Gästeblog: „Dieses Jahr dauert es ein wenig, bis aus Entlein Schwäne werden“ – Im Gespräch mit Dynamo-Blogger Uwe Leuthold

Dem Sachsen an sich haften gemeinhin viele Klischees an. Dass er in besonderer Weise ironiefähig sei, gehört wahrlich nicht dazu. Gerade dies aber wird bei Dynamo Dresden-Fans, die in Uwe Leutholds Blog „spuckelch.de“ Erbauung suchen, unbedingt vorausgesetzt. Der Autor enthüllt da zum Beispiel Wahrheiten über die „unsexy“ Fans seines Herzensvereins: „Wir müssen aufhören, den romantischen Traum zu leben, in dem eines Tages eine adrette Abrissfirma oder ein kräftiger Knüppelproduzent kommt, der uns so liebt, wie wir sind.“ Oder er erweitert das vielbeachtete Leitbild, das der Verein unlängst vorlegte, um Punkte nach seinem persönlichen Geschmack: „Unser Trainer ist dankbar für die Nachhilfe der Fans in Sachen Taktik, Mannschaftsein- und aufstellung und setzt diese um.“ Uwe Leuthold ist darüber hinaus Verfasser des satirischen Reiseführers „Pegidistan“, der sich schonungslos ironisch mit Land und Leuten seiner Heimat auseinandersetzt. Der Autorenname ist übrigens ein Pseudonym und zu seiner wahren Profession gibt der Blogger lediglich an, er sei „Lohnschreiber bei der Lügenpresse“. Kurz: Er ist ein idealer Gesprächspartner, um auf die Partie des 1. FC Kaiserslautern bei Dynamo Dresden am kommenden Montag, 20.30 Uhr, einzustimmen.

Uwe, wie kommen deine Landsleute denn nun tatsächlich mit deiner ironischen Art klar?

Die meisten meiner Leser verkraften sie wirklich ganz gut. Kritik höre ich eigentlich selten. Es kann allerdings sein, dass sie auch mal gar nicht verstanden wird. Vor unserem DFB-Pokalspiel gegen Leipzig im August 2016 habe ich beispielsweise mal geschrieben, dass die RB-Ultras das Spiel boykottieren wollten, und das haben einige wirklich geglaubt. Abgesehen davon, dass das total übertrieben geschrieben war: Es gibt doch gar keine RB-Ultras, das weiß doch eigentlich jeder.

Für deinen satirischen Reiseführer „Pegidistan“ gab’s auch keinen Ärger mit den Verballhornten?

Nee. Die, die ihn gelesen haben, fanden ihn alle gut. Es hätten allerdings gerne ein paar mehr sein dürfe. Leider hatte ich das Buch erst fertiggestellt, als die Hoch-Zeiten von Pediga bereits vorbei waren.

Und woher kommt der Blog–Name „Spuckelch“ – und nicht etwa „Spuckkelch“?

Ach, der stammt noch aus meinen jungen Jahren, als ich regelmäßig mit meinen Kumpels im Spreewald paddeln ging. Wenn wir ein paar Biere getrunken hatten, haben wir irgendwann angefangen, Dünnpfiff zu reden, und da hat sich die Redensart entwickelt, da guckt ein Spuckelch aus dem Gebüsch… Als ich dann meinen Blog ins Leben rief, fand ich, der Name passt doch perfekt.

Zum Fußball: Wie bist du Dynamo-Fan geworden?

Das war in der Saison 1988/1989, als wir im Halbfinale des UEFA-Pokals knapp gegen den VfB Stuttgart ausgeschieden sind. Als Dynamo dann vorübergehend in die Regionalliga abgestiegen war, habe ich auch mal das Interesse verloren, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Seit wir 2004/2005 in die Zweite Liga zurückgekehrt sind, bin ich aber wieder ununterbrochen dabei. Im Mai 2013, vor dem Relegationsspiel gegen Osnabrück, war ich so aufgeregt, dass ich nicht arbeiten konnte. Und während des Spiels war ich aufgeregter, als ich es bei der Geburt meiner drei Kinder war. Ich gebe zu, das ist krank.

Dynamo hat als Aufstieger vergangene Saison eine Bombenrunde gespielt, auf Rang 5 abgeschlossen. Dieses Jahr läuft es nicht so, aktuell Rang 15. Woran hängt‘s?

Das zweite Jahr ist halt immer schwieriger. Die Gegner haben sich auf uns eingestellt, die wissen, dass wir saugut kontern können, da stellen sie sich jetzt lieber hinten rein und lassen uns kommen. Außerdem haben uns die Abgänge im vergangenen Sommer krass geschwächt. Und das gute Händchen, das unser Sportdirektor Ralf Minge normaler Weise hat, ist noch nicht zum Tragen gekommen. Dieses Jahr scheint es ein wenig zu dauern, bis aus den Entlein Schwäne werden.

Stichwort Abgänge. Torjäger Stefan Kutschke war nur geliehen, für den es gab kein Geld. Bei Leihspieler Akaki Gogia hat Dynamo Dresden die Kaufoption gezogen, um ihn einen Tag später mit Gewinn nach Berlin weiterzuverscherbeln. Für Marvin Stefaniak kassierte Dynamo laut tm.de zwei Millionen Euro. Geholt wurde im Gegenzug nicht viel. Ist Dynamo auch bereits in der Situation vieler Zweitligisten, Transfererlöse nicht mehr voll reinvestieren zu können, weil erst mal Finanzlöcher gestopft werden müssen?

Das glaube ich noch nicht einmal. Auf der jüngsten Mitgliederversammlung wurde bekannt gegeben, dass der Verein in der vergangenen Saison drei Millionen Euro plus erwirtschaftet hat. Ich glaube, man ist einfach vorsichtig, was das Geldausgeben betrifft. Drei Millionen – wen oder was bekommt denn schon dafür, auf diesem überhitzten Transfermarkt?

Irgendwie scheint Ihr regelrecht stolz darauf zu sein, nicht am Tropf eines Investors zu hängen, während sich alle anderen gegenwärtig förmlich danach zu sehnen scheinen.

Das sind wir auch. Wir werden niemals so sein wie RB Leipzig. Es ist Teil unserer Identität, dass wir uns alles selbst erarbeiten, und wenn es mal Scheiße läuft, packen alle mit an. Vor einiger Zeit haben die Mitglieder beispielsweise zwei Jahre lang doppelte Beiträge gezahlt, um den Schuldenabbau zu unterstützen. Dieser Verein gehört uns und wir bestimmen, was hier geschieht.

Ausgliederung ist bei Euch also kein Thema?

Das war’s mal. Vor Jahren, als ein gewisser Reiner Calmund sich vorübergehend mal berufen fühlte, bei uns den Pseudo-Berater zu spielen. Von wegen, wir wären nur zukunftsfähig als GmbH und so. Das ist aber vom Tisch.

In dem Leitbild, das der Verein kürzlich veröffentlicht hat, wird das Feiern des 100. Europapokalspiel zu erklärten Ziel erhoben. Auch wenn es nur noch zwei internationale Spiele wären, bis Dynamo die Hundert erreicht: Ist das unter den gegebenen Voraussetzungen nicht Augenwischerei?

Dazu muss man Dynamo eben verstehen. Wenn wir in der Zweiten Liga mal 2:0 führen, wird das Europapokallied angestimmt, das hat bei uns Tradition. Das ist zum Teil ja auch augenzwinkernd gemeint, andererseits aber halt doch ein großer Traum, obwohl wir wissen, dass er unrealistisch ist. Auch ich würde zu gerne mal mit der Mannschaft nach Weißrussland, Finnland oder Albanien reisen. Dafür würde ich mir glatt Urlaub nehmen.

Uwe, wir drücken dir auf jeden Fall die Daumen, dass du dazu noch Gelegenheit hast.

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