Spielanalyse: Wieder nur Remis – Jetzt bleibt nur noch der Glaube an die 20 Prozent-Chance

Wieder kein Dreier. Zugegeben, es wird immer schwieriger, sich mit einigermaßen nüchternem Fußballverstand dem 1. FC Kaiserslautern zu nähern, insbesondere, die Frage zu diskutieren, ob der Abstieg aus der Zweiten Liga überhaupt noch abgewendet werden kann. Andererseits: Wann hat es jemals was gebracht, das Treiben auf dem Betzenberg mit nüchternem Fußballverstand zu betrachten? Versuchen wir es dennoch, und widmen uns zunächst mal nur der aktuellen Partie gegen den FC Ingolstadt. Auch wenn das 1:1 am Ende wieder mal zu wenig war, zwischenzeitlich aber durchaus auch mehr werden konnte.

Die größten Überraschungen bereitete Jeff Strasser seinem Gegner wohl mit der Startaufstellung. Dass der FCK-Coach den rotgesperrten Lukas Spalvis ersetzen musste, war klar: Für ihn rückte Manfred Osei Kwadwo ins Team und übernahm die linke Seite, während Brandon Borrello zentral hinter, später auch neben Sebastian Andersson agierte. „Grundordnungen vermischen sich im Spiel sowieso immer mehr“, antwortete der Trainer später auf die Frage, ob das nun ein 4-2-3-1 oder ein 4-4-2 war. „In beiden Systemen geht es darum, wo verschiebst du und wo machst du die Räume eng.“

WECHSELGRÜNDE? MEHR ZWEIKAMPFHÄRTE HERSTELLEN – UND DEN KONKURRENZKAMPF BELEBEN

Darüber hinaus brachte Strasser Leon Guwara für Joel Abu Hanna und Gino Fechner für Nils Seufert. Insgesamt also drei Änderungen gegenüber dem Heidenheim-Spiel, in dem die Mannschaft gerade nach Spalvis’ Platzverweis in Unterzahl eine tolle Einstellung an den Tag gelegt und zwischenzeitlich sogar den Ausgleich geschafft hatte. Insofern bemerkenswert.

 Hatten die Wechsel taktische Gründe? Brauchten die Youngster mal wieder eine Pause? Oder hatte er die Entscheidung allein nach den jüngsten Trainingseindrücken gefällt? „Es war eine Mischung als allen drei Punkten“, erklärte der Coach hinterher. Auch sei es darum gegangen, in der Mittelfeldzentrale, in der der Gegner mit drei Mittelfeldspielern agierte, „mehr Zweikampfhärte“ herzustellen – das spielte wohl auf den Wechsel Seufert/Fechner an. „Außerdem muss auch der Konkurrenzkampf im Kader immer wieder neu belebt werden“, so Strasser.

NACH DER FRÜHEN FÜHRUNG BEGINNT DIE ABWEHRSCHLACHT

Zum Spiel. Zunächst scheint der Trainer alles richtig gemacht zu haben. In der 7. Minute geht in Erfüllung, was der gebeutelte Tabellenletzte schon seit Wochen herbei betet: eine frühe Führung. Benjamin Kessel flankt auf Andersson, und der köpft Ingolstadts Keeper Örjan Nyland durch die Beine – bissi Glück darf man eben auch mal sein.

Und dann? Fährt sich das Spiel schnell fest. Ingolstadt spielt, Lautern verteidigt.  Und unabhängig von dem, was noch passieren wird, lässt sich jetzt schon orakeln: Über 80 Minuten hinten reinstellen und rausbolzen, das kann eigentlich nicht gutgehen.

Erst recht nicht auf diesem Geläuf, auf dem ständig einer wegrutscht. Vor dem Spiel hat es in der Pfalz stundenlang geschneit. Davon, dass die Anfahrt auch für die 16.042 Zuschauer eine Zumutung war, und die Partie in Zeiten, in denen der Stadionbesucher noch respektiert wurde, wohl noch am Vormittag abgesagt worden wäre, wollen wir gar nicht reden.

ES KANN EIGENTLICH NICHT GUTGEHEN…

Osei Kwadwo und Leon Guwara kreieren noch eimal eine Art Konterchance, anschließend darf auf Lauterer Seite nur noch gebibbert werden. Ingolstadts Torjäger Dario Lezcano verpasst eine Hereingabe von Alfredo Morales einen halben Meter vor  der Torlinie, Marius Müller entschärft ein Geschoss von Christian Träsch mit den Fäusten, Lezcano überspringt kurz vor der Pause nach einer Flanke von Tobias Levels mit Kessel und Stipe Vucur zwei Lauterer, die eigentlich zu den stärksten Kopfballspielern des Teams zählen, verpasst das Tor aber knapp.

Wie gesagt: Das kann eigentlich nicht gutgehen…

Auch nach der Pause ändert sich an diesem Bild nicht viel. „Wir haben versucht, den Block wieder ein wenig höher zu platzieren, aber das ist uns nicht gelungen“, analysiert Jeff Strasser hinterher. Und gibt zu Protokoll, wo der dringendste Verbesserungsbedarf im Lautrer Spiel ist: „Wir müssen die Umschaltsituationen besser nutzen und nach der Balleroberung auch mal Ruhe bewahren, den Ball in den eigenen Reihen halten, um überhaupt auf eine höhere Ebene zu kommen.“

Nur drei Minuten nach dem Wiederanpfiff geht Osei Kwadwo vom Feld, Nicklas Shipnoski kommt. Merkwürdiger Wechselzeitpunkt? Strasser erklärt ihn ganz plausibel: „Ich wollte dem Spieler, der sich in der Pause warmgemacht hat, erst noch in Ruhe in den Änderungen erklären, die wir in der Kabine besprochen haben.“

KESSELS PLATZVERWEIS: FALSCHE ENTSCHEIDUNG – ODER NUR HART?

Müller zeichnet sich noch einmal bravourös gegen Träsch aus, dann folgt der Aufreger des Spiels: Kessel muss vom Feld, als er hart gegen Lezcano einsteigt und Schiedsrichter Matthias Jöllebeck dies als gelbwürdig erachtet – was die „Ampelkarte“ nach sich zieht, da Kessel bereits Gelb hat. Für die FCK-Spieler, denen hinterher Mikrofone ins Gesicht gehalten werden, eine klare Fehlentscheidung.

Jeff Strasser dagegen weicht der Frage aus, ob die Karte falsch oder doch nur nur „hart“ war, verweist darauf, dass in diesem Fall vielleicht der Videobeweis geholfen hätte. Wir sagen: Eher hart als falsch, auch wenn der Referee angesichts der Bodenverhältnisse auch zugunsten Kessels hätte entscheiden können.

Für nun erst recht tief stehenden Lauterer wird es dadurch jedenfalls noch schwieriger, die knappe Führung über die Zeit zu retten. Es dauert noch exakt zwölf Minuten, bis die Schanzer die entscheidende Lücke finden. Der Ex-Lauterer Marcel Gaus spielt den Nadelpass in den Strafraum, bei Morales’ Ablage auf Lezcano hilft ungewollt Christoph Moritz noch ein wenig mit, der Stürmer nimmt an, dreht sich – und gegen seinen Schuss ins lange Eck ist Müller machtlos.

Dabei bleibt es.

DER AUSGLEICH WÄRE AUCH BEI ELF GEGEN ELF GEFALLEN – WAHRSCHEINLICH

Ob der Ausgleich auch bei Elf gegen Elf gefallen wäre, ist natürlich müßig zu diskutieren. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Schanzer auch so noch getroffen hätten, lässt sich angesichts ihrer dauerhaften Überlegenheit allerdings kaum leugnen. Und sie lässt sich anhand der „expected Goals“-Grafik von „11tegen11“ sogar statistisch belegen. In der qualitativen Bewertung der erarbeiteten Einschusspositionen errechnen die Analytiker eine Siegchance von 51 Prozent für Ingolstadt, für ein Remis dagegen eine Wahrscheinlichkeit von 34 Prozent. Will sagen: Lautern ist mit dem Unentschieden im Grunde gut bedient.

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Zur Abrundung noch die Positions- und Passgrafik des FCK. Sie bestätigt, was Jeff Strasser eingangs erklärt hat: Die Grenzen zwischen 4-2-3-1 und 4-4-2 sind fließend. Borrello erscheint hier eher als zweiter Stürmer denn als Zehner, Mwene operierte wesentlich tiefer als sein Flügelpartner Osei Kwadwo – und orientierte sich mehr in die Mitte. Fechners Spot ist annähernd so groß wie der Seuferts zuletzt: ein Indiz, das er tatsächlich eher als Zweikämpfer gebucht war denn als Umschaltsituation. 2017-12-10 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - Ingolstadt.jpg

Was bleibt?

Sieben Punkte Rückstand hat Lautern nun auf Relegationsrang 16, zehn auf den rettenden Platz 15. „Wenn wir es mathematisch nehmen, müssen jetzt jedes zweite Spiel gewinnen“, rechnet Strasser vor. Kann man es auch irgendwie anders nehmen?

Rechnen wir mal so: Seit die Zweite Liga mit zwei Absteigern und einem Relegationsteilnehmer ausgetragen wird, ist noch nie eine Mannschaft mit 36 Punkten direkt abgestiegen, und erst einmal musste eine Mannschaft mit 37 Punkten sich zum Saisonabschluss mit dem Drittliga-Dritten duellieren. Das bedeutet, Lautern muss in den ausstehenden 17 Partien mindestens 25, am besten 27 Punkte holen. Das wären acht Siege plus ein, beziehungsweise drei Unentschieden.

Die Kollegen von „sky“ haben am Sonntag vorgerechnet, dass vier von fünf Mannschaften, die nach der Hinrunde nur elf Punkte auf dem Konto hatten, am Ende  direkt abgestiegen sind. Also noch eine Statistik, die kaum Mut macht – oder? Echte FCK-Fans sollten jetzt sagen: Wenn ein Klub eine 20 Prozent-Chance noch nutzen kann, dann Lautern.

Ein Gedanke zu “Spielanalyse: Wieder nur Remis – Jetzt bleibt nur noch der Glaube an die 20 Prozent-Chance

  1. Genau wenn eine Mannschaft eine 20prozentige Chance nutzen kann dann ist es Lautern. Wir standen doch schon oft mit dem Rücken zur Wand und haben es noch hingebogen. Ich finde unsere junge Mannschaft wird immer besser und hat viel mehr Unterstützung von uns Fans verdient. Wir müßten uns alle einfach am Riemen reißen und ins Stadion gehen und die Mannschaft 90 Minute unterstützen, dann schaffen wir das!

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