Fanblog: „Fanrivalität ist doch sch… 100.000 Volt im Oberarm, aber kein Licht im Kopp“ – Im Gespräch mit „Obermessdiener“ Andreas Schmitt

Die Mainzer Fernsehfastnacht mag nicht jedermanns Sache sein. Doch wer als Fan des 1. FC Kaiserslautern vergangenen Freitag bis tief in die Nacht durchgehalten hat, der dürfte vom närrischen Treiben im Kurfürstlichen Schloss so gerührt wie nie gewesen sein. Der Sitzungspräsident persönlich griff ins seiner Paraderolle als „Obermessdiener“ für den FCK Partei und schwor das gesamte Bundesland ohne Rücksicht auf irgendwelche Lokalrivalitäten ein: „Denn Ihr seid ganz klar allenfalls, ein Herzensstück von Rheinland-Pfalz. Drum soll’s ganze Land zusammen stehen: Der FCK, der darf nicht untergehen!“ Und darum kann es vor diesem Wochenende keinen besseren Gesprächspartner geben als Andreas Schmitt, um aufs nächste Kapitel der Lautrer Aufholjagd auf Platz 15 einzustimmen. Aufgeschlagen wird es am Freitag, 18.30 Uhr, gegen den SV Sandhausen.

Andreas, wie bist Du auf die Idee gekommen, mitten in Mainz Stimmung zugunsten des nicht unbedingt geliebten Nachbarn zu machen? 

In meine Vorträge muss Authentizität rein. Und es war früher tatsächlich so, dass wir in Mainz immer auch den Lautrern die Daumen gedrückt haben. Verdammt noch mal! Wir haben die Mainzer jetzt in die Erste Liga hochgezogen, und die Lautrer gehören genauso wieder da oben hin. Die Bundesrepublik Deutschland ist zu einem guten Teil auch 1954 in Bern gegründet worden, das haben schon seriösere Historiker als ich bestätigt. Gerade die fünf Lautrer Jungs in der WM-Elf – Fritz und Ottmar Walter, Werner Liebrich, Horst Eckel und Werner Kohlmeyer – haben in der Welt das Bild vom hässlichen Deutschen korrigiert. Die haben Tore geschossen, ohne dass sie tätowiert waren oder dass sie Fußballschuhe in verschiedenen Farben tragen  mussten. Ich bin in diesem Land groß und alt geworden, und ich bin Lautrer Fan, so, wie ich auch Mainzer Fan bin. Diese Zwietracht ist doch furchtbar. Ich würde gerne mal wieder zu einem Heimspiel auf den Betzenberg fahren, aber mit einem Mainzer Kfz-Kennzeichen kannst du dich da ja nicht mehr hintrauen.

Im Lauf einer Kampagne verändert Ihr Redner Eure Vorträge ja oft. Wann hast Du die Passage über Lautern eingebaut?

Die war von Anfang an drin. Vom Rest meines Vortrags waren am Fastnachtsfreitag nur noch etwa 50 Prozent so, wie ich sie zu Beginn der Kampagne geschrieben habe.

Interessant war die Reaktion des Fernsehfastnachtspublikums. Als Du mit den Lautern-Versen begonnen hast, reagierte es erst irritiert, anscheinend, weil es sich nicht sicher war, ob du den Lautrern nicht vielleicht einen mitgeben willst…

Ach was. Das war ein einziger, mir namentlich bekannter Mainzer, der anfing rumzupöbeln. Seine Nachbarn haben ihm dann bedeutet, den Schnabel zu halten, ab da war alles gut. Wenn man keinen Wein verträgt, soll man es eben lassen.

Wie war das bei Saalfastnacht während der Kampagne? Gab’s da auch mal Zwischenrufe an der Stelle?

Nein, nie. Ob beim MCV oder den Eiskalten Brüdern, meine FCK-Verse bekamen immer starken Applaus. Wir älteren Mainzer können uns halt noch erinnern, wie wir dem FCK die Daumen drückten und der Bruchweg seinem Namen noch alle Ehre machte… Ich kann mich noch gut an den einen Rosenmontag erinnern, an dem ich nachmittags das damalige 05-Vorstandsmitglied Bernd Geitel traf und ihn fragte, ob er später noch in unser Vereinsheim käme. Er sagte nein, sie hätten noch Krisensitzung, sie müssten den Trainer entlassen und hätten kein Geld, einen neuen zu holen, daher solle jetzt ein Spieler den Job übernehmen, ein gewisser Jürgen Klopp… Wenn ich ihm damals gesagt hätte, in 16 Jahren spielt ihr Erste Liga und dieser Klopp ist ein international anerkannter Trainergott, hätte er mich wahrscheinlich in die Psychiatrie einweisen lassen. Und das am Rosenmontag.

Man kann es sich auf Mainzer Fastnachtsbühnen auch leichter machen, um zu Lachern zu kommen. Dein Vorgänger als TV-Sitzungspräsident machte auch immer mal Anti-FCK-Witze, und das, obwohl er gebürtiger Pfälzer ist…

Ich war auch in der Bütt immer pro FCK, hab unter anderem schon 2003 in der Sitzung auf dem Domplatz einen Reim auf Wieschemann gemacht. Und ich war schon auf dem Betzenberg, als die Westkurve noch nicht überdacht war. Beim 7:4 gegen Bayern war ich aber nicht dabei, irgendeiner muss da ja auch mal zugeben. Denn wenn die, die heute behaupten, dabei gewesen zu sein, tatsächlich dabei gewesen wären, müssen ungefähr 300.000 Leute im Stadion gewesen sein. Dafür habe ich das 5:0 gegen Real Madrid live gesehen.

Kannst Du Dich an Dein erstes Spiel auf dem Betze erinnern?

Das war auch gegen Bayern, in der Saison mit 1982/1983, ich hatte noch nicht lange meinen Führerschein und stannd mit meinem 14-jährigen Cousin Christian in der Westkurve. Als die Bayern 2:1 in Führung gingen und er Tor schrie, bekam er was auf die Nase. Am Ende aber verlor Bayern 2:3 und er flennte, also gaben wir ihm ein Bier und eine Bratwurst aus.

Und was war dein letztes Spiel?

Das war vor drei oder vier Jahren, ein Zweitligaspiel, an den Gegner kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Man ist halt älter geworden. Und fauler.

Und wie verfolgst du die Spiele jetzt?

Am Radio oder am Fernsehen, wie es gerade passt. Und wenn ich unterwegs bin, gibt’s die Ergebnisse direkt nach Spielende aufs Handy, das bereitet mir derzeit jedes Mal die Hölle auf Erden. In mir schlagen ja zwei leidende Seelen,  die Mainzer sind mir ihren 20 Punkten ja auch noch lange nicht durch.

Mit diesen zwei Seelen in der Brust stehst du in Mainz aber ziemlich alleine…

Ach, diese Rivalität ist doch sch… Was gäbe es denn Geileres, als wenn Lautern und Mainz zusammen in der Ersten Liga spielen würden, dazu noch Darmstadt und Frankfurt? Derbys am laufenden Band! Statt dessen schmeißen die sich gegenseitig die Fanbusse kaputt. Da denkst du dir manchmal: 100.000 Volt im Oberarm, aber kein Licht im Kopp.

Wie wirst Du das Spiel gegen Sandhausen verfolgen?

 Am Freitagabend sind wir unterwegs in den Allgäu – also Autoradio oder Toralarm auf dem Handy.

 

 

 

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