Spielanalyse: Wer vorne nix reinmacht, den bestraft das Leben – oder Lukas Spalvis

Hat in diesem Blog tatsächlich unlängst jemand geschrieben, Tabellenletzte hätten niemals Matchglück? Hey, Leute, was kümmert Euch das Geschwätz von gestern? Der 1. FC Kaiserslautern hat am Montagabend bei Dynamo Dresden 2:1 gewonnen, ist nun mit zehn Punkten zwar immer noch Tabellenletzter, läuft aber im Abstiegskampf wenigstens wieder mit der Musik mit. Und, verdammt, ja, es war ein Duselsieg, und was für einer. Aber auch aus diesem dürfen Erkenntnisse gezogen werden, wie sich in den nächsten Wochen vielleicht mal verdient punkten lässt.

„Sky“-Abonnenten, deren Herz nicht ganz so leidenschaftlich für Fußball schlägt, hatten am Montagabend die Qual der Wahl: Die Toten Teufel in Dresden angucken – oder vielleicht doch gleich zu „The Walking Dead“ umschalten? Unter dem reinen Entertainment-Gesichtspunkt musste der 1. FC Kaiserslautern im Grunde den Kürzeren ziehen. Denn die Untoten in dem amerikanischen Serienhit sorgen für mehr Spannung, weil sie für ihre Gegner  wirklich gefährlich sind. Das lässt sich über den FCK am Montagabend kaum sagen, zumindest 85 Minuten lang.

UMSCHALTEN? BEI „THE WALKING DEAD“ SIND DIE UNTOTEN WENIGSTENS GEFÄHRLICH

Und: Mit dem charismatischen Bösewicht Negan kann in „The Walking Dead“ die Arbeit eines echten Motivationsvirtuosen bewundert werden. Unter anderem treibt er sein Team mit Hilfe eines mit Stacheldraht umwickelten Baseballschlägers, den er zärtlich „Lucille“ nennt, immer wieder zu Höchstleistungen. Der Assistent des Lautern-Coachs Jeff Strasser dagegen hört lediglich auf den profanen Namen „Alex“. Und beider Gesichter wurden in den ersten 45 Minuten des Dresden-Spiels immer länger… So dass man dem Trainer zur Pause wünschte, er hätte Lucille mit in die Kabine nehmen können.

Zum Spiel.

In die Startformation ist Daniel Halfar zurückgekehrt, für Manfred Osei Kwadwo, also nicht als zentraler Mittelfeldspieler, sondern auf die linke Offensivposition hinter den Spitzen. Das deutet angesichts Halfars chronischer Torungefährlichkeit nicht gerade auf mehr Betrieb vor dem Dresdner Tor hin, allerdings: Halfar weiß, wie aggressives Pressing geht… Doch nur, weil er es weiß, muss es nicht auch gleich praktiziert werden.

In der Tat beginnt der FCK wieder mit seiner sattsam bekannten 5-2-2-1-Igelformation gegen den Ball und legt eine gar nicht mal so schlechte erste Viertelstunde hin. Kommt durch Benjamin Kessel zu zwei halbgaren Schussgelegenheiten, während Dresden zunächst rein gar nichts gelingt. Allerdings lassen sich die Jungs von Uwe Neuhaus auch nicht provozieren, Langholz zu schlagen, sondern mühen sich beharrlich, einen gepflegten Ball ins Laufen zu bekommen. Und das, obwohl sie von Verletzungspech gebeutelt sind und nach diversen Misserfolgen zuletzt mit ihrem Selbstvertrauen hadern. Aber man spielt ja gegen Kaiserslautern, und die geben ihren Gegnern immer Gelegenheit, sich wieder aufzubauen.

MANN, MANN, MANN – ALLE DRESDNER STEHEN FREI

In Minute 15 ist es schon soweit. Dynamo schlägt eine Freistoßflanke aus dem rechten Halbfeld, und alle Lauterer aufzuzählen, die anschließend zu weit weg vom Mann sind, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Erst kommt Jannik Müller frei vor Marius Müller an den Ball, der verspringt ihm jedoch, anschließend darf „Lumpi“ Lambertz auf der rechten Strafraumseite das Leder annehmen und unbedrängt quer durch den Strafraum zurückflanken, wo Haris Duljevic halblinks unter großer Einsamkeit leidet, seinerseits erst mal in Ruhe guckt, ehe er den sich freilaufenden Florian Ballas am langen Eck anflankt, der wiederum ungestört in die Mitte köpft – und um Lucas Röser anschließend beim Einschieben aus einem halben Meter Torentfernung zu hindern, hätte es tatsächlich Lucille gebraucht. Mann, Mann, Mann…

Die Reaktion des FCK? Bleibt aus. Dresden hat anschließend trotz Führung 75 Prozent Ballbesitz, findet jetzt auch zu seiner spielerischen Linie, befreit sich immer wieder mit schönen Diagonalbällen. Lautern? Kurz vor der Pause steckt Nils Seufert mal auf Brandon Borrello durch, und dessen Pass in die Mitte findet keinen Abnehmer. Das hat fast mal nach Fußball ausgesehen. Aber nur fast.

Immerhin: Jeff Strasser reagiert in der Pause. Bringt Osei Kwadwo für Kessel, stellt hinten auf Viererkette um. Vorne agiert Halfar bei gegnerischem Ballbesitz neben Sebastian Andersson, gibt bei eigenem Ballbesitz den Zehner. Insgesamt spielt Lautern jetzt wenigstens mit. Die klareren Aktionen, die besseren Chancen haben aber weiterhin die Dresdner.

Bis zur 85. Minute.

CHARAKTER? DEN HAT VOR ALLEM MARCO HARTMANN GEZEIGT

Die nächsten sieben Minuten könnten nun als Heldenepos gedichtet werden, angesichts der Enttäuschungen der jüngsten Zeit bleiben wir, so erfreulich das Folgende für den FCK auch ist, lieber nüchtern und hecheln mal kurz ein paar  Allgemeinplätze durch: Nein, es ist kein „Sieg der Moral“ und auch kein „Zeigen von Charakter“. Es ist einfach nur Dusel und die Dresdner dürfen sich die ebenfalls schon tausend Mal gehörte Floskel um die Ohren schlagen lassen: „Wer vorne die Dinger nicht reinmacht, wird hinten bestraft.“ Oder ihn bestraft das Leben. Oder Lukas Spalvis. Oder so ähnlich.

Zu Dresdens tragischer Figur wird Marco Hartmann, ehemals Mathematikstudent, heute Mentalitätsspieler. Nach seiner Einwechslung in der 64. Minute hat Hartmann zunächst zwei Kopfballchancen, eine davon vereitelt ihm Marius Müller mit toller Parade. Ist trotzdem interessant anzuschauen, mit welcher Wucht so ein Sechser in den gegnerischen Strafraum preschen kann – hat man beim FCK seit Markus Karl nicht mehr gesehen.

Anschließend verursacht Hartmann mit einem recht groben Foul an Spalvis einen Freistoß für Lautern aus dem rechten Halbfeld. Halfar flankt mit links, Stipe Vucur köpft – drin. Und wer jetzt schon denkt, das ist angesichts des Spielverlaufs kaum zu glauben, bekommt noch einen drauf gesetzt. Zweieinhalb Minute später verpasst Hartmann den eingewechselten Lukas Spalvis, als er ihn vom Ball trennen will, der läuft und läuft, zieht mit links ab, das Ding wird sogar noch abgefälscht – 2:1.

Nicht zu fassen. In der Nachspielzeit muss Müller sogar noch einmal glänzen, diesmal nach einem Köpper von Niklas Kreuzer. „Ich hab meiner Mannschaft das Spiel verloren“, bekennt Marco Hartmann nach dem Schlusspfiff. Ja, in der Tat, das ist Charakter.

DEN SCHALTER VON LOSER AUF WINNER UMLEGEN? LOS, MACHT MAL

Aber drei Punkte sind drei Punkte, und wie es um den FCK bestellt wäre, wäre das Spiel so ausgegangen, wie es 85 Minuten lang den Anschein hatte, wollen wir uns nun lieber gar nicht mehr ausmalen. Allerdings wäre es ein großer Fehler, sich diesen Sieg schönzureden.

Um vor Weihnachten noch den Schritt hinten raus zu schaffen, muss jetzt das nächste Heimspiel gewonnen werden. Kommenden Sonntag läuft mit Arminia Bielefeld ein Gegner am Betzenberg auf, der enorm stark in die Runde startete, nun aber seit fünf Spielen auf einen Sieg wartet. Ein Gegner, der endlich mal wieder auf die roten Teufelshörner genommen werden sollte – und nicht mit Fünferkette und Igeltaktik aufgebaut werden.

Ganz wichtig: Die Mannschaft muss sich vor ruhenden Bällen besser ordnen. Mehr Chaos wie vorm Dresdner Treffer geht kaum noch, auch bei so ziemlich allen weiteren anderen Flugbällen wirkte Lauterns Defensive wie ein Schwimmverein. Im übrigen sind nun vier der letzten fünf Gegentreffer im Anschluss an Standardsituationen gefallen.

Ob denn gar nix Positives aus diesem Sieg gezogen werden darf, außer den drei Punkten? Doch, klar: „Der Kopf ist immer der entscheidende Faktor“, schrieb unmittelbar nach dem Spiel „FCKMitglied_16927“, ein geschätzter Schreiber aus dem FCK-Forum von „transfermarkt.de„. Und weiter: „Ein solches Spiel kann den Schalter langsam von Loser auf Winner drehen.“

Tatsächlich? Schaun mer mal. Andernfalls sollte Jeff Strasser vielleicht doch einmal über den Einsatz von Lucille nachdenken.

Update: Wer immer noch nicht glaubt, dass es ein Duselsieg war, hier der empirische Beleg von „11tegen11“. Die xG-Grafik, die die herausgearbeiteten Einschusspositionen bewertet und aufaddiert, hat eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent für eine Dresdner Sieg errechnet, für einen Erfolg Lauterns sprachen demnach nur 15 Prozent. Am Ende zählen aber halt doch nur die tatsächlich erzielten Tore.

 

2017-11-20 974262 xG plot Dynamo Dresden 1 - 2 Kaiserslautern.jpg

 

Und für Feinschmecker hier noch die Positions- und Passgrafik. Sie zeigt ein ordentlich präsentes Mittelfeldtrio Seufert-Moritz-Halfar, aber auch, dass der sonst so agile Philipp Mwene diesmal nicht so gut ins Spiel kam.

2017-11-20 Kaiserslautern Passing plot Dynamo Dresden - Kaiserslautern.jpg

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