Extrablog: „Ich? Den Torhüter verladen? Niemals!“ – Reflexionen zur Kunst des Elfmeterschützen Christoph M.

Der 1. FC Kaiserslautern hat endlich wieder einen sicheren Elfmeterschützen. Schon vier Mal in dieser Saison ist Christoph Moritz vom Punkt aus angetreten –und vier Mal hat er getroffen. Eine solch hundertprozentige Erfolgsquote – fünf von fünf – hatte im FCK-Trikot zuletzt Mo Idrissou in der Saison 2013/14. Und ein sicherer Strafstoßterminator kann im Abstiegskampf noch viel wichtiger werden, ohne Frage. Allerdings: So schön die Moritzsche Kunst auch anzuschauen ist, sie führt auf den Rängen bisweilen zu Herzaussetzern. Denn der Schütze setzt offenbar auf die gerade in Deutschland äußerst unbeliebte Technik des „Verladens.“ Oder? Christoph Moritz dementiert: „Ich habe den Torwart nicht verladen. Das können nur die ganz Großen.“ Wirklich?

Schauen wir noch mal genauer hin. Vier Mal hat Christoph M. vom Punkt aus geschossen. Gegen Kiel und gegen Düsseldorf hat er den Ball mit dem rechten Fuß in die rechte Ecke geschoben, in Regensburg und zuletzt gegen Union Berlin das Leder über den Keeper gelupft, als dieser sich bereits auf dem Weg in eben diese rechte Ecke befand.

Das sieht für den aufmerksamen Beobachter doch so als, als visiere M. eine Ecke an und beobachte beim Anlaufen, ob der Torsteher sich eventuell in diese Ecke orientiert – um dem Ball, sobald er die Anzeichen dafür erkannt hat, im letzten Moment doch noch eine andere Richtung zu geben. Per Lupfer – weil die schnelle Änderung der Schusshaltung keinen kräftigen Wumms mehr zulässt.

Und das nennt man nach der reinen Fußballlehre nun mal „Verladen.“

„ICH HATTE MICH SCHON VORHER ENTSCHIEDEN“ – SPRICHT DA DAS SCHLITZOHR?

„Nö“, lässt Christoph M. jedoch auf Anfrage ausrichten. „Ich hatte mich bereits vorher entschieden, wie ich schießen will. Mir geht es in erster Linie um die Wahrscheinlichkeit zu treffen.“

Echt jetzt? Komisch: Auf die Nachfrage, wer denn sein Vorbild als Elfmeterschütze sei, nennt er Zinedine Zidane. Einen der Allergrößten also. Dem er andererseits aber gar nicht nacheifern wolle, weil „nur die ganz Großen den Torwart ausgucken und dann einschieben können.“ Macht das Sinn?

Oder ist Christoph M. vielleicht ein Schlitzohr, das sich einfach nicht in die Karten schauen lassen will? Irgendwann wird schließlich der nächste Elfer für Lautern gepfiffen, und da Profi-Torhüter sehr genau Buch darüber führen, wer bei ihren Gegnern Strafstöße schießt und wie, will man sich ja nicht in die Karten schauen lassen…

Überlegen wir mal weiter.

Ein Schlitzohr zu sein – das wird gemeinhin auch dem braven Soldaten Schweijk nachgesagt. Fans des Buchs wissen: Eigentlich fälschlicher Weise, aber das soll hier egal sein. Jedenfalls: Da diese große literarische Figur ebenso Tscheche ist wie die Fußballerlegende Antonin Panenka, konnte es nicht ausbleiben, dass deutsche Ballsportbesprecher dem Kicker permanent „Schweijksche Schlitzohrigkeit“ bescheinigten, als er im Jahr 1976 die damals noch existierende Tschechoslowakei zum Titel des Europameisters schoss.

WIE DER BERÜHMTESTE VERLADETECHNIKER EIN DEUTSCHES TRAUMA AUSLÖSTE

Und zwar im Elfmeterschießen gegen Deutschland. Panenka trat zum finalen Schuss gegen Sepp Maier an. Und überwand ihn wie? Genau. Durch „Verladen.“

In diesem youtube-Video ist dieses Meisterwerk fußballerischer Raffinesse ab Minute 2:45 zu sehen. Zuvor darf übrigens noch einmal der spektakuläre Fehlschuss eines gewissen Uli Hoeneß bewundert werden.

 

Diese Demütigung könnte – wohlgemerkt: könnte – in Deutschland zu einem gewissen Trauma geführt haben, das sich fortan in vernichtenden Bewertungen zur Kunst des Verladens Bahn brach. Gerade und vor allem auch in den Lehrmeinungen.

Wir zitieren die Seite fussballtraining.de , und weil wir fiese Kollegen sind, korrigieren wir den Schreibfehler „Totwart“ absichtlich nicht, einfach, weil er sich so geil liest:

„Die vermeintlich cleversten Elfmeterschützen sind diejenigen, die den Totwart in die falsche Ecke schicken und dann ganz locker den Ball ins Tor schieben. Statistisch gesehen ist es jedoch nicht besonders empfehlenswert, auf diese Weise einen Elfmeter zu schließen. Gute Torhüter spekulieren oftmals darauf, dass der Schütze ein Täuschungsmanöver macht. Wenn der Torwart dann abwartet, kann er den Schützen sehr alt aussehen lassen. Entscheidend ist aber, dass die Erfolgsquote beim Verladen des Torhüters deutlich geringer ist als bei einem harten Schuss in eine Ecke, die für den Torwart nur schwer erreichbar ist.“

Okay, sie führen auch die Statistik an, und gegen die ist nun mal kein Kraut gewachsen. Aber darf Fußball denn nicht auch immer noch Spaß machen – selbst wenn er nur zum nackten Existenzkampf hochstilisiert wird, gerade diese Saison in Kaiserslautern?

ERINNERT SICH NOCH JEMAND AN RUNSTRÖM? BESSER, WENN NICHT

An dieser Stelle müssen wir leider anmerken: Auch die Pfalz ist durch einen offenbar als „Verladen“ gedachten Elfer traumatisiert worden. In der Saison 2007/08, als es für den FCK ebenfalls ums Überleben in der Zweiten Liga ging, führte der FCK am 16. Spieltag gegen den FC Carl Zeiss Jena 2:1. In der Zweiten Hälfte bekam Lautern einen Elfer zugesprochen, Leihspieler Björn Runström trat an, wollte anscheinend „verladen“, scheiterte, das Spiel kippte und der FCK verlor noch 2:3.

In diesem Video ist der Fehlschuss ab Minute 9:20 zu sehen:

 

Aber wie der Fußball nun mal so ist: Solange Christoph M. trifft, hat er keinen Unmut zu befürchten, weder vom Anhang noch im Kollegenkreis. „Mitspieler und Trainer haben sich einfach nur gefreut“, erklärt er auf die Frage, ob es auch mahnende Worte wegen seiner Elfmetertechnik gegeben habe.

Interessant auch, dass Lauterns Dauerläufer erst 28 Jahre alt werden musste, um sein Talent fürs Elfmeterschießen zu entdecken. Auf seinen früheren Profistationen auf Schalke und in Mainz ist er nicht einmal vom Punkt aus angetreten. Seine bislang einzigen Punktspiel-Penalties verwandelte er als A-Junior bei Alemannia Aachen.

Ob er auch noch einmal antreten würde, nachdem er einen verschossen hat? „Klar, wenn ich dann noch darf.“ Respekt, denn das trauen sich in der Tat nicht viele.

Wir empfehlen dennoch: Sollte es in dieser Saison wieder mal zu einem „Abstiegsendspiel“ kommen, bitte starke Beruhigungsmittel bereithalten. Und sofort einnehmen, wenn Elfmeter für Lautern gepfiffen wird.

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