Gästeblog: Mögt Ihr am Samstag auch siegen, Ihr Glubberer – Wir Lauterer sind und bleiben die großartigeren Bayern-Bezwinger

Mit einem 2:0-Auswärtssieg bei Fortuna Düsseldorf vergangenen Montag hat der 1. FC Nürnberg zum vierten Mal in dieser Saison einen direkten Aufstiegsplatz erklommen. Dass die Glubberer diesen ausgerechnet beim Tabellenletzten aus Kaiserslautern am Samstag (13 Uhr) nicht gleich wieder abgeben wollen, liegt auf der Hand. Überhaupt spricht derzeit einiges dafür, dass es das letzte Aufeinandertreffen dieser beiden Traditionsvereine für ganz, ganz lange Zeit sein wird, zumindest in einem Pflichtspiel. Und wer als Favorit in die Partie geht, muss hier nun wirklich nicht erörtert werden. Andererseits: Da Lautern nun serienweise gegen „Gegner auf Augenhöhe“ verkackt hat, wär die Partie eigentlich genau die richtige, um den Mythos Betzenberg neu zu beleben…

Aber im Ernst, Leute, wollen wir uns jetzt wirklich in pathetischen Phrasen ergehen à la „Wir haben keine Chance, aber wir werden sie nutzen?“ Versuchen wir lieber, die breite Nürnberger Brust mit einem Klarrücken eines strahlenden Kapitels ihrer Vereinsgeschichte zu schwächen. Es ist ja in Ordnung, dass sie den 50. Jahrestag ihres 7:3-Sieges gegen Bayern München am 2. Dezember 1967 so freud- und würdevoll begangen haben – doch der großartigere Sieg über den deutschen Rekordmeister ist und bleibt das 7:4 des 1. FC Kaiserslautern am 20. Oktober 1973. Und das aus guten Gründen.

Im einzelnen sind nämlich miteinander zu vergleichen:

Die Ausgangslagen

In der Saison 1967/68 gastierten die Bayern am 16. Spieltag in Franken. Sie kamen als Tabellenzweiter, Nürnberg war Spitzenreiter – zugegeben, mehr Topspiel geht nicht. Als Lautern dagegen am 12. Spieltag der Spielzeit 1973/74 die Bayern empfing, spielte lediglich der Vierte gegen den Fünften.

Aaaber: Als die Nürnberger damals die Bayern empfingen, waren diese noch nicht annähernd die Überbayern, die sie später wurden. Die Achse Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller stand zwar damals schon, aber einen Meistertitel hatten die Jungspunde  noch nie gewonnen. Sie waren erst 1965/66 in die Bundesliga aufgestiegen und danach Dritter und Sechster geworden. Als die Bayern dagegen 1973 nach Kaiserslautern reisten, hatten sie gerade zwei Meisterschaften in Folge gefeiert und schickten sich an, die dritte holen.

Wir notieren: Der FCK war seinerzeit viel mehr Underdog als die Nürnberger, die im übrigen am Ende der Spielzeit 1967/68 Meister wurden, Bayern wurde Fünfter. Und Underdog-Siege sind nunmal die fußballhistorisch wertvolleren.

Die Trainer

Lautern wurde seinerzeit von dem aufstrebenden Jungtrainer Erich Ribbeck gecoacht, Nürnberg von Max Merkel, der zuvor schon mit 1860 München Meister geworden war. Die Frage, wem der Sympathie-Bonus des Underdogs gebührt, erübrigt sich wohl.

Zur Ehrenrettung des damaligen Glubb-Coaches soll aber auch gerade mal in Richtung der Jüngeren gesagt werden: Lange, bevor Max Merkel sich als halbdepperter Grantler an die Springer-Presse verkaufte, war er ein phantastischer Trainer, vor allem, wenn es um Fitness  und Motivation ging. Unvergessen geblieben ist sein Feldversuch seinerzeit bei den Münchner Löwen, als er in einem Trainingsspiel die freudigen Trinker seiner Truppe gegen die überzeugten Anti-Alkoholiker stellte. Die Trinker gewannen 7:1. Worauf Merkel anordnete: „Sauft’s weiter.“

Bei Erich Ribbeck schmerzt bis heute, dass sich dieser hochanständige Mensch zur EM 2000 vom DFB verbraten ließ – und ihm darum nun das Etikett „Erfolglosester deutscher Nationaltrainer aller Zeiten“ anhaftet. Dafür ist er im Zitate-Almanach des Sports mit einem rhetorischen Ausbruch verewigt, den selbst Merkel so niemals hinbekommen hätte: „Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen.“

Die Helden

Beim Lautrer Triumph 1973 markierte Seppl Pirrung drei Treffer, beim Nürnberger Bayern-Sieg netzte „Goldköpfchen“ Franz Brungs gleich fünf Mal – so viele Buden hat seither nie mehr ein Spieler den Bajuwaren in einem einzigen Spiel verpasst. Die nackten Zahlen also sprechen für Brungs.

Aaaaber: Seppl Pirrung blieb sein gesamtes Fußballerleben dem FCK treu, die kurzen Karriereausklänge in Worms und Neustadt vergessen wir einfach. Brungs dagegen heuerte bereits 1968 in Berlin an und wurde später im Zuge des Bundesliga-Bestechungsskandals für zwei Jahre gesperrt. Derlei darf eine Heldenbrust nicht schmücken. Und Pirrung, der 2011 leider viel zu früh verstarb, gab auch die legendäreren Interviews.

Im „Aktuellen Sportstudio“ wurde er einst angehalten, ein besonders schönes seiner 61 Bundesligatore zu schildern, und Sepp formulierte: „Isch hab‘ mir de Balle vunn links uff rechts gelegt unn neigebumbt!“ Der Moderator wiederholte die Frage noch zwei Mal, erhielt aber stets die gleiche Antwort im Pfälzer Originalton. Es soll ältere ZDF-Zuschauer geben, die heute noch rätseln, was genau eigentlich Pirrung mit dem Ball angestellt hatte. Einige ehemalige Gegenspieler des Dribbelkönigs, der mit unterschiedlich langen Beinen übers Feld wieselte, tun dies ebenfalls noch immer.

Die Dramaturgie

Nürnberg ging erst 6:0 in Führung und ließ sich beim Stand von 7:1 noch zwei einschenken. Lautern lag nach 57 Minuten 1:4 hinten, also schon am Boden, zog sich dann aber – wie es „Rocky“ im Kino erst Jahre später tun sollte – an den Ringseilen wieder in die Höhe und schlug zurück. Und siegte. 7:4. Mal ganz im Ernst, liebe einigermaßen neutrale Fußballfreunde: Bei welchem Spektakel wärt Ihr lieber live dabei gewesen?

Der Vollständigkeit halber sei noch die Anekdote erwähnt, die man sich in Nürnberg erzählt: Angeblich hatten die Bayern vor dem Spiel getönt, sie würden den Nürnbergern drei Stück einschenken. Als die Nürnberger dann 7:1 führten, sollen sie den Bajuwaren dann absichtlich noch zwei Treffer gegönnt haben, auf dass diese die Ironie darin erkennen mögen. Nette Geschichte, zugegeben, aber ohne dramaturgische Wucht. Davon abgesehen: Von Bayern anzunehmen, sie wären ironiefähig, ist, gelinde gesagt, grenzwertig, was gesunden  Menschenverstand angeht.

Fazit: Liebe Deutsche Akademie für Fußball-Kultur, es war wirklich nett, dass Ihr die Feierlichkeiten der Nürnberger zum 50ten ihres 7:3-Sieges über die Bayern mit einer Talkrunde begleitet habt, in die sich auch die nunmehr hochbetagten FCN-Legenden Franz Brungs, Karl-Heinz Ferschl und Horst Leupold einfanden. Nur erwarten wir allerdings 2023 in Kaiserslautern, wenn das ungleich legendärere 7:4 ein halbes Jahrhundert alt wird, eine entsprechend  großartigere Veranstaltung. Auf dass die korrekten Vergleichsmaßstäbe gewahrt bleiben.

Und egal, in welcher Liga der 1. FC Kaiserslautern dann spielen wird.

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