Extrablog: Ruhe sanft, Friedel Rausch – Ohne Helmers Phantomtor wärst du heute eine FCK-Ikone

Friedel Rausch ist tot. Einer, „der einen großen Fußabdruck in der Geschichte unseres Vereins hinterlassen hat“, wie der 1. FC Kaiserslautern zu diesem traurigen Anlass mitteilt. Der ums Haar allerdings noch größer ausgefallen wäre… Es soll auch diesmal nicht Anlass dieses Blogs sein, den zahlreichen Nachrufen, die gegenwärtig  veröffentlicht werden, noch einen weiteren hinzufügen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzungen um den Videobeweis, die gestern beim Spiel Mainz 05 gegen 1. FC Köln in neue Höhen geführt worden sind, soll unsere Reminiszenz an Friedel Rausch noch einmal an Thomas Helmers Phantomtor erinnern, das den 1. FCK 1994 die Deutsche Meisterschaft kostete – und verhinderte, dass der Name Friedel Rausch heute in einem Atemzug mit Kalli Feldkamp und Otto Rehhagel genannt wird.

Es ist der 32. Spieltag der Saison 1993/1994. Tabellenführer Bayern München, dem Friedel Rauschs Lauterer im Nacken sitzen, gastiert beim 1. FC Nürnberg. In der 26. Minute verlängert Bayerns Innenverteidiger Oliver Kreuzer eine Ecke zu Thomas Helmer am langen Eck, der versucht, den Ball aus einem halben Meter über die Linie zu drücken. Doch er ist zu überrascht. Das Leder verspringt ihm, der Ball geht neben dem Pfosten ins Toraus.

FÜR KEINEN BETEILIGTEN WAR DIE FUSSBALLWELT DANACH NOCH DIE GLEICHE

Schiedsrichter Hans-Jürgen Osmers schaut zu seinem Linienrichter Jörg Jablonski, hinter dem Zuschauer aufgesprungen sind und irrtümlich jubeln. Auch Jablonskis Nicken scheint dem Schiri zu signalisieren: Der war drin. Osmers pfeift Tor, Rücksprache mit Helmer hält er nicht. Am Ende gewinnt Bayern 2:1, auch, weil der Nürnberger Manni Schwabl in der 80. Minute einen Elfer verschießt.

Die Fehlentscheidung schlägt hohe Wellen. Der DFB ringt sich zu einem Novum durch: Das Spiel wird wiederholt. Bayern gewinnt 5:0, wird Meister, Nürnberg steigt ab. Der DFB wird danach unter anderem von der UEFA schwer kritisiert. Auf eine falsche Tatsachenentscheidung mit einem Wiederholungsspiel zu reagieren, könne und dürfe keine Lösung für die Zukunft sein, das wirbele die internationalen Spielpläne zu sehr durcheinander.

Die Karriere von Linienrichter Jablonski ist anschließend zu Ende, Osmers pfeift weiter, ein Poster, das den Moment des Phantomtors verewigt, hängt bis zu seinem Karriereende in seinem Büro. Thomas Helmer wird später Sportmoderator und erklärt dazu heute, er halte es für unsportlich, wenn die Betrachtung seiner großartigen Karriere nur auf diesen Augenblick reduziert würde. Nun, die Nachrufe auf Friedel Rausch widmen sich heute wesentlich ausführlicher dem berühmten Hundebiss, der ihm als Spieler widerfahren ist, als dass sie an seinen unglücklich verpassten Meistertitel mit dem 1. FC Kaiserslautern erinnern…

FRIEDEL RAUSCH: „JETZT WERDEN ALLE DEM FCK DIE DAUMEN DRÜCKEN“

So wurde der FCK 93/94 lediglich Vize-Meister. Friedel Rausch ist, als das Phantomtor aufgearbeitet wird, Gast in der SAT 1-Fußballsendung „ran“ und erklärt: „Ich denke, alle neutralen Fußballfreunde in Deutschland werden nun die Daumen drücken, dass der FCK Deutscher Meister wird.“ Worauf der zugeschaltete Thomas Helmer recht beleidigt reagiert.

In der darauffolgenden Saison wird der FCK Vierter, danach steigt der Klub zum ersten Mal aus der Bundesliga ab. Auch, weil ihm erneut aus einer Laune der Fußball-Geschichte heraus ein Nachteil entwächst: Es ist die erste Spielzeit, in der die Drei-Punkte-Regel gilt. Nach der zuvor gültigen Zwei-Punkte-Abrechnung wäre St. Pauli abgestiegen.

Immerhin gewinnt der FCK am Ende dieser Spielzeit den DFB-Pokal. Ins Halbfinale gecoacht wird er noch von Friedel Rausch. Zum Finale in Berlin, das Martin Wagner mit einem Freistoßtor gegen den Karlsruher SC entscheidet, sitzt Eckhart Krautzun auf der Bank, der kurz darauf von Otto Rehhagel abgelöst wird. Was danach geschieht, muss keinem FCK-Fan mehr erzählt werden.

WAS DAS „PHANTOMTOR“ MIT BLICK AUF DEN VIDEOBEWEIS LEHRT

Was die Erinnerung an dieses  „Phantomtor“ mit Blick auf den aktuellen Affentanz um den Videobeweis lehrt? Dass es Fehlentscheidungen immer gab und geben wird, gleich, ob nur menschliches Versagen zugrunde liegt oder die mutmaßlich beste Technik zur Unterstützung herangezogen wird?

Eben nicht. Sondern, dass es nach wie vor an klaren Absprachen fehlt, wie und in welcher hierarchischen Struktur die Schiris in strittigen Fällen kommunizieren sollen. Osmers hat damals ein Nicken von Jablonski falsch interpretiert, nirgends nachgefragt, nicht einmal bei Helmer, der später dann auch das – korrekte – Siegtor erzielte.

Der Unparteiische Felix Brych hätte in der Partie Mainz 05 gegen 1. FC Köln, die er am Samstagnachmittag durch einen falschen Elfmeterpfiff entschied, keinen Ober-Schiedsrichter am Video-Bildschirm gebraucht, der sich über ihn hinwegsetzt und ihm seine Entscheidungs-Autorität im Stadion raubt. „Ein Hinweis über Funk, sich die Szene noch einmal in der Review-Area anzusehen, hätte genügt, und er hätte den Elfer zurückgenommen.“ Das hat Markus Merk, die Schiedsrichterlegende des 1. FC Kaiserslautern, am Samstagabend im „sky“-Studio sehr schön ausgeführt.

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