Gästeblog: „Kaiserslautern ist immer ein Erlebnis“ – Im Gespräch mit Stefan Schatz vom Fanladen St. Pauli

Auf St. Pauli ticken viele Uhren anders. Zu den Besonderheiten rund um den Kiez-Klub gehört auch der „Fanladen St. Pauli“ in der Gegengeraden des Millerntor-Stadions. Er wurde 1990 von aktiven Fans des Vereins gegründet und sieht sich nicht als klassischer „Fanshop“, sondern hat sich der Fanbetreuung unter dem Aspekt aktiver Jugendarbeit verschrieben. Dafür ist er im Lauf seiner nunmehr 28-jährigen Geschichte mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Julius Hirsch-Preis des Deutschen Fußball Bundes. Die Laudatio zur Preisverleihung 2016 hielt niemand geringerer als Herbert Grönemeyer, der unter anderem das antirassistische Engagement der Ladenbetreiber würdigte. Im Alltag steht für die St. Paulianer nun die Auswärtspartie beim 1. FC Kaiserslautern an, wo am Samstag, 17. März, um 13 Uhr ein weiteres der mittlerweile inflationär gehandelten Schicksalsspiele steigt – vor voraussichtlich 30.000 Zuschauern übrigens. Stefan Schatz vom Fanladen hat mit uns ein wenig über Stimmung und Hintergründe geplaudert.

Stefan, auf Eurer Homepage wirst du als „Freundlichkeitsbeauftragter“ des Fanladens St. Pauli vorgestellt. Was darf man darunter verstehen?

(lacht) Ich glaube, das soll ein kleiner Seitenhieb der Kollegen sein, die die Seite betextet haben. Denn angeblich soll ich gelegentlich zur Unfreundlichkeit neigen…

Am Samstagmorgen um 2.30 Uhr fahren eure Busse ab in Richtung Kaiserslautern. Auf eurer Mailbox ist zu hören, dass alle Plätze ausgebucht sind. Die Nachfrage nach Auswärtsfahrten ist bei euch also ungebrochen hoch, und das angesichts einer Strecke von über 600 Kilometern und obwohl St. Paul acht Spieltage vor Schluss quasi jenseits von Gut und Böse steht…

Nun ja, von St. Pauli aus gibt es in dieser Liga kaum kurze Auswärtsfahrten. Und Reisen nach Kaiserslautern sind ja für uns immer angenehm. Erstens, weil sie in den vergangenen Jahren sportlich meistens erfolgreich waren, und zweitens, weil der Betzenberg immer noch ein Erlebnis ist. Abgesehen davon, wäre der Gästeblock am Samstag auch gefüllt, wenn unsere Busse nicht bis auf den letzten Platz ausgebucht wären. Denn St. Pauli hat überall in Deutschland Fans, auch in eurer Region, und die dürfen sich über eine kurze Anreise freuen.

Wie seid Ihr mit der Saison bislang zufrieden? Hattet Ihr nicht gehofft, nach der sensationellen Rückrunde 2017 wieder oben anzudocken?

Hoffen tun Fußballfans doch immer… Warum auch nicht? Auch zurzeit sind es lediglich sechs Punkte zum Relegationsplatz nach oben, aber auch nur fünf zu dem nach unten. Es ist also noch alles drin. Wir hatten in der Hinrunde viel Verletzungspech, mussten auf einige Stammspieler lange verzichten, von daher ist es nicht so überraschend, dass wir jetzt irgendwo im nirgendwo stehen. Und angesichts dessen, was wir in den vergangenen Jahren durchmachen mussten, empfinden wir eine solche Saison eigentlich als ganz angenehm. Es gab nur eine kurze Phase, in der wir nach unten schielen mussten, ansonsten war der Weg nach oben immer kürzer.

Euer Fanladen besteht jetzt im 28. Jahr. Auf Eurer Homepage erklärt Ihr, Ihr wolltet seinerzeit der „Geburtsort einer neuen Fankultur in Deutschland“ sein. Inwieweit seid Ihr das geworden?

Ich denke, wir haben zu den ersten Fanszenen gehört, die sich politisch gegen die rechten Tendenzen in den Kurven positioniert haben und für Weltoffenheit und Toleranz eingetreten sind. Und ich glaube, damit haben wir auch andere Fanlager positiv beeinflusst. Dass wir allerdings die Fanszene in Deutschland nachhaltig geprägt oder gar verändert hätten – soweit würde ich nun nicht gehen. Mit solchen Lorbeeren sollen sich andere schmücken, wenn sie meinen, sie hätten sie verdient.

 Ihr habt euch auch auf die Fahnen geschrieben, mit Jugendlichen „gewaltpräventiv“ zu arbeiten. Wie bewertest du eure Fortschritte in dieser Richtung?

Gewaltprävention ist ein heikles Thema, weil da Erfolge schwer messbar sind. Natürlich präsentiert sich unsere Fanszene auch heute noch nicht vollkommen gewaltfrei. Aber wenn ich sie mit denen von Vereinen mit vergleichbarer sozialer Struktur und Größe vergleiche, würde ich schon sagen, dass unsere friedlicher geworden ist. Und dass unser Fanladen dazu einen Beitrag geleistet hat.

Viele organisierte Fußballfans sagen, die Gewalt in den Stadien hätte in den vergangenen Jahren gar nicht zugenommen, sie werde heute nur intensiver medial ausgeschlachtet…

Das sehe ich auch so. Ich bin ja schon etwas älter und auch schon in den 80er und 90er Jahren zum Fußball gegangen, da habe ich viel bedrohlichere Situationen erlebt als heute. Heute wird nicht nur medial, sondern auch ordnungspolitisch ein viel stärkerer Fokus auf Fangruppen und andere Fußballsubkulturen gelegt. Das wiederum führt zu gefühlt höheren Fallzahlen, die aber mit der Realität nichts zu tun haben. Natürlich geschieht heute immer noch viel zu viel, aber wenn man sich mal anschaut, was sonst in sozialen Ballungsräumen geschieht, wo Jugendliche aufeinandertreffen… Im Vergleich dazu ist in Fußballstadien bestimmt nichts schlimmer geworden.

Ich hab mit einigen gesprochen, die den Dialog mit Ultras suchen, die sagen: Das klappt besser, als allgemein behauptet wird, aber an manche kommt man halt gar nicht ran. Kannst Du das bestätigen?

Jein. Natürlich haben auch wir zu manchen Gruppen mehr, zu manchen weniger Kontakt. Dass wir aber mit welchen gar nicht ins Gespräch kommen, würde ich nicht sagen.

Euer Fanladen arbeitet ja im Grunde vollkommen separiert vom Verein FC St. Pauli. Wie seid ihr mit dem Klub in Kontakt? 

Das ist ja das Spannende bei uns. Der FC St. Pauli beschäftigt keine eigenen Fanbeauftragten. Statt dessen sind diese Teil unseres Fanprojekts und der Verein kauft deren Leistungen bei uns ein. Das ist einzigartig innerhalb der DFL. Dennoch tauschen wir uns fast täglich mit den Vereinsverantwortlichen aus und sind mit unserem Fanprojekt auch während der Spiele präsent.

Lassen sich auch Spieler mal bei euch blicken?

Das ist leider weniger geworden, früher schaute öfter mal ein Spieler rein. Aber das ist wohl auch der Zeitgeist.

Das heißt, es gibt auch nicht hin und wieder mal eine Autogrammstunde bei euch im Laden?

Offiziell organisiert so etwas ausschließlich der Verein. Wobei ich sagen muss: Wir und die Leute, die zu uns in den Laden kommen, finden Autogrammstunden gar nicht so geil. Mit Personenkult haben wir es auf St. Pauli nur sehr selten.

Wie auf eurem Gruppenfoto zu erkennen ist, befinden sich unter euren sechs Mitarbeitern vier Frauen – super Quote in der Männerwelt Fußball. Könnt Ihr dadurch auch gezielt mehr weibliche Fans ansprechen?

Natürlich sind die Vier auch tolle Ansprechpartner für die Frauen in unserer Fanszene. Im Vergleich zu anderen Vereinen muss ich aber sagen: Der Frauenanteil bei uns ist schon recht hoch, sowohl auf den Zuschauerrängen als auch in den Fangruppen, auch wenn auch bei uns beides natürlich nach wie vor männlich dominiert ist. Zu verbessern gibt es selbstverständlich immer und überall noch etwas. Also können es gerne auch noch ein paar Frauen mehr sein.

Gibt es auch eine rein weibliche Ultragruppierung, wie etwa in Heidenheim?

Es gab mal zwei Frauenfanclubs, aber ich glaube, deren Aktivitäten sind mittlerweile ein wenig eingeschlafen. Bei unseren Ultras gibt es auch eine Frauengruppe, die sich aber als Teil des Ganzen begreift.

Gibt’s bei euch im Laden eigentlich auch die üblichen Merchandising-Artikel zu kaufen, die ein Fanshop normaler Weise führt?

Nicht mehr. Als wir anfingen, war diese ganze Merchandising-Geschichte ja noch am Entstehen. Die ersten St.-Pauli-Ballonmützen und  Totenkopf-Shirts gab’s bei uns, mittlerweile führt die der Verein als offizielle Merchandising-Artikel. Wir kreieren aber unserer eigene Klamotten. Unter anderem ein St. Pauli-Tourshirt, das an die Tourshirt alter Metalbands erinnert. Oder eine Trainingsjacke. Wir haben schon tolle St. Pauli-Sachen, nur halt ohne Logo und Vereinsemblem.

Das heißt, Ihr führt auch keinen Ewald Lienen-Honig?

Nein, auch das ist ein offizielles Merchandising-Produkt. Wenn du aber leckeren Honig suchst, kann ich dir Christian vom Fanprojekt in Kaiserslautern empfehlen. Der arbeitet nebenher als Imker.

Danke für den Tipp – und das Gespräch. Dann mal Gute Fahrt am Samstag. Aber denkt dran: Wir brauchen die Punkte dringender.

Wir überlegen’s uns.

3 Gedanken zu “Gästeblog: „Kaiserslautern ist immer ein Erlebnis“ – Im Gespräch mit Stefan Schatz vom Fanladen St. Pauli

  1. Sehr informatives & sympathisches Interview!
    Ihr seid übrigens mit dem Beitrag heute im Pressespiegel auf der Website vom FC St. Pauli verlinkt.

  2. Es scheint mir dem Interviewenden (wie vielen vielen anderen Leuten) nicht abschließend so ganz klar geworden zu sein, dass das Fanprojekt beim FCSP zwar FanLADEN heißt, es aber eben NICHT der Fanshop ist. Es aber sehr wohl anderswo im Stadion (und zusätzlich auch auf der Reeperbahn einen FanSHOP gibt, wo der FCSP seine offiziellen Merchandisingartikel vom Trikot über T-Shirts bis zum Toaster verkauft. Nur sind FanLADEN und FanSHOP eben zwei völlig unterschiedliche Welten. Das nochmal zur Klarstellung. 😉 Ansonsten ein schöner Artikel.

    1. Lieber Jan,

      ich kann Dir versichern: Dem Interviewenden war dies abschließend schon klar, eigentlich aber auch schon vorher. Aber da, wie Du ja auch selbst schreibst, viele das nicht wissen, schien es mir wichtig, Stefan eben dieses mit Hilfe meiner Fragen klarzustellen zu lassen. Zumal man es sich als Außenstehender durchaus ja vorstellen könnte, dass der FanLADEN autorisiert ist, offizielle Fanartikel des FC St. Pauli zu verkaufen, auch wenn er nicht FanSHOP heißt.

      Gruß nach Hamburg, Eric

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