Gästeblog: Die Lilien wollen wieder an die Sonne – und Dirk Schuster raus der Schublade

Darmstadt gegen Lautern, das hieß in der Vorrunde noch Torsten Frings gegen Norbert Meier. Der eine Trainer wollte gepflegten Dominanzfußball, der andere tief stehen, den Ball erobern und direkt nach vorn spielen. So endete das Spiel nach 90 Minuten mit einem Ballbesitzverhältnis von 71:29, aber einem 1:1 nach Toren – und aufgrund der klareren Torchancen waren die Lauterer sogar ein gutes Stück näher dran am Sieg. Am kommenden Mittwoch (18.30 Uhr) nun heißt es wieder Darmstadt und Lautern, diesmal aber Dirk Schuster gegen Jeff Strasser. Der FCK-Coach wollte in der Winterpause mehr Ballbesitz im Angriffsdrittel am Betzenberg etablieren. Der zurückgekehrte Lilien-Coach dagegen war am Böllenfalltor einst mit einem eigentlich anachronistischen Langholzspiel äußerst erfolgreich. Ist jetzt also ein ähnliches Spiel zu erwarten, nur mit umgekehrten Vorzeichen?

Nicht unbedingt. Denn Dirk Schuster sieht sich eine „Schublade“ gesteckt, wenn er unentwegt mit dem destruktiven Spiel und den langen Bällen identifiziert wird, mit denen sich Überraschungsaufsteiger Darmstadt 2015/16 noch überraschender den Verbleib in der Bundesliga sicherte. Dies sei in der Ersten Liga lediglich „Mittel zum Zweck“ gewesen, stellte der 50-jährige unlängst in einem Interview mit der F.A.Z. klar. In der Zweiten und Dritten Liga, habe er mit Darmstadt „durchaus offensiv ansehnlichen Fußball gespielt“. Ist eigentlich auch Unsinn anzunehmen, der Jahrgangsbeste des DFB-Fußballlehrerjahrgangs 2006/2007 könne nur „Hochweit“ predigen, aber wer erst einmal in so einer „Schublade“ sitzt, kommt eben nur schwer wieder raus.

AUSSER SCHUSTER STEHT AUCH BRÉGERIE FÜR „BACK TO THE ROOTS“

Aktuell strebe er mit seiner Mannschaft eine Gratwanderung „zwischen Ballbesitz und Dominanz auf der einen und dem risikolosen, kompromisslosen Verteidigen auf der anderen Seite“ an, so Schuster weiter. Diese Gratwanderung nämlich ist den Lilien unter Torsten Frings missglückt. Nach vorne lief es beim aktuellen Drittletzten bislang gar nicht schlecht. 28 Treffer haben die Darmstädter erzielt, das ist der fünftbeste Wert der Liga. Allerdings haben sie auch 31 kassiert, das ist der zweitschlechteste.

Drum setzen die Verantwortlichen nicht nur auf die Dirk Schuster, um den Geist der glorreichen jüngsten Vergangenheit erneut heraufzubeschwören. Mit Romain Brégerie holten sie aus Ingolstadt einen weiteren Aufstiegshelden zurück, damit dieser gemeinsam mit Ikone Aytac Sulu wieder wie einst im Mai die Innenverteidigung bildet.

ER GING NICHT NUR IM FRIEDEN – UND KEHRT ZURÜCK ALS HOFFNUNGSTRÄGER

Schuster war zwischen 2013 und 2015 mit Darmstadt gleich zwei Mal hintereinander aufgestiegen. 2016 wechselte er nach Augsburg, womit er an seiner alten Wirkungsstätte einiges an verbrannter Erde zurückließ. Im bayrischen Schwaben wurde er nach dem 14. Spieltag entlassen, nach einer 0:1-Niederlage in Hamburg. Augsburg stand da auf Rang 12, die Situation war also nicht unbedingt prekär. Drum überzeugte der Verweis auf die „sportlichen Gründe“, den die Klubleitung für die Entlassung anführte, nicht so ganz.

Inwieweit nicht vielleicht doch ein nach Nahkampf anmutender Cut an der Augenbraue, der Schuster zeitgleich zierte, mit dem Zerwürfnis zusammenhing, konnte trotz eifriger Bemühungen der zuständigen Kollegen vom Boulevard nie ganz geklärt werden. 2017 jedenfalls war der „Trainer des Jahres 2016“ durchgehend arbeitslos. Obwohl es nach eigenen Angaben nicht an Angeboten mangelte. Unter anderem soll sich auch der 1. FC Kaiserslautern um Schuster bemüht haben.

Im Bewusstsein der brachialen Geschwindigkeit, mit der der Held in diesem Geschäft zum Depp werden kann, beurteilt Schuster seinen Neustart in Darmstadt entsprechend nüchtern: „Es ist ja jetzt gar nicht angedacht, irgendwelche Märchen und Wunder wiederholen zu müssen. Wir haben klipp und klar ein Ziel: den Klassenerhalt.“ In der neuerlichen Zusammenarbeit sehe er mehr Chance als Risiko, „weil man sich gegenseitig kennt, weil man keine lange Anlaufzeit braucht, weil man weiß, wie der andere tickt, weil man weiß, was man von der anderen Seite bekommt.“

2018 IST ALLES ANDERS: KEIN NEUER HELLER, KEIN NEUER WAGNER IN SICHT

Und natürlich weiß Schuster auch, dass damals und heute nicht miteinander zu vergleichen sind, weil ihm ein Kader zur Verfügung steht, an dessen Zusammenstellung er selbst nicht mitgewirkt hat. Es fehlt beispielsweise ein Typ wie Marcel Heller, der mit seiner Schnelligkeit den Fußball Marke Schuster seinerzeit entscheidend prägte. Er hat 2017 in Augsburg angeheuert.

Klar: In der Winterpause hat Darmstadt auf den Flügeln personell nachgebessert. Von den Seattler Sounders kam Joevin Jones, von der TSG Hoffenheim Baris Atik, der in der Hinrunde ausgerechnet nach Kaiserslautern ausgeliehen war, dort aber nicht Fuß fasste. Dass einer der beiden baldmöglichst Heller-Qualität entwickelt, ist gegenwärtig nicht abzusehen.

Schuster gilt natürlich auch als der Trainer, unter dem der vielerorts – und nicht zuletzt auch am Betzenberg – geschmähte Sandro Wagner seinen Durchbruch zum Torjäger schaffte. Allein dessen unlängst bekannt gegebener Wechsel von Hoffenheim nach München im kommenden Sommer beschert den Lilien noch einmal einen Ablöse-Nachschlag von rund einer Million Euro. Wagner sportliches Erbe in Darmstadt sollte eigentlich Artur Sobiech antreten. Der Ex-Hannoveraner hinkt den Ansprüchen freilich noch hinterher, hat erst zwei Treffer markiert. Könnte sein, dass am Mittwoch Talent Felix Platte den Vorzug erhält, der von Schalke 04 ans Böllenfalltor wechselte.

MEDOJEVIC FÜR ALTINTOP – WÄR AUCH EIN SECHSER FÜR LAUTERN GEWESEN

Altstar Hamit Altintop indes hat vor Weihnachten um Auflösung seines Vertrages gebeten, um „aus persönlichen Gründen“ in die Türkei zu wechseln. Der 35-jährige zog im Hinspiel gegen Lautern noch gekonnt die Fäden im Mittelfeld, war im Lauf der Hinrunde aber nicht unumstritten. Für ihn holten die Lilien nun Slobodan Medojevic, der bei Erstligist Eintracht Frankfurt nur noch auf Bank und Tribüne darbte. Ein robuster Abräumer, der auch bei der noch laufenden Sechser-Suche des 1. FC Kaiserslautern eine Überlegung wert gewesen sein dürfte.

Wie genau sich der alte/neue SV Darmstadt 98 am Mittwoch nun präsentieren wird? „Nach meiner persönlichen Überzeugung ist der rein spielerische Weg in der zweiten Liga nicht zielführend“, erklärt Dirk Schuster in der F.A.Z. „Der Weg geht über eine körperbetonte, aggressive und zweikampfstarke Spielweise. Das müssen wir annehmen und uns dementsprechend zur Wehr setzen.“ Na, das klingt schon ein bisschen wie der altbekannte „Schubladen“-Schuster.

Zur Generalprobe vor dem Start ins neue Zweitligajahr übte Darmstadt schon mal Kellerduell, testete ausgerechnet gegen den Tabellen-17. Greuther Fürth. Das 2:2 stellte keinen so richtig zufrieden. Die Kleeblätter verspielten eine 2:0-Führung, die Lilien offenbarten wieder jene Defensivschwächen, die sie eigentlich abstellen wollten.

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