Analyse: Callsen-Brackers Bock schmerzt mehr, als Altintops Geniestreich freut – Ein Punkt ist zu wenig

Um ein Haar wärs am Ende noch ein Tag geworden, an dem Legenden geboren werden. Statt dessen aber bleibt der kleiner werdenden Zahl der Hoffenden nur, zum gefühlten abermillionsten Mal vom „Punkt für die Moral“ zu sprechen. Nüchterne Naturelle indes stellen fest: 1:1 gegen den FC St. Pauli,  das ist für den 1. FC Kaiserslautern zu wenig. Da der VfL Bochum zeitgleich gewonnen hat, schwillt der Abstand des Tabellenletzten auf Tabellenrang 15 nach diesem Spieltag auf mindestens acht Punkte an – und das bei nur noch sieben ausstehenden Partien. Mit fünf Punkten Distanz einigermaßen erreichbar bleiben könnte Relegationsrang 16 – wenn Aue am Montagabend zuhause gegen Fürth verliert. Und wieder einmal waren es nur Augenblicke, die die Lauterer um die Früchte von 90 Minuten brachten, die sicher nicht überlegen, aber entschlossen und leidenschaftlich geführt war.  Allerdings hatte auch ein Roter Teufel einen ganz großen Moment.

Denn jetzt wissen wir es genau: 35 Jahre alt muss ein Fußballer werden und 545 Spiele Erfahrung als Profi haben, um im entscheidenden Moment eine Sekunde fixer im Kopf zu sein als seine Gegen- und, beinahe, auch seine Mitspieler. „Ich musste den Spalvis zwei Mal ansprechen, bis er verstanden hat“, verriet Halil Altintop hinterher. Der im Winter zurückgekehrte Routinier und der Litauer waren vor dem 1:1 erst sechs Minuten zuvor eingewechselt worden – Michael Frontzecks „letzte Patronen“ nach dem Platzverweis Jan-Ingwer Callsen-Brackers und dem 0:1 per Foulelfmeter in der 73. Minute.

Schiri Frank Willenborg pfeift Freistoß für Lautern in halbrechter Position, kurz vorm Sechzehner. Normaler Weise werden ruhende Bälle in Torschussdistanz vom Referee per Pfiff freigegeben. Doch was ist heutzutage schon normal?

Das Regelwerk besagt: Zeigt der Schiri nicht durch Heben der Pfeife an, dass er den Freistoß per Pfiff freigeben will, darf ausgeführt werden. Das kapiert jedoch nur Altintop. Und Spalvis, nachdem Altintop ihm zum zweiten Mal Bescheid gegeben hat, mit gedämpfter Stimme natürlich, denn allzu laut darf er natürlich auch nicht rufen… Altintop passt in die Gasse, Spalvis schiebt den Ball ins lange Eck. 1:1.

AUCH GUWARA UND OSAWE VERSUCHEN, HELDEN ZU WERDEN

Wahnsinn. Keiner, der das Spiel zu diesem Zeitpunkt noch mit einem kühlen Kopf betrachtet hatte, hätte da noch auch nur eine einzige „Härting“-Frikadelle auf den FCK gewettet. Doch wer betrachtet FCK-Spiele in dieser Phase der Saison noch mit einem kühlen Kopf?

Anschließend wollen tatsächlich noch zwei weitere im FCK-Team Altintop den Titel als Held des Tages streitig machen. Leon Guwara setzt kurz vor Schluss noch mal ein 18-Meter-Rohr vom linken Strafraumeck ab, doch St. Paulis Keeper Robin Himmelmann pariert. Und Osayamen Osawe gelingt es in der Nachspielzeit, an der Grenze des Sechszehners einen Nils Seufert-Lupfer nahezu perfekt in der Drehung anzunehmen und sich in Schussposition zu bringen, doch wird ihm letzter Sekunde der Ball weggespitzt.

Ein 2:1-Heimsieg des FCK in Unterzahl in der derzeitigen Tabellensituation, da wären sämtliche Liga-Konkurrenten bis hoch zu Rang zehn wohl vor  Angst erstarrt.

So aber bleibt trotz aller Freude über Altintops Geniestreich doch mehr Schmerz über den anderen Moment, der das Tor zur Dritten Liga für Lautern sperrangelweit aufstieß. Schon vergangene Woche hatten Defensivpatzer des Leistungsträgers Christoph Moritz das Team um Punkte in Fürth gebracht, diesmal leistet sich ausgerechnet der große defensive Stabilisator der Rückrunde eine Auszeit.

BLÖD, ABER MÜSSIG: WANN DENN NU BEGANN JICB ZU ZUPFEN?

 In der 72. Minute nimmt Jan-Ingwer Callsen-Bracker nimmt einen gar nicht mal inspiriert nach vorn gedroschenen langen Ball zu ungelenk an, St. Pauli Stürmer Sami Allagui schiebt sich dazwischen, „JICB“ zieht erst leicht am Trikot, dann heftiger, als Allagui bereits in den Strafraum eingedrungen ist.

Willenborg pfeift Elfer, sehr zum Unmut von FCK-Keeper Marius Müller. JICB  habe schließlich schon vor dem Sechzehner zu ziehen begonnen, also hätte dort auch Freistoß gepfiffen werden müssen. „Das hab ich dem Schiri auch so gesagt: Es muss da gepfiffen werden, wo das Foul beginnt, das sehe ich jede Woche, wenn ich Bundesliga oder Champions League gucke“, berichtete der 24-jährige später seinen Dialog mit dem Schiri. „Da sagt er mir zu, nee, es zählt, wo das Foul endet. Da hab ich ihm geantwortet, ihr geht damit um wie mit eurem Videobeweis: Ihr legt’s euch so zurecht, wie ihrs braucht.“

Schöner Bonmot, hilft nur nichts. Wenn Willenborg erst das heftigere  Nachfassen Callsen-Brackers als Foul gewertet hat, kann man den Elfer geben. „Egal, er hat gepfiffen, fertig“, meinte Michael Frontzeck hinterher.

Was es zwischen diesen beiden Momenten noch zu analysieren gibt?

Über 90 Minuten betrachtet war Lautern nicht wirklich besser, hatte sich aber in der ersten Hälfte gut in die Partie hineingearbeitet. Zwei, drei vielversprechende Situationen über die Flügel geschaffen, insbesondere nach den ersten 30 Minuten auch ein paar Mal gut mit Diagonalbällen operiert.

BORELLOS ERSTER SCHWARZER TAG NACH FAMOSEN WOCHEN

Brandon Borrello hatte nach 31 Minuten eine Riesenchance, als er den Ball nach Flanke von Guwara freistehend vorm Tor annehmen konnte, offenbar aber zu überrascht war. Überhaupt erwischte der Australier nach seinen famosen Auftritten zuletzt keinen guten Tag erwischt. Zuvor schon hatte er mit einem Ballverlust in der Vorwärtsbewegung Allagui eine Einschussmöglichkeit ermöglicht. Und der St. Pauli-Stürmer hatte nach 20 Minuten auch die erste große Torchance der Partie, als ihm Rechtsverteidiger Yi-Young Park mustergültig auf den Kopf flankte. Müller lenkte Ball jedoch mit starkem Reflex über die Latte.

Nachdem Pauli-Trainer Markus Kauczinski in der Pause zwei Mal gewechselt hatte – er brachte die Offensivspieler Mats Moeller Daehli und Aziz Bouhaddouz für Richard Neudecker und Dimitrios Diamantakos („Wir haben vorne ja keinen Ball festgemacht“) –, hatten wiederum die Hamburger mehr vom Spiel. Erstaunlich, wie hart Kauczinski insbesondere mit der ersten Hälfte seiner Mannschaft hinterher ins Gericht ging: „Da haben wir gegenüber den vergangenen Wochen zwei Schritte zurückgemacht.“

„So hart habe ich das nicht gesehen“, widersprach Kollege Michael Frontzeck, der seiner Mannschaft nicht zuletzt aufgrund ihrer Laufleistung (117,61 Kilometer) nun zwei Tage zur Regeneration gönnt und erst am Dienstag mit der Vorbereitung auf die letzten Spiele beginnt.

„ES IST NOCH NICHT VORBEI“ – NOCH NICHT, ABER BEINAHE

Die nächste Partie steht ja erst am Ostersamstag (13 Uhr) beim MSV Duisburg an. Das aktuelle 1:1 wollte er als „Punktgewinn“ werden. „Es ist noch nicht vorbei“, macht der FCK-Coach weiter Mut. Defätisten werden das als Durchhalteparole bezeichnen.

„In den vergangenen acht Wochen haben wir 13 Punkte geholt, in der gesamten Hinrunde nur elf“, deutete Frontzeck ein weiteres Mal an, wann der FCK die entscheidenden Punkte liegen gelassen hat. Mit der aktuellen Spielleistung dagegen sei er zufrieden.

In der Tat lässt sich der FCK 2018 nicht mehr mit dem fahrig zusammengeschusterten Torso vergleichen, der in den ersten acht Saisonspielen nur zwei Punkte eingefahren hat. Andererseits ist aber  – noch? – nicht die Qualität zu erkennen, die nötig wäre, um die Siegesserie zu starten, die das mittlerweile fast Unmögliche noch möglich machen könnte. Den Anspruch auf Unterstützung, bis auch die letzte theoretische Möglichkeit auszuschließen ist, hat sich diese Mannschaft jedoch auf jeden Fall erarbeitet.

DIE GRAFIKEN: MORITZ TIEF WIE NIE, ZU WENIG PFEILE IN DIE SPITZE

Zum Abschluss noch der gewohnte Blick auf die Positions- und Passgrafik, die sich diesmal mit einigen interessanten Verschiebungen präsentiert. Moritz agierte deutlich tiefer als Seufert, ließ sich öfter als sonst zwischen die Innenverteidiger fallen. Bezeichnend auch für Borrellos schwarzen Tag, dass er nicht viel höher agierte als sein eigentlicher Hintermann Guwara.

Ebenfalls auffallend: Von den zentralen Mittelfeldspielern führt kein Pfeil auf die Spitzen Osawe und Sebastian Andersson. Was freilich nicht heißt, dass überhaupt keine Interaktion stattfand: Pfeile gibt’s erst ab vier Pässen, und ein, zwei „tödliche“ hätten ja vielleicht schon gereicht…

Wie immer bildet die Grafik auch nur das FCK-Spiel in den ersten 70 Minuten ab. Nach dem Platzverweis Callsen-Brackers verzichtete Fronteck auf die Einwechslung eines neuen Innenverteidigers, ließ die Mannschaft defensiv mehr oder weniger mit Dreierkette improvisieren, brachte statt dessen Altintop und Jenssen für Mwene und Andersson.

Zuvor war bereits Spalvis für Borrello gekommen. Beim Unterzahlspiel gegen den Rückstand bildete der Litauer dann die Spitze, Osawe, Altintop, Jenssen dahinter eine offensive Dreierreihe.

Der Mut zum Risiko wurde am Ende mit einem Punkt belohnt. Eine Legende hätte auch nur mit viel Glück geboren werden können. Möglich gewesen wär’s aber.

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