Fanblog: „Wir müssen aufhören, über Probleme zu reden, sondern unsere Chance sehen“ – Im Gespräch mit Jan-Ingwer Callsen-Bracker

Spieler mit Erfahrung, Charakter und Führungsstärke wollte Lauterns Sportdirektor Boris Notzon in der Winterpause holen, um die Mission Klassenerhalt doch noch zu schaffen. Normaler Weise sind wir vorsichtig mit Urteilen über Neuzugänge, lassen uns lieber ein paar Spiele Zeit zur Begutachtung. Bei Jan-Ingwer Callsen-Bracker aber erlauben wir uns, bereits nach anderthalb Spielen zu schlussfolgern: Die 33-jährige Leihgabe vom FC Augsburg erfüllt dieses Anforderungsprofil vorbildlich – und ist genau der richtige Gesprächspartner, um vor der Auswärtspartie am Sonntag bei Eintracht Braunschweig (13.30 Uhr) ein wenig positiven Spirit zu verbreiten. Falls sich jemand wundert, weshalb „JICB“ keine Frage zum neuen Trainer gestellt wird: Dieses Interview wurde vor der Bekanntgabe der Verpflichtung von Michael Frontzeck geführt.

Jan, das war sehr beeindruckend, wie Du nach der bitteren 1:3-Niederlage gegen Düsseldorf in der Mixed Zone aufgetreten bist. Du hast Dich vor die Mannschaft gestellt und das Positive betont, ganz schön forsch für einen, der erst seit zwei Wochen hier Spieler ist. Worauf gründet sich Dein Optimismus?

Ich wollte klarmachen, dass dieses Spiel trotz des Ergebnisses ein Schritt nach vorne war. Wir haben eine Stunde lang die Null gehalten und sogar geführt gegen den Spitzenreiter, der eine sehr gute Mannschaft stellt. Wir haben gut verteidigt, eine gewisse Struktur erkennen lassen, enge Abstände gehalten, sind gut in die Zweikämpfe gekommen, hatten gute Umschaltmomente, die wir natürlich noch besser ausspielen können. Ein paar gefährliche Standardsituationen haben wir auch kreiert. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie lebt, jeder hat sich in die Zweikämpfe geworfen. Klar, wir haben noch viel Arbeit vor uns, aber wir haben uns gut präsentiert und weiter stabilisiert, das muss erst einmal gelingen in einer solchen Drucksituation.

Was hat der Mannschaft Deiner Ansicht nach bislang gefehlt?

Darüber will ich mir kein Urteil erlauben, ich bin ja erst zwei Wochen hier. Was ich sagen kann: Ich habe eine junge Mannschaft vorgefunden mit einem sehr guten Teamgeist, die Stimmung könnte natürlich besser sein. Aber wir wollen aufhören, über Probleme zu reden, sondern müssen unsere Chance sehen. Wir spielen hier bei einem Traditionsverein auf, von dem man weiß: Wenn es auf dem Platz stimmt, schlägt auch die Stimmung auf den Rängen zu unseren Gunsten um. Wir müssen jetzt einige Prinzipien noch konsequenter umsetzen, vor allem Automatismen entwickeln. Wenn die eingespielt sind, kann man in der Zweiten Liga in allen Spielen punkten.

Die Frage ist nur: Wie lange dauert es noch, bis die Automatismen greifen? Ihr habt nur noch 15 Spiele.

Wir müssen jetzt so schnell wie möglich in unseren Rhythmus kommen und Stufe für Stufe vorwärts gehen. Wir haben ja bereits angefangen: Den Abschlusstest gegen Midtjylland, Tabellenführer in Dänemark, haben wir zuhause 1:0 gewonnen. Gegen Darmstadt haben wir zwar nur eine Halbzeit gespielt, die aber „zu Null“ gestaltet, und gegen Ende waren wir sogar am Drücker. Auch die ersten 60 Minuten gegen Düsseldorf waren richtig gut. Da müssen wir weitermachen, mit Ausdauer, Konsequenz und Arbeitswillen. Es sind noch 15 Spiele. Wir können es noch schaffen, es gibt genügend Beispiele, dass dies auch aus einer Situation wie die, in der wir uns gerade befinden, noch klappen kann.

Du bist nach dem Düsseldorf-Spiel auch direkt Marius Müller beigesprungen, als der sich vor den Medien freiwillig zum Hauptschuldigen gemacht hat. Ist die Situation vor dem 1:0, als er mit seinem Foul einen Elfer verursacht und Gelb-Rot kassiert, nochmal in der Mannschaft besprochen worden?

Das Thema war schnell abgehakt. Solche Situationen gibt es im Fußball immer wieder. Das war ärgerlich, das weiß Marius selbst. Ein Schuldiger ist immer schnell ausgeguckt, aber Fußball ist schon komplexer. Man muss auch schauen, wie ist die Situation entstanden, was hätte man vorher machen können, damit sie gar nicht eintritt. Schwarzweiß malen bringt nichts.

Du hast gut mit Marcel Correia harmoniert. Ihr seid beide Innenverteidiger, die ihren Job weniger rustikal ausüben, sondern mehr mit Auge und Stellungsspiel. Marcel musste gegen Düsseldorf verletzt raus. Wie sieht’s aus?

Er hat ein gutes Gefühl, dass er am Sonntag wieder dabei sein kann. Ich bin da ganz optimistisch.

Du bist eigentlich Nordlicht, kommst aus Schleswig-Holstein. Wie kommt man zu dem Vornamen Jan-Ingwer?

Ingwer ist da oben ein verbreiteter Name. Schleswig ist sehr von dänischen uEinflüssen geprägt. Meiner Mutter gefiel die Kombination Jan-Ingwer.

Ihr seid dann nach Bonn gezogen, und Du bist schon in der C-Jugend zu Bayer Leverkusen gewechselt. Da war dein Talent wohl schon früh erkannt worden…

Die Leverkusener wollten mich schon nach meinen ersten Jahr in Bonn holen, aber da meinten meine Eltern, ich sollte mich erst einmal auf meiner neuen Schule einleben. Ich habe in Bonn bereits im älteren Jahrgang mitgekickt, viele Tore geschossen, und wir waren eine gute Mannschaft, konnten mit Köln und Leverkusen durchaus mithalten.

Bist Du immer Innenverteidiger gewesen?

Ich war erst Mittelstürmer, dann Zehner, dann Sechser. In der B-Jugend bei Bayer Leverkusen hat man mir gesagt, wenn Du bei bei uns Profi werden willst, musst Du Innenverteidiger spielen, denn in erster Linie schaffen es bei uns Abwehrspieler aus den eigenen Reihen in die Erste Mannschaft.

2004 hast Du Abitur gemacht. War da schon klar, dass Du Profi werden willst oder hattest du noch einen Plan B?

Ich hatte schon 2003 mein Debüt in der Ersten Mannschaft gegeben und sogar schon Champions League gespielt… War schon kurios, dafür der Schule eine Entschuldigung vorlegen zu müssen, und das mitten im Abi-Stress… Mein Bundesligadebüt habe ich übrigens gegen Kaiserslautern gefeiert, ein Jahr später sogar mein erstes Tor gegen den FCK geschossen. Das Abi hatte aber natürlich Priorität, meine Brüder haben ja auch studiert. Bei Borussia Mönchengladbach später habe ich angefangen, an der Fern-Uni Hagen Wirtschaftswissenschaften zu studieren, weil das viele Möglichkeiten eröffnet. Spezialisiert habe ich mich aber noch nicht.

In Augsburg bist du jetzt seit 2011, also sieben Jahre. Das ist erstaunlich lange für eine Profifußballer-Karriere.

Ja, das hat sich beruflich, aber auch privat so ergeben. Erst der Aufstieg mit dem FCA, dann der Klassenerhalt, dann die Qualifikation für die Euro-League – es ist einfach toll, wenn Du mit einem Verein jedes Jahr etwas Historisches erreichst. Mittlerweile kenne ich natürlich alles und jeden in Augsburg.

In Augsburg ist genau die Kontinuität gegeben, von der überall immer nur geredet wird – gerade auch beim FCK. Selbst wenn die Protagonisten mal wechseln scheint es da immer auf einer Linie weiterzugehen. Für Manager Andreas Rettig kam Stefan Reuter, auf den Trainer Jos Luhukay folgte Markus Weinzierl, jetzt Manuel Baum – den Sonderfall Dirk Schuster klammern wir mal aus. Wer oder was sorgt für diese Kontinuität?

Ich denke, der Kreis der Leute, die in Augsburg die Entscheidungen treffen, ist sehr klein. Und auch wenn die Protagonisten immer mal wechseln, sind sie stets recht lange aktiv, Stefan Reuter ist nun schon auch seit 2012 da. Markus Weinzierl hat hier vier Jahre als Trainer gearbeitet, und der Verein hat auch an ihm festgehalten, als er nach einer Vorrunde nur neun Punkte auf dem Konto hatte. Manuel Baum kommt aus dem Jugendbereich und kennt den Verein in- und auswendig. Auch im Spielerkreis gab es immer einen harten Kern, der über einen langen Zeitraum gewachsen war: Daniel Baier etwa, Paul Verhaeg, Tobias Werner, Halil Altintop und auch ich.

Fällt es Dir da nicht schwer, jetzt wieder das Nomadenleben führen zu müssen, das Profis, die alle zwei Jahre den Verein wechseln, gar nicht anders kennen?

Ich hab mich in Kaiserslautern schnell zurechtgefunden, habe auch schon eine Wohnung und das Kinderzimmer ist jetzt eingerichtet, so dass mich jetzt auch meine Familie besuchen kann, denn die ist in Augsburg wohnen geblieben. Und mit dem Auto sind es dreieinhalb Stunden nach Augsburg, das ist nicht optimal, aber an freien Tagen oder in einer Länderspielpause kann ich schon mal zuhause vorbeischauen.

Du hast, bevor Du nach Kaiserslautern verliehen wurdest, erst mal Deinen Vertrag in Augsburg verlängert. Das war allein schon aus formalen Gründen notwendig…

Aber auch, weil Augsburg das sowieso wollte. Und ich will mit 33 noch Fußball spielen, und auch noch darüber hinaus. Ich hab ja durch meine Verletzung einiges versäumt, das will ich nachholen, und ich fühle mich topfit und brenne.

Einen wie Dich kann mich sich auch gut als Trainer vorstellen…

Darüber mache ich mir zurzeit noch keine Gedanken. Aktuell beschäftige ich mich nur damit, Spieler zu sein und alles dafür zu geben, dass wir den Klassenerhalt schaffen.

In Augsburg hat sich jetzt Innenverteidiger Jeffrey Gouweleeuw verletzt. Das heißt, jetzt wäre die Chance für Dich da gewesen, wieder in Mannschaft zu rutschen… Beschäftigt Dich ein solcher Gedanke?

Solchen Gedanken nachzugehen, bringt überhaupt nichts. In Augsburg zu bleiben und ständig zu hoffen, dass sich jemand verletzt, war für mich keine Option. Ich habe hier in Kaiserslautern eine Aufgabe übernommen, von der ich hundertprozentig überzeugt bin, da schaue ich nicht nach links oder rechts. Wir müssen jetzt als Team alles dafür tun. um in Braunschweig den Bock umzustoßen.

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