Analyse: Vergesst Pyeongchang – der Betzenberg bietet die geileren Eistänze

Wie? Keinen Bock gehabt, sich am Freitagabend bei eisigen Temperaturen auf den Betzenberg zu quälen, und das nur, weil die Anreise womöglich lebensgefährlich gewesen wäre? Selbst schuld. Wer nicht zu den 20.087 Zuschauern zählte, die den Weg durch pfälzisch Sibirien gefunden hatten, hat ein Fußballspektakel verpasst, wie es im Fritz-Walter-Stadion schon lange nicht mehr zu sehen war. Drei Mal ging der 1. FC Kaiserslautern in Führung, drei Mal glich Union Berlin aus, ehe Philipp Mwene in der 81. Minute den Siegtreffer zum 4:3 markierte. Mehr Gefühlsachterbahn geht nicht, erst recht nicht angesichts der weiterhin dramatischen Tabellensituation der abstiegsbedrohten Pfälzer. In der Analyse dagegen sind weniger aufwühlende Fragen zu stellen: Etwa die, wie viele der sieben Tore auf normalem Geläuf überhaupt gefallen wären. Die Antwort schon mal vorweg: Nicht sehr viele.

Los ging’s schon nach sechs Minuten, als Brandon Borrello sich entschloss, aus 35 Meter Entfernung einen Schussversuch zu wagen, wie man ihn aus dieser Position normaler Weise nicht wagt. Und wenn er die Flugkurve, die der Ball anschließend auf seinem Weg an die Unterkante der Latte und dann ins Tor nahm, tatsächlich so vorausberechnet hat, sollte der Australier sich nach Karriereende unbedingt als Ballistiker versuchen.

„Wir hatten vor dem Spiel drüber geredet, es mit Distanzschüssen zu versuchen, weil es auf diesem Boden für die Torhüter sehr unangenehm ist, Bälle zu halten“, erklärte FCK-Trainer Michael Frontzeck hinterher. Und ergänzte: „So, wie er den Ball getroffen hat, hätten wir aber nicht drüber zu reden brauchen.“ Soll heißen: Dieses krumme Ding wäre egal auf welchem Boden eingeschlagen. Andererseits: Unter normalen Umständen hätte es Borrello vermutlich gar nicht versucht.

DIE TREFFER: AUCH ZUFALLSPRODUKTE KÖNNEN SCHÖN ANZUSEHEN SEIN

Anderssons Eigentor zum ersten Ausgleich kommt zustande, als Michael Parensen und Stipe Vucur nicht richtig abspringen, um eine Freistoßflanke Christopher Trimmels zu erreichen. So landet sie auf der Stirn des Schweden, der keinen vernünftigen Kopfball koordiniert bekommt und ins eigene Netz trifft. Wäre bei Standsicherheit aller Beteiligten wohl nicht passiert.

Anderssons Kopfball zum 2:1 nach Borrello-Flanke? Sein vor ihm platzierter Gegenspieler springt nicht ab, Vordermann springt nicht ab, Keeper Daniel Mesenhöler klebt auf der Linie – Fehler, wie sie auf gut bespielbarem Rasen ebenfalls vorkommen. Oder auch nicht.

Steven Skrzybskis Ausgleich nach der Pause? Da kurvt ein abgefälschter Ball vom Sechzehner diagonal durch den Strafraum und landet vor den Füßen des Berliners. Das hat man am Betzenberg auch schon ohne Schneegestöber gesehen: beim Ausgleichstreffer der Düsseldorfer zum Jahresbeginn. Die Szene führte zu Elfmeter und Platzverweis Marius Müllers und leitete den 3:1-Sieg der Fortuna ein.

Osayamen Osawes Flankenlauf und Borrellos Sturz im Strafraum, der zum anschließenden Elfer führt, den Christoph Moritz verwandelt? Das hätte Union bei normalen Bodenverhältnissen sicher besser verteidigt.

Skrzybskis zweiter Treffer, der sich beim ersten Schussversuch über den Ball senst, was ihn aber anschließend in eine noch bessere Schussposition bringt? Kommentar überflüssig.

Mwene Siegtreffer, als er am Sechzehner Unions in ein zu kurzes Abspiel Mesenhölers funkt? Auch den hätte seinen Gegenspieler sicher nicht so leicht hergegeben, hätte er einen besseren Stand gehabt.

WER DIE BENACHTEILIGTERE MANNSCHAFT WAR? ANSICHTSSACHE

„Ich weiß nicht, ob er mich nicht gesehen hat, ich habe mir einfach nur gedacht, ich lauf durch und versuch dazwischen zu gehen“, kommentierte der Österreicher die Entstehung hinterher.

Der 24-jährige Flügelspieler, erneut einer der Aktivposten im Lautrer Team, nahm auch zu der Frage Stellung, wer denn mehr unter den Bodenverhältnissen zu leiden hatte, Lautern oder Union. Der Österreicher gab sich als höflicher Gastgeber: „Uns kamen die Platzverhältnisse mehr entgegen, weil Union sein schnelles Ballbesitzspiel nicht aufziehen konnte. Und wir haben den Fight vielleicht einen Tick besser angekommen.“

Dem könnte man auch gegengehalten: Auf dem seifigen Boden hat es die verteidigende Mannschaft schwerer, da jeder Ball in den Strafraum ein   Flipperspiel nach sich ziehen kann. Und sich nach einer Führung zurückzuziehen und auf Konter zu warten, ist dann keine kommode Spielausrichtung mehr, sondern eine riskante – dass Lautern gleich drei Führungen wieder abgab, darf dafür als Beleg gelten.

FAMOSE LEISTUNG GEGEN „MIT DAS BESTE, WAS IN DER LIGA RUMLÄUFT“

Für Michael Fronzeck hatte sein Team mit einer „famosen Leistung“ einen Gegner niedergerungen, der von „Spielausrichtung und Anlage her mit zum Besten gehört, was in der Zweiten Liga rumläuft.“

In der Tat lohnt das, was Jens Keller Nachfolger André Hofschneider da formiert hat, genauer zu betrachen. Die Dreier-/Fünferkette, mit der Union in Lautern abermals auflief, ist in der Liga längst nichts Ungewöhnliches mehr. Interessant ist die Anordnung des Quintetts davor.

Es ist weder das Modell mit zwei Sechsers, zwei nach innen ziehenden Flügelspielern und einem Stürmer, das Jeff Strasser beim FCK in der Vorrunde spielen ließ, noch die Varianten mit einem zentralen Sechser, zwei Achtern auf den Halbpositionen und zwei Stürmern, wie es Norbert Meier immer mal praktizierte.

Hofschneider operiert mit drei Offensiven, von denen sich einer stets  zurückfallen lässt und einer der beiden zentralen Mittelfeldspieler dahinter, in der Regel Grischa Prömel, zu ihm aufschließt. Bei Ballbesitz tragen die Eisernen ihr Spiel zunächst durch die Mitte vor, bis sich die Offensiven breit auffächern und den Flügeln anbieten.

Gegen den Ball bleibt dem Gegner der Aufbau durch die Mitte verwehrt, so dass er auf die Seiten spielen muss, worauf vier bis fünf Union-Spieler die Balleroberung an der Außenlinie suchen. Dieser Clip aus der 5. Minute zeigt sehr schön, wie dies funktionieren soll. Aber auch, wie der FCK in den vergangenen Wochen wieder gelernt hat, sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien:

 Da war das Spiel allerdings noch nicht sehr alt, mit zunehmender Spieldauer glückten Anläufe und Ballstafetten immer weniger, weil die Bodenverhältnisse auch Kräfte und Konzentration raubten. Davon abgesehen, dürfte noch ein anderer Faktor den Matchplan Unions gestört haben. Torjäger Sebastian Polter verletzte sich beim Warmmachen an der Achillessehne und fällt wohl über Wochen aus. Für ihn rückte kurzfristig Simon Hedlung in die Startelf, ein vollkommen anderer Stürmertyp.

DIE GRAFIKEN: NICHT SO AUSSAGEKRÄFTIG WIE SONST

Allerdings musste auch der FCK ein Tag vor Anpfiff noch mal neu disponieren. Die bislang so souveräne Abwehrchef Jan-Ingwer Callsen-Bracker fiel wegen einer Oberschenkelverletzung aus. Für ihn übernahm Marcel Correia die zweite Innenverteidigerposition, machte seine Sache ordentlich, bemerkte hinterher aber: „Ich kann besser spielen.“ Mehr als von sich selbst war er von Spiel und Atmosphäre angetan: „Das war wieder echtes Betze-Feeling.“

Statistische Betrachtungen eines derart verrückten Spiels unter solchen Bedingungen bringen nicht viel. Dass die Lautrer auf diesem Boden längst nicht das Laufpensum abspulen konnten, das man zuletzt von ihnen sah – geschenkt. Hier die Position- und Passgrafik, die einmal mehr zeigt, das bei Lautern auf der linken Seite mehr gepasst, auf der rechten mehr marschiert wird. Correia hat anscheinend keinen Mitspieler mehr als drei Mal angepasst, drum führt kein Pfeil von ihm weg.

 2018-03-02 Kaiserslautern Passing plot Kaiserslautern - Union Berlin.jpgUnd zum Schluss noch der Beweis, dass auch die ansonsten von uns geschätzten „expected Goals“-Fieberkurven bisweilen Unsinn produzieren. Ein qualitativ bewertetes der erarbeiteten Einschussmöglichkeiten von 2.07 zu 0.92 zu Lauterns Gunsten gibt den realen Spielverlauf natürlich kein bisschen wieder. Die Werte resultieren daraus, dass zwei Tore Unions im Grunde gar nicht als echte Torchancen bewertet wurde… Wie gesagt: Lohnt nicht, da weiter drüber zu reden.

 

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