Spielanalyse: Die bitterste Niederlage dieser Saison – Aufgeben ist dennoch nicht angezeigt

Für 16 Minuten fühlte sich der Traum absolut real an: Der Tabellenletzte führte gegen den Tabellenführer 1:0 und das gar nicht einmal glücklich, sondern nach 48 Minuten eines wirklich guten Spiels. Ein Sieg gegen den Klassenprimus zum Start ins Jahr, angesichts der eigenen, verzweifelten  Situation, was hätte er auslösen können, in den Köpfen der Spieler, der Fans, der Abstiegskonkurrenz. Doch innerhalb einer Sekunde platzt die Blase, ausgerechnet dem Mutigsten im Team missglückt eine einzige, aber entscheidende Aktion, weil er zu viel riskiert – und zu viel verliert.

Da liegt so viel Tragik in dieser 1:3-Heimniederlage des 1. FC Kaiserslautern gegen Fortuna Düsseldorf, dass man aus dem Hadern gar nicht mehr rauskommen mag – und doch schwebt da etwas irgendwie Selbstverständliches über diesem neuerlichen Niederschlag. Als ob es eigentlich ja gar nicht anders kommen konnte in dieser Saison, in der diesem Verein nicht einmal ein dummes Quäntchen Dusel zuteil werden will. Was ebenfalls gut in diese Spielzeit passt: Den flammendsten Appell nicht aufzugeben, richtete hinterher kein Repräsentant des Vereins an Spieler und Fans, sondern der Trainer des Gegners.

„DIE BESTE ERSTE HALBZEIT DIESER SAISON“

Okay, Fehler im FCK-Spiel ließen sich dennoch zuhauf noch finden. Ebenso ließe sich außerdem über den Zustand des Rasens lamentieren, der zu allen Widrigkeiten derzeit noch dazukommt, wie eigentlich jedes Jahr um diese Zeit, und der etwa einen Spieler wie Brandon Borrello in manchen Szenen mehr am Fortkommen hindert als der jeweilige Gegenspieler…

 Aber es soll hier bewusst das Positive hervorgehoben werden. Wie sich die Lauterer Elf in diesen ersten 60 Minuten präsentierte, verdient einfach nur Respekt, gerade angesichts der trostlosen Tabellensituation, gerade angesichts des Dramas um ihren Trainer, der am Mittwoch vor ihren Augen mit dem Krankenwagen aus der Kabine am Darmstädter Böllenfalltor abtransportiert wurde.

Das Team agierte nicht nur konzentriert und entschlossen, es bekam auch einen einigermaßen besonnenen Spielaufbau hin, hatte erstmals in dieser Saison die Nerven, sich in engen Situationen in weitere Räume zu kombinieren, genau so, wie es ihr nunmehr krankgeschriebener Coach vor der Winterpause gefordert hatte. „Wir haben ein Stück weit auch für Jeff gespielt“, erklärt Rechtsverteidiger Philipp Mwene. Und: „Das war unsere beste erste Halbzeit in dieser Saison.“

DIE SACHE MIT DEM GLÜCK

Und auch wenn es denen, die sich ohnehin nur am Niedergang dieses Vereins weiden, nur ein Grinsen ins Gesicht treibt, wenn Verlierer nach jeder neuerlichen Niederlage mit ihrem Pech hadern, muss es dennoch gesagt werden: Glück ist es wirklich nicht…

… wenn beim Stand von 1:0 ein Abpraller am eigenen Strafraum dem gegnerischen Angreifer Genki Haraguchi genau vor die Füße fällt, so dass Keeper Marius Müller Kopf und Kragen riskieren muss, um den Einschuss zu verhindern.

 … wenn dann mit Jan-Ole Sievers ein neuer Keeper eingewechselt wird, der mit seiner ersten Ballaktion gleich einen Elfmeter parieren muss, er sich sogar für die richtige Ecke entscheidet, die Hand an den Ball bekommt, er ihn aber nur noch neben dem Torpfosten ins Netz klatschen kann statt vorbei.

… und wenn die Mannschaft in Unterzahl, beim Stand von 1:1, nur wenige Minuten später tatsächlich noch einmal zu einer Torchance kommt, Sebastian Andersson die Freistoßflanke von Borrello aber haarscharf am Tor vorbeiköpft. So ein Ball muss einfach mal ins Netz fallen, wenn die Aufholjagd geschafft werden will, die sich der Verein in den nächsten Wochen vorgenommen hat.

HUT AB VOR MÜLLER UND SIEVERS

Respekt verdient Keeper Marius Müller. Sich nach dem Spiel vor die versammelten Medien hinzustellen und zu erklären, „wenn Ihr einen Schuldigen sucht, habt Ihr ihn mit mir gefunden“ – das hat Schneid. Müller hat den Elfmeter verursacht, der in der 64. Minute zum 1:1-Ausgleich führte, und dabei gleichzeitig die Gelb-Rote Karte kassiert, die für den anschließend Bruch im Spiel noch entscheidender ist als der Treffer. „Der Elfer ist berechtigt, die zweite Gelbe auch“, gibt der Keeper ebenso unumwunden zu.

Verständnisprobleme bereitet ihm lediglich seine erste gelbe Karte, ohne die ihm der Platzverweis in der Elfer-Situation erspart geblieben wäre. In der 51. Minute war Müller vom Düsseldorfer Kaan Ayhan hart bedrängt worden, als dieser im Fünfmeterraum einen Flugball abfischte. Drum reagierte Müller unwirsch, schubste Ayhan auch, worauf dieser sich sichtbar theatralisch zu Boden fallen ließ. Müller kassierte Gelb. „Unglaublich, was sich die Angreifer heute im Fünfer leisten dürfen – und dann heißt es, ich hätte überzogen reagiert“, wetterte er Schlussmann.

Hut ab auch vor Müller Stellvertreter Jan-Ole Sievers. Als er in der Vorrunde in Heidenheim kurzfristig für Müller zwischen die Pfosten musste, bekam der 22-jährige seine Nerven nicht in den Griff, der FCK verlor durch seinen Patzer in der Schlusssekunde 2:3. Das hat der Junge offenbar gut verarbeitet. Diesmal präsentierte Sievers sich großartig, bewahrte sein Team in der 75. Minute mit einer Glanzparade vor dem Rückstand – und musste sich drei Minuten später dann doch geschlagen geben, nach einem Schlenzer von Benito Raman, des Düsseldorfer, der in der 48. Minute mit einem Foul an Mwene des Elfer für Lautern verursacht und den Kapitän Christoph Moritz verwandelt hatte… Eine weitere der vielen Geschichten dieses Spiels.

UND NUN? NOCH ZWEI NEUE SPIELER? ODER DOCH NOCH EINEN TRAINER?

Die Besprechung von Pass- und Positionsgrafik und weiterer statistischer Details sparen wir uns heute. Widmen wir uns statt dessen der Frage, wie es jetzt weitergehen sollte. Macht es wirklich Sinn, bis Transferschluss am 31. Januar noch auf zwei weitere Neuzugänge zu hoffen, die das Blatt noch wenden können?

Oder wäre nicht dringender angezeigt, Klarheit in der Trainerfrage zu schaffen? Bei allem Respekt, bei aller Sympathie und Wertschätzung für Jeff Strasser, der einen guten Job in der Pfalz macht – noch Wochen auf seine Genesung warten zu müssen, wäre in der gegenwärtigen Situation fatal. Und den engagierten Luxemburger zu drängen, wieder früher einzusteigen, als die Ärzte es ihm raten, wäre noch fataler.

Sich solange weiter mit einer internen Interimslösung durchzuhangeln? Ebenfalls keine gute Idee. Da die Situation nun mal so ist, wie sie ist, wäre es ratsamer, sie für ein letztes, klares Signal zu nutzen. Es geht schließlich um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunft dieses Vereins. In dieser Woche nimmt der neue Sportvorstand Martin Bader seine Arbeit auf. Seine bisherige Vita zeigt: Wenn eine starke Trainerpersönlichkeit an seiner Seite stand, war auch Erfolg da. Zurzeit sind Leute wie Jens Keller und René Weiler auf dem Markt – Typen, die die Zweite Liga kennen. Und können.

UND DAS SCHLUSSWORT ÜBERLASSEN WIR… FRIEDHELM FUNKEL!

Schließen wollen wir mit einem Appell, den nach dem Spiel ausgerechnet der Trainer des Gegners an Spieler und Fans des 1. FC Kaiserslautern: Friedhelm Funkel, mittlerweile 64 Jahre jung und immer noch so fett wie eine Geis am Knie. Eine FCK-Ikone aus der Zeit der ersten Kalli Feldkamp-Ära, als noch ein ganz besonderer Geist am Betzenberg wehte. Seine Sätze seien hier im Wortlaut, fett und kursiv wiedergegeben:

„Diese Mannschaft, dieser Verein, der darf nicht aufstecken. Es ist noch alles möglich, es sind noch genügend Spiele, die man spielen kann, und man spielt nicht jede Woche gegen eine Mannschaft, die so clever spielt, wie wir es heute gemacht haben. Sie können noch genügend Punkte machen, doch dafür muss man zusammenhalten. Dafür muss ganz Kaiserslautern zusammenhalten, dafür müssen die Fans so, wie sie es heute gemacht haben, hinter ihrer Mannschaft stehen. Alle müssen gemeinsam versuchen, dieses Ziel noch zu erreichen, was auch ich mir wünsche für den 1. FC Kaiserslautern. Es ist zwar schon fast 35 Jahre her, dass ich hier gespielt habe, aber ich denke immer noch an meine Zeit hier zurück, der 1. FC Kaiserslautern ist immer in meinem Herzen geblieben.“

3 Gedanken zu “Spielanalyse: Die bitterste Niederlage dieser Saison – Aufgeben ist dennoch nicht angezeigt

  1. Wie immer eine sehr gute und fundierte Analyse.
    Allerdings ist es sehr utopisch, dass Weiler unter Bader am Betze aufschlägt – die können sich nicht ab. Hoffen wir, dass JS schnellstmöglich fit wird.

  2. Nochmal für mein Verständnis: Du forderst ernsthaft, jetzt einen neuen Trainer zu installieren? Was soll das bringen? Ich denke, dass Bugera in der Lage sein sollte, Strassers Handschrift fortzusetzen und HW Moser ist eh eine Art Strohmann. Das sollte langen. Oder hattest Du den Eindruck, dass wir mit JS an der Aussenlinie gestern gewonnen hätten? Jeff soll gesund werden und dann wiederkommen. Bis dahin sollten Bugera/Moser das Schiff schaukeln und mit „für Jeff kämpfen“ die Mannschaft zusätzlich motivieren.

    Thema Transfers: Unser größtes Problem ist, dass unser MF kaum Torchancen kreiiert. Wir brauchen einen torgefährlichen MF-Spieler, der gleichzeitig die Stürmer füttert. Sojemanden sollten wir ausleihen. Feste Verpflichtungen dürfen wir nur dann tätigen, wenn der neue Spieler einen Vertrag auch für die 3.+4. Liga unterschreibt, damit wir bei Abstieg nicht leer ausgehen. Nur: Wer unterschreibt so etwas?

    Ich kann mir immer noch vorstellen, dass Altintop zurückkommt. Er wäre auch ein Mann für den Wiederaufbau.

    Sind wir jetzt abgestiegen? Nein. Auch wenn heute DA gewonnen hat, hat sich noch nicht viel verändert. Wir müssen nämlich eine Serie starten und dabei auch DA schlagen. Es kann noch klappen.

    1. Ja, Wutti, „fordern“ ist so ein Wort… Aber ja, meiner Meinung sollte noch einmal ein neues Signal gesetzt werden, mit einem erfahrenen Trainer. Auch ich halte sehr viel von Alex Bugera, aber gerade deswegen sollte er meines Erachtens nicht schon am Anfang seiner Karriere in einer solchen Situation verheizt werden. Und: Unser neuer Sportvorstand hat nachweislich immer dann erfolgreich gearbeitet, wenn eine starke Trainerpersönlichkeit an seiner Seite stand. Mit „Jung & Unverbraucht“-Lösungen lief es bei ihm und mit ihm immer denkbar schlecht. Dazu mehr in meinem nächsten Blog. Ansonsten bin ich Deiner Meinung: Noch ist es nicht vorbei. Noch kann alles gut werden.

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