Extrablog: „Der FCK ist mehr als ein 1:0“ – Im Gespräch mit Lauterns Ehrenratsmitglied Prof. Dr. Burkhard Schappert

Dass ihm der 1. FC Kaiserslautern eine Herzensgelegenheit ist, ist schon daran zu erkennen, dass er für dieses Interview innerhalb von nur drei Tagen einen Platz in seinem proppenvollen Terminkalender freigeräumt hat. Denn Professor Dr. Burkhart Schappert ist ein vielbeschäftigter Mann: Er lehrt Allgemeinmedizin an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, betreibt mit Kollegen eine eigene Praxis in der Mainzer City und engagiert sich seit Jahren in zahlreichen humanitären und sozialen Projekten, die oft in Verbindung mit Sport stehen – aktuell fungiert er unter anderem als Präsident der Special Olympics Rheinland-Pfalz. In Meisenheim aufgewachsen, ist er im Grunde FCK-Fan von Geburt, Vereinsmitglied seit dem Abstieg 1996. Noch zu Zeiten von Norbert Thines fungierte als „inoffizieller“ Fanbetreuer, gehörte zeitweise dem Aufsichtstrat an. Aktuell ist er im Ehrenrat des Verein aktiv, für den er am Sonntag aber nicht mehr kandidieren will. Weshalb – und wie seine Stimmungslage vor der Jahreshauptversammlung des FCK am kommenden Sonntag, 3. Dezember, ist –, verrät er in unserem Interview.

Herr Prof. Dr. Schappert, am Sonntag wählen die Mitglieder des 1. FC Kaiserslautern einen neuen Aufsichtsrat. Sie haben selbst einmal für dieses Gremium kandidiert. Die kurze Rede, die Sie zu Ihrer Vorstellung gehalten haben, ist noch heute vielen in Erinnerung. Sie begann mit einem Martin Luther King-Zitat: „Ich hatte einen Traum…“ Wie würden Sie Ihren Traum heute formulieren?

Unser Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, der muss zum Arzt gehen. Damit hatte er vielleicht nicht ganz unrecht. Natürlich darf man träumen, aber man muss auch realistische Ziele haben. Ein Traum wäre, dass wir irgendwann wieder in die Erste Liga aufsteigen und uns dort etablieren. Ein Ziel ist, dass wir den Klassenverbleib in dieser Saison doch noch bewerkstelligen. Das wird schwierig genug, mindestens so schwierig wie 2008, wo wir es am Ende aber geschafft haben. Aber da war nach meinen Empfinden die Stimmung anders, da war diese Aufbruchstimmung, die Herzblut-Kampagne, da haben alle nochmal mitgezogen. Aber jetzt? Gerade beim Heimspiel gegen Bielefeld habe ich viel Lethargie im Umfeld gespürt. Obwohl die Verantwortlichen Vieles versuchen, die Wahrheit liegt auf dem Platz. Natürlich grassieren im Umfeld auch Wut und Aggression, das ist irgendwo verständlich, aber das sind ganz schlechte Ratgeber. Daher ist es mein dringlichster Wunsch, dass dies nicht in die Jahreshauptversammlung getragen wird. Sicher soll berechtigte Kritik geäußert werden, aber man muss respektvoll und fair miteinander umgehen. Das habe ich in den letzten Jahren vermisst, da ging viel unter die Gürtellinie. Statt dem Bauch den Kopf einschalten, darum geht es. Das ist auch gerade unter dem Gesichtspunkt der laufenden Investorensuche sehr wichtig: Interessierte Investoren schauen sich nicht nur die Zahlen, sondern auch das Umfeld eines Vereins sehr genau an. Da müssen wir ein gutes Bild abgeben.

Es verbittet sich von selbst, dass Sie in einem Gespräch wie diesem Wahlkampf für irgendjemanden machen. Daher sei allgemein gefragt: Wovon muss ein Kandidat Sie überzeugen, damit Sie ihn in den Aufsichtsrat wählen?

Ganz einfach: Indem er mich anhand seiner Vita überzeugt, dass er in der Lage ist, als Kontrolleur eines Vorstands zu agieren. Man muss es immer wieder betonen, da es noch immer ständig falsch verstanden wird: Der Aufsichtsrat ist nicht fürs operative Geschäft zuständig, seine Zustimmung ist erst bei Abschlüssen in einer Größenordnung ab 300.000 Euro notwendig. Dennoch hat der Aufsichtsrat eine ganz wichtige Funktion: Er bestellt den Vorstand, kontrolliert ihn und beruft ihn gegebenenfalls auch ab. Man muss auch sehen: Wenn es zu einer Ausgliederung kommt, wird ein Teil dieser Aufsichtsräte auch ins Kontrollorgan der neuen Gesellschaft wechseln. In diesem Gremium wiederum werden auch Funktionsträger des Hauptinvestors sitzen, und das werden Vollprofis sein. Daher müssen am Sonntag Aufsichtsräte gewählt werden, die solchen Leuten auf Augenhöhe begegnen können. Unter uns: Einen Burkhard Schappert, der sich mit „I have a dream“ vorstellt, würde ich am Sonntag nicht wählen, das wär mir diesmal zu sehr auf Emotion gezielt. Jetzt ist Fachkompetenz gefragt.

Sollte sich der Kandidat, der von Ihnen gewählt werden will, auch in der Frage der Ausgliederung der Profi-Abteilung klar positionieren?

Auf jeden Fall. Es macht ja keinen Sinn, dass der Vorstand gegenwärtig die Ausgliederung vorantreibt, und im Aufsichtsrat sitzen plötzlich drei Leute, die sagen, wir wollen das nicht. Aber da bin ich zuversichtlich. Von den 17 Kandidaten, die sich zur Wahl stellen, sind, soweit ich das überblicke, 14 dafür.

Die haben aber unterschiedliche Vorstellungen, wie schnell sich eine solche Ausgliederung vollziehen sollte.

Die kann man durchaus auch haben. Grob gesagt, gibt es da zwei Positionen. Die einen sagen, wir gliedern erst aus, wenn wir einen Investor haben, die anderen, wir kriegen überhaupt erst einen Investor, wenn wir bereits ausgegliedert haben. Meines Erachtens ist die zweite Position die richtige. Niemand erklärt sich bereit, sein Geld in den Verein zu stecken, wenn anschließend erst eine Mitgliederversammlung entscheiden soll, ob er das überhaupt darf. Man muss auch sehen: Falls wir in die Dritte Liga absteigen – und auf dieses Szenario müssen wir uns nun einmal vorbereiten – , könnte uns eine Ausgliederung bei der Lizenzvergabe helfen, etwa, wenn es um die Frage der Überschuldung geht. In einer AG könnte man „stille Reserven aufdecken“ etwa die Marktwerte der Spieler einbringen und so das Eigenkapital erhöhen – wenn auch nur bilanztechnisch, tatsächlich erhöht sich die Liquidität dadurch nicht. Für die Dritte Liga lizenziert ja der DFB, nicht die DFL, und dessen Kriterien sind viel schwerer zu erfüllen.

Ein Problem dabei ist ja auch, dass der Verein gegenwärtig innerlich keinen einigen Eindruck macht. Da arbeiten anscheinend mehrere Lager gegeneinander. Ein Streitpunkt ist beispielsweise, wie die Ära Kuntz/Grünewalt aufgearbeitet werden soll…

Meine Position dazu: Der amtierende Aufsichtsrat hat eine Anwaltskanzlei in Frankfurt beauftragt, die Vorgänge aus dieser Zeit zu prüfen. Ich kenne die Ergebnisse nicht, sie werden am Sonntag vorgestellt. Sollten dabei keine groben Verstöße gegen die Geschäftsordnung oder gegen kaufmännisches Handeln – und damit meine ich nicht die Sinnhaftigkeit einzelner Spielertransfers – festgestellt worden sein, sollte man das Ganze dann auch auf sich beruhen lassen. Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Friede ist ein höheres Gut als Gerechtigkeit. Ich weiß, dass ich jetzt schwer was auf den Deckel bekomme, wenn ich diesen Satz in Zusammenhang mit dem FCK zitiere, aber er stimmt nun einmal. Schauen Sie doch mal, wie viele Menschen auf dieser Welt im Namen der Gerechtigkeit leiden müssen. Mit Friede wäre denen mehr geholfen.

Ebenfalls massiv geschadet hat dem Verein zuletzt, dass immer wieder Internas aus Aufsichtsratssitzungen in die Öffentlichkeit gelangten. Es ist ja nichts Ehrenrühriges, wenn ein solches Gremium hinter verschlossenen Türen die Installation eines Sportvorstands diskutiert, aber wenn dies ständig durchsickert und den erst im Sommer 2016 verpflichteten Sportdirektor solange provoziert, bis er hinschmeißt, macht sich der Verein auch für potenzielle Nachfolgekandidaten nicht gerade attraktiv. Sie waren selbst einmal Aufsichtsratsmitglied: Wie kriegt man dieses Problem in den Griff?

Das schaffen Sie nur, indem Sie Persönlichkeiten in den Aufsichtstat wählen, die sich in punkto Vertraulichkeit an Vorgaben halten können. Das ist gar nicht so einfach, ich weiß ja, wovon ich spreche. Als Aufsichtsrat werden Sie ständig von Medien oder auch Vereinsgetreuen angerufen, die wissen wollen, was gelaufen ist. Da muss man seine persönliche Eitelkeit gut im Griff haben. Sich vor allem auch an Mehrheitsbeschlüsse halten – und Entscheidungen des Gremiums immer geschlossen vertreten, auch, wenn man selbst überstimmt worden ist. Daher bin ich auch immer gegen die Einzelentlastung der Aufsichtsräte gewesen. Man hat ja gesehen, wohin das führt. Dann stellen sich Aufsichtsräte vor Neuwahlen hin und erklären: Ich bin damals der gewesen, der als einziger gegen dies oder das gestimmt hat, also gebt mir wieder die Stimme… Das kann nicht sein.

Viele ältere Fußballfans haben gegenwärtig schon genug Probleme, sich angesichts der aktuellen Entwicklungen weiter für ihren Lieblingssport zu begeistern. Wenn dann noch der Herzensverein den Bach hinunter geht, könnte man sich glatt dem Damentennis oder dem Dressurreiten zuwenden… Wie gehen Sie damit um?

Mir geht es genauso. Die TV-Gelder machen das Produkt Fußball kaputt. Wenn ich sehe, dass die Ablöse für Messi nun auf 700 Millionen Euro festgesetzt ist… Am suspektesten sind mir die Spieler, die nach einem Tor das Emblem auf ihrer Trikotbrust küssen, denn gerade die sind morgen die ersten, die den Verein wieder verlassen… Der wahre Fußballsport ist vielleicht tatsächlich nur noch Sonntag mittags in der A-Klasse zu sehen. Auch bei uns ist viel schief gelaufen. Wir haben seit dem Jahr 2000 über 20 Trainer gehabt, nie einen Sportdirektor , der langfristig planen konnte, in einer Saison bis zu 19 Neuzugänge verpflichtet – wie hätte da etwas zusammenwachsen sollen? Es sind schon viele Traditionsvereine einfach in der Versenkung verschwunden. Da sollten wir uns darauf besinnen, dass Tradition das Weitertragen des Feuers, nicht das Bewahren der Asche ist. Die Tradition kann vielleicht nicht verhindern, dass wir absteigen, aber sie kann verhindern, dass unser Verein ganz verschwindet.

Und so der Abstieg denn kommt, Sie werden weiterhin auf der Tribüne sitzen?

Ganz bestimmt. Vielleicht werde ich auch stehen. Ich bin ja auch im Breitensport verankert, da mache ich mir ebenso Gedanken um die anderen Abteilungen des FCK. Die würde so ein Abstieg erst recht immens treffen. Daher wünsche ich mir einen Investor, der nicht nur Fußball im Blick hat.

Stichwort „Soziale Verantwortung“. Sie haben Ihre Tätigkeit im Aufsichtsrat damals auch beendet, weil sie das soziale Engagement im Verein zunehmend vermisst haben. Wie sehen Sie das heute?

Da muss man Verständnis haben: Wenn es ums nackte Überleben geht, hat man eben den Kopf mit anderen Sachen voll. Der FCK hat sein Projekt „Betze-Engel“, mit dem er viele Institutionen unterstützt, und über 400 Fanclubs, von denen viele eine tolle soziale Arbeit leisten. Um mehr zu tun, müsste der Verein auch wieder mehr Strahlkraft besitzen. Als Zwei- oder Drittligist kannst du eben nicht so viel bewegen wie als Erstligist – die Bundesligisten schaffen nicht umsonst sogenannte „Corporate Social Responsibility“-Abteilungen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Der Fußball kann nach wie vor viel erreichen, um seiner sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Ich selbst bin ja auch in der DFB-Stiftung-Egidius-Braun aktiv, da sehe ich viele positive Entwicklungen, beispielsweise, wenn es um Integration von Migranten geht. Und der ehemalige DFB-Präsident ist übrigens auch Mitglied meines FCK-Ärzte-Fanclubs in Mainz. Ich bediene mich gerne seines Lebensmottos und wandele es leicht ab. „Der FCK ist mehr als ein 1:0.“ Genau so hab ich ihn auch immer gesehen.

Dennoch werden Sie am Sonntag nicht mehr für den Ehrenrat kandidieren. Warum nicht?

Ich kann mich nicht mit der Satzungsänderung anfreunden, dass von nun auch Ehrenräte gewählt werden sollen. Ich denke, Kandidaten für einen Ehrenrat sollten sich nicht einer Kampfabstimmung stellen müssen, und ich bin überzeugt, dass einige honorige Vereinsmitglieder sich unter diesen Umständen ebenfalls nicht mehr zur Verfügung stellen. Soll ein Hans-Peter Briegel jetzt etwa mit einem Norbert Thines um einen Platz im Ehrenrat wetteifern? Ich kenne auch keinen anderen Verein, der seinen Ehrenrat wählt und nicht bestimmt. Das ändert aber nichts daran, dass ich dem Verein eng verbunden bleiben werde. Ich bin in Bad Kreuznach geboren und in Meisenheim aufgewachsen, da saugt man das FCK-Virus mit der Muttermilch auf.

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