Fanblog: FCS als Betze-Untermieter – wolle mer ne roilosse? Ein saarländischer Blogger spricht Klartext

Not macht erfinderisch. Vor diesem Hintergrund wollen wir auch am Fastnachtsdienstag ganz nüchtern die Meldung betrachten, die vor Tagen durch die lokalen Medien rauschte: Die Stadtrats-Fraktion der CDU hat Lauterns Oberbürgermeister Klaus Weichel aufgefordert zu prüfen, ob der 1. FC Saarbrücken eventuell als Mieter fürs Fritz-Walter-Stadion in Frage käme… Okay, wir bleiben ernst. Die finanzielle Lage der Stadt ist dramatisch, und mit dem Stadion müssten dringend mehr Einnahmen erzielt werden. Die Sache ist nur: Wir reden hier über Fußball. Also nicht nur über das Hurengeschäft, das aus ihm geworden ist, sondern immer noch über das, was viele Menschen mit diesem Sport verbinden: Leidenschaft, Emotion und Rivalität, sowie Identität, Identifikation und regionale Verwurzelung…

Es sollte eigentlich bekannt sein, wie tief der TSV 1860 München gespalten wurde, als er gezwungen war, von der Grünwalder Straße in die Allianz-Arena umzuziehen – und die liegt immerhin in der gleichen Stadt. Selbst die Anhänger des SV Wehen fremdelten, als sie seinerzeit in die Wiesbadener Stadtmitte umziehen sollten – und da halten Politiker es für möglich, unsere saarländischen Nachbarn würden alle zwei Wochen in die Pfalz fahren, um ein Heimspiel ihres Vereins zu sehen? Bei aller Rivalität – hier gilt es für Fußballfans, Verständnis untereinander zu demonstrieren. Drum haben wir uns Carsten Pilger, Betreiber des FCSBlog 2.0, kurzgeschlossen, um zu erfahren, ob der wenn auch nicht bedingungslos geliebte Nachbar tatsächlich so verzweifelt ist, dass er darüber ernsthaft nachdenken könnte.

Carsten, was war Dein erster Gedanke, als Du von dem Vorschlag der Lautrer CDU gehört hast, man solle den 1. FC Saarbrücken als Mieter fürs Fritz-Walter-Stadion gewinnen? Ich muss zugeben, ich war mir im ersten Moment nicht sicher, ob es sich nicht vielleicht um einen Fastnachtsscherz handelt…

Ich war überrascht, dass es in Kaiserslautern noch eine CDU-Fraktion gibt, da ich immer dachte, das sei Kurt-Beck-Land. Aber dann habe ich ein gewisses Mitleid entwickelt: Seit Jahren nix zu melden haben und eigentlich unverlierbare Landtagswahlen doch verlieren – kein Wunder, dass da nach ein paar Urpils solche Ideen geboren werden. Unsinn bleibt es trotzdem.

Sind in Deinem Umfeld schon Reaktionen von FCS-Fans auf diesen Vorschlag laut geworden? Kannst Du ein paar davon zitieren, sofern Sie zitierfähig sind?

Bekannte, die diesen Stuss noch mit einer ernsthaften Antwort geadelt haben, waren sich einig: Für ein Heimspiel fahren wir nicht auf den Betze. Ein großer Teil der Fans reagierte aber auch – wie ich – reichlich amüsiert.

Glaubst Du, die FCS-Vereinsführung könnte diesen Gedanken ernsthaft in Erwägung ziehen?

Die Verantwortlichen vor einigen Jahren spielten eine Zeit lang ernsthaft mit dem Gedanken, Heimspiele in Pirmasens auszutragen. Dass eine Mehrzahl dieser Leute nichts mehr in unserem Verein zu melden hat und auf absehbare Zeit auch kein wichtiges Amt mehr in einem Fußballverein bekommen wird, sollte der aktuellen Führungsgeneration ein deutliches Zeichen sein.

Wie dramatisch ist denn die Stadionproblematik beim FCS? Ist der Ludwigspark tatsächlich auf Sicht nicht mehr bespielbar?

Sagen wir so: Ich bin jetzt 28 Jahre alt und freue mich, irgendwann einmal mit meinen noch ungeborenen Enkeln zum Eröffnungsspiel in den neuen Ludwigspark gehen zu dürfen. Im Ernst: Derzeit liegt das Vertrauen der FCS-Fans in einen schnellen Wiederaufbau des Stadions brach. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie liegt aktuell eher im Wachkoma.

Sportlich sieht es für den FCS in der Regionalliga Südwest ja derzeit gut aus. Angesichts von aktuell neun Punkten Vorsprung wird die Meisterschaft wohl drin. Wenn nur nicht die verteufelte Aufstiegsrunde wäre: Wie siehst Du das und welche Chancen räumst Du dem FCS ein?

Die Aufstiegsrunde ist für alle Fans eine Zumutung. Deshalb kann auch eine Meisterschaft am Saisonende zur Makulatur geraten. Meister müssen aufsteigen. Leider ist das in dieser Saison noch nicht der Fall, weshalb ich sage: Die Chancen stehen nach Saisonende eigentlich ganz gut. Eigentlich.

Würde sich bei einem Aufstieg die Stadionproblematik verschärfen – wegen eventueller Auflagen für die Dritte Liga?

Das Hermann-Neuberger-Stadion in Völklingen, für dessen Namen wir übrigens nix können, liebe Alsenborner, hat eigentlich schon für die Regionalliga zu wenig Sitzplatzmöglichkeiten. Für alte und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen ist das schlecht und ab der Dritten Liga müsste da auch offiziell nachgebessert werden. Nun ist die Frage, ob sich der FCS teuer bei den Nachbarn in Elversberg einmietet oder ob man Geld in die Hand nimmt, um Völklingen aufzurüsten. Was Paradox ist, wenn man überlegt, dass parallel Arbeiten am Ludwigspark stattfinden. Eine nicht sehr angenehme Situation.

Wie bist Du FCS-Fan geworden?

Ich war einfach zufällig da. In Saarbrücken. Und sah den alten Ludwigspark. Ein tolles Stadion! Wer da nicht Fan wird, hat den Fußball nie geliebt. Dann kam die große Zeit unter Toppmöller mit Manni Bender, Sambo Choji und Karsten Hutwelker. Ich war angefixt und bin gleich geblieben. Und durfte immerhin schon alles zwischen zweiter und fünfter Liga miterleben.

Wie bist Du Blogger geworden?

Vor 2006 habe ich auf dem leider stillgelegten Portal blutgraetsche.de kleine Geschichten und Kommentare aus meinem Fanleben veröffentlicht. Dann machte die Seite dicht und Blogs waren gerade in. Zum 1. FC Saarbrücken gab es da noch wenig, also habe ich meinen Blog gegründet. So war das Internet früher halt! Heute gucken die Leute ja nur noch Bilder.

Du bist Jahrgang 1989, hast also die historischen Pflichtspielduelle zwischen dem FCK und dem 1. FC Saarbrücken noch nicht erleben. Ich kann mich noch an einen 2:0-Sieg des FCS in Saarbrücken erinnern, da hat Eric Wynalda beide Tore gemacht… Als ich nach dem Spiel durch Saarbrücken auf der B40 nach Hause fuhr, säumte halb Saarbrücken links und rechts die Straße und winkte dem abrollenden Pfälzer Autokorso – das tat weh. Ist dieses Spiel mittlerweile Saarbrücker Legende?

Vergessen hat das niemand, aber die wirklich legendären Spiele sind eher das 6:1 gegen die Bayern oder der Sieg gegen Real Madrid in den 50ern. Mehr als an das spezielle Spiel erinnern sich gerade Fans oft an Eric Wynalda, der im Moment den Versuch startete, Präsident des Amerikanischen Fußballverbands zu werden. Und es leider nicht schaffte. Schade eigentlich.

Andererseits hat der FCK im DFB-Pokal auch mal 4:0 gegen den FCS im Ludwigspark gewonnen und in der Bundesliga mal 6:0. Ich vermute, diese Ergebnisse sind aus dem Saarbrücker Fanbewusstein verdrängt worden?

Das war alles nichts im Vergleich mit der Aktion, uns Milan Sasic als Trainer unterzujubeln.

Wie ist Dein persönliches Verhältnis zu Pfälzern? 

Ganz entspannt. Ich bin auf der moselfränkischen Seite des Saarlandes groß geworden und verstehe nicht immer, was sie sagen, aber vielleicht ist das auch besser so.

Ich muss sagen, ich habe nichts persönlich gegen Saarländer, würde aber nicht nein sagen, wenn wir Saarland und Elsass mit den Franzosen wieder tauschen könnten – weil die Nordvogesen und der Pfälzer Wald nun einmal zusammengehören und die elsässische Küche besser ist als die saarländische, Lyoner und Karlsberg-Bier verputzen wir in der Pfalz sowieso schon. Wie siehst Du das? Habt Ihr keine Lust, wieder Franzosen zu werden? Da ergäben sich vielleicht auch in der Stadionfrage neue Perspektiven…

Wäre für mich ok, da ich zwei Jahre in Frankreich gelebt habe und dann die TGV-Anbindung in den Süden und ans Mittelmeer von Saarbrücken aus wohl noch besser würde!

2 Gedanken zu “Fanblog: FCS als Betze-Untermieter – wolle mer ne roilosse? Ein saarländischer Blogger spricht Klartext

  1. Bezugnehmend auf die Ergebnisse zwischen beiden Vereinen gibt es da doch an dem heutigen Tage ein viel wichtigeres.
    Am 27.03.1993 schoss ein gewisser Juri Savitchew das zwischenzeitliche 1:0 für den 1. FC Saarbrücken in der ersten Bundesliga beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern. Und heute auf den Tag genau wo dieser Blog das Licht der Welt erblickt, feiert der damalige Torschütze seinen 53. Geburtstag. Damals feierten rund 12.000 Saarbrücker unter den 36.000 Zuschauern in KL am Ende ein 1:1 und ich glaube niemals war der Betzenberg gesanglich so in fremder Hand, nichts für ungut 🙂
    Nun aber Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag lieber Juri und Dankeschön für diesen unvergesslichen Tag in meinem FCS Leben!

    1. Dem schließe ich mich aus vollem Herzen an. Ich kann mich sogar dunkel an dieses Spiel erinnern, an diesem Tag lief auch Wolfram Wuttke im Saarbrücker Trikot auf dem Betzenberg auf…

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