Analyse: Der Fußballgott hat fraglos Sinn für Dramaturgie – die allerdings ist pervers

Der 1. FC Kaiserslautern schafft es weiterhin nicht, auf einen Baustein zum großen Glück einen zweiten zu setzen. Nach dem euphorisierenden 4:3 gegen Union Berlin vergangenes Wochenende setzte es nun wieder ein 1:2 gegen die SpVgg. Greuther Fürth, das den Abstand zum rettenden Tabellenrang 15 auf sieben Punkte steigen lässt – bei noch acht ausstehenden Spielen. Die Partie im Sportpark Ronhof zeigte vor allem, dass Tabellenstände und wahre Leistungsstände der Liga-Teams gegenwärtig auseinander klaffen. Erneut traf der FCK auf eine Mannschaft, die sich auf dem Papier zwar als noch greifbarer Tabellennachbar darstellte, längst aber mehr als ordentliches Unterhausniveau repräsentiert. Auf dem Lautern absolut mithalten konnte. Entschieden haben einmal mehr die berühmten Kleinigkeiten.

Wie schön sich doch Spielberichte lesen, die den Eindruck erwecken, die 90 Minuten seien einer Dramaturgie gefolgt, deren kluger Aufbau sich ein talentierter Drehbuchschreiber ausgedacht hat, vielleicht sogar der Fußballgott persönlich oder wer auch immer. In diesem Spiel aber war wohl eher ein Autor am Werk, der Story-Wendungen schätzt, die die Erwartungen des Publikums ganz bewusst ad absurdum führen.

Hand aufs Herz: Wem kam nicht die Phrase vom „psychologischen wichtigen Moment“ in den Sinn, als in der 45. Minute das 1:1 für den FCK fiel? Und dachte anschließend, dieser Treffer unmittelbar vor der Pause könne die Lautrer für die zweite Hälfte pushen, die Fürther aber mental schwächen? Nix war’s.

NACH DER 70. MINUTE KOMMT ES EBEN DOCH NICHT SO, WIE DER FCK-ROMANTIKER TRÄUMT

Es gab aber noch eine zweite Schlüsselszene, nach der es dann eben doch nicht so kam, wie der Lautrer Fußballromantiker es sich bereits erträumt hatte. Sie ereignete sich in der 70. Minute. Mario Maloca foult am linken Flügel Osayamen Osawe. Diesmal ist er zu spät gekommen mit seinem langen Bein. Zwei Mal schon hat er den FCK-Stürmer mit einer solchen Aktion am Durchbrechen gehindert – hoch riskant, schlussendlich aber korrekt und erfolgreich. Jetzt kassiert er Gelb.

Und der Möchtegern-Dramaturg mit Lautern-Brille am Spielfeldrand malt sich aus: Beim nächsten Mal ist Osawe durch – oder Maloca fliegt vom Platz. Oder aber, Brandon Borrellos Freistoßflanke wird jetzt zum Siegtreffer verwertet. Wär doch gerecht. Oder würde zumindest einer stimmigen Dramaturgie folgen…

Pustekuchen. Borrellos Flanke führt zu nichts.

Statt dessen gibt es drei Minuten später Ecke für Fürth. Maximilian Wittek führt aus. Und welches Kleeblatt schraubt sich hoch und köpft zum 2:1 ein? Man will es einfach nicht glauben: Maloca. Doch, doch: Wenn der Fußballgott einen Sinn für Dramaturgie hat, dann hat diese eine Neigung zum Perversen.

EBENFALLS PERVERS: MORITZ PATZT IN DER DEFENSIVE GLEICH ZWEI MAL

Dazu passt auch, dass vor Fürths Siegtreffer wer unter dem Eckball hindurch taucht? Christoph Moritz. Ausgerechnet der Dauerläufer, der seit Beginn des zweiten Saisondrittels durchgehend zu den Besten im Team zählt. Doch heute? Hat er schon bei Fürths Führungstreffer nicht gut ausgesehen.

Khaled Narey hat ihn am rechten Strafraumeck verladen, danach viel zu viel Zeit gehabt, sein flaches Zuspiel in die Mitte zu timen, und den Ball genau auf der Linie durch den Fünfer geschoben, auf der Abwehrspieler und Keeper nie so genau wissen, wer nun zuständig ist… Der Fürther Stürmer Julian Green nimmt ihnen die Entscheidung dann ab.

Ebenfalls pervers: Beide Fürther Treffer sind in Phasen gefallen, in denen der FCK sehr ordentlich im Spiel war.

BEIDE GEGENTREFFER FIELEN IN GUTEN LAUTRER PHASEN

Dass Michael Frontzecks Team trotz seines trostlosen 18. Tabellenplatzes mental gut dispositioniert war, hatte sich schon nach zwei Minuten gezeigt. FCK-Keeper Marius Müller drischt einen Abstoß nicht nach vorne, sondern spielt kurz ab, und selbst als Fürth sofort ins Pressing geht, lässt sich niemand in der Lauterer Hintermannschaft zum langen Ball verführen, sondern sucht den flachen Vertikalpass durch die Angriffslinie, bis er gefunden ist. Keine Frage: Lautern will im Frankenland Fußball spielen – und die Nerven behalten.

Und das sieht in der ersten Viertelstunde auch recht gut aus. Höhepunkt ist Leon Guwaras flache Hereingabe über die rechte Seite, die in voller Länge nur Zentimeter entfernt parallel zu Fürths Torlinie entlang rollt – doch niemand drückt sie rein. Dafür markiert Green ein paar Minuten später das 1:0.

Auch in der Viertelstunde nach der Pause erarbeiten sich die Lautrer ein Chancenplus. Osawe, Sebastian Andersson und Jan-Ingwer Callsen-Bracker nach einer Ecke scheitern knapp. Fürth hat da nur einen fulminanten 18-Meter-Schuss von Green entgegenzusetzen, den Müller souverän pariert. Das 2:1 aber machen dennoch die Kleeblätter.

Nach der Führung, das muss ebenfalls gesagt werden, fällt den unglücklichen Lautrern allerdings nichts mehr Sinniges ein. Osawe hat noch mal kurz die Chance, allein Richtung Tor durchzubrechen, diesmal aber stoppt ihn das lange Bein von Routinier Marco Caligiuri.

Einmal mehr beordert Frontzeck in den Schlussminuten Stipe Vucur in die Spitze, wie er es bei Rückständen öfter tut. Der Innenverteidiger mag im gegnerischen Strafraum bei ruhenden Bällen seine Daseinsberechtigung haben, aus dem Spiel heraus gelingt ihm als vorderster Rammbock nicht viel. In der Nachspielzeit kann er sogar zu einer riesen Einschussmöglichkeit kommen, wenn er einen langen Ball sauber annimmt – dass es ihm nicht gelingt, ist vielleicht auch dem Überraschungseffekt geschuldet.

LAUT SECHS-SPIELE-RANKING SPIELTE DER ERSTE GEGEN DEN SECHSTEN

So bleibt es bei drei Punkten für Fürth, aber nicht zu ändern. Doch ist immer noch nichts verloren, auch wenn manche meinen, es sei schon wieder ein Sechs-Punkte-Spiel in die Binsen gegangen. Lautern hat gegen kein Kellerkind verloren – und dabei über weite Phasen ansprechend gespielt –, sondern gegen ein längst gefestigtes Team, das an den vergangenen sechs Spieltagen dieser Liga von allen  Wettbewerbern am stärksten gepunktet hat.

Wie die Pfälzer stehen die Franken lediglich hinten, weil sie das erste Saisondrittel vergeigt haben. Mittlerweile aber hat Damir Buric aus den Kleeblättern ein Kollektiv geformt, das vor allem sehr variabel agiert. Besonders die Offensiven Green und Narey sind schwer auszurechnen. In diesem speziellen Ranking der letzten sechs Spiele, das whoscored.com erstellt, ist Lautern übrigens Sechster.

Steht vor Heidenheim, St. Pauli, Bochum, Duisburg, St. Pauli und Ingolstadt – alles Gegner, die der FCK noch vor der Brust hat. Es geht also noch was. Auch die Positions- und Passgrafik von „11tegen11“ deutet Lauterns solide Leistung an. Sie zeigt ein sauber strukturiertes 4-4-2, in dem die Abstände stimmen, die recht gleichmäßig großen Punkte zeigen, das alle ins Spiel einbezogen waren. Nur die Punkte blieben halt wieder mal beim Gegner.

2018-03-10 Kaiserslautern Passing plot Greuther Furth - Kaiserslautern

 

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