Spielanalyse: Lauterns toller Spirit in Unterzahl wird erst belohnt, dann aber brutal bestraft 

Was soll man dazu noch bloggen? Nach einem vollkommen unverdienten Sieg in Dresden und einer vollkommen verdienten Niederlage zuhause gegen Bielefeld folgte nun? Eine vollkommen unverdiente Niederlage des 1. FC Kaiserslautern in Heidenheim. Das 3:2 fällt erst in der Nachspielzeit: Lauterns zweiter Torwart Jan-Ole Sievers haut sich der Nachspielzeit einen auf die Tormitte getretenen Flatterfreistoß selbst ins Netz. Nachdem Jeff Strassers Team zuvor eine halbe Stunde lang in Unterzahl einen Spirit an den Tag gelegt hat, der – gerade nach den Niederschlägen der vergangenen Wochen – höchsten Respekt verdient. Brutaler geht’s nicht. Doch auch wenn’s wehtut: Auch auf diese Partie muss ein differenzierter Blick geworfen werden.

Das Drama lässt sich in vier Akte einteilen. Der erste dauert lediglich zwölf Minuten. Lautern wieder im 4-4-2. Interessant: Strasser hat Philipp Mwene diesmal die Offensivposition auf der rechten Seite übertragen, hinter ihm verteidigt Benjamin Kessel. Links operiert das Pärchen Joel Abu Hanna/Brandon Borrello. Also zwei Verteidiger, jeweils mit einem Flügelspieler kombiniert, der auch den Rückwärtsgang beherrscht. Gute Idee eigentlich.

Der FCK will auch mitspielen, allerdings kündigt sich aufgrund der bekannten  Fehleranfälligkeit ein früher Rückstand an. Schon nach zwei Minuten darf Marc Schnatterer am langen Eck eine Flanke direkt abnehmen. Nach sechs Minuten muss Marius Müller aus kurzer Distanz gegen den köpfenden Robert Glatzel retten, nach zehn Minuten kassiert Abu Hanna nach einem Foul der gröberen Art die Gelbe Karte, als er den auf der rechten Seite durchgebrochenen Ronny Philp von den Beinen holt. Das kann eigentlich nicht mehr lange gutgehen, denkt sich der geübte FCK-Betrachter schon.

NACH MORITZ-CHANCE LÄUFT ES PLÖTZLICH BESSER

Dann aber die Läuterung im zweiten Akt: In Minute 12 fällt Christoph Moritz im Heidenheimer Strafraum der Ball vor die Füße. Der Mittelfeldspieler vermag zwar, wie meistens, nicht zu vollstrecken, doch hat die Szene Signalwirkung: Der FCK kommt nun besser ins Spiel. Lässt sich auch nicht beirren, als Keeper Müller wegen einer schweren Hüftprellung nach 23 Minuten vom Feld muss und Jan-Ole Sievers für ihn kommt.

Es ist das Zweitligadebüt des 22-jährigen, dem Strasser allerdings im DFB-Pokalspiel gegen den VfB-Stuttgart (1:3) schon einmal Spielpraxis bot. Ins kalte Wasser geworfen, wirkt Sievers von Anfang an unsicher, vor allem bei hohen Bällen, doch halten seine Mitspieler das Leder fürs Erste gut vorm Tor weg. In den Minuten vor der Pause haben sie das Spiel in der Voith-Arena sogar richtig gut in Griff. Moritz und Nils Seufert dirigieren das FCK-Spiel ansehnlich aus der Mittelfeldzentrale, Lukas Spalvis verpasst knapp nach Hanna-Flanke und unverschämt cooler Vorarbeit von Youngster Seufert.

Nach der Pause aber, zu Beginn von Akt III, übernehmen die Heidenheimer wieder das Zepter. Drängen die Lauterer nun tief an den eigenen Strafräume Hälfte, den Versuchen, Tempogegenstöße aus der Tiefe anzusetzen, fehlt der Speed. Vor allem Sebastian Andersson ist dafür einfach nicht geschaffen, dafür wünschte man sich eher einen Osayamen Osawe in der Form, die er in vergangenen Saison manchmal hatte.

DANN GEHTS GANZ SCHNELL: SPALVIS KONTERT WITTEKS FÜHRUNGSTREFFER

Nach 56 Minuten überschlagen sich die Ereignisse. Mathias Wittek schießt Heidenheim 1:0 in Front, als die FCK-Defensive einen Freistoß-Flugball des eingewechselten Kolja Pusch nicht klären kann, im Gegenzug erzielt Lukas Spalvis nach Flanke von Brandon Borrello den Ausgleich. Lautern versucht sich jetzt endlich mal wieder im frühen Anlaufen der Heidenheimer Hintermannschaft, doch bevor sich daraus was entwickeln kann, folgen die nächsten Nackenschläge folgen.

Spalvis leistet sich nach einer Ecke einen allzu offensichtlichen Trikotzupfer gegen den trotz seiner nur 1,79 Meter Körpergröße bei Standards stets gefährlichen Kopfballspieler Arne Feick – und nach dem Elfmeterpfiff versetzt er ihm sogar noch einen Kopfstoß. Unfassbar. Spalvis fliegt vom Platz, Schnatterer verwandelt zur erneuten. Führung für die Gastgeber.

KAUM ZU GLAUBEN: LAUTERN ERWACHT TROTZ UNTERZAHL

Nun aber folgt ein ebenso erstaunlicher wie unerwarteter vierter Akt. Die durch eine beispiellose Misserfolgsserie gebeutelte Lautrer Mannschaft, die ihren Trainer schon gegen Duisburg, in Regensburg und gegen Bielefeld schmählich im Stich gelassen und ratlos gemacht hat, knickt nun endlich einmal nicht ein, sondern richtet sich wieder auf und reißt das Spiel selbst in Unterzahl an sich. Vor allem Moritz und Borrello spulen die Kilometer des fehlenden elften Mannes einfach mit ab. In der 80. Minute hat sich der FCK dann sein Stück vom Glück redlich verdient: Feick fälscht einen Borrello-Schluss unglücklich ins eigene Tor ab – 2:2.

In den folgenden zehn Minuten stellt sich der FCK sogar weiter dem offenen Schlagabtausch, auch wenn eine ernsthafte Siegchance ausbleibt. Der Hammer fällt dann erst in der Nachspielzeit: Sievers boxt sich Schnatterers Flatterball ins Netz. Es ist einfach nur zum Heulen. Was einige Spieler und Fans denn auch tun.

DENNOCH: WENN DIESER SPIRIT ERHALTEN BLEIBT, GEHT NOCH WAS

Was bleibt? Zu allererst natürlich die große Frage, ob der Spirit, den die Mannschaft in diesen finalen 30 Minuten zeigte, sich trotz dieses brutalen Knockout weiter erhalten kann. Wenn ja, ist der Klassenverbleib tatsächlich noch drin. Auch wenn der Rückstand aufs rettende Ufer gegenwärtig auf sieben Punkte angewachsen ist und am Ende dieses Spieltags womöglich noch höher ausfällt.

Wie schrieben wir doch eingangs? Zuletzt gab es einen unverdienten Sieg, eine verdiente Niederlage, eine unverdiente Niederlage… da wäre nun, am kommenden Sonntag gegen Ingolstadt, ein verdienter Sieg folgerichtig. Das Problem allerdings: Mit Lukas Spalvis fehlt wegen seiner Roten Karte ausgerechnet der Mann, der in der erbärmlichen FCK-Offensive zwei der letzten drei Treffer schoss.

WER ERSETZT SPALVIS GEGEN INGOLSTADT?

Wie reagiert Jeff Strasser darauf? Wird er vom Zwei-Mann-Sturm, mit dem sein Team zuletzt zu einer offeneren und besser aufgeteilten Spielweise fand, nun wieder abrücken? Stürmer Osawe fällt wegen eines Zehenbruchs weiter aus, zuletzt gab Youngster Torben Müsel den ergänzenden Angreifer, der von der Bank kam. Wird der 18-jährige gegen Ingolstadt nun sein Startelf-Debüt geben? Oder gibt Strasser Gervane Kastaneer eine neue Chance, dem bislang enttäuschenden Offensivtalent, das zuletzt zwei Mal in der U23 kickte? Eine weitere Variante wäre, Borrello in die Spitze zu beordern und den linken Flügel Manfred Osei Kwadwo oder Leon Guwara zu überlassen…

Zum Abschluss noch ein interessanter Vergleich der Positions- und Passgrafiken beider Mannschaften. Auf dem Papier standen sich zwei 4-4-2-Systeme gegenüber, doch zeigt die Darstellung von „11tegen11“: Das Heidenheimer Spiel ist viel breiter angelegt, die Außen Schnatterer und Thiel nehmen den Ball in der Regel sogar in einer höheren Position an als die Stürmer Glatzel und Verhoek. Beim FCK drängen die Flügelspieler dagegen stark in die Mitte, was einem Zwei-Mann-Sturm, der tendenziell mit zwei Kopfballstürmern bestückt ist, kaum zuträglich ist. Das fiel auch schon gegen Bielefeld auf. Auch wenn dieses Spiel einen mindestens eine Klasse stärkeren FCK sah.

2017-12-01 Kaiserslautern Passing plot FC Heidenheim - Kaiserslautern2017-12-01 FC Heidenheim Passing plot FC Heidenheim - Kaiserslautern

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