Extrablog: „Wenn wir Kleinen zu sehr am Gegner kleben, werden wir weggedrückt“ – Im Gespräch mit Manfred Osei Kwadwo

Im Abstiegskampf können nur Renner und Kämpfer glänzen… Wie viele „Weisheiten“ sind im Fußball eigentlich schon geprägt worden, die im Grunde längst auf den Müll gehören? Zugegeben, beim 1. FC Kaiserslautern läuft in dieser Spielzeit noch nicht viel zusammen. Doch zu den wenigen positiven Erscheinungen gehört einer, der mit guter Technik und starken Dribblings, enger Ballführung und einem meist unbekümmerten Auftreten besticht. Manfred Osei Kwadwo ist zu einer der wenigen festen Größen in einem Team geworden, dem es ansonsten an Konstanz fehlt… „Ein Zweispalt“, wie er auch in unserem Interview einräumt, in dem darüber hinaus von seiner Heimat Ghana sowie seinen Anfängen in Frankfurt und Darmstadt erzählt – und von den Freuden und Leiden, (fast) immer der kleinste im Kader zu sein.

Manni, du bist in Kumasi/Ghana geboren. Wann bist du nach Deutschland gekommen?

Als ich fünf Jahre alt war. Mein Vater hatte bereits in Deutschland gearbeitet und uns nachgeholt. Wir haben zunächst in Eberstadt, einem Stadtteil von Darmstadt, gewohnt. In Ghana ist das Leben nicht einfach, da gibt es wenige Reiche und ansonsten viele arme Menschen, im Grunde fast keine Mittelschicht. Mein Vater hat sich in Deutschland was aufgebaut, war als LKW-Fahrer unterwegs. Vor einigen Jahren hat er seinen eigenen Betrieb mit drei Angestellten gegründet.

Hast du dann selbst auch mal den LKW-Führerschein gemacht?

Nein. Ich bin als Kind zwar immer mal mit meinem Vater mitgefahren, aber so lange mit dem  LKW unterwegs zu sein, ist nichts für mich.

Deinen urdeutschen Namen Manfred hast du aber noch in Ghana bekommen?

Ja, deutsche Vornamen wie Uwe, Walter oder Peter sind da nicht ungewöhnlich. Später in Deutschland habe ich auch mit einem Dunkelhäutigen zusammengespielt, der Wolfgang heißt… Bei mir kam noch dazu, dass mein Vater bereits diesen Deutschland-Bezug hatte. Der Name Manfred gefiel ihm. Auch ein guter Kollege von ihm hieß so.

Wie lange hat es gedauert, bist du dich in Deutschland verständigen konntest?

In Ghana lernen wir die afrikanische Sprache Twi, aber auch schon sehr früh Englisch, so dass ich damit schon mal zurechtkam. Deutsch hab ich dann sehr schnell gelernt. Mittlerweile beherrsche ich meine Muttersprache leider nicht mehr so gut, aber das versuche ich aufzufrischen, wenn ich in meine Heimat reise. Regelmäßige Besuche schaffe ich leider nicht, aber letzten Sommer hat es geklappt, und vielleicht ergibt sich nächstes Jahr wieder die Gelegenheit.

Wie sehr hat dir der Fußball geholfen, dich zu integrieren, Freunde zu finden?

Der war ganz wichtig. Ich hab zunächst ja gar nicht im Verein gespielt, sondern nur auf der Straße, nach der Schule, mit lauter fußballverrückten Jungs und Mädels, da wurde natürlich auch immer viel diskutiert. Im Kinderhort später haben wir ebenfalls gekickt. Und da gab es eine Erzieherin, die war – und ist – eine glühende Anhängerin vom SV Darmstadt 98. Die wollte unbedingt, dass ich für ihren Herzensverein spiele. Über einen Talenttag hat sich mich dann zu den Lilien gebracht. Da war ich acht Jahre alt.

War deine Entdeckerin nicht enttäuscht, als du später zu Eintracht Frankfurt gewechselt bist?

Ein bisschen traurig war sie so schon, aber ich konnte sie überzeugen. Bei der Eintracht konnte ich höherklassiger spielen, auf interessantere Turniere fahren, hatte bessere Trainer, das gesamte Nachwuchsleistungszentrum war anspruchsvoller aufgestellt. Das hat sie eingesehen und gesagt, mach, was dich weiterbringt… Die Freundschaft ist geblieben, sie kommt auch heute noch nach Kaiserslautern, um mich spielen zu sehen.

Warst du in deinen Juniorenteams auch schon immer der kleinste?

Ja, ich gehörte immer zu den schmächtigsten, in allen Mannschaften, in denen ich gespielt habe. Obwohl: In meinem aktuellen Team habe ich mit Baris Atik und Brandon Borrello sogar zwei Mitspieler, die noch schmächtiger sind als ich. Das ist fast schon außergewöhnlich für mich. (lacht)

Für kleine Spieler ist es nicht leicht, sich hierzulande durchzusetzen, wenngleich sich seit den 1990er Jahren, als der deutsche Fußball noch körperbetonter war, viel gebessert hat. Aber auch ein Philipp Lahm wäre beispielsweise um ein Haar in der Jugend aussortiert worden, weil er so schmächtig war. Ohne einen Trainer wie Hermann Gerland, der allen Unkenrufen zum Trotz von ihm überzeugt war, hätte er es wohl nicht geschafft.

In der Tat, als ich in der U14 war, habe ich so etwas auch über mich gehört. Aber bei der Eintracht hatte ich mit El Messaoudi einen sehr guten Trainer, der wusste, wie man kleine Spieler gezielt fördert. Eigentlich hatten wir auch damals ungewöhnlich viele Schmächtige im Team, die körperlich stärksten waren Marc-Oliver Kempf und Niklas Süle, die heute bei Freiburg und Bayern München aktiv sind.

Eure Stärken musstet ihr ja gezwungener Maßen am Boden suchen. Wie hat El Messouidi eure speziellen Fähigkeiten trainiert?

Wir haben viel Kleinfeld gespielt und natürlich Kombinationsspiel geübt. Und dann hat er uns beigebracht, immer weg vom Mann zu bleiben. Wenn wir Kleinen zu sehr am Gegner kleben, werden wir sofort weggedrückt oder komplett überrannt… Das versuche ich bis heute zu beherzigen.

Wie bist du dann in Kaiserslautern gelandet?

2010 hab ich mich in Frankfurt nicht mehr so wohl gefühlt. Das hatte viele Gründe, unter anderem hat meinen Vater die Fahrerei zum Training sehr belastetet. Wenn ich den Zug nahm, haben oft die Verbindungen nicht geklappt, auch mein Kumpel, mit dem ich immer zusammen unterwegs war, wollte wechseln. Da kam mein Berater auf mich zu, sagte, dass er viel von mir hält – und dass er einen Verein an der Hand hat, bei dem ich mich gut weiterentwickeln könnte. So bin ich in Kaiserslautern gelandet.

Was hast du von diesem Verein gewusst, als du hierher kamst?

Ganz ehrlich? Nicht allzu viel. In meiner Freizeit befasse ich mich eigentlich gar nicht so viel mit Fußball. Welche große Tradition hinter dem 1.FC Kaiserslautern steht, habe ich dann aber natürlich nach und nach erfahren.

Wann hattest du das erste Mal das Gefühl, dass du es im Profifußball schaffen kannst?

Im Hinterkopf hast du den Traum als junger Kerl natürlich immer, aber wirklich dran geglaubt habe ich erst in der U17. Stefan Meißner war damals mein Trainer, der hat immer viel mit mir geredet, und mit ihm sind wir auch in die U17-Bundesliga ausgestiegen. Unter Gunther Metz habe ich später dann U19-Bundesliga gespielt. Die beiden waren es auch, die gesagt haben, wir sehen was in dir und wir werden uns dafür einsetzen, dass du deine Chance bei den Profis bekommst, wenn du Gas gibst. Nach der U19 habe ich dann sofort bei den Profis mittrainieren könne. Wenn ich nicht im Kader war, wurde ich in der U23 eingesetzt. Im Dezember 2014 hat mich Kosta Runjaic dann zum ersten Mal in der Ersten Mannschaft eingewechselt, beim 1:1 gegen 1860 München. In dieser Spielzeit war es aber schwer für mich, mich durchzusetzen. Da waren viele gute Spieler vor mir, die heute Erste Liga spielen.

Vergangene Saison warst du nach Großaspach ausgeliehen, um Spielpraxis zu sammeln. Hat es viel Mühe gekostet, dich zu diesem Schritt zu überreden?

Nein. Uwe Stöver und Tayfun Korkut kamen auf mich zu und sagten mir, wir sehen was in dir, aber in dieser Saison sehen wir noch nicht so viele Perspektiven für dich. Wir wollen, dass du woanders Erfahrung sammelst und gestärkt zurück kommst. Großaspach war da das Beste, was mir passieren konnte. Ein kleiner Verein, in dem aber phantastisch gearbeitet wird. Wir haben in der Dritten Liga lange oben gespielt, da wurde dann auch schon mal ein bisschen phantasiert, was geschieht, wenn wir tatsächlich aufsteigen…

In dieser Saison läuft es für dich persönlich ja ganz gut. Auf der rechten Seite funktionierst du besonders gut im Zusammenspiel mit Philipp Mwene…

Ja, wir verstehen uns auf dem Platz und auch privat sehr gut. Philipp kennt die Räume, in die ich gehen will, und auch ich weiß, wann ich für ihn die Linie entlang spielen muss.

Wenn nur die Tabellensituation nicht wäre…

Ja, das ist ein großer Zwiespalt. Daher ist es gerade für mich als junger Spieler wichtig, dass ich mich jetzt nicht verrückt machen lasse, positiv gestimmt bleibe. Ich bin überzeugt, dass wir noch die Kurve kriegen.

Beim Tore schießen könntest allerdings auch du noch zulegen. Dass Kopfbälle bei deiner Körpergröße nicht dein Ding sind, kann ich ja verstehen…

Oh, ich habe immer auch Kopfballtore gemacht, auch vergangene Saison in Großaspach. Nur gegen Bochum hat es nach Philipps Flanke leider nicht geklappt. Weiß auch nicht, was da los war. Der nächste sitzt aber.

In Großaspach warst du ja auch bereits Publikumsliebling. Haben die Fans da auch schon einen Song über dich gemacht?

Nee, das noch nicht.

Als ich noch so alt war wie du, haben Fußballfans, wenn sie einen Manni gefeiert haben, „Oh, Mamy blue“ von Ricky Shayne umgedichtet, das war ein großer Hit damals: „O Manni Manni, oh, o Manni oh…“ Würde dir das auch gefallen?

Kenn ich nicht. Und soo, wie du das singst, hört es sich auch nicht so gut an (lacht). Aber unsere Fans könnten das bestimmt besser….

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