Fanblog: „Da waren viele am Kochtopf, aber keiner hat die Gewürze richtig eingesetzt“ – Im Gespräch mit FCK-Chronist G. Rohrbacher-List

Er hat den 1. FC Kaiserslautern in seinen großen 1990er Jahren journalistisch betreut und ein umfassendes Standardwerk über den Verein verfasst: „Der Berg, das Land und der Ball“ ist seit seinem Erscheinen 1995 vier Mal neu aufgelegt worden, zuletzt 2012. Darüber hinaus hat sich der heute 64-jährige als Kenner des französischen Fußballs sowie – FCK-Fans werden sich damit nur schwer anfreunden können – des SV Waldhof Mannheim profiliert, zudem ein wunderschönes Buches über das holländische Unikum Co Prins geschrieben, das den Betzenberg in den Flegeljahren der Bundesliga zwei Spielzeiten lang beehrte. Mittlerweile jedoch hat Günter Rohrbacher-List etwas Distanz zum FCK gewonnen. Und das hat nichts mit der aktuellen sportlichen Situation zu tun, wie er in unserem Interview erklärt.

Herr Rohrbacher-List, Ihr FCK-Buch „Der Berg, das Land und der Ball“, ist 2012 zum vierten und bislang letzten Mal neu aufgelegt worden. Muss der FCK erst wieder aufsteigen, damit es eine weitere gibt?

Das müsste jetzt nicht unbedingt der Fall sein, auch die vierte Auflage ist ja unmittelbar nach dem Abstieg aus der Bundesliga erschienen. Ich denke, es wird so oder so keine weitere Auflage geben. 2013 veröffentlichte der Verlag „Die Werkstatt“ ja auch die FCK-Chronik von Dominic Bold, und für zwei ähnlich gelagerte Bücher ist der Markt einfach nicht groß genug. Wer sich für den FCK interessiert, dürfte mittlerweile mindestens eines der bereits erschienen Bücher im Regal stehen haben. Und, ehrlich gesagt, verspüre ich derzeit auch kein sehr großes Bedürfnis, mein Buch noch ein weiteres Mal zu überarbeiten, das ist nämlich eine Heidenarbeit. Die aktuelle sportliche Situation des FCK hat damit aber nichts zu tun.

Wie verfolgen Sie denn den FCK zurzeit?

Ich schau ihn mir noch im Fernsehen an. Auf dem Betzenberg bin ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr gewesen.

Das klingt, als hätten Sie mittlerweile ziemlich viel Distanz zu dem Verein entwickelt.

Die hatte ich eigentlich schon immer. Als ich begonnen habe, über Fußball zu schreiben, waren ja auch noch der SV Waldhof und der 1. FC Saarbrücken ein paar Klassen höher im Geschäft. Und da ich Ludwigshafen studiert habe und noch immer lebe, war mir der Waldhof sogar näher. Der hat ja auch jahrelang bei mir vor der Haustür gespielt, im Südwest-Stadion. Erst, als ich für die „taz“ zu schreiben begann und die sich auf den FCK konzentrieren wollte, bin ich zum Betzenberg gekommen.

Dabei müssten Sie als Zweibrücker doch eigentlich mit dem FCK-Gen geboren worden sein… Wann waren Sie denn zum ersten Mal beim Fußball in Lautern?

Die erste Partie, die ich gesehen habe, war das letzte Heimspiel der Saison 1988/89, es war gleichzeitig auch das letzte von Sepp Stabel als FCK-Trainer. Lautern verlor zuhause gegen den Waldhof 0:3. Ich weiß das noch so gut, weil in der zweiten Halbzeit ein Blitz in die Flutlichtanlage einschlug.

Später hatten sie dann hoffentlich erfreulichere Erlebnisse…

Und ob. So richtig nahe gekommen bin ich der Mannschaft in der Saison 1989/90. In der Winterpause übernahm Kalli Feldkamp die Mannschaft wieder, rettete sie vor dem Abstieg, wurde DFB-Pokalsieger und ein Jahr später Deutscher Meister. Das waren spannende Spiele, da herrschte ein besonderer Geist.

1995 erschien dann die erste Auflage von „Der Berg, das Land und der Ball“…

Der 1. FC Kaiserslautern war erst der dritte Verein, über den der Werkstatt-Verlag ein Buch herausgab, nach Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach. Es wurde bundesweit über 20 Mal besprochen und gut verkauft. Davor hatte es ja lange nichts mehr zu gelesen gegeben über den FCK.

Sie haben sich auch immer viel mit dem SV Waldhof befasst. Der kickt heute in der Regionalliga. Kann er auch als warnendes Beispiel für den FCK dienen?

Ja, absolut. Auf dem Waldhof hat jahrelang ein monolithischer Block in der Art des Zentralkomitees einer Partei regiert. Der ließ jahrelang kaum Bewegung zu. Dann verabschiedete er sich und es kamen Leute, die nicht wussten, wohin der Weg gehen sollte… In Lautern kam nach der Ära Friedrich/Wiesemann René C. Jäggi, dessen Interregnum mir bis heute suspekt ist. Ihm folgte Erwin Göbel, der ein guter Finanzfachmann, aber kein Vorstandsvorsitzender war. Als nächstes kam Stefan Kuntz und mit ihm viel Hoffnung, aber was da finanziell abgelaufen ist, wird wohl nie so ganz geklärt werden. Die, die jetzt dran sind, müssen das Ganze nun erst mal wieder ordnen. Da waren viele am Kochtopf, aber keiner hat die Gewürze richtig eingesetzt.

Zurzeit ist der FCK Tabellenletzter der Zweiten Liga. Wie bewerten Sie die Chance, dass der Verein den Klassenverbleib noch schafft?

Da kann man sich nur noch den FC St. Pauli von letzter Saison zum Vorbild nehmen. Der war auch hoffnungslos abgeschlagen, hat aber an Ewald Lienen festgehalten, auch Rückschläge weggesteckt, bis es endlich besser wurde. Im Moment kommt es auch nicht darauf an, wer jetzt Sportvorstand wird, sondern dass drei, vier Spieler hinzustoßen, die fit sind und der Mannschaft direkt helfen können.

Mit Wintereinkäufen lässt sich jedoch selten wirklich was bewegen, das sagen auch Vereinsmanager, die mehr Geld zu Verfügung haben als der FCK.

Tja, man hat später viel über Reiner Geye geschimpft, aber er hat in der Winterpause 1989/90 Bjaerne Goldbaek und Demir Hotic geholt und damit ins Schwarze getroffen. Sie wurden sofort Leistungsträger und blieben auch danach noch lange sehr wertvoll. So ein gutes Händchen braucht der FCK jetzt wieder. Ob Boris Notzon das hat, weiß ich nicht. Ich verstehe nicht, weshalb der Verein in den vergangenen Jahren nicht seine Kontakte zu ehemaligen Spielern wie Miro Kadlec, Pavel Kuka, Roland Sandberg oder Ronnie Hellström aufrecht erhalten hat. Die schauen sich doch auch heute noch Fußballspiele an und wissen, wer für den FCK interessant sein könnte.

Über einen anderen ehemaligen FCK‘ler haben Sie ein sehr schönes Buch geschrieben: „Co Prins – Genie, Filou, Globetrotter“. Leider ist es nicht mehr erhältlich…

Ja, der Verlag hat es leider sehr schlecht beworben, dementsprechend schlecht hat es sich verkauft. Ich selbst verfüge nur noch über ein paar Restexemplare, damit versorge ich in der Regel Journalisten, die über ihn schreiben wollen, unter anderem Kollege in Holland. Co Prins hat ja nicht nur in seiner Lautrer Zeit von 1963 bis 1965 viel angestellt, er war später auch nochmal in Amsterdam und in Amerika aktiv. Mit Pelé, Bobby Moore, Sylvester Stallone und Michael Caine hat er sogar einen Film gemacht, „Escape to Victory“ (deutscher Titel: „Flucht oder Sieg“ – Anm. der Red.).

War‘s Ihre Idee, über ihn zu schreiben oder kam ein Verlag auf Sie zu?

Die Idee hatte ich selbst, das Buch war mir eine Herzensangelegenheit. Als 1992 Ajax Amsterdam auf dem Betzenberg spielte, kam ich mit Lauterns damaligem Vizepräsident Günther Klingkowsi ins Gespräch, der erzählte mir, dass Co Prins‘ Schwiegereltern noch in Kaiserslautern leben. Über sie machte ich seine Witwe, Karin Prins, ausfindig, die heute an der Costa del Sol lebt. Und von ihr bekam ich zwei, drei Plastiktüten mit exklusivem Material, darüberhinaus habe ich beim Südwestdeutschen Fußballverband viel über Co Prins recherchiert.

Welcher andere FCK-Spieler könnte Sie reizen, ein Buch über ihn zu schreiben?

Ich hätte gerne eins über Ciriaco Sforza geschrieben. Ich habe ihn in seiner Zeit am Betzenberg öfter getroffen, nicht nur zu Interviews, sondern auch einfach so zum Plaudern, und habe viel Material über ihn gesammelt. Mittlerweile aber fehlt mir die Lust dazu, ich schreibe eigentlich nicht mehr viel über Fußball. Ich denke auch, ein Buch über Ciri Sforza müsste von einem Schweizer Kollegen geschrieben werden. Er war eine echte Spielerpersönlichkeit. Otto Rehhagel mag die Mannschaft damals trainiert haben, aber geführt hat sie Ciri Sforza. Er hatte schon als Spieler immer eine Idee und einen Plan. Und ich bedaure sehr, dass der FCK nie den Mut hatte, ihn auch einmal als Trainer zu verpflichten.

Andere Kollegen hätten jetzt bestimmt Mario Basler als Buchthema vorgeschlagen…

Das könnte ja auch lustig werden, ist aber überhaupt nicht mein Fall. Mir war von allen Axel Roos immer am liebsten. Vergangenes Jahr hatte ich eine Lesung in Ludwigshafen, da ging es um die 1990er Jahre beim FCK, da kam auch Axel dazu und wir haben gemeinsam mit dem Journalisten Martin Quast drei Stunden diskutiert. Der Axel ist keiner, der fragt, was krieg ich für so etwas, der hat am Ende einfach sein Buch mitgenommen und gut war. Schade, dass der FCK nie erkannt hat, dass man solche Spieler nach ihrer aktiven Karriere im Verein einbinden muss. Mit seiner Fußballschule ist Axel ja jetzt leider mit Hoffenheim verbandelt, weil der FCK ihn abblitzen ließ. Das kann ich einfach nicht verstehen.

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