Extrablog: Gries geht – Wieder mal ein Abschied zur Unzeit, aber keine Überraschung

Wer zu Sarkasmus neigt – und das tun gegenwärtig viele, die sich mit dem 1. FC Kaiserslautern verbunden fühlen – dem ist bei der Lektüre dieser Meldung wohl nur ein „typisch FCK“ entfahren: Zum Start ins neue Jahr überraschen die Pfälzer nicht, wie eigentlich angekündigt, mit der Bekanntgabe von Spielerverpflichtungen, die beim aktuellen Tabellenletzten in den verbleibenden 16 Saisonspielen noch das Ruder herumreißen sollen, sondern mit der Nachricht, dass der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden Thomas Gries aufgelöst wurde. Wieder mal ein personeller Paukenschlag zu einer Unzeit, in einer Phase nämlich, in der der Verein sein Umfeld zum bedingungslosen Zusammenhalt aufgerufen hat, diesen nun aber selbst nicht vorlebt. Typisch FCK halt…

Und wieder mal Wasser auf die Mühlen derer, die aus jedem Abgang ein weiteres Anzeichen für den sich anscheinend unaufhaltsam vollziehenden Abstieg des Klubs herauslesen Dabei tun sich mit jedem Abschied immer auch neue Möglichkeiten auf. Gerade in der gegenwärtigen Situation, in der jede Gehaltseinsparung, die nicht mit dem Verlust fußballerischer Qualität einhergeht, nur von Vorteil sein kann.

DAS „HINTERGRUNDGESPRÄCH“: IM NACHHINEIN EIN SINNBILD FÜR DIE ÄRA GRIES

Vor dem Hintergrund des drohenden Abstieges, der in diesen Tagen nun einmal einkalkuliert werden muss, hatte sich ohnehin die Frage gestellt, ob sich der Verein auch künftig zwei hauptamtliche Vorstandsmitglieder leisten kann und will. Diese Überlegung hat nicht zuletzt Gries selbst geäußert – vor wenigen Wochen erst, als er gemeinsam mit Finanzvorstand Michael Klatt in einem „Hintergrundgespräch“ über den „Sachstand“ bei der geplanten Ausgliederung der FCK-Profiabteilung informieren wollte.

Im Nachhinein erscheint diese Veranstaltung fast schon sinnbildlich für die Ära Gries: Sie war gut gemeint, begann auch mit überzeugenden Darstellungen, doch am Ende bekam kein Gesprächsteilnehmer, was er wollte. Irgendwann nämlich verlor sich dieses „Hintergrundgespräch“ in einem mehr oder weniger sinnigen Palaver, was daraus denn nun zitiert werden dürfe, da die Kollegen nicht in ihre Redaktionsstuben zurückkehren wollten, ohne etwas aktuell Verwertbares zu präsentieren. Einer der Sätze, die Gries nicht zitiert sehen wollte, lautete etwa: „Wir stehen mit dem Arsch an der Wand.“ Schade eigentlich, denn nie ist die Situation des FCK in den vergangenen Wochen prägnanter beschrieben worden.

MIT VERLIERERN LÄSST SICH KEINE MARKE MACHEN

Als Gries im Frühjahr 2016 den Vorstandsvorsitz von Stefan Kuntz übernahm, war zunächst viel von „Aufbruchstimmung“ die Rede, und das nach besseren Zeiten lechzende Umfeld ließ sich nur zu gerne anfixen. War Gries doch mal Manager bei Coca Cola gewesen, einer der stärksten Marken der Welt, und heute wollen doch alle Fußballklubs echte „Marken“ sein, weil sich doch nur noch als „Marke“ nachhaltigen Erfolg haben lässt, und jetzt saß einer auf dem Chefsessel des 1. FC Kaiserslautern, der wusste, was eine starke Marke ausmacht… Das versprach spannend zu werden.

Ein Trugschluss. Der immerhin eine wenn auch banale Erkenntnis beschert: Es mag zwar möglich sein, durch geschicktes Marketing die Massen so zu manipulieren, dass sie schwarze Zuckerbrause hip und sexy findet. Aber eine Fußballmannschaft, die verliert, lässt sich von niemandem als hip und sexy „branden“.

Dass der FCK sich in Gries’ Amtszeit sportlich nur zurück und nicht vorwärts entwickelte, ist ihm nicht unbedingt anzulasten, die für fußballerische Entscheidungen zuständigen Personen haben andere installiert – und diese mittlerweile wieder ausgewechselt, mehrfach sogar. Dass er selbst kein „Fußballfachmann“ sei und seine Qualitäten in der Vermarktung einbringen wolle, hat Gries stets selbst betont. Dass er trotz der anhaltenden sportlichen Talfahrt im Sponsorenbereich durchaus auch Zuwächse vermelden konnte, darf daher nicht unerwähnt bleiben – das muss erst einmal einer hinbekommen mit einer „Marke“, die zunehmend an Stärke verliert.

AUF DIE AUFBRUCHSTIMMUNG FOLGTE DIE ABWÄRTSSPIRALE

Andererseits häuften sich schnell die Ungereimtheiten. So musste beispielsweise die Erfolgsmeldung, der FCK habe als erster Verein der Zweiten Liga einen „Ärmelsponsor“ gefunden, wieder revidiert werden, da Partner „Top12“ doch wieder auf die Hemdbrust zurückkehrte, nachdem sich kein anderer fand, der diesen Platz einnehmen wollte. Unstimmigkeiten mit anderen Sponsoren kommentierte Gries nicht immer glücklich, im Verwaltungsapparat wurden einmal getroffene Personalentscheidungen wieder zurückgenommen.

Der Anhang wiederum erwartete von Gries derweil nichts mehr und nicht weniger als Vollzug bei der von ihm selbst propagierten Investorensuche. Da aber tat sich nichts Konkretes. Einen solchen Deal anzubahnen, brauche nun mal Zeit, versicherte der Vorstandschef immer wieder. Dass der Installation eines Investoren erst die Ausgliederung der Profiabteilung vorangehen müsse, bekräftigte er zuletzt im „Hintergrundgespräch“. Sein dabei ebenfalls geäußertes Vorhaben, diese noch in dieser Spielzeit zu vollziehen, schien jedoch schon zu deren Zeitpunkt, Anfang November, verwegen. Denn dazu wäre zunächst eine intensive Überzeugungsarbeit an der Mitgliederbasis vonnöten, die Gries zwar ankündigte, von der bis zu seiner Demission aber nicht viel zu registrieren war.

NACH BANFS WATSCHE WAR KLAR: JETZT IST BALD SCHLUSS

Dennoch: All das wäre ihm nachgesehen worden, wenn parallel die Ergebnisse auf dem Platz gestimmt hätten – so ist das nun einmal in Kaiserslautern. Schon bei der Jahreshauptversammlung Anfang Dezember war zu spüren, dass die Sympathiewerte des Vorstandsvorsitzenden empfindlich gesunken waren. Am gleichen Tag endete zudem die Amtszeit der Aufsichtsratsmitglieder, die für Gries’ Einstellung verantwortlich gezeichnet hatten. Von daher mutet, was nun geschah, gar nicht mehr so überraschend an.

„Wo ich auch hingreife, läuft irgendwas schief. Ich sehe nirgends eine Linie und ein Konzept“, erklärte der neue Aufsichtsratsvorsitzende Patrick Banf in einem Interview mit der „Rheinpfalz“ an Silvester. Damit durfte sich Gries als öffentlich abgewatscht betrachten. Prompt spekulierten die Medien daraufhin über seinen bevorstehenden Abschied, und ebenso ist dieser nun Wirklichkeit geworden.

In der offiziellen Presseerklärung des FCK spricht Banf davon, dass es „bei der Herangehensweise, den Vorgaben und Zielen des Aufsichtsrates verschiedene Auffassungen gab“, Gries dagegen erklärt, im neuen Aufsichtsrat kein Vertrauen mehr verspürt zu haben, daher mache er „den Weg frei für eine personelle und strukturelle Erneuerung des Vorstands“.

SPORTVORSTAND MIT STRAHLKRAFT, KOMPETENZ UND FCK-GEN GESUCHT – WER SOLL DAS SEIN?

Der soll nun mit „sportlicher Kompetenz“ gefüllt werden. Das kann in der gegenwärtigen Situation nur gut sein, die notwendige Planstelle für eine Sportvorstand ist ja nun frei geworden. Noch besser: Die, die in den vergangenen beiden Monaten das Einbinden der FCK-Ikonen Markus Merk und Hans-Peter Briegel in den FCK-Vorstand ausbremsten, sind nun alle weg. Die beiden könnten nun also neu kontaktet werden, auch wenn Briegel bereits verlautbarte, nicht zur Verfügung zu stehen.

Aber, mal Hand aufs Herz: Der gesuchte neue Sportvorstand soll über einen Namen mit Strahlkraft verfügen, den FCK und das Geschäft bestens kennen. Und bereit sein, ab Sommer gegebenenfalls auch mit dem Budget und für das Salär zu arbeiten, das ein Drittligist zahlen kann. Auf wen außer Merk oder Briegel könnte ein solches Anforderungsprofil noch zutreffen? Am ehesten vielleicht noch auf den ehemaligen FCK-Profi Martin Wagner, der in den vergangenen Jahren eine eigene Spielerberateragentur führte, mittlerweile aber an einer neuen beruflichen Herausforderung interessiert sein soll.

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