Bücherblog: „Fieberwahn“ – und was davon in der Ausgliederungsdiskussion des FCK beachtet werden sollte

Für Fußballfans, die ihrer Leidenschaft immer noch am liebsten „live“ im Stadion und auf Stehplatzrängen frönen, ist es nichts Ungewöhnliches, mit Tieren verglichen zu werden, bisweilen werden sie ja auch so behandelt. Um ihr schlechtes Benehmen zu beschreiben, wird schon mal Borstenvieh zum bildlichen Vergleich herangezogen. Wird ihre angeblich permanente Bereitschaft zu Gewalt und Terror gegeißelt, müssen auch schon mal reißende Bestien herhalten. Christoph Ruf greift im Vorwort seines Buches „Fieberwahn“ zu einer Metapher aus der Tierwelt, die regelmäßige Stadionbesucher so sicher noch nicht kennen: Sie erinnerten ihn an Frösche, meint der Sportjournalist. Frösche? Warum? „Wirft  man einen Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser, springt er entsetzt wieder heraus. Setzt man ihn allerdings in einen Topf mit kaltem Wasser und erhöht die Temperatur Stück für Stück, bleibt er im letztlich kochenden Wasser sitzen, bis er tot ist.“

Genauso verhalten sich seiner Ansicht nach Fußballfreunde, die ihren Sport und natürlich ihren Verein immer noch aufrichtig lieben, aber einfach nicht wahrhaben wollen, wie der Fußball zunehmend zum seelenlosen Spektakel verkommt, da der „Gott des Geldes“ (Christian Streich) es längst für sich vereinnahmt hat. Drum lautet der Untertitel des Buches auch „Wie der Fußball seine Basis verkauft“. Zugegeben, das ist jedem aufmerksamen Beobachter bewusst, seit er sich durch die „Football Leaks“-Enthüllungen gekämpft hat. Ruf jedoch schafft noch ein paar Kunststoffstücke mehr.

NICHT NUR IN DER JAUCHE SUCHEN – AUCH POSITIVE BEISPIELE SEHEN

Er legt noch vor Ende des Jahres ein Buch vor, das sich fast ausschließlich in der vertrauten deutschen Fußballszene bewegt und alles zusammenfasst, was den kritischen Ballsportkonsumenten 2017 besonders geärgert hat. Dabei bleibt er auf 195 Seiten kompakt genug, dass sich – gerade jetzt, in der „stillen Zeit“ – auch die an ein Buch heranwagen können, die Lesen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen zählen. Andererseits betrachtet er die Sachverhalte so differenziert, dass keine billigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen entstehen.

Vor allem aber beschränkt er sich nicht darauf, einfach nur alles Gülle zu finden, was sich derzeit im deutschen Fußball abspielt, sondern sucht und findet auch Beispiele dafür, dass Vereine es durchaus schaffen können, der alles verschlingenden Kommerzialisierung zum Trotz sie selbst zu bleiben.

Das wiederum macht „Fieberwahn“ gerade in diesen Tagen zur spannenden Lektüre für  Verantwortliche und Fans des 1. FC Kaiserslautern. Auch wenn es diese zunächst mal abschrecken dürfte, dass Ruf seine positiven Beispiele vornehmlich in den unteren Klassen entdeckt, in die der FCK noch lange nicht will. Doch gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ausgliederungsdiskussion ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was dieser Klub in Zukunft sein soll, kann und will. Und abwägen zu lernen. Man muss nicht grundsätzlich gegen eine Ausgliederung sein, um einer „Öffnung für Investoren“ mit äußerster Vorsicht zu begegnen.

SOGAR DAS BEISPIEL HASAN ISMAIK HAT WAS GUTES…

Eindeutig plädiert Christoph Ruf für den Erhalt der „50+1“-Regel im deutschen Fußball, da sie dem Verein und somit der Basis noch am ehesten ein Mitspracherecht bewahrt, obwohl auch dieses bereits vielerorts unterhöhlt wird. Selbst bei sattsam bekannten Beispielen wie 1860 München betrachtet  Christoph Ruf gleichermaßen Licht- wie Schattenseiten gleichermaßen, schafft es sogar, dem zerstörerischen Treiben des Jordaniers Hasan Ismaik etwas Gutes abzugewinnen: Der habe wenigstens offen zugegeben, dass der, der das Geld hat, in der Regel immer auch das Sagen haben will.

Andere kaschieren diese Absicht lediglich mit pseudodemokratischen Mitsprachekonstellationen wie Beiräten et cetera. Allerdings zeigt nicht nur das Beispiel 1860 München, sondern auch das von Hannover 96 und einiger anderer mehr: Die gerne äußerte Behauptung, wenn erfolgreiche Unternehmer die alleinige Entscheidungsgewalt in einem Klub übernähmen, gehe damit eine „Professionalisierung“ einher, die wiederum wirtschaftlichen und schlussendlich auch sportlichen  Erfolg nach sich zöge, ist schlicht und ergreifend falsch.

AUCH HERZBLUT-FANS KÖNNEN ERFOLGREICH VEREINE FÜHREN

In Vereinen, in denen Menschen am Ruder stehen, die selbst einst in den Fankurven standen, werde nicht nur weiterhin mit Herzblut gearbeitet, sondern bisweilen ebenso wirtschaftlich und sportlich erfolgreich. Welche Beispiele Ruf dafür in der Zweiten Liga findet, wird niemanden überraschen, der sich in dieser Klasse bewegt: St. Pauli und Dresden. Auch hier verschweigt Ruf die negativen Schlagzeilen nicht, die Fans dieser Klubs bereits verursacht haben. Dies sollte jedoch niemanden davon abhalten, sich einmal die kreativen Ideen zu widmen, mit denen sie ihren Verein schon wirkungsvoll unterstützt haben.

2012 etwa, als der DFB Dynamo Dresden zu einem „Geisterspiel“ verdonnert hatte, nachdem es wieder mal zu Ausschreitungen gekommen war. Die Fans reagierten, indem sie zugunsten des Vereins symbolische Tickets für eine Partie verkauften, die niemand sehen durfte. 41.000 Tickets gingen auf diese Weise weg, so viele Zuschauer hätten gar nicht ins Stadion gepasst. Dynamo machte Reibach –und die DFB-Richter sahen ihre Abstrafungspraxis ad absurdum geführt. Ist das nicht eine schöne Inspiration für Fans, die sich selbst beharrlich als die besten in Deutschland bezeichnen?

BEISPIEL JENA: KOHLE NICHT MIT COLA MACHEN, SONDERN MIT WACKEN-SHIRTS

Ruf fördert auf seinen gerade mal 195 Seiten jedoch auch Bemerkenswertes aus tieferen Klassen zutage. Wer zum Beispiel würde denken, dass sich mit Trikotverkäufen Geld verdienen lässt, wenn nicht irgendwelche Weltkonzerne die Hemdbrust mit ihren Logos zieren, sondern sogenannte „Nichtregierungsorganisationen“ (NGO’s)?

 Der FC Carl Zeiss Jena wirbt in dieser Saison mit der „Wacken Foundation“, die talentierte Musiker fördert. Schon jetzt ist abzusehen, dass der Klub damit mehr Gewinn machen wird als so mancher Erst- und Zweitligist. Weshalb? Weil Heavy Metal-Fans aus aller Welt hinter den Leibchen mit dem Wacken-Stierkopf her sind – der ist für sie nun mal Kult. Man muss einfach nur gute Ideen haben…

ENGLAND EIN VORBILD? NEIN DANKE…

Am härtesten watscht Ruf die ab, die permanent meinen, die Bundesliga müsse partout mit der Entwicklung in England Schritt halten. Auch dazu nutzt er eine sehr anschaulichen Episode: Er nimmt englische Fußballfans ins Visier, die mittlerweile nach Deutschland pilgern, um ein für sie noch erschwingliches Livespiel zu genießen. Und er lässt sie fragen:

„Was wollen die Deutschen so unbedingt übernehmen von der Premier League? Einer Organisation, die von allem den Preis kennt, aber von nichts den wahren Wert. Einer Liga, die das englische Nationalteam zerstört hat, indem sie kein einziges Talent zum Zug kommen ließ. Einem Wettbewerb, der Geld eintreibt und den echten Amateurfußball ausmergelt. Einer Liga, in der die Stadien voller lustig-dumm klatschender Touristen sind.“

Und genau das droht der Bundesliga. Oder ist es nicht schon so weit?

OB MIT ODER OHNE INVESTOR: FÜR DEN FCK KANN ES NUR HEISSEN, AUS WENIG MEHR ZU MACHEN

Auf den FCK bezogen, kann die Botschaft von „Fieberwahn“ nur lauten: Es geht nicht darum, den reichen Onkel aus Amerika, Russland oder dem Morgenland herbeizubeten. Sicher braucht der Klub aktuell erst einmal „frisches Geld“, und wahrscheinlich gibt es keinen anderen Weg als den über eine Ausgliederung. Doch auch danach wird der FCK über weniger Geld verfügen als mindestens 20 andere Vereine in Deutschland, da heißt es, aus weniger Geld einfach mehr machen als andere. Und sich an den richtigen Beispielen orientieren, selbst wenn es sich dabei um den ungeliebten Nachbarn handelt.

„Noch können Vereine wie Freiburg, Mainz oder Augsburg mithalten und Ausreißer nach oben landen, wenn sie ihrer Linie treu bleiben, jeden Euro einfach ein paarmal öfter umzudrehen als die Großen, um das Risiko bei Transfers zu minimieren“, schreibt Christoph Ruf. „Wenn sie gut ausbilden und so immer wieder Transferüberschüsse erzielen. Und wenn sie ein Klima schaffen, in dem der eine oder andere Leistungsträger vielleicht doch länger bleibt und erst ein Jahr später zu dem Verein wechselt, der mehr bezahlt.“

Vor allem gilt es, selbst in Investorenzeiten seine Seele nicht zu verkaufen. Auch das ist möglich, wie „Fieberwahn“ zeigt. Drum sei als Schlusswort der verehrungswürdige Freiburg-Trainer Christian Streich zitiert:

„Ein Verein gehört nicht einem Menschen, sondern den Menschen und Mitgliedern, die sich mit ihm identifizieren. Ein Verein ist kein Ort, um möglichst viel abzuschöpfen und zu werben, sondern ein Gemeinschaftsort. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, ohne Gemeinschaft ist er nicht überlebens- fähig. Das Gemeinschaftserlebnis auf dem Fußballplatz steht über der vollständigen Kommerzialisierung.“

Natürlich kann man die Botschaft von „Fieberwahn“ an jeden Fußballfan auch einfacher ausdrücken: Sei kein Frosch.

Ein Gedanke zu “Bücherblog: „Fieberwahn“ – und was davon in der Ausgliederungsdiskussion des FCK beachtet werden sollte

  1. Großartiger Artikel!
    Wenn der Betzenberg für jedes Heimspiel voll wäre, würde das dem FCK nicht nur mehr Motivation, sondern auch viel Geld bringen, was dazu beitragen würde, Transfers zu finanzieren und in die Jugend zu investieren.
    Und ja, die Beispiele Freiburg, Mainz und Augsburg sind eine Lehre für alle, insbesondere für das Management des FCK.

    Great article!
    If the Betzenberg was full for every home game, it would bring not only greater motivation but also a lot of money to the FCK which would help finance transfers and invest in youth.
    And yes, the examples of Freiburg, Mainz and Augsburg are a lesson for all, especially for the management of FCK.

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