Fanblog: Vorbild St. Pauli? Welche Lektionen das Freudenhaus der Liga für den FCK bereithält

Noch zwei Heimspiele hat der 1. FC Kaiserslautern bis Weihnachten vor Brust. In Zeiten, die sich mittlerweile anfühlen, als hätten sie sich in einem anderen Leben abgespielt, wär das ein  Anlass gewesen, den Mythos Betzenberg zu beschwören, auf dass noch einmal tüchtig gepunktet werde. Der FCK 2017/18 freilich schien zuletzt in der Fremde näher am Dreier als im eigenen Wohnzimmer. Zehn magere Punkte hat er nach 16 Spieltagen auf dem Konto, so viel wie der FC St. Pauli zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr. In der Rückrunde aber starteten die Kiez-Kicker durch,  standen am Ende mit starken 45 Zählern auf Rang 7 in der Tabelle. Verständlich, dass FCK-Trainer Jeff Strasser die Hamburger bereits zum „Vorbild“ erklärt. Aber wie genau haben die das damals eigenlich gemacht im Freudenhaus der Liga? Schauen wir mal genauer hin.

„Die haben eben nicht den Trainer gefeuert, sondern einfach in Ruhe weitergearbeitet“, beginnt die Kurzfassung des Wunders vom Millerntor meist. Gefolgt vom Nachsatz: „Und in der Winterpause haben sie mit Sinn und Verstand personell nachgerüstet,  Johannes Flum von Eintracht Frankfurt geholt, dazu Lennart Thy von der Werder Bremen und Mats Möller Daehli vom SC Freiburg geliehen“.

Drei gute Typen also, die bei ihren Klubs in der Ersten Liga gerade nicht zum Zuge kamen, in Liga 2 aber gut zu gebrauchen waren. Nach solchen Kickern fahndet ja auch Lauterns Sportdirektor Boris Notzon gerade. Klingt zunächst mal plausibel, beim genaueren Hinschauen ist aber zu erkennen, dass diese kurze Erklärung nicht ausreicht.

PUNKT 1: „MENTALITÄTSSPIELER“ MÜSSEN NICHT IN DER STARTELF STEHEN

Stürmer Thy war bei St. Paulis Aufholjagd meist nur Einwechselspieler, trug sich erst am 34. Spieltag zwei Mal in die Torschützenliste ein. Flum war Mitte der Rückrunde bei vier Spielen nicht einmal im 18er-Aufgebot, Mats Möller Daehli war in den 16 Spielen, die St. Pauli 2017 in der Rückrunde noch zu bestreiten hatte, immerhin zwölf Mal dabei, allerdings nicht immer in der Startelf. Und in die Torschützenliste trug sich der Offensivspieler auch nur zwei Mal ein.

Einen solchen Schub haben die drei Nachverpflichtungen der Mannschaft also gar nicht gegeben, oder? Der damalige Trainer und heutige Sportdirektor Ewald Lienen sieht das anders, wie er der Hamburger Morgenpost verraten hat: „Wir haben mit Lennart Thy, Johannes Flum und Mats Möller Daehli charakterlich einwandfreie Spieler dazubekommen, die schon im Training Superleistungen gebracht haben. Thy hat Aziz Bouhaddouz Beine gemacht, Flum ist ein unglaublicher Führungsspieler, Möller Daehli hat sich gleich durchgesetzt.“

Wir notieren: Statistiken sind nicht alles, und frische Kräfte können den Teamspirit auch stärken, wenn sie selbst gar nicht in der Startelf stehen.

PUNKT 2: SCHLUMMERNDE POTENZIALE MÜSSEN EBENFALLS GEWECKT WERDEN

Besagter Aziz Bouhaddouz hat in dieser Rückrunde übrigens zehn Buden gemacht und fünf aufgelegt, in der Vorrunde war er nicht einmal auf die Hälfte dieser Werte gekommen. Wenn das allein auf den beflügelnden Einfluss von seinem neuen Trainingspartner Thy zurückzuführen war, sollte Notzon vielleicht tatsächlich mal über die im Internet kursierende „Bewerbung“ des kickenden Unikums Mo Idrissou nachdenken, zum Druck erzeugen könnte der 37-jährige tatsächlich noch taugen…

Bouhaddouz war allerdings nicht der einzige St. Paulianer, der in Rückrunde explodierte. Verteidiger Jeremy Dudziak etwa, in der Vorrunde meist noch verletzt, sei wie „Phönix aus der Asche“ gestiegen, erklärt Lienen der „MoPo“ weiter. Zudem mutierte Cenk Sahin vom schlampigen Genius zum Leistungsträger: „Ohne seine Läufe, ohne seine Assists hätten wir viele Spiele nicht gewonnen. Wir haben ihm sehr viel Vertrauen gegeben, intensiv an seinen Schwächen gearbeitet und haben ihn dabei abgeholt. Wenn man die Nerven verloren und nur draufgehauen hätte, das hätte keinem was gebracht.“

Wir notieren also weiter: Neuverpflichtungen allein genügen nicht, um nach der Winterpause durchzustarten. Auch die, die schon da sind, müssen endlich zeigen, was sie können? Wo die größten noch ungenutzten Potenziale beim FCK versteckt sind? Da fällt einem zuallererst Gervane Kastaneer ein, der niederländische U21-Nationalspieler, dieses Riesentalent, das mit so vielen Vorschusslorbeeren kam, dann aber in der Versenkung verschwand. Zuletzt war er zwei Mal in Lauterns Oberligateam eingesetzt und ist für sein Engagement von Strasser in der PK vorm Heidenheim-Spiel belobigt worden. Vielleicht geht da ja noch was…

Lukas Spalvis hat mit seinen zwei Toren schon signifikanter angedeutet, dass mit ihm noch zu rechnen ist. Und wenn Strasser weiter auf eine Grundordnung mit zwei Stürmern setzt, könnte auch Osayamen Osawe wieder zu der Form finden, die er vergangene Saison zumindest zeitweise hatte. Ganz großartig wär natürlich, wenn Marcel Correia endlich fit würde und den Abwehrchef gäbe, denn er als einziger im Kader das Zeug dazu. Wenn dann auch Christoph Moritz weiter so aufspielt, wie er es tut, seit Strasser das Zepter am Betze schwingt, könnte fast so etwas wie ein stabiles Grundgerüst entstehen.

Sonst noch was, was beim genaueren Blick aufs Wunder von St. Pauli auffällt?

PUNKT 3: AUCH DIE FÜHRUNG BRAUCHT NEUE IMPULSE

Am 2. November trat der heutige Cheftrainer Olaf Janßen seinen Dienst als Co-Trainer an. Was in den Medien natürlich nicht annähernd so viel Wirbel verursacht wie eine Entlassung des Chefcoachs. Intern jedoch hat sich daraufhin einiges bewegt, wie Lienen ergänzt:  „Erstmal haben wir Aufgaben neu verteilt, was mit einem zweiten Co-Trainer neben Abder Ramdane dann einfacher war. Dadurch sind wir nochmal besser geworden, was die Vorbereitung auf die Spiele und die Gegner angeht. Olaf Janßen hat intensiv Trainingseinheiten vorbereitet und der Mannschaft gut dargebracht, wie wir uns das taktisch vorstellen. Ich hatte mehr Zeit, mich um unsere  generelle Spielausrichtung zu kümmern, Einzel- und Gruppengespräche zu führen.“

Bei all dem darf man jedoch auch nicht vergessen: Es dauerte noch eine ganze Weile, bis die in der Winterpause neu gestellten Weichen zum Erfolg führten. Erst ab Spieltag 28 katapultierte sich der FC St. Pauli mit sechs Siegen und einem Remis von Rang 17 auf Rang 7 Bis dahin waren beim Anhang in erster Linie gute Nerven gefragt…

DAS PROBLEM BLEIBT: WER SOLL ES RICHTEN?

Fazit: Um es den Kiez-Kickern gleichzutun, braucht der FCK drei Neuzugänge, die nicht unbedingt „der Hammer“ sein müssen, aber einen guten Spirit mitbringen, das richtige  Händchen für seine Sorgenkinder, um sie auf den Pfad des Erfolges zu führen – und frische Inspiration in der Mannschaftsführung. Die entsprechende Planstelle dafür ist ja schon ausgeguckt: In Absprache mit dem am Sonntag neu gewählten Aufsichtsrat soll nun doch ein Sportvorstand installiert werden, hat Vorstandschef Thomas Gries kürzlich der „Rheinpfalz“ gesteckt.

Das Anforderungsprofil ist allerdings gewaltig. Ein Mann mit guten Branchenkenntnissen und Reputation soll es sein, einer, der aber auch das psychologische Feingefühl hat, auf Trainer und Sportdirektor einzuwirken, ohne dass diese sich in ihren Kompetenzen beschnitten fühlen, aber auch einer, der langfristig planen soll und kann, Was wiederum bedeutet, er muss, wenn er unterschreibt, vor Augen haben, in der nächsten Saison gegebenenfalls drittklassig zu arbeiten. Dazu soll er finanziell für den FCK erschwinglich sein…

Ohne Frage: Das wird der schwierigste Transfer, den Lautern in der Winterpause zu stemmen hat. Und der wichtigste.

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