Zwischenzeugnis: Es ist vieles besser geworden – Wieso ist es nicht gut genug? 

Nach dem 2:1-Sieg des FC Erzgebirge Aue über die SpVgg. Fürth ist auch der Abstand auf Relegationsrang 16 für den Tabellenletzten aus Kaiserslautern auf acht Punkte angeschwollen – und das bei nur noch sieben ausstehenden Partien. Um in dieser Situation noch einen Hoffnungsfunken zu erkennen, braucht es wahrlich unerschütterlichen Optimismus. Immerhin: Der FC St. Pauli, dessen Aufholjagd vergangene Saison sich die Lauterer ja zum Vorbild erkoren haben, ist auch erst in den finalen sieben Spielen durchgestartet. Die Hamburger waren am 28. Spieltag noch Vorletzter mit 26 Punkten – einem mehr, als der FCK jetzt hat – und haben anschließend noch sechs Mal gewonnen und einmal Remis gespielt. Ums Heraufbeschwören von  Fußballwundern soll es hier aber nicht gehen, sondern um einen Rückblick auf die vergangenen Wochen und die Frage, ob mehr drin gewesen wäre. Wie es in unseren Zwischenzeugnissen in der Länderspielpause üblich ist.

Acht Spiele hat Michael Frontzeck den FCK nun als Cheftrainer betreut. Vier Mal hat er gewonnen, einmal Unentschieden gespielt, drei Mal verloren. Das ergibt 13 Punkte – einer mehr, als die Mannschaft in den 19 Partien zuvor geholt hatte. Den Zahlen zufolge hat sie sich also verbessert, und wer alle Spiele mit eigenen Augen verfolgt, wird das auch bestätigen.

Das Team startet in jede Partie mit erkennbar gutem Spirit, bewegt sich geschlossener übers Feld, schafft längere Passstafetten ohne Ballverlust, vermag nun auch, sich aus engen Situationen spielerisch zu befreien. Es forciert das Flügelspiel, wobei nicht blindwütig auf Flanken gesetzt wird, sondern aufs Eindringen über die Seiten in den Sechzehner, um von dort auch den überlegten Pass in den Rückraum zu suchen. Und es  kommt öfter zu Abschlüssen: 14 Treffer hat sie in diesen acht Partien erzielt, in den 19 Spielen zuvor gerade mal 15.

DIE VERLORENEN SPIELE ZEIGEN DIE IMMER NOCH VORHANDENEN SCHWÄCHEN

Wo es nach wie vor fehlt, haben die verlorenen Begegnungen gezeigt: Beim 0:1 gegen Sandhausen verlor der FCK nach der Pause den Faden, nachdem der Gegner ein paar einfache, aber wirksame Umstellungen vorgenommen hatte. Beim 1:2 in Aue spielte man dem Gegner in die Karten, als man ein frühes Gegentor zuließ und kein Mittel gegen seine schnellen Konterspieler fand. Beim 1:2 in Fürth leistete sich ausgerechnet ein Leistungsträger Abwehrfehler, und in der letzten halben Stunde gelang es nicht, ein überzeugendes Offensivspiel aufzuziehen, das noch den Ausgleich erzwingen konnte.

Sicher, in dieser Liga kontrolliert keine Mannschaft eine andere über 90 Minuten. Selbst bei den Spitzenteams wechseln permanent starke und schwache Phasen, im Gegensatz zu den Kellerkindern aber schießen sie in ihren starken Momenten die spielentscheidenden Tore. Beim FCK kommen noch fatale individuelle Fehler hinzu, die immer dann besonders empfindlich treffen, wenn sie von den Korsettstangen des Teams begangen werden: Marius Müller gegen Düsseldorf, Christoph Moritz in Fürth, Jan-Ingwer Callsen-Bracker gegen St. Pauli.

Darüber hinaus scheint es an taktischer Flexibilität zu fehlen. Insbesondere nach Rückständen fehlt es an frischen und vor allem wirksamen Ideen. Den kopfballstarken, am Boden aber unbedarften Stipe Vucur in den Schlussminuten nach vorne zu beordern, wirkt, freundlich ausgedrückt, altbacken. Da geben die gelernten Stürmer Lukas Spalvis und Sebastian Andersson nach wie vor die erfolgversprechenderen Rammböcke ab.

HALIL ATINTOP SPIELT NIE VON BEGINN AN – EIN FEHLER?

Zum Standardrepertoire zählt die Einwechslung von Halil Altintop, die vergangenen Samstag gegen FC St. Pauli immerhin zum Ausgleichstreffer führte – durch eben einen solchen großen Moment, wie sie vom Routinier ersehnt werden. Was in den Fanforen prompt zu der Frage führte, wieso die Winterverpflichtung nicht mal von Anfang an randarf. Fitnessrückstände sollten mittlerweile kein Problem mehr sein, was auch Altintop selbst auf Nachfrage bestätigt.

Nun, die Ursache dürfte wohl eher sein, dass in dem 4-4-2, das Frontzeck mittlerweile etabliert hat und ein erkennbares Plus an Stabilität gewährleistet, schwer eine Position für Altintop zu finden ist. Auf den Megasprinter Osayamen Osawe im Sturm lässt sich vor allem auswärts kaum verzichten, und der braucht einen echten Neuner neben sich, also Spalvis oder Andersson.

Auf den Flügeln könnte Altintop wohl kaum noch Wirkung entfalten, dazu fehlt ihm mit seinen 35 Jahren der Speed. Die Zehnerposition, von der aus er durchaus noch für präzises Passspiel im Angriffsdrittel sorgen könnte, existiert in dieser Grundordnung nicht. Achter war Altintop noch nie. Spielintelligent genug, um es noch zu werden, wäre er zwar, aber mit Nils Seufert und Moritz verfügt der FCK bereits über zwei überdurchschnittlich starke Achter, und zu denen wird sich auch Mads Albaek demnächst wieder gesellen. Daher dürfte Altintop  auch weiterhin von der Bank kommen – große Momente lassen sich schließlich auch in nur 20, 25 Minuten noch generieren.

DAS ALTE ORAKEL: HÄTTE SO, ABER AUCH ANDERS AUSGEHEN KÖNNEN

Womit wir bei der grundlegenderen Frage wären: Unter Frontzeck ist vieles besser geworden, aber hätte es nicht auch gut genug sein können, um noch ein paar Punkte mehr auf dem Konto zu haben?

Wenn es am Ende dieser Saison nicht reichen sollte – und Stand jetzt ist das nun mal die ungleich wahrscheinlichere Möglichkeit – wird man Frontzeck mit Sicherheit vorwerfen, er sei  „nicht genug Risiko“ gegangen, wetten? Der Kritikpunkt ist nach besiegelten Abstiegen nämlich ebenso beliebt wie schwer zu greifen.

In der Tat könnte man fragen, wieso Frontzeck etwa nach dem frühen Rückstand gegen Aue nicht schon in der ersten Halbzeit sein Team weiter vorrücken und früher attackieren ließ, zumal sich der FCE bei zaghaften Versuchen dieser Art durchaus Probleme beim Überspielen der ersten Pressinglinie offenbarte. Da aber könnte man dagegenhalten, dass sich dadurch auch das Risiko erhöht hätte, sich durch die starken Konterspieler Munsy und Köpke das 0:2 noch früher zu fangen. Das alte Fußballorakel halt: Hätte so, aber auch anders ausgehen können.

Wünschen würde sich der Betrachter manchmal nicht nur Rhythmuswechsel, wie sie das Team bisweilen durchaus praktiziert, sondern auch überraschende Formationsänderungen,  um den Gegner aus dem Konzept zu bringen. Dass die nicht zu sehen sind, kann an mangelnder Trainerphantasie liegen. Aber auch daran, dass er auf dem Standpunkt steht, die durch viele Niederlagen ohnehin schon gebeutelte und erst spät zusammengewachsene Mannschaft durch spontane Wechselspielchen mehr sich selbst verunsichern als den Gegner  – und dass insofern ein stabiles 4-4-2 die beste Lösung bleibt.

DAS LEBEN DER ANDEREN: HABEN SAIBENE UND TEDESCO WAS BESSER GEMACHT?

Was wiederum zur Frage führt: Haben es andere in vergleichbarer Situation denn besser hingekriegt? Jeff Saibene und Domenico Tedesco übernahmen vergangene Saison Zweitligateams auf Abstiegsrängen, und das erst mitten in der Rückrunde. Beide führten diese am Ende über den Strich. Schauen wir uns also mal an, wie.

Saibene übernahm Bielefeld am 26. Spieltag. Auf Platz 17, mit 23 Punkten, also einem mehr, als der FCK nach 26 Spieltagen auf dem Konto hatte. Der Luxemburger setzte  ebenfalls auf ein kompaktes 4-4-2, aber mit ungeheuer laufintensiv praktiziertem Pressing. Er holte in neun Spielen drei Siege, fünf Remis und verlor nur einmal, das sind 14 Punkte, also  nur ein Zähler mehr, als Frontzeck in acht Partien eingefahren hat. Der aktuelle FCK-Coach liegt zur Stunde also nicht schlechter als der Bielefelder Retter der Vorsaison. Das Problem ist nur: Dieser Punkteschnitt wird in dieser Spielzeit nicht reichen.

Tedesco übernahm Erzgebirge Aue am 24. Spieltag. Auf Rang 18, mit nur 19 Punkten. Er setzte auf Dreier-/Fünferkette und drei Spitzen, die sich bei gegnerischem Ballbesitz erst nach innen zogen, um dann ein frühes Pressing gegen die Seitenlinien einzuleiten. Dazu nahm Tedesco auch im Spiel immer wieder ebenso einfalls- wie erfolgreich Anpassungen vor, und nicht umsonst lieferte die folgende Bilanz die besten Argumente für sein Empfehlungsschreiben an den FC Schalke 04: Sechs Siege, zwei Remis, drei Niederlagen.

DIE KONSEQUENZ: FRONTZECK MUSS BESSER SEIN ALS TEDESCO

Macht 20 Punkte in elf Spielen. Ergibt einen Punkteschnitt von 1,8. Der würde dem FCK in sieben Spielen noch zu 37 Punkten verhelfen, und auch das nur aufgerundet. 37 Punkte haben bislang immer gereicht, aber diesmal, in dieser vertrackten Zweitligasaison?

Versuchen wir, selbst in dieser bescheidenen Situation nicht so bierernst zu schließen.

Frontzeck müsste besser punkten als Tedesco, um das Ding zu wuppen. Und wenn Tedesco sich mit seiner Trainerleistung in Aue für ein Amt beim FC Schalke qualifizieren konnte, dann hätte Frontzeck es verdient, im Erfolgsfall – nun ja – als Nachfolger von Don Jupp beim FC Bayern gehandelt zu werden. Doch, schon.

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