ron-Robert Zieler, Andreas Beck, Dennis Aogo und vor allem Holger Badstuber, die allerdings den kleineren Teil des Transfervolumens ausmachten. Badstuber kam sogar ablösefrei vom FC Bayern.

All die Genannten – und gerade auch die Frischlinge – zählen nun zum harten Kern   des Wolfschen Teams, ebenso wie der langjährige Zweitligatorjäger Simon Terodde, der im Regelfall gesetzt ist, auch wenn er in der laufenden Spielzeit erst einmal genetzt hat.  Andere Talente sind schon wieder in der Versenkung verschwunden, etwa der 20-jährige Schweizer Anto Grgic, der 2016/17 eine bärenstarke Zweitligarunde spielte und beispielsweise auch beim 2:0-Heimsieg der Stuttgarter über den 1. FC Kaiserslautern brillierte. Der Lauterer Jungprofi Jean Zimmer, das im Sommer 2016 für zwei Millionen Euro ins Ländle gewechselt war, ist nach Düsseldorf verliehen worden.

WOLF HAT IMMER EINE GUTE IDEE IN PETTO

Vielleicht wird Wolf ja anlässlich des DFB-Pokalspiels gegen den Tabellenletzten der Zweiten Liga mal wieder kräftiger durchwechseln. Bei der jüngsten 0:1-Niederlage gegen RB Leipzig durfte auch der 22-jährige Japaner Takuma Asano wieder mal von Beginn an ran, nachdem Donis sich verletzt hat.

Doch selbst wenn Wolf personell eher wenig wechselt, ist er stets für taktische Varianten und effektive Gegneranpassungen gut. Beim 2:1-Sieg gegen den 1. FC Köln etwa zog er in der Pause Pavard in die Mitte seiner Dreier-Abwehrkette und schob Badstuber auf die linke Innenverteidiger-Position, weil der Franzose besser mit dem wendigen FC-Stürmer Yuya Osako zurechtkam.

Gegen den Ball agierte der VfB jüngst in der 5-2-2-1-Ordnung, wie sie auch Jeff Strasser dem FCK in seinen ersten Spielen als Coach verordnete. Mit dem Ball allerdings fächern sich die Schwaben recht variantenreich auf. Bei ihrem 1:0-Sieg über Wolfsburg begeisterten sie unter anderem Martin Rafelt, Strukturdeuter beim Taktikblog-Marktführer spielverlagerung.de. Der machte nichts weniger als eine „mittelgroße Fußballrevolution“ aus, als er den VfB bei Ballbesitz in ein 3-4-3 mit Mittelfeldraute verschieben sah, was ihn gar an die Zeiten des „Totalvoetbal“ eines Johan Cruyff erinnerte.

AN AWFUL LOT OF NETTIGKEIT

Sportvorstand Schindelmeiser, unter dessen Ägide der Stuttgarter Fohlenstall zusammengestellt wurde, ist nunmehr und reichlich überraschend durch Michael Reschke ersetzt worden. Umso größerer Beliebtheit im Fanlager erfreut sich Hannes Wolf, der diese Talente schmiedet, und diese wird sicher anhalten, solange der VfB nicht weiter Richtung Abstiegsränge rutscht – ja, ja, Fußball ist und bleibt ein Ergebnissport.

Um die Verehrung zu dokumentieren, die der Jungcoach aktuell beim Anhang genießt, sei hier der Blogger „abiszet“ von vertikalpass.de zitiert:

 „Er ist ein bisschen wie Thomas Tuchel, nur unverkrampfter und mit Kohlehydraten. Er ist ein bisschen wie Julian Nagelsmann, nur nicht so Naseweis. Der Guardian schrieb über Nagelsmann, er hätte „a awful lot of energy“. Wenn man Wolf so an der Seitenlinie sieht, dann hat er diese energy mindestens auch und mischt sie mit an awful lot of Nettigkeit.“

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