Fanblog: „Der FCK, der ist einfach unfassbar, das kann man niemandem erklären, der nicht aus der Region kommt“ – Im Gespräch mit Marcel Ziemer

Angenommen, der 1. FC Kaiserslautern punktet in den nächsten sechs Saisonspielen noch einmal ordentlich, so dass ihm am 34. Spieltag die Möglichkeit offen steht, mit einem Erfolg in Ingolstadt doch noch wenigstens auf den Relegationsrang 16 zu springen – was wäre ihm dann am nötigsten zu wünschen? Ganz einfach: Dass wieder ein „Cello“ für ihn aufspielt. Denn ein „Cello“ hat den FCK schon einmal vor dem Sturz in die Drittklassigkeit bewahrt: Am legendären 18. Mai 2008, als der Klub sich am 34. Spieltag mit einem 3:0 über 1. FC Köln doch noch auf einen Nicht-Abstiegsplatz hievte. Zweifacher Torschütze damals: Der damals 22-jährige Marcel Ziemer, ein Bub aus Worms, der mit dem FCK-Gen geboren worden ist. Zehn Jahre später kämpft der FCK wieder ums Überleben – und Marcel Ziemer um die Fortsetzung seiner Karriere. Nach einem Kreuzbandriss inklusive kompliziertem Knorpelbruch quält sich der Pfälzer in Rostock durch ein langwieriges Reha-Programm – im fortgeschrittenen Profi-Alter von 32 Jahren und angesichts eines im Sommer auslaufenden Vertrages eine beklemmende Situation. In der ein Fußballer normaler Weise nur ungern Interviews gibt… Für einen Anrufer aus der Heimat nimmt sich  „Cello“ aber dennoch Zeit.

Hallo, Marcel. Wie sehen deine Tage aktuell denn aus?

Ich pendele zwischen dem Vereinsgelände von Hansa Rostock und der Praxis unseres Physiotherapeuten Tobias Hamann – und absolviere mein Reha-Programm. So ein bisschen was kann ich auch schon machen, aber nicht so, dass ich zufrieden bin.

Was genau ist denn dein Problem?

Ich hatte einen Kreuzbandriss, dazu ist mir ein zwei bis drei Zentimeter großes Stück Knorpel aus dem Knie gebrochen. Ich bin jetzt drei Mal operiert worden, das letzte Mal im Januar.

Und – wie sind die Fortschritte seither?

Sagen wir es mal so: Sie sind erkennbar. Ich will aber mehr. Vor allen Dingen will ich zurück auf den Platz. Aber wann das soweit sein wird, ist im Moment noch nicht abzusehen.

Das ist eine schreckliche Situation für einen Profi, der bereits 32 Jahre alt ist und dessen Vertrag im Sommer ausläuft. Hat es denn mit Hansa Rostock schon mal Gespräche gegeben wegen einer Vertragsverlängerung?

Ein erstes Gespräch hat es gegeben und wir sind auch weiter dran. Viel Sinn macht es im Moment jedoch nicht, konkreter zu werden. Mir ist ja klar, dass ich im Moment keine guten Karten habe. Erst muss ich gesund werden.

Bislang hast du in der Dritten Liga ja eine beachtliche Karriere als Torjäger hingelegt. Die meisten Stürmer im Profi-Geschäft treffen nur in ein, zwei Vereinen richtig gut, auf ihren übrigen Stationen stagnieren sie. Du hast überall, wo du warst, Erfolg gehabt: In Kaiserslautern, Wiesbaden, Saarbrücken und zuletzt Rostock. Bist du so ein Typ, der überall zurechtkommt?

Na ja, in Kaiserslautern habe ich die Chance bekommen, Profi zu werden. Das ist für einen jungen Spieler, der auch noch aus der Gegend kommt, großartig und dafür bin ich sehr dankbar. Aber eigentlich war ich in Kaiserslautern noch zu unerfahren, vor allem in der Box noch zu unreif…

Moment mal, deine Trefferquote war auch schon beim FCK ansehnlich. Zehn Treffer und sieben Vorlagen in 50 Einsätzen in der Ersten und Zweiten Liga… 

Ach, das war nur Glück (lacht)… Ich war immer ein Typ, der über den Willen gekommen ist, dahin ging, wo es wehtut. Aber die Erfahrung, das Gefühl, wo der Ball im Strafraum hinfallen könnte und wie ich dann am besten das Tor mache, das kam erst später. In Wiesbaden habe ich auch schon ein paar Tore gemacht, aber richtig gut lief es in Saarbrücken und Rostock. Da hatte ich aber auch überragende Mitspieler, die wussten, wie man mich einsetzt. Und die sind nun mal ganz wichtig für einen Stürmer.

Du bist 2009 vom FCK weg. Gab’s da keine Alternative für dich?

Das ist in der Tat eine der wenigen Entscheidungen, die ich vielleicht hätte anders treffen können. Ich hätte mir vielleicht noch ein Jahr in Kaiserslautern geben sollen, aber ich war jung und wollte unbedingt spielen… Zuvor war ich schon ein halbes Jahr nach Wiesbaden ausgeliehen gewesen, hatte die komplette Sommervorbereitung aber wieder in Kaiserslautern mitgemacht. Dann ergab sich die Chance, ganz nach Wiesbaden zu gehen. Das lag ebenfalls nah an meiner Heimat Worms, der ehemalige Lautrer Hans-Werner Moser war dort Cheftrainer, und mit Sebastian Reinert, Fabian Schönheim, Steffen Bohl und Danko Boskovic hatte ich einige Ex-Lauterer als Mitspieler… Das war zu verlockend. Und insgesamt kann ich ja auch zufrieden sein, wie meine Karriere dann weiterlief.

Kommst du aktuell noch oft nach Hause in die Pfalz?

So oft ich kann, denn meine Kinder leben noch in Worms. Aber es sind nun mal rund sieben Stunden Fahrt von Rostock aus. Glücklicher Weise sind meine beiden Jungs mittlerweile groß genug, um zu verstehen, dass der Papa einen Beruf hat, wo er weiter weg von zuhause arbeiten muss.

Hast du auch noch Kontakte zum FCK?

Mittlerweile kenn ich da kaum noch jemanden. Mit Daniel Halfar maile ich manchmal. Zuletzt aber nur noch selten.

Und wie verfolgst du die FCK-Spiele?

Sofern es meine Termine mit Hansa Rostock zulassen, schaue ich jedes Spiel live. Kann man ja wohl auch gar nicht anders, wenn man aus der Gegend  stammt. Der 1. FC Kaiserslautern, der ist einfach unfassbar, das kann man niemanden erklären, der nicht aus der Region kommt. Zurzeit drück ich alle Daumen. Die Situation erinnert mich sehr an damals, als wir den FCK im letzten Saisonspiel vor dem Sturz in die Drittklassigkeit bewahren mussten…

Nicht nur dich. Dieses Spiel am 18. Mai 2008 gegen Köln, das wird wohl niemand vergessen, der dabei war. Als nach Josh Simpsons 1:0 der Regen einsetzte, und dann die zwei Tore von dir… Das Foto von dir, wie du nach deinem zweiten Treffer vor der West salutierst, hängt heute bei manchem FCK-Fan an der Wand. Kriegst du auch noch Gänsehaut, wenn du daran denkst?

Sogar jedes Mal, wenn ich daran denke. Die ganze Saison hatten wir hinten drin gestanden, auf den letzten Metern aber waren wir nochmal rangekommen und ausgerechnet im letzten Spiel tat sich die Chance auf, doch noch drinzubleiben. Die Stimmung im Stadion, die Art, wie wir gefightet haben… Ich weiß noch genau, wie wir eingelaufen sind und dieses Transparent in der West gesehen habe, auf dem „unzerstörbar“ stand… Den Regen nach dem 1:0 haben wir zuerst gar nicht so registriert, das ist uns erst hinterher klar geworden, dass das ja zum Mythos vom Fritz-Walter-Wetter passt, und in so einem Spiel dann auch noch zwei Tore selbst zu schießen… An dem Tag aber haben wir als Mannschaft insgesamt funktioniert, das war das Entscheidende.

Ich weiß, die Frage wirst du derzeit nicht gerne beantworten wollen, aber wenn ich sie nicht stellen, werden mich die Leser dieses Blogs verfluchen: Kannst du dir vorstellen, zum Ausklang deiner Karriere nochmal für den FCK zu spielen?

Warum soll ich das nicht gerne beantworten wollen? Ich komme aus der Region, bin beim FCK großgeworden und immer heimatverbunden geblieben. Klar kann ich mir auch vorstellen, nochmal für den FCK zu spielen. Wenn ich wieder gesund werde.

Dann mal alles Gute für Dich, Marcel. Ist nicht selbstverständlich, dass ein Profi an einem so schwierigen Punkt seiner Karriere ein Interview gibt. Dafür erst recht vielen Dank.

Kein Problem. Grüß deine Leser.

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