Gästeblog: Der Trend spricht gegen Jahn? Obacht, die Überflieger bewahren auch im Sinkflug die Ruhe 

Es gibt tatsächlich noch einen Zweitligaklub, gegen den der Trend noch stärker spricht als gegen den Tabellenletzten aus Kaiserslautern – und bei eben diesem darf der FCK am Samstag, 13 Uhr, gastieren. Der SSV Jahn Regensburg hat seine jüngsten drei Ligaspiele allesamt verloren, und auch am Mittwoch im DFB-Pokal setzte es eine herbe 2:5-Klatsche gegen Heidenheim. Erfahrene FCK-Fans jedoch hüten sich davor, im Negativtrend eines Kontrahenten ein gutes Vorzeichen für die Roten Teufel zu sehen: Zu oft schon haben sie sich als idealer Aufbaugegner für kriselnde Klubs profiliert.

„Mit den Punkten bin ich nicht zufrieden. Aber mit der Art und Weise, wie die Mannschaft auf Augenhöhe mit den Mannschaften spielen kann, die seit Jahren in dieser Liga unterwegs sind, bin ich sehr zufrieden. Wir sind konkurrenzfähig – teilweise mehr als konkurrenzfähig“, urteilte Jahn-Trainer Achim Beierlorzer kürzlich noch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Neun Spiele waren da absolviert, der SSV hatte neun Punkte auf dem Konto. Ein Schnitt, der auf 34 Partien hochgerechnet noch nicht zum Klassenverbleib reicht, doch der Trainer vertraute auf weitere Lernprozesse. Die scheinen sich auch bislang noch nicht eingestellt zu haben, und nach den jüngsten Niederlagen schwang fast schon ein wenig Resignation in den Worten des Übungsleiters mit.

„Zu viele Spieler waren Ausfälle“, ließ Beierlorzer nach der 0:1-Pleite in Aue verlauten. Und nach der Packung gegen Heidenheim meinte der Coach, er könne keinem seiner Spieler einen Vorwurf machen. Vielleicht sah er ja lediglich keinen Sinn darin, auf seine gebeutelte Truppe unnötig einzudreschen, Skeptiker aber pflegen solche Aussagen so zu übersetzen: Sie versuchen es ja, aber es reicht halt nicht…

IMMER SCHWER: IN DIE FUSSSTAPFEN EINES HELDEN TRETEN

Der ehemalige Juniorentrainer von Leipzig und Fürth ist sich jedoch der Last seiner Aufgabe bewusst: „Wenn wir diese Saison tatsächlich mit dem Klassenverbleib abschließen, dann ist das etwas Großes“, erklärt er im Interview der Süddeutschen. „Das hat es beim Jahn ja auch noch nie gegeben. Und das Besondere ist, dass wir unseren Weg mit Spielern gehen, die vor zwei Jahren schon für den Jahn in der Regionalliga gespielt haben oder die sich jetzt die ersten Sporen im Profigeschäft verdienen.“

Noch undankbarer wird Beierlorzers Job dadurch, dass er auf einen Helden nachfolgen muss. Unter Vorgänger Heiko Herrlich ist der Jahn in den Jahren zuvor zwei Mal hintereinander aufgestiegen. Als erster Regionallist überhaupt setzten sich die Regensburger 2016 gegen den Drittliga-16. VfL Wolfsburg II durch, ein Jahr später beendeten sie die Zweitliga-Existenz des TSV 1860 München, schlugen die Löwen nach einem 1:1 im Hinspiel in der Allianz Arena vor 62.000 Zuschauern mit 2:0. Zuvor hatten sie in 38 Spielen der Dritten Liga deren stärkste Offensive gestellt.

Dann jedoch wanderte Herrlich nach Leverkusen ab, unter kuriosen Umständen: Der Aufstiegsheld war plötzlich vertragslos, sein Arbeitspapier in Regensburg war nur für Liga 3 gültig. Bayer griff zu und musste nicht einmal Ablöse zahlen. Irgendwie war der Klub von seiner eigenen positiven Entwicklung überrollt worden.

FAST INSOLVENT UND OHNE STROM, DANN ZWEI MAL AUFGESTIEGEN

Die Rahmenbedingungen, dauerhaft Zweitliga-Fußball in der Oberpfalz zu etablieren, sind auch schwierig. Insgesamt vier Mal ist der Jahn bereits ins Unterhaus aufgestiegen, jedes Mal war nach einer Saison wieder Schluss. 2005 schrammte der Klub haarscharf an der Insolvenz bei, 2009 wurde im Stadion sogar mal der Strom abgedreht, weil der Verein die Rechnung nicht bezahlt hatte.

Auch vor dieser Saison ließen sich auf dem Transfermarkt keine große Sprünge machen. Zumal mit Erik Thommy noch ein weiterer Aufstiegsheld abwanderte, der Leihspieler kehrte zu seinem Eigentümer Augsburg zurück. Der Flügelspieler, der während seiner Leihe nach Kaiserslautern im Jahr 2015 nur acht Mal eingesetzt wurde, hatte in Regensburg 2016/17 acht Mal genetzt und sieben Treffer vorbereitet.

Bislang hat sich unter den Neuzugängen noch kein passender Ersatz gefunden. Der nunmehr 32-jährige Veteran Sebastian Freis, nach Profijahren in Fürth, Freiburg, Köln und Karlsruhe der erfahrenste Spieler im Kader, bringt es bislang nur auf zwei Kurzeinsätze. Mit drei Treffern ist bislang der rechte Außenbahnspieler Jann George der erfolgreichste Torschütze des Teams, gefolgt vom ehemaligen Zwickauer Jonas Nietfeld, der gegen Heidenheim in der Startelf stand und auch traf. In den Ligaspielen zuvor brachte Beierlorzer ihn jedoch nur als Joker.

LEIPZIGER PRESSINGPHILOSOPHIE LÄSST SICH BEIM JAHR NUR SCHWER LEBEN

Zwei Mal erfolgreich war auch Kapitän Marco Grüttner, der im Aufstiegsjahr 13-Mal netzte und nun, mit 32 Jahren, seine ersten Zweitligaspiele überhaupt absolviert. Auf ihn fährt Beierlorzer besonders ab: „Er ist von der Mentalität her genau so, lieber lauf ich den Verteidiger an, als dass ich mich irgendwie in den Raum stelle und hoffe, dass er mir den Ball durch Zufall in die Füße spielt.“

 Das ist die Spielauffassung, die Beierlorzer aus der Leipziger Fußballschule mitbrachte: Hohes Pressing, den Gegner früh anlaufen, den Ball so weit vorne wie möglich zu gewinnen. In einem Konzernklub, der stets für Geld für Einkäufe von Spielern mit den entsprechenden  Qualitäten hat, lässt sich diese Philosophie allerdings leichter umsetzen als beim Jahn. Ein echtes Ausrufezeichen setzte der Klub allerdings im August mit einem 3:1-Sieg im DFB-Pokal über Bundesliga-Absteiger Darmstadt 98.

Wenn er anschließend in der Liga siegte, dann ebenfalls stets imposant. So gewannen die Regensburger etwa auch bei Ex-Erstligist Ingolstadt mit 4:2 und schlugen Braunschweig 2:1. Die einzige Partie übrigens, in der bislang der ehemalige Lauterer André Weis das Tor hüten durfte. Dazu noch ein Sieg gegen Heidenheim, ansonsten hat der Jahn bislang alle Spiele verloren. Unentschieden scheint es für ihn nicht zu geben…

Ein Faktor sollte aber auf keinen Fall unterschätzt werden: die Regensburger Fans. Die nämlich geben sich keinen Illusionen hin, was die Schwere der Aufgabe angeht, der sich ihr Team diese Saison stellen muss, und feuerten es selbst bei der Pleite gegen Heidenheim bedingungslos an. Darauf sollten sich auch die Lauterer gefasst machen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s