Gästeblog: „Ich war einfach nicht überzeugt, dass es für mich in Lautern vorwärts geht“ – Im Gespräch mit Marcel Gaus

Spieler mit Erfahrung und Charakter will Sportdirektor Boris Notzon in der Winterpause suchen, um in der Rückrunde den Abstieg des 1. FC Kaiserslautern in die Dritte Liga abzuwenden. Vergangenen Sommer hat ein solcher „Mentalitätsspieler“ den Betzenberg verlassen: Linksfuß Marcel Gaus heuerte nach vier, wie er selbst sagt, „Nerven aufreibenden“ Jahren in der Pfalz bei Bundesligaabsteiger Ingolstadt an. Am Sonntag (13.30 Uhr) spielt der 28-Jährige im Trikot seines neuen Klubs wieder vor seinem alten Publikum auf. Dass er bei einem Tabellenletzten gastiert, hat er allerdings „nicht unbedingt“ erwartet, wie er in unserem Interview verrät.

Marcel, sieben Spieltage lang seid Ihr ungeschlagen gewesen – am Montag setzte es jetzt gegen Braunschweig das erste Mal wieder eine Niederlage (0:2). Wie hat sich das angefühlt?

Jede Niederlage tut weh. Diese aber war besonders schmerzhaft. Wir waren klar die bessere Mannschaft, haben es aber nicht geschafft, diese Überlegenheit in Tore umzumünzen. Hinten haben wir wenig bis gar nichts zugelassen, dann aber doch die Tore kassiert. Diese Niederlage war absolut nicht nötig, darum ist die Enttäuschung so groß.

Ihr habt also ein gutes Spiel gemacht, die Punkte hat aber dennoch der Gegner geholt – so etwas kommt vor, gerade in dieser Zweiten Liga. Demnach müsst Ihr Euch keine Vorwürfe machen?

Vorwürfe müssen wir uns deswegen machen, weil wir unsere Torchancen nicht genutzt haben, das schon. Das war ja auch im Spiel davor schon so, beim 0:0 in Kiel, da waren wir ebenfalls die bessere Mannschaft. Wir lassen uns davon aber nicht beirren. Wir werden unseren Weg weitergehen. Weil wir von dem überzeugt sind, was wir machen.

Das seid Ihr anscheinend nicht immer gewiesen. Zum Saisonstart lief es gar nicht gut…

Das ist nett ausgedrückt. Wir sind katastrophal gestartet. Aus gar nicht so ungewöhnlichen Gründen allerdings. Nach dem Bundesligaabstieg im Sommer sind in Ingolstadt viele Spieler gegangen, viele neue gekommen, da war erst einmal ein Findungsprozess notwendig, dann folgte ein Trainer- und ein Systemwechsel. Das ist alles nicht so gelaufen, wie wir es uns vorgestellt haben. Mittlerweile ist bei uns jedoch  eine klare Handschrift zu erkennen. Wir spielen viel aggressiver und dominanter, versuchen, dem Spiel unseren Stempel aufzudrücken. Das klappte von Woche zu Woche besser, daher ist uns auch diese kleine Serie gelungen. Jetzt gilt es, aus der Niederlage die richtigen Konsequenzen zu ziehen und die nächste Serie zu starten.

Dominant und aggressiv, das kommt einem Typ wie dir natürlich entgegen…

Definitiv. Ich freu mich, wenn es hart zur Sache geht. Ich bin ja auch selbst kein Kind von Traurigkeit. Von daher kann ich mich mit unserer aktuellen Spielweise hundertprozentig identifizieren.

Was auffällt: Dich hat es im Laufe deiner Karriere auf dem Spielfeld immer weiter nach hinten gezogen. Zuerst warst du Stürmer, dann linker Offensiver auf dem Flügel,  im 3-5-2 dann allein auf der linken Außenbahn, jetzt wirst du permanent als linker Verteidiger in der Viererkette eingesetzt.

So habe ich mich eben entwickelt. Da folgte auch nicht immer eins aufs andere, ich habe beim FSV Frankfurt auch schon mal linker Verteidiger gespielt. Flexibilität ist nun mal ein wichtiger Punkt heutzutage, und für mich kann es ja nur ein Vorteil sein, wenn ich mehrere Positionen beherrsche. Natürlich muss man gewisse Abläufe ändern, wenn man in der letzten Kette steht. Und man muss verantwortungsvoll mit dem Ball umgehen. Weil fast jeder Ballverlust eine Torchance für den Gegner bedeutet. Vorne kannst du das Leder auch mal verlieren, da hast du immer noch sechs, sieben Leute hinter dir. Aber das lernt man mit der Zeit. Und da wir hohes Pressing spielen und nach vorne verteidigen, kann ich auch als linker Verteidiger noch ziemlich offensiv agieren.

Als Torschütze trittst du aber nicht mehr so oft in Erscheinung wie in Lautern…

In Dresden hatte es ja mal geklappt. Außerdem haben wir genug Qualität da vorne, da muss ich nicht auch noch unbedingt treffen. Und durch unsere offensive Ausrichtung sind die Vier in die Kette nun mal angehalten, zuerst hinten den Laden dicht zu halten.

Du bist jetzt 28 Jahre alt, hast aber noch nie in der Ersten Bundesliga gespielt. Ist das dein großer Traum? 

Man muss sich immer die höchsten Ziele setzen, sonst kann man sich nicht weiterentwickeln. Klar ist das für einen deutschen Fußballer das Höchste, mal in den Stadien von Dortmund oder München aufzulaufen. Andererseits habe ich im Lauf der Zeit da auch eine gewisse Lockerheit entwickelt, so dass ich nicht zusammenbrechen würde, wenn es nicht klappt. Aber der Traum ist da, na klar. Wir sind aktuell aber gut beraten, eher von Spiel zu Spiel zu schauen, damit sind wir in den letzten Wochen ganz gut gefahren.

Am Sonntag kehrst du nach Kaiserslautern zurück. Als du im Sommer gegangen bist, hättest du da gedacht, bei deinem nächsten Besuch auf dem Betzenberg bei einem Tabellenletzten zu gastieren?

Vielleicht nicht gerade bei einem Tabellenletzten… Aber ich hatte Ende vergangener Saison schon das Gefühl, dass es schwer wird, in Kaiserslautern den nächsten Schritt zu machen. Zumal es auch im Verein immer mal wieder Unruhe gab, das haben wir ja auch in der Mannschaft mitbekommen. Ich hatte in vier Jahren in Lautern sechs oder sieben Trainer, ich weiß gar nicht, wie viele Mitspieler, junge Spieler mussten immer verkauft werden… Das hat alles eine Rolle gespielt, als meine Frau und ich uns entschieden, eine Veränderung zu suchen und uns bewusst für Ingolstadt entschieden. Ich war einfach nicht überzeugt, dass es für mich persönlich in Lautern weiter vorwärts geht.

Das klingt, als sei es keine schwere Entscheidung gewesen… Der Verein hat es so dargestellt, als ob er sich lange um dich bemüht hätte, bei seinen Angeboten auch  finanziell an seine Grenzen gegangen wäre.

Das stimmt auch, der Verein hat sich wirklich bemüht, das muss ich sagen. Einfach war die Entscheidung nicht, auch, weil wir privat viel zurückgelassen haben. Wir haben viele Freunde in der Pfalz, und meine Frau hat sich auch an ihrem Arbeitsplatz sehr wohlgefühlt. Unterm Strich aber haben wir am Ende den Tapetenwechsel gewollt.

Hast du auch noch Spezis im aktuellen FCK-Team?

Na klar. Christoph Moritz, Daniel Halfar, Stipe Vucur oder auch Physiotherapeut Frank Sänger… Ich freu mich immer, von den Jungs zu hören. Gerne auch noch vor Sonntag. Gestichelt wird da nicht, das bewegt sich bei uns alles im positiven Rahmen.

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