Analyse: Balsam für die geschundene Seele – Jetzt wird der Februar „uffem Betze“ richtig heiß!

Es sind immer noch acht Punkte bis zum rettenden Ufer, auch nach dem 2:1-Auswärtssieg des Tabellenletzten aus Kaiserslautern bei Eintracht Braunschweig. Daher bleiben wir jetzt cool und konstatieren in pfälzischer Mundart: „Na alla, geht doch…“  Auch wenn es sich nicht leugnen lässt. Selbst wenn er den FCK rechnerisch nicht viel weiterbringt, der geschundenen Lautrer Seele tut der Sieg unendlich gut. Und macht richtig Laune auf den Februar. Da können die Metereologen vorhersagen, was sie wollen: Auf dem Betzenberg wird dieser Monat wird richtig heiß!

Drei Änderungen nahm der neue Coach Michael Frontzeck gegenüber der Startformation des Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf vor. Zwei davon ergaben sich von selbst: Keeper Marius Müller war gelbrot-gesperrt, Innenverteidiger Marcel Correia fiel verletzt aus. Für sie spielten Jan-Ole Sievers und Stipe Vucur, beides naheliegende Lösungen. Vorne dagegen brachte Frontzeck Osayamen Osawe anstelle des bislang besten Torschützen Sebastian Andersson. Wohl, weil er auswärts auf einen schnellen Konterspieler setzen wollte.

FRONTZECKS PREMIERENGLÜCK: ENDLICH MAL EIN FRÜHES TOR

Auf jeden Fall startet der neue Trainer mit dem nötigen Fortune: Lautern gelingt ein Frühstart. In der vierten Minute erkämpft sich Rechtsverteidiger Philipp Mwene weit vorne auf der rechten Seite das Leder, passt mit der Hacke auf Flügelpartner Brandon Borrello zurück, der flankt, Lukas Spalvis köpft – und es steht 1:0 für Rot. Dass Domi Kumbela eine Minute zuvor nach einer Braunschweiger Ecke den Ball erschreckend frei annehmen und übers Tor jagen durfte, ist schlagartig vergessen.

Noch glücklicher machen die Lauterer ihren Anhang in den 60 Minuten danach. Da wird trotz Führung sich nicht eingeigelt und gebolzt, nein, die zehn Feldspieler rücken weiter forsch auf, erobern den Ball bisweilen im Angriffsdrittel oder kurz davor, lassen ihn laufen. Selbst Keeper Sievers verzichtet bisweilen auf lange Abschläge, passt lieber kurz auf seine Vorderleute. Derart im eigenen Stadion kontrolliert zu werden, macht die Jungs von Torsten Lieberknecht erstmal ratlos.

NACH DER ECK FLIEGT DER BALL NICHT WEG, DER LITAUER TRIFFT GENAUER

Zwei Mal hat Osawe die Chance zu erhöhen, ehe dies dann doch wieder Spalvis besorgt: Die Braunschweiger haben eine Ecke von Borrello mit anschließender Kopfballverlängerung von Jan-Ingwer Callsen-Bracker nicht klären können, der Litauer trifft den Ball genauer.

Frontzeck hat nichts an der Grundordnung geändert, die Jeff Strasser in der Wintervorbereitung eingestilt hat. Lautern agiert mit und ohne Ball im 4-4-2, ab der 30. Minute ein wenig zurückgezogener. Und hat damit die Flügel besser im Griff als die Braunschweiger mit ihrem ineffektiven 3-4-3 der ersten Hälfte. Vor allem die rechte Seite mit Mwene und Borrello setzt sich immer wieder durch. Nach der Pause stellt auch Torsten Lieberknecht auf 4-4-2, worauf die Angriffe der Braunschweiger breiter angelegt sind und insgesamt auch gefährlicher, die Schokoladenseite der Pfälzer bleibt aber weiter ihre Achillesferse.

Nach einer Stunde bringt Fronzeck dann zur Freude der 1000 mitgereisten Fans Halil Altintop, der im folgenden mit ein paar gescheiten Pässen glänzt. Unterm Strich aber schwächt der Wechsel die bis dato gezeigte Homogenität des Kollektivs. Osawe geht nun für den ausgewechselten Ruben Jenssen auf die linke Seite, um Altintop den Platz neben Spalvis zu überlassen. So fehlt nun ein Katapultstarter in vorderster Linie, der gerade gegen die immer weiter vor schiebenden Braunschweiger den entscheidenden Konter setzen könnte. Und  Osawe agiert als Partner des linken Verteidigers Leon Guwara längst nicht so umsichtig wie der smarte Jenssen.

DIE NERVEN, DIE NERVEN: NACH DEM ANSCHLUSSTREFFER WIRD’S TURBULENT

 Prompt bereitet Braunschweig über diese Seite auch seinen Anschlusstreffer vor. Der eingewechselte Onur Bulut flankt in der 72. Minute flach von rechts in den Strafraum, Suleiman Abdullahi hat viel zu viel Zeit, das Leder anzunehmen, an Callsen-Bracker vorbeizuschieben und einzuschießen. Zehn Minuten zuvor hätte Osawe einen gut durchgespielten Konter Lautern aus halblinker Position abschließen können, doch sein Lupfer misslingt gehörig.

Und dann beginnt es doch, das große Zittern. Sievers pariert zwei Mal großartig, Ken Reichel donnert den Ball an den Querbalken. In der Nachspielzeit, die zermürbende fünf Minuten dauert, weil Braunschweigs Keeper Jasmin Fejzić länger behandelt werden musste,   leistet sich Vucur seinen notorischen Bock, als er in einer Drunter-und-Drüber-Situation den Ball mit der Hacke aus der Gefahrenzone bugsieren will und den Gegner dadurch erneut in Ballbesitz bringt. Christoph Moritz wird anschließend, mehr oder weniger allein im nunmehr leeren Tor stehend, mehr angeschossen, als dass er bewusst klärt.

Doch was soll’s: Wenn es stimmt, dass man sich Glück auch erarbeiten kann, dann hat gerade Moritz es sich verdient. Er war Dreh- und Angelpunkt in der Mittelfeldreihe, während Callsen-Bracker die hintere Linie ebenso souverän dirigierte. Mit solchen Fixpunkten gewinnt das FCK-Team in dieser Saison nun vielleicht doch noch Kontur – spät, aber vielleicht noch nicht zu spät.

DIE LAUTERER LIEFEN ALS WÄREN SIE AUS BIELEFELD

Zumal sich vorne nach Andersson nun auch Spalvis als Vollstrecker profiliert hat. Die  beiden müssen nicht zwingend nacheinander auf den Platz, sie können ebenso nebeneinander spielen, wie das Düsseldorf-Spiel bereits zeigte.

Dass bei Lautern am Ende die Batterie ziemlich alle war, ist verständlich: 123,32 Kilometer hat die Elf in diesen 95 Minuten abgespult, das ist ein Wert, den in dieser Liga normalerweise nur die Bielefelder Laufmaschinen erreichen. Interessant: Der etatmäßige Spitzenläufer Moritz war diesmal nur der zweitbeste Kilometerfresser. Mit 12,72 Kilometern hat Borrello sogar noch 620 Meter mehr zurückgelegt als sein Kapitän.

Die Pass- und Positionsgrafik von „11tegen11“ zeigt, wie hoch das Pärchen Mwene/Borrello auf seiner Seite agierte, so dass die FCK-Spielanlage nicht nur rechtslastig, sondern auch ein asymetrisch anmutet. Borrello nahm den Ball im Durchschnitt auf der gleichen Höhe wie die beiden Stürmer an. Jenssens Hang, vom linken Flügel in die Mitte zu ziehen, kompensierte Osawe mit einem gewissen Linksdrall. Zu beachten ist: Diese Grafik verarbeitet nur Werte aus den ersten 70 Minuten, sonst wäre Osawes Spot weiter hinten und noch weiter links gesetzt. Schöne dicke Spots beanspruchen Moritz und Nils Seufert für sich – das zeigt, dass es in der Schaltzenrale stimmte.

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AUCH DIE QUALITÄT DER FCK-CHANCEN STIMMTE – BIS ZUR 80. MINUTE

Interessant auch der Blick auf die Fieberkurve der „expected Goals“ (xG). Wie wir schon öfter dargestellt haben, rechnet „11tegen11“ nicht einfach nur Torschüsse auf. 27:8, das klingt auch arg nach einer äußerst unglücklichen Niederlage der Braunschweiger. Der niederländische Blog bewertet auch die Qualität der Torchancen, ermittelt anhand  statistischer Daten die Wahrscheinlichkeit, mit der aus einer bestimmten Einschussposition ein Treffer erzielt werden konnte. Mit glatt „1“ wird dabei eine absolut hundertprozentige Chance beziffert.

Für diese Partie errechnet „11tegen11“ ein xG-Endergebnis von 2.96 : 1.63 für Braunschweig. In der Aufzeichnung übers komplette Spiel zeigt sich jedoch: Bis zur 80. Minute lag Lautern vorne, ist von der Eintracht also erst in den Schlussminuten in Sachen Chancenqualität überflügelt worden. Also, als es drunter und drüber ging und den Aktionen auf beiden Seiten zunehmend die Präzision fehlte.

 

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JETZT ZWEI MAL ZUHAUSE – UND DANN NACH DARMSTADT

Wir suhlen uns ja ungern im Morast der Allgemeinplätze. „Monate der Wahrheit“ hat es im Reportersprech für unseren Geschmack einfach schon zu viele gegeben. Der Februar 2017 aber könnte für den 1. FC Kaiserslautern tatsächlich ein solcher werden. Denn als nächstes stehen zwei Heimspiele hintereinander an, gegen Holstein Kiel und Sandhausen. Zwei Mal zuhause, zwei Mal freitags, zwei Mal Flutlicht – wenn „de Betze“ noch „de Betze“ wäre, könnte da richtig die Post abgehen… Und danach steht das Nachholspiel beim Tabellennachbarn Darmstadt auf dem Programm, das schon bei der ersten Auflage kein richtiges Auswärtsspiel war, dank der mitgereisten FCK-Fans. Es darf also so richtig gefiebert werden. Selbst wenn es am Ende doch nicht um die Wahrheit gehen sollte, sondern nur um maximal neun Punkte.

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