Gästeblog: Auf den Sinkflug der Störche zu setzen, wäre fatal

Der Tabellendritte kommt auf den Betzenberg, eine Woche, nach dem das Schlusslicht aus Kaiserslautern mit einem 2:1-Auswärtssieg in Braunschweig wieder neue Hoffnung geschöpft hat. Da gilt es also, ein echtes Brett zu bohren, wenn die Lautrer ihren Aufschwung bestätigen wollen. Ein Hoffnungsschimmer, der im Vorfeld ständig ins Feld geführt wird: Der fulminant gestartete Aufsteiger Holstein Kiel ist seit acht Spieltagen sieglos, sieben von diesen Partien hat er unentschieden gestaltet. Dass sich die Störche im Sinkflug befinden, sollte daraus jedoch nicht unbedingt abgeleitet werden.

Vergangenen November, Kiel rangierte überraschend auf dem zweiten Tabellenrang, konfrontierte die „11Freunde“-Redaktion Cheftrainer Markus Anfang mit einigen Daten aus der Analyse-Abteilung. Der zufolge hatte Kiel zu diesem Zeitpunkt von allen Zweitligisten die meisten Torschüsse abgegeben, dominierte die Statistik auch, was die Qualität der herausgespielten Gelegenheiten anging. Zudem wagten die Störche die meisten Dribblings im Wettbewerb und waren Zweitbester, was die Zahl der Flanken und Pässe in den gegnerischen Strafraum angeht.

ANFANG: „MIT STATISTIK BIN ICH NICHT SONDERLICH BEWANDERT“

Besonders fasziniert war die „11 Freunde“-Redaktion von den „Expected Goals (xG)“, die die Kieler herausspielten. In der Aufrechnung der statistischen Wahrscheinlichkeiten, mit denen aus erarbeiteten Einschusspositionen Treffer entstehen, führten die Holsteiner die Liga mit zehn Punkten Vorsprung an.

Doch auch die Analysen der Defensivleistung überzeugten: Kiel fing von allen Zweitligisten die meisten Bälle ab, ließ die zweitwenigsten Schüsse aufs eigene Tor zu und wies den drittbesten Wert beim wunderschönen Pressingindex „Passes Allowed Per Defensive Action“ auf. Er erfasst die Zahl der Pässe, die die eigene Mannschaft dem Gegner „ungestört“ erlaubt.

Markus Anfang kommentierte den Daten-Überfall mit bewundernswertem Understatement: „Mit Statistik ich nicht sonderlich bewandert.“ Und verriet, dass er seine Ideen seinen Jungs lieber mit einfacheren Worten nahebringt: „Vor allem fordere ich, dass wir immer selbst aktiv sind und nie nur auf den Gegner reagieren. (…) Der Gegner soll nicht machen können, was er möchte.“

DIE ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DIE REMIS-FlUT ÜBERZEUGEN NICHT

Aktuell freilich beherrscht eine andere Statistik die Diskussion um den starken Aufsteiger: Er ist seit nunmehr acht Spieltagen ohne Sieg. Die Erklärungsansätze für die scheinbare Leistungsstagnation, die sich in den begleitenden Medien finden lassen, fallen allerdings nicht sehr überzeugend aus. Das übliche „Sie sind jetzt in der Realität“, wahlweise auch „im Alltag der Zweiten Liga angekommen“.

Die Abwerbungsversuche des 1. FC Köln, der in der Winterpause an Anfang als Stöver-Nachfolger interessiert gewesen sein und entsprechende Unruhe geschürt haben sollen, werden ebenso ins Feld geführt wie Angebote, die nunmehr auf Leistungsträger des Überraschungsteams hereinprasseln. Dominick Drexler etwa, mit neun Treffern und sechs Assists Top-Scorer des Teams, ist angeblich von Aston Villa und Cardiff City umworben worden. Der Spieler selbst freilich versicherte, keinerlei Wechselambitionen zu hegen und verweist zurecht darauf, dass dieses Rumoren in der Gerüchteküche nach einer solchen Vorrunde lediglich Business as usual sei.

LAUT „KICKER“ ZUMINDEST KICKTEN DIE STÖRCHE GAR NICHT SO SCHLECHT

Anscheinend ist die Erklärung, dass angesichts der Leistungsdichte der Liga gute Leistungen eben nicht immer mit einem Sieg einhergehen, einfach zu banal, als dass sie angeführt werden darf. Dabei bescheinigte der „kicker“ den Störchen beim 2:2 zum Jahresauftakt gegen Union Berlin eine sehr starke erste Hälfte, in der sie auch 2:0 in Führung gingen. Und das, obwohl Anfang die gelbgesperrten Stammkräfte Rafael Czichos, Dominik Schmidt und Alexander Mühling ersetzen musste.

Zuletzt beim 1:1 gegen Regensburg fehlte aus dem gleichen Grund Drexler, hier sah der „kicker“ immerhin ein „rassiges Aufsteiger-Duell“. Lediglich die Nullnummer in Fürth zwischendrin bezeichnete das Blatt als „,müde“.

Gegen Lautern werden alle genannten Stammkräfte dabei sein. Und Torjäger Marvin Duksch hat gegen Regensburg seine sieben Spiele währende Torflaute beendet. Allzu viel von der Klasse, die Kiel im ersten Saisondrittel offenbarte, ist also noch nicht verschütt gegangen.

Lauterns Trainer Michael Frontzeck dürfte seine in Braunschweig siegreiche Formation allenfalls auf einer Position ändern. Neben dem zweifachen Torschützen Lukas Spalvis wird nicht unbedingt erneut der schnelle Konterstürmer Osayamen Osawe auflaufen. Wahrscheinlicher ist der Einsatz von Halil Altintop, der in vorderster Linie für präzise Zuspiele sorgen könnte. Oder der Sebastian Anderssons, der mit sechs Einschlägen nach wie vor Lauterns treffsicherster Stürmer ist.

Schließlich braucht es in erster Linie Tore, wenn der Klassenverbleib noch gesichert werden soll. Und um das zu erkennen, genügen bereits bescheidene Fähigkeiten in statistischer Analyse.

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